»Es steht geschrieben,« erwiderte Hakim, ohne sich in seinem Ernst stören zu lassen: »Mißhandle nicht das Roß, das Dich aus der Schlacht getragen! Wisse, daß solche Talismane freilich gefertigt werden können, daß sich aber selten Adepten fanden, die es wagten, sich solcher Künste zu bedienen. Wer aus Nachlässigkeit, Bequemlichkeit oder Hang zu sinnlichen Lüsten es verabsäumt, im Lauf eines Mondes wenigstens zwölf Personen zu heilen, bei dem trennt sich die Kraft der göttlichen Gabe vom Amulett. Beide, den letzten Patienten und Arzt, trifft dann die Strafe, und keiner von ihnen wird das Jahr überleben. Ich fordere jetzt ein Leben, die gesetzte Zahl voll zu machen.« – »Begib Dich ins Lager, Hakim!« rief der König. »Dort findest Du der Patienten so viel, daß Du nicht meinem Scharfrichter die Kunden zu rauben brauchst. Es ziemt sich für einen Arzt von Deinem Ansehen nicht, einem anderen ins Handwerk zu pfuschen.«
»Vergilt so der hochberühmte Fürst von Frangistan die ihm erwiesene Wohltat?« rief El Hakim, indem er nunmehr die demütige Haltung, in der er den König bisher angefleht, aufgab und statt ihrer eine stolze, hoheitsvolle annahm. »Wisse, Du stolzer König, daß ich an jenem Hofe Europas und Asiens, unter Muselmännern und Nazarenern, unter Rittern und Damen, überall, wo das Schwert geachtet und Undank verabscheut wird, Dich, Richard von England, anklagen werde des Undanks und der unedlen Gesinnung, und daß selbst die Länder, in welche nie Dein Ruf drang, Deine Schmach erfahren sollen.« – »Sollen mir die, Worte gelten, Ungläubiger?« rief Richard, grimmig auf ihn zuschreitend, »bist Du Deines Lebens müde?« – »Schlag zu!« rief El Hakim, ohne zu weichen. »Deine eigene Tat wird Dich unwürdiger machen, als meine Worte, und wenn auch jedes von ihnen den Stachel der Hornisse hätte.«
Richard schlug zornig die Arme übereinander und schritt wieder im Zelte auf und ab. »Ich wäre undankbar und unedel?« rief er. »Ebenso gut könnte ich feig und ungläubig sein sollen! – Hakim! Du hast Dir ein Geschenk gewählt; und obgleich es mir lieber gewesen wäre, Du hättest meine Kronjuwelen genannt, so kann ich doch als König Dir nichts abschlagen. Der Schotte sei Dir geschenkt. Der Profoß wird ihn Dir gegen diesen Schein ausliefern.« Er schrieb geschwind ein paar Worte und gab sie dem Arzte. »Brauche ihn als Deinen Sklaven,« fuhr er fort, »und schalte mit ihm nach Belieben. Doch in acht nehmen soll er sich, mir je wieder vor Augen zu kommen, hörst Du!« – »Möge die Zahl Eurer Tage sich vervielfältigen, gnädiger König!« sprach Hakim und entfernte sich nach einer tiefen Verbeugung aus dem Zelte. König Richard sah ihm nach, wie jemand, der sich nicht recht schicken kann in das, was vorgefallen ist.... »Ein halsstarriger Wicht, dieser Hakim!« sagte er; »und doch ein seltsamer Zufall, daß er sich im Falle des schottischen Wichtes ins Mittel legen mußte. Doch er lebe, denn so gibts einen braven Kerl mehr auf der Welt. Nun zu diesem Hackklotz von Oesterreicher! – He da! Ist Lord Gilsland draußen?«
Thomas von Baux verdunkelte mit seiner Riesenfigur den Zelteingang, während hinter ihm, ungemeldet, doch unbehindert, einem Gespenst gleich, der wild aussehende Einsiedler von Engaddi, in seinen Mantel aus Ziegenfellen gehüllt, ins Zelt hineinschlüpfte.
Thomas von Baux, von Lanercost und Gilsland,« sprach Richard Löwenherz mit lauter Stimme zu dem Barone, ohne den Einsiedler zu bemerken, »begib Dich sogleich nach dem Zelte Herzogs Leopold von Österreich. Sieh, daß Du ihn in recht buntem Gedränge von Rittern und Vasallen triffst. Wahrscheinlich ist das jetzt der Fall, denn der deutsche Bär frühstückt ja doch, ehe er die Messe hört. Tritt so ungehobelt wie möglich vor ihn hin und klage ihn öffentlich an von seiten Richards von England, daß er diese Nacht mit eigner oder fremder Hand Englands Banner von seinem Stecken gestohlen habe. Er solle, so bestimmen wir, innerhalb einer Stunde von dieser Verkündigung an, unser Banner mit allen Ehren wiederherstellen. Dabei soll er mit den vornehmsten Rittern mit unbedecktem Haupt und ohne ihre Staatskleider warten, er selbst außerdem auf der einen Seite sein eigenes Banner als dasjenige, das durch Diebstahl und Treulosigkeit entwürdigt worden ist, umgekehrt einschlagen; auf der anderen Seite aber eine Lanze mit dem blutigen Haupt desjenigen aufstellen, der ihm bei dieser gemeinen Tat seinen Rat oder seine Hilfe lieh. Sage ihm, daß, falls dieser unser Befehl pünktlich vollzogen werde, wir ihm, um unseres Gelübdes und um der Wohlfahrt des heiligen Landes willen, verzeihen wollen.«
»Aber, wenn nun der Erzherzog allen Anteil an diesem Frevel leugnet?« fragte Thomas von Vaux. – »Sage ihm,« erwiderte der König, »wir wollen es ihm ins Angesicht beweisen, und wenn er zwei seiner tapfersten Kämpfer hinter sich hätte. Ritterlich wollen wirs ihm beweisen, zu Fuß oder zu Rosse, in der Wüste oder im Felde, und er soll Zeit, Ort, Waffen, kurz alles nach eigener Wahl bestimmen.« – »Aber, mein königlicher Lehnsherr, gedenkt des Friedens mit Gott und der Kirche unter diesen Fürsten, die sich zum heiligen Kreuz verbunden haben,« antwortete der Baron von Gilsland. – »Bedenkt Ihr nur, daß ich Vollstreckung meiner Befehle erwarte, Herr Lehnsvasall!« rief Richard ungeduldig, »es hat schon ganz den Anschein, als hofften manche unsern Plan in die Luft zu blasen, wie Kinder Federn... Seht Ihr nicht, wie jeder Fürst seine besonderen Pläne zu erreichen strebt? Auch ich verfolge ein Ziel, aber ich bin hergekommen aus Ehre; kann ich sie nicht bei Sarazenen ernten, so will ich wenigstens kein Jota davon durch diesen armseligen Erzherzog verlieren, und wenn ihn jeder Fürst, der mit bei diesem Kreuzzug ist, schirmte und schützte.«
Thomas von Vaux wandte sich, wenn auch achselzuckend, um des Königs Befehle zu vollziehen. Allein in diesem Augenblick trat der Eremit vor, feierlich, wie ein höherer Gesandter als diejenigen, die von irdischen Machthabern ausgehen. Seine Kleidung aus Fellen, sein ungekämmtes Haar, sein Bart, sein hageres, verwirrtes Antlitz, und nicht zum wenigsten das an Wahnsinn erinnernde Feuer, das unter seinen buschigen Brauen blitzte, alles dies erinnerte an einen biblischen Seher. Die Achtung vor der Kirche setzte Richard Löwenherz nie aus den Augen, und wenn ihn auch der unangemeldete Eintritt des Eremiten verdroß, so zollte er ihm doch Ehrerbietung. Zugleich gab er aber Thomas von Vaux einen Wink, den ihm erteilten Auftrag unverzüglich auszurichten.
Hieran aber hinderte ihn der Einsiedler, der sich mit hochgehobenem Arm, mager vom Fasten und durch Kasteiungen, vor ihn hinstellte und rief: »Im Namen Gottes und des heiligen Vaters, des Stellvertreters der christlichen Kirche auf Erden, untersage ich diese übermütige Herausforderung zwischen christlichen Fürsten, deren Schultern das heilige Kreuz schmückt, unter welchem sie sich Brüderschaft gelobten. Wehe dem, durch den sie gebrochen wird! – Richard von England! Widerrufe den unheiligen Auftrag, den Du dem Baron von Vaux erteilt! Gefahr und Tod sind Dir nahe! Schon blinkt der Dolch an Deinem Halse!« – »Gefahr und Tod sind Richards Gespielen!« erwiderte der Monarch stolz; »und ich habe schon zu vielen Gefahren getrotzt, um einen Dolch zu fürchten.« – »Gefahr und Tod sind nahe!« erwiderte der Seher, dessen Stimme einen gespensterhaften Klang annahm; »und auf den Tod folgt das Gericht!«