»Ehrwürdiger Vater,« sprach der König, »ohne Euch das Recht der Sorge für unser Gewissen streitig zu machen, solltet Ihr, dünkt mich, Euch mit der Sorge für unsere Ehre besser nicht befassen.« – »Ich bin nur die Glocke in der Hand des Küsters,« sagte der Eremit, »die, seine Befehle kündet ... auf meinen Knien bitte ich Dich, übe Mitleid gegen die Christenheit, England, Dich selbst!« »Steh auf!« sagte Richard, »ein Knie, das sich so häufig vor Gott beugt, soll nicht einem Menschen zu Ehren den Boden berühren. Sprich, was für Gefahr droht uns, ehrwürdiger Vater?« – »Ich sah von meinem Berge das Sternenheer des Himmels, sah, wie in seinem mitternächtlichen Kreislauf ein Stern dem andern Weisheit, doch Wissen nur den wenigen, die ihre Stimme verstehen, offenbarte. Im Hause Deines Lebens, König, sitzt ein Feind, der Deinem Rufe und Deiner Wohlfahrt nachstellt.« – »Bleib mir damit vom Halse!« rief der König, »das ist heidnische Wissenschaft, – die von Christen nicht geübt wird, und an die weise Männer nicht glauben. Aber, Du faselst!«
»Ich fasele nicht, Richard. Ich bin der Blinde, der andern die Fackel trägt, obgleich sie ihm selbst nicht leuchtet. Frag nicht nach allem, was das Heil der Christenheit und dieses Kreuzzuges anlangt, und ich will mit Dir sprechen, wie der weiseste Ratgeber. Sprich dagegen mit mir von meinem eigenen elenden Dasein, und meine Worte werden dem Munde des verstoßenen Wahnsinnigen gehören, als den ich mich bekenne.« – »Es sollte mir fern liegen, die Bande der Einigkeit unter den Fürsten des Kreuzzuges zu stören,« erwiderte Richard sanfter. »Aber welche Genugtuung gewähren sie mir für die erlittene Schmach?«
»Der Fürstenrat ist willens, Eure Forderungen, soweit es möglich ist, zu erfüllen, noch ehe Ihr sie stellt,« versetzte der Eremit. »Das englische Banner soll auf St. Georgenberg wieder aufgepflanzt werden. Mit Bann und Verdammnis sollen die Verbrecher belegt werden, die sich an ihm vergangen haben, und demjenigen, der den Schuldigen nachweist, dessen Fleisch den Wölfen und Raben vorgeworfen werden soll, wird königliche Belohnung verheißen.« – »Und Oesterreich,« sagte Richard, »auf dem so starker Verdacht ruht, der Urheber zu sein?« – »Um Zwietracht unter dem Kreuzheere vorzubeugen,« entgegnete der Einsiedler, »wird Oesterreich sich selbst von dem Verdacht reinigen, indem es sich jedem Gottesurteil unterwirft, das der Patriarch von Jerusalem ihm auferlegt.« – »Durch Zweikampf?« fragte König Richard. – »Daran verhindert ihn sein Eid,« versetzte der Eremit, »zudem wird der Fürstenrat – « »Nie den Kampf wider die Sarazenen, noch gegen sonst jemand genehmigen,« unterbrach ihn Richard. »Doch genug davon, Vater, ich will den Erzherzog selbst meineidig machen, ich will auf dem Gottesurteil bestehen. Wie will ich lachen, wenn seine plumpen Finger zischen, sobald er die rotglühende Eisenkugel ergreift! oder wenn er den prahlerischen Mund öffnet und seine Kehle schwillt, indem er die geweihte Hostie zu kosten versucht!« – »Still, Richard,« sagte der Einsiedler. »Schweigt aus Scham, wenn nicht aus christlicher Liebe. Wer soll Fürsten preisen und ehren, die selbst einander schmähen und verleumden?« Er blieb einige Augenblicke sinnend stehen, die Augen auf den Boden geheftet. Dann fuhr er fort: »Aber der Himmel, der unsere unvollkommene Natur kennt, hat das blutige Ende Deines Lebens, wenn nicht abgewandt, doch hinausgeschoben. Der Würgengel stand still, das Schwert ist gezückt in seiner Hand, und in kurzem wird er den löwenherzigen Richard dem niedrigsten Bauern gleich machen.« – »Sobald schon?« rief Richard. »Doch es sei! Wenn mein Lebenslauf nur glänzend war, so mag er immerhin kurz gewesen sein!«
»Ach, edler König,« entgegnete der Einsiedler, und eine Träne, ein ungewohnter Gast, schien in seinem vertrockneten, glänzenden Auge zu schimmern. »Kurz und trübe, bezeichnet mit Erniedrigung, Not und Gefangenschaft, ist die Spanne, die Dich vom gähnenden Grabe trennt, in das Du steigen wirst ohne Nachkommen, unbeweint von einem durch endlose Kriege erschöpften Volke, dessen Bildung Du nicht vermehrt, dessen Glück Du nicht gefördert hast.« – »Doch nicht ohne Ruhm, Mönch! und nicht unbeweint von der Dame meines Herzens,« rief Richard.
»König von England,« rief der Eremit, »das Blut, das in Deinen blauen Adern siedet, ist um nichts edler als das in den meinigen fließt, denn es sind Tropfen drin vom königlichen Lusignan, vom Blute des heldenmütigen, frommen Gottfried. Ich bin, das heißt, ich war, als ich in der Welt lebte, Alberich Montemar.« – »Dessen Taten so oft die Posaunen des Ruhmes verkündeten?« rief Richard. »Kann dies sein? Konnte ein Stern, wie der Deinige, vom Horizont der Ritterschaft fallen? Und noch war man ungewiß, wo Deine Asche ruhe?« – »Suche einen gefallenen Stern,« sagte der Einsiedler, »und Du wirst nur eine träge Masse finden, die, durch den Horizont schießend, momentan einen scheinbaren Glanz annahm. Richard, wüßte ich, daß Dein stolzer Geist sich dann der Kirchenzucht unterwürfe, so würde ich den blutigen Schleier von meinem schrecklichen Schicksal hinwegziehen. So höre denn, Richard! mögen Kummer und Verzweiflung, die diesen armseligen Ueberresten eines ehemaligen Mannes nicht helfen können, als kräftiges Beispiel wirken für ein edelmütiges und doch so ungestümes Wesen, wie Dich. Ich will die lang verborgenen Wunden aufreißen, und sollten sie sich auch in Deiner Gegenwart verbluten!«
König Richard, auf den die Geschichte Alberichs von Montemar in früheren Jahren, als in den Hallen seines Vaters die Sagen der Minstrels vom heiligen Lande erklangen, tiefen Eindruck gemacht hatte, horchte ehrfurchtsvoll auf eine Lebensgeschichte, die, wenn auch dunkel und unvollkommen, doch zur Genüge den halben Wahnsinn dieses unglücklichen Menschen beleuchtete.
»Daß ich edel von Geburt, reich an Glücksgütern, bewandert in der Führung der Waffen und einsichtsvoll im Rat war,« hub er an, »darf ich wohl als bekannt voraussetzen. Allein während in Palästina die edelsten Frauen wetteiferten, meinen Helm mit Blumen zu zieren, war mein Herz einem Mädchen von niedrigem Range zugewendet. Ihr Vater, ein alter Kreuzfahrer, sah, bei dem Abstande zwischen uns, für die Ehre seiner Tochter keine andere Zuflucht als das Kloster. Ich kehrte, beladen mit Beute und Ruhm, aus fernem Lande heim und fand mein Lebensglück vernichtet. Nun trat auch ich in ein Kloster. Der Ehrgeiz trieb mich auch hier, und ich stieg auf zu hohen Würden, wurde zu meinem Unglück auch Beichtvater von Klosterschwestern, und unter ihnen fand ich die lang Geliebte, die lang Verlorene. Erspare mir das weitere Bekenntnis! Eine gefallene Nonne, deren Sünde durch Selbstmord gerächt ward, schlummert in Engaddis Grüften, und über ihrem Grabe jammert ein Mensch, dem nur so viel Verstand geblieben, sein Elend in voller Größe zu fühlen.« – »Unglücklicher!« rief Richard. »Aber wie entgingst Du dem Verdammungsurteil, das die strengen Gesetze der Kirche über Deine Sünde verhängen?«
»Richard, ich sage Dir,« rief der Eremit, »die Vorsehung hat mich erhalten, daß ich wie ein Feuer auf einem Leuchtturm brenne, dessen Asche noch in den Abgrund der Hölle geworfen werden muß. Meine armselige Gestalt beseelen noch zwei geistige Kräfte: eine tätige Kraft, die der nacheifert, die Sache der Kirche von Jerusalem zu schützen, und eine niedrige, verzweifelnde Kraft, die, zwischen Wahnsinn und Elend schwankend, über meine Sünde trauert und über die sterblichen Reste einer Heiligen wacht, ohne daß sie ausreichte, auch nur einen Blick auf dieselbe zu werfen. Beklage mich nicht! denn das wäre Sünde, aber lerne an meinem Beispiel. Du stehst am höchsten; Dein Herz ist stolz, Dein Leben wild, Deine Hand blutig. Wirf die Sünden, die Dich Töchtern gleich umgeben, von Dir! Treib diese Furien aus Deiner Brust, so da heißen: Stolz, Ueppigkeit, Blutdurst!«