»Er rast!« rief Richard, sich von dem Einsiedler zu Thomas von Baux wendend, wie jemand, den der Spott schmerzt, wenn er ihn auch nicht unterdrücken kann – dann aber richtete er das Wort wieder an den Eremiten: »Ehrwürdiger Vater, Du hast ja einem Mann, der erst wenige Monate vermählt ist, eine herrliche Töchtersippe ausgesucht. Solchem Vater ziemt es doch, für gute Partien zu sorgen. Darum sei mein Stolz den hohen Domherren der Kirche, meine Ueppigkeit den Mönchen, mein Blutdurst den Tempelrittern vermählt.«
»O, über dies Herz von Stahl Und diese Hand von Eisen!« rief der Anachoret, »o wehe dem Menschen, bei dem Beispiel und Rat fruchtlos sind! Doch noch eine Zeitlang sollst Du geschont werden, sofern Du umkehrst und tust, was Gott angenehm ist. Ich aber muß an den Ort meiner Verbannung zurück. – Kyrie Eleison!« Mit diesem mehrmals wiederholten Ausruf stürzte er aus dem Zelte.
»Ein wahnsinniger Pfaffe!« rief Richard, in dessen Gemüt die fanatischen Aeußerungen des Eremiten den Eindruck seines Unglücks verwischt hatten. »Doch lauf ihm nach, Thomas von Baux, und sorge, daß er keinen Schaden nimmt; daß kein Kreuzfahrer Spott mit ihm treibt.«
Der Ritter gehorchte, und Richard hing den Gedanken nach, die durch die wilde Prophezeiung des Mönches in ihm geweckt worden waren. »Frühzeitig sterben, ohne Nachkommenschaft, und unbeweint? Ein strenges Urteil! Gut, daß es von keinem urteilsfähigen Richter kommt! Schade, daß ich vergessen habe, ihn über den Verlust meines Banners zu befragen! Nun, Thomas von Baux, was gibts Neues von dem tollen Priester?« – »Mich dünkt,« entgegnete Thomas, der eben wieder in das Zelt eingetreten war, »er gleicht mehr Johannes dem Täufer, als er aus der Wüste kam, als einem tollen Priester! Er hat sich auf eine Kriegsmaschine gesetzt und predigt den Soldaten, wie seit Peter, dem Eremiten, keiner gepredigt hat. Das ganze Lager ist durch sein Geschrei erregt, und tausende drängen sich um ihn. Jeder der verschiedenen Nationen redet er in ihrer eignen Sprache an und sucht sie zur Beharrlichkeit in der Befreiung Palästinas zu entflammen.«
»Beim Himmel, ein edler Eremit,« rief da König Richard. »Aber was ließ sich anders von Gottfrieds Blut erwarten! Er zweifelt an seiner Seligkeit, weil er in der Jugend seiner Liebe gelebt hat. Ich will ihm vom Papst einen Ablaßbrief verschaffen, und wenn seine Schöne auch eine Aebtissin gewesen wäre.«
Da ließ sich der Erzbischof von Tyrus melden, um König Richard in den Rat der Fürsten zu bitten.
Achtzehntes Kapitel
Wenn auch der Erzbischof von Tyrus noch immer der beste Botschafter war, um Richard Löwenherz Nachrichten zu überbringen, die ihn sonst leicht in schlimmste Wut hätten setzen können, so fiel es doch selbst diesem ehrwürdigen und weitsichtigen Kirchenfürsten recht schwer, ihm begreiflich zu machen, daß er alle Hoffnung aufgeben müsse, das heilige Grab mit Waffengewalt wiederzuerobern, seit Sultan Saladin die Macht seiner hundert Stämme aufgeboten hatte und die europäischen Fürsten, an und für sich wider den Feldzug gestimmt, zu dem Entschlusse gelangt waren, denselben aufzugeben. Bestärkt wurden sie hierin durch das Beispiel Philipps von Frankreich, der zufolge der Erkrankung Richards rundweg erklärt hatte, nach Frankreich zurückzukehren, und zwar im Einverständnis mit seinem Hauptvasall, dem Grafen von Champagne. Auch Leopold von Oesterreich, eingedenk der ihm vom englischen Könige von England zugefügten Beschimpfung, hatte sich ihnen mit Freuden angeschlossen, gleich vielen anderen, die sich über Richards Hochmut ärgerten. Und so sah sich dieser, wenn er sich zum Bleiben entschloß, nur auf die zweifelhafte Hilfe Konrads von Montserrat und der Templer und Johanniter angewiesen, die zwar den Kampf gegen die Sarazenen gelobt hatten, aber jeden europäischen Fürsten, der die Eroberung Palästinas unternahm, wo sie unabhängige Reiche für sich gründen wollten, mit kleinlicher Eifersucht verfolgten.
»Ich gebe zu,« erklärte Richard mit schwermütigem Lächeln, »daß mein Temperament viel geschadet hat; aber ist es nicht hart, daß ich deshalb auf allen Ruhm vor Gott und der Ritterschaft verzichten soll? Doch das soll nicht sein! Denn, bei der Seele des Siegers! ich will das Kreuz auf die Türme von Jerusalem pflanzen, oder es soll auf Richards Grabe stehen!« – »Es ist Ruhm genug geerntet,« erwiderte der Erzbischof, »wenn Saladin, durch die Gewalt der Waffen und durch Euer Ansehen gezwungen, sich verpflichtet, das heilige Grab herzustellen, das heilige Land den Pilgern zu öffnen, Sicherheit durch starke Festungen zu gewähren und Bürgschaft für die Sicherheit der heiligen Stadt zu leisten durch Einsetzung König Richards zum Schirmvogt über Jerusalem.« – »Wie?« rief Richard mit funkelndem Auge, » – ich – ich Schirmvogt der heiligen Stadt? Kein Sieg könnte höheren Gewinn verleihen! Aber Saladin will sich Rechte vorbehalten im heiligen Lande?« – »Als verbündeter Souverän,« antwortete der Prälat, »als Richards Verwandter und Bundesgenosse – «
»Ah, mein – Verwandter?« wiederholte Richard, doch nicht erstaunt in dem Grade, als es der Prälat erwartet hatte. »Ha! – Edith Plantagenet? Hat mir davon geträumt oder ist mir schon etwas zu Ohren gekommen? Der Kopf ist mir noch schwer vom Fieber – « – »Der Einsiedler von Engaddi,« erklärte der Erzbischof, »hat sich mit unsern Angelegenheiten viel befaßt und, seit Unzufriedenheit unter den Fürsten ausgebrochen, viele Beratungen mit Christen und Heiden gepflogen, um diesen Ausgleich zu bewerkstelligen, durch den der Christenheit zum wenigsten einiger Erfolg gesichert wird.«
»Ich soll meine Base an einen Ungläubigen verheiraten?« sagte Richard, aber nicht in einem Tone, als ob ihn solches Ansinnen allzu tief verletzte ... »Hätte ich mir das wohl träumen lassen, als ich aus meiner Galeere an die syrische Küste sprang, wie ein Löwe nach seiner Beute? Aber fahre fort; ich will ruhig zuhören.«
Ebenso erfreut wie verwundert, seine Aufgabe um so viel leichter zu finden, als er gerechnet hatte, beeilte sich der Erzbischof, dergleichen Ehebündnisse zu nennen, die mit päpstlicher Lizenz zum Vorteil der Christenheit von spanischen Geschlechtern eingegangen worden waren. »Ist Saladin willens, sich taufen zu lassen?« fragte Richard. »In diesem Falle lebt kein König auf Erden, dem ich die Hand meiner Base lieber gäbe als meinem edlen Saladin – « – »Saladin hat unsere Prediger gehört,« erklärte der Bischof ausweichend; »zudem ist der Eremit von Engaddi, aus dessen Munde selten ein Wort fällt, das sich nicht bewahrheitet, überzeugt, daß ein Aufruf der Sarazenen und der anderen Heiden erfolgen wird, wozu diese Ehe gewissermaßen als Prämisse zu betrachten ist.«
»Ich weiß nicht, wie mir zu Mute ist,« sagte König Richard. »Aber es kommt mir vor, als hätten die christlichen Fürsten mit ihren nüchternen Beratungen auch meinen Geist eingeschüchtert. Es gab eine Zeit, wo ich einen Laien, der mir solches Bündnis angesonnen hätte, zu Boden geschlagen, einen Geistlichen wie einen Renegaten oder Baalspfaffen angespuckt hätte ... Jetzt aber klingt der Antrag meinem Ohr nicht fremd; denn warum sollte ich nicht Brüderschaft machen mit einem Sarazenen, der so brav, gerecht, edelmütig ist wie Saladin? Doch einen Versuch will ich noch machen, meine Waffenbrüder zusammenzuhalten, und schlägt auch dieser fehl, Herr Erzbischof, dann sprechen wir weiter von dem Antrage, den ich vorderhand weder annehme, noch verwerfe. Begeben wir uns zur Ratsversammlung – die Stunde ruft! Richard, sagst Du, sei hitzig und stolz; Du sollst sehen, wie er sich selbst erniedrigt, gleich dem kriechenden Ginster, von dem er den Beinamen hat.«