Nur im Wams und Mantel von dunkler Farbe, ohne ein Abzeichen seiner königlichen Würde, außer dem goldnen Reif auf dem Haupte, eilte er mit dem Erzbischof zum Fürstenrate, der nur auf seinen Eintritt wartete, um die Sitzung zu beginnen. In einem geräumigen Zelte, vor welchem das große Kreuz-Banner aufgepflanzt war, hatten sich die fürstlichen Teilnehmer des Kreuzzuges versammelt, und ob sie auch übereingekommen waren, ihn in den Grenzen kalten Zeremoniells zu begrüßen, so riß sie doch der Anblick seiner edlen Gestalt und seines von der eben überstandenen Krankheit noch etwas bleichen fürstlichen Antlitzes mit dem hellen, blauen Augenpaare dermaßen hin, daß sie sich sämtlich erhoben, der eifersüchtige König von Frankreich und der finstere Erzherzog von Österreich nicht ausgeschlossen, und einstimmig riefen: »Gott erhalte den König von England! Lange lebe der tapfere Richard Löwenherz!«
Mit einem Antlitz, frei und hell, wie die Sonne, zollte Richard seinen Dank und gab seiner Freude Ausdruck, endlich wieder in der Versammlung seiner königlichen Brüder und Teilnehmer am Kreuzzuge erscheinen zu können.
»Der heutige Tag ist ein großer Festtag der Kirche,« sprach er, »und es geziemt sich wohl für die Christen, zu solcher Zeit sich untereinander zu versöhnen. Edle Fürsten! Väter dieses heiligen Feldzuges! Richard ist Soldat, sein Arm ist rascher als seine Zunge – und seine Zunge gewöhnt an rauhe Sprache. Gebt aber darum nicht die edle Sache der Befreiung Palästinas auf! Setzt deshalb nicht irdischen Ruhm und ewige Seligkeit hintenan! Hat Richard gegen einen von Euch gefehlt, so wird er es durch Wort und Tat gut machen. – Edler Philipp von Frankreich, hat es mein Unstern gefügt, Euch zu beleidigen?« – »Frankreichs Majestät hat keine Aussöhnung mit England vonnöten,« erwiderte Philipp, mit königlicher Würde die dargebotene Hand Richards nehmend. »Welcher Ansicht ich mich betreffs der Weiterführung dieses Unternehmens zuneige, hängt vom Zustande meines eigenen Reiches ab, nicht aber von Eifersucht oder Abneigung gegen meinen heldenmütigen Bruder von England.«
»Oesterreich,« sagte Richard, dem Erzherzoge mit Freimütigkeit und Würde entgegengehend, während dieser wie unwillkürlich sich von seinem Sitze erhob, »Oesterreich meint, von England beleidigt zu sein, England hingegen glaubt, Ursache zur Klage über Oesterreich zu haben... Mögen sie sich gegenseitig pardonnieren, um die Einmütigkeit im Heere der Kreuzfahrer aufrecht zu erhalten .. sind wir doch jetzt Beschützer einer weit glorreicheren Fahne, als sie sich jemals für einen irdischen Fürsten entfaltet hat! Leopold möge, wenn es in seiner Macht steht, das Banner Englands wiederherstellen, und Richard wird aus Liebe zur heiligen Kirche einbekennen, daß es ihn reue, im Jähzorn Oesterreichs Banner verletzt zu haben.«
Düster und mißvergnügt, den Blick zu Boden gesenkt, stand Leopold da; der Patriarch von Jerusalem beeilte sich, das beängstigende Schweigen zu brechen, indem er erklärte, der Erzherzog von Oesterreich habe sich durch einen feierlichen Eid von dem Verdacht gereinigt, von dem auf Englands Banner unternommenen Angriff irgend welche mittel- oder unmittelbare Kenntnis zu haben.
»So haben wir dem edlen Erzherzog unrecht getan,« sprach Richard, »und reichen ihm die Hand zum Zeichen erneuter Eintracht und Freundschaft. – Doch, was ist das? Schlägt Oesterreich unsere offene Hand aus, wie vordem unsern Handschuh? Sollen wir weder seine Freunde im Frieden, noch seine Gegner im Kriege sein? Wohlan, es sei so! Wir nehmen die geringe Achtung, die er uns bezeigt, hin als Strafe für unser heißes Blut und halten die Rechnung zwischen uns hiermit für ausgeglichen.«
Mit einer Miene, in der Würde und Verachtung zum Ausdruck kam, wandte er dem Oesterreicher den Rücken .. »Edler Graf von Champagne, gefürchteter Marquis von Montserrat, tapferer Großmeister der Tempelherren, ich frage hier, gleichsam als Beichtkind im Beichtstuhl, hat einer von Euch Grund zur Beschwerde? Fordert jemand von mir Genugtuung?« – »Ich wüßte nicht, worauf wir sie gründen sollten,« versetzte Konrad von Montserrat, »als etwa darauf, daß der König von England seinen Waffenbrüdern allen Ruhm vorwegnimmt.«
»Meine Beschwerde,« nahm der Großmeister das Wort, »liegt tiefer. Es könnte vielleicht einem kriegerischen Mönch, wie mir, verdacht werden, daß er seine Stimme erhebt, wenn so viele edle weltliche Fürsten schweigen. Allein es ist für unser ganzes Heer von Wichtigkeit, daß Richard die Beschwerden, die in seiner Abwesenheit gegen ihn erhoben wurden, laut vernehme .. Richards Mut loben wir alle, aber schmerzlich empfinden wir alle, daß er bei allen Gelegenheiten den Vorrang beansprucht. Aus freiem Willen ließe sich seiner Tapferkeit, seinem Eifer, Reichtum und seiner Macht vieles einräumen; so aber würdigt er uns in den Augen unsrer Gefolgschaft herab und befleckt den Glanz unseres Ansehens. König Richard hat gefordert: es kann ihn mithin weder wundern noch kränken, wenn er von jemand, dem irdischer Glanz untersagt ist, und dem weltliches Ansehen nichts gilt, Wahrheit vernimmt.«
Richard errötete ob dieser unerschrockenen Worte des Templers; aber der Beifall, der von allen Seiten her gemurmelt wurde, bewies ihm, daß dessen Vorwürfe für gerecht erachtet wurden. Darum sprach der König mit Fassung, doch nicht ohne Bitterkeit, besonders zu Anfang: »Ist dem wirklich so? Ich hätte doch nie geglaubt, daß zufällige, unabsichtliche Kränkungen so tiefe Wurzeln schlagen könnten in Herzen von Männern, die sich verbündet haben zu solch heiliger Sache! ja, daß man um meinetwillen den geraden Pfad nach Jerusalem verlassen sollte, den unsre Schwerter eröffneten. Vergebens habe ich mir vorgeredet, meine Dienste würden alles andere ausgleichen, es würde etwas gelten, daß ich nie Beute nahm, und doch weder mein eigenes, noch meines Volkes Blut schonte ... Doch glaubt mir, Brüder, nicht Stolz, Zorn oder Ehrgeiz sollen mir Anstoß sein auf dem Wege, zu welchem die Religion uns mit der Posaune des Erzengels auffordert ... Nein! Nie sollen Schwachheiten und Fehler schuld sein, dies edle Fürstenbündnis zu trennen. Freiwillig will ich jedes Recht aufgeben, dem Kriegsheer zu befehlen. Ihr selbst mögt den Fürsten bestimmen, der Euer Anführer in diesem Feldzuge sein soll, und ich werde mich rückhaltslos Eurer Wahl unterordnen ... Seid Ihr aber dieses Krieges müde, so laßt mir zehn- bis fünfzehntausend Krieger da, unser aller Gelübde zu lösen. Und wenn Zion gewonnen ist,« hier streckte er die Hände empor, gleichsam die Kreuzfahne über Jerusalem entfaltend, »dann soll über seinen Thron nicht Richard von Plantagenet seinen Namen setzen, sondern all die hochherzigen Fürsten, die ihn mit Mitteln zur Eroberung versahen.«
Die ungekünstelte Beredsamkeit des kriegerischen Monarchen regte den gesunkenen Mut der Kreuzfahrer wieder auf; und ein Auge entflammte das andere, eine Stimme lieh der andern Mut. Alle stimmten das Kriegsgeschrei wieder an, von welchem die Predigt Peters, des Eremiten, widerhallte: »Führe uns an, ritterlicher Löwenherz! Führe uns nach Jerusalem! Heil dem, dessen Arme Gott die Kraft lieh, das Werk zu erfüllen!«
Jubelgeschrei von außen erhöhte die im Zelte entstandene Begeisterung. Im ganzen Kreuzfahrerlager hallte der Ruf nach Krieg und Sieg wider, und in wessen Herz die Flamme nicht mit gezündet hatte, der scheute sich doch, kälter zu erscheinen, als die übrigen. Zu ihnen gehörten Konrad von Montserrat und der Großmeister der Tempelherren, die mißmutig über die Ereignisse des Tages in ihre Quartiere zurückkehrten ...
»Hab ich nicht immer gesagt,« meinte der letztere, »daß Richard durch alle noch so schlau gestellten Fallen schlüpfen werde? er braucht nur zu sprechen, so bewegt sein Atem diese wankelmütigen Toren, wie ein Wirbelwind zerstreutes Stroh zusammentreibt und auseinanderfegt.« – »Wenn er zu blasen aufhört,« entgegnete Konrad, »so sinkt das Stroh wieder zu Boden.« – »Aber weißt Du nicht,« sagte der Templer, »daß Richard, wenn auch allem Anschein nach dieser neue Eroberungsplan wieder verrauchen wird, sobald die Fürsten wieder der Eingebung ihres eigenes Gehirns folgen, doch wahrscheinlich König von Jerusalem werden und den Vergleich mit dem Sultan schließen wird, den Du ihm selbst vorschlugst?« – »Du meinst also,« rief Konrad, »der stolze König von England werde sein Blut mit einem heidnischen Sultan vermischen? Ich brachte diesen Punkt ja nur in Vorschlag, um ihm den ganzen Vertrag unsympathisch zu machen. Ob er Herr über uns ist durch Uebereinkunft oder Sieg, kann uns gleich sein.« – »Deine Politik hat sich verrechnet, Marquis Konrad, und Dein Witz fängt an zu hinken. Ich mag von Deinen feingesponnenen Ränken hinfort nichts mehr wissen, sondern will mein Heil selbst versuchen. Kennst Du die Sekte, die die Sarazenen Charegiten nennen?« – »Allerdings,« erwiderte der Marquis; »es sind verzweifelte Schwärmer, die ihr Leben der Religion widmen, eine Art von Tempelherren, aber bekannt als zähe in der Durchführung ihrer Pläne.« – »Scherze nicht!« entgegnete der mürrische Mönch, »einer von ihnen hat gelobt, den Inselkönig als Hauptfeind des muselmännischen Glaubens niederzuhauen.« – »Das ist ja einmal ein Heide, der Gerechtigkeit liebt und übt,« rief Konrad. »Gebe ihm Mohammed zur Belohnung sein Paradies!« – »Ein Waffenträger unsers Ordens hat ihn gefangen genommen und zum Geständnis gebracht.« – »Nun, der Himmel möge es denen verzeihen, die ihm so in den Kram gepfuscht haben!« sagte Konrad. – »Er ist mein Gefangener,« ergänzte der Templer seine Mitteilung, »er ist mundtot, wie ich Dir nicht erst zu sagen brauche, aber Gefängnisse sind erbrochen worden – «