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»Der Geist wird weise durch Wachen,« sagte er; »aber sein Bruder, der Körper, aus gröberem Stoffe gebildet, bedarf zur Unterstützung der Ruhe. Du mußt schlafen und, damit Dein Schlummer Dich erquicke, einen Trank nehmen, dem dieses Elixir beigemischt ist.«

Aus seinem Busen nahm er ein Fläschchen aus Kristall und tröpfelte ein wenig dunkelfarbige Flüssigkeit in einen goldenen Becher. »Diese,« sagte er, »ist ein Geschenk Allahs, das, wie der Weinbecher des Nazareners, die Macht hat, den Vorhang über das schlaflose Auge zu ziehen und die Bürde der bedrängten Brust zu erleichtern. Wird es indes zu Schwelgerei angewendet, so sprengt es die Nerven, zerstört die Kräfte, schwächt den Verstand und untergräbt das Leben. – »Ich habe schon zu viele Beweise Deiner Geschicklichkeit, weiser Hakim,« entgegnete der Ritter, »als daß ich Deine Arznei von mir weisen sollte.« Hierauf trank er das mit Quellwasser vermischte Elixier, hüllte sich in seinen arabischen Mantel und streckte sich, der Vorschrift des Arztes gemäß, bequem in den Schatten, die verheißene Ruhe abzuwarten.

Anfänglich kam kein Schlaf, aber eine Reihe angenehmer, doch nicht aufregender Empfindungen. Dann folgte ein Zustand der Ruhe, fast Apathie, in welchem alles, was hinter ihm lag, schwand; dann stieg die Zukunft in rosigen Farben auf: Freiheit, Ruhm, beglückte Liebe winkten dem entehrten Ritter; allmählich wurden die Bilder dunkler wie die Farben der untergehenden Sonne, bis sie endlich ganz verschwanden. Ritter Kenneth lag zu Hakims Füßen so bewegungslos wie ein Körper, aus dem das Leben wirklich geschieden war.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der Ritter vom Leoparden erwachte aus seinem langen, tiefen Schlaf in einem Zustande, der gänzlich verschieden war von demjenigen, in welchem er sich zur Ruhe begeben hatte. Er wußte nicht, ob er nicht noch träume, oder ob sich das ganze Bild durch Zauberei verändert habe. Statt auf feuchtem Grase, lag er jetzt in einem üppigen Bett. Eine freundliche Hand hatte ihm während des Schlafs sein Wams von Gemsleder, das er unter dem Panzer trug, ausgezogen, und ihm ein Nachtgewand vom feinsten Linnen und ein seidenes Oberkleid angelegt. An Stelle der Palmenbäume der Wüste ragten jetzt die Stangen eines buntseidenen Zeltes über seinem Haupte, und ein leichter Gazevorhang breitete sich um sein Lager, dessen Aufgabe es war, ihn vor Insekten zu schützen, die ihm seit seiner Ankunft unter diesem Himmelsstriche stark zugesetzt hatten.

Er sah sich um, wie um sich zu überzeugen, ob er auch wirklich wache, ob auch, was ihm in die Augen fiel, ebenso prächtig sei, wie sein Lager. Eine Wanne aus Cedernholz, mit Silber ausgelegt, duftend von lieblichen Wohlgerüchen, lud ihn zum Bade ein. Auf dem Tischchen aus Ebenholz stand neben seinem Lager eine silberne Vase voll köstlichsten Scherbets, kalt wie Schnee, der nach dem starken Schlaftrunk köstlich durstlöschend wirkte. Das Bad nahm ihm die letzten Spuren des Rausches, in den ihn der Schlaftrunk versetzt hatte. Statt der rauhen Rittertracht, die er gern wieder angelegt hätte, lag für ihn ein türkisches Gewand aus reichem Stoffe bereit, nebst Säbel, Dolch und allem, was sich für einen Emir schickt. Er konnte zwar keinen Grund dieser Fürsorge auffinden; indessen wurde in ihm der Argwohn rege, ob man nicht durch diese Aufmerksamkeit vielleicht beabsichtige, ihn in seinem Glaubensbekenntnis wankend zu machen. Es war allgemein bekannt, daß der Sultan, bei seiner hohen Achtung für europäische Kenntnisse und Tapferkeit, grenzenlose Freigebigkeit gegen diejenigen bewies, die sich, nachdem sie in seine Gefangenschaft geraten waren, bestimmen ließen, den Turban zu nehmen. Aber fest gewillt, solchen Fallstricken zu widerstehen, schlug der Ritter das Kreuz und nahm sich vor, von allem, womit man ihn so freigebig überhäufte, den mäßigsten Gebrauch zu machen. Indes fühlte er doch noch immer eine eigentümliche Schwere und Schläfrigkeit. Seine Ruhe blieb nicht ungestört. Hakim, der Arzt, trat an den Zelteingang und erkundigte sich nach seinem Befinden. Dann fragte er, ob er eintreten dürfe.

Gewillt zu zeigen, daß er seiner Lage nicht eingedenk sei, versetzte Kenneth: »Der Herr braucht nicht erst um Erlaubnis zu bitten, wenn er das Zelt seines Sklaven betreten will.« – »Wenn ich nun aber nicht als Herr komme?« fragte noch immer zögernd El Hakim. – »So hat der Arzt freien Zutritt zu seinem Kranken,« versetzte Kenneth. – »Aber auch als Arzt komme ich nicht!« sagte Hakim, »und deshalb bitte ich noch immer um Erlaubnis, unter das Nach Deines Zeltes zu treten.« – »Wer als Freund kommt,« sagte Kenneth, »und als solcher hast Du Dich bis jetzt gegen mich gezeigt, dem steht die Wohnung des Freundes immer offen.« – »Aber gesetzt,« sagte der morgenländische Weise, in dem umständlichen Zeremoniell seiner Landsleute – »ich käme auch nicht als Freund?« – »So komm, als was Du willst!« rief der schottische Ritter ungeduldig,»Du weißt, daß ich Deinen Eintritt weder abwehren kann noch werde.«

»So komme ich,« sagte El Hakim, »als Dein alter, doch ehrlicher, aufrichtiger Feind.«

Mit diesen Worten trat er ein und war nun zwar, der Sprache nach, noch immer der arabische Arzt Adonebec El Hakim; allein Gestalt, Kleidung und Gesichtszüge zeigten Ilderim von Kurdistan, genannt Scharfhaupt. Voll Staunen betrachtete ihn Ritter Kenneth, als warte er darauf, daß die Erscheinung wie ein Gebild seiner Phantasie vor seinen Augen schwinden solle.

»Wunderts einen so bewährten Krieger, daß ein Soldat auch etwas von Heilkunde versteht?« fragte Ilderim. »Nazarener, ich sage Dir, ein tüchtiger Ritter muß sich auf sein Handwerk verstehen, das Wunden reißt, aber auch darauf, Wunden zu heilen.«

Der Christ hielt noch immer die Augen geschlossen, noch immer schwebte Hakims Bild mit seinem langen, dunklen Gewande, der hohen Tatarenmütze und den ernsten Gebärden vor seiner Phantasie. Kaum aber öffnete er die Augen, so verrieten der schöne, reich mit Edelsteinen besetzte Turban, der glänzende Schuppenpanzer, das nicht mehr von der Fülle von Haaren beschattete Antlitz den Krieger und nicht den Gelehrten.

»Kommst Du aus den Wundern noch immer nicht heraus?« fragte der Emir; »hast Du die Welt so flüchtig durcheilt, daß es Dich befremdet, die Menschen nicht immer als das zu finden, was sie scheinen? – Bist Du selbst, was Du scheinst?« – »Nein, beim heiligen Andreas,« rief der Ritter. »Im ganzen Christenlager gelte ich als Verräter, und doch kenne ich mich selbst als redlichen, wenn, auch Irrtümern unterworfenen Menschen.« – »Dafür halte auch ich Dich,« sagte Ilderim, »und da wir Salz miteinander gegessen haben, hielt ich mich für verpflichtet, Dich von Tod und Schmach zu retten. – Aber was liegst Du noch auf Deinem Bett, da die Sonne schon hoch am Himmel steht? Oder dünken die Kleider, die meine Saumtiere geliefert haben, Dir des Tragens nicht wert?«

»Des Tragens schon wert,« antwortete Kenneth, »doch nicht für mich. Gib mir den Sklaventitel, edler Ilderim, den will ich gern tragen; allein das Gewand des freien morgenländischen Kriegers mit dem Turban des Muselmanen zu tragen, das kann ich nicht über mich gewinnen.« – »Nazarener,« sagte der Emir, »Deine Nation nährt zu leicht Argwohn. Habe ich Dir nicht gesagt, Saladin mag niemand bekehren, den nicht der heilige Prophet selbst fähig macht, sich seinem Gesetz zu unterwerfen? Drum trage ohne Bedenken die Kleidung, die für Dich hergebracht worden ist; denn wolltest Du Dich in Saladins Lager in Deiner Rittertracht begeben, so könntest Du leicht Kränkungen, wenn nicht gar ernsteren Gefahren ausgesetzt sein.« – »Wenn ich mich in Saladins Lager begebe?« wiederholte der Ritter. »Bin ich denn freier Handlung fähig? Muß ich nicht gehen, wohin es Euch beliebt?« – »Du, bist und bleibst Herr Meines Willens,« erwiderte der Emir, »denn der edle Feind, mit dem ich zusammentraf, und der um ein Haar Herr meines Schwertes wurde, kann nicht mein Sklave werden.« – »Setzt Eurer Großmut die Krone auf, edler Emir,« entgegnete Ritter Kenneth, »indem Ihr Euch enthaltet, wider mein Gewissen zu sprechen; doch erlaubt mir, meinen Dank für diese echt ritterliche Güte auszusprechen, die ich nicht verdient habe.«