Infolge verschiedener Aeußerungen, die in der Unterredung des Königs mit Neville am vorhergehenden Tage gefallen waren, war der Nubier in großer Sorge, daß seine Verkleidung entdeckt worden sei, besonders da der König zu wissen schien, daß der Hund zur Entdeckung des Bannerdiebes herangezogen werden sollte, trotzdem in Richards Gegenwart von seiner Verwundung kaum die Rede gewesen war. Da aber der König ihn nach wie vor als Nubier behandelte, gelang es ihm nicht, seine Zweifel zu heben, und er hielt es für richtiger, seine Verkleidung beizubehalten.
Inzwischen stellten sich die Truppen der verschiedenen Kreuzfahrerfürsten unter ihren Heerführern, in langen Reihen am kleinen Walle auf, mit fliegenden Fahnen, blinkenden Speeren, wallenden Federbüschen: ein Heer, formiert aus verschiedenen Völkerschaften, verschiedener Farbe, verschiedener Sprache, von allerhand Waffen und Trachten, aber alle getragen von frommer Begeisterung, die bedrängte Tochter Zions aus dem Joch der Ungläubigen zu erlösen.
König Richard saß mittwegs zwischen Lager und Georgenberg zu Pferde, einen von einer Krone überragten Helm auf dem Haupte, mit kaltem, bedächtigem Blick jede Reihe musternd und den Gruß der Heerführer erwidernd. An seiner Seite stand der vermeintliche äthiopische Sklave mit dem edlen Hund an einer Leine. Verwundern konnte dies nicht weiter, denn viele Fürsten unter den Kreuzfahrern ahmten den Sarazenen nach und hielten schwarze Sklaven in ihrem Hofstaat. Ueber dem Haupte des Königs wallten die breiten Falten des britischen Banners. Im Hintergrunde, auf dem eigentlichen Gipfel der Anhöhe, in einem für den Anlaß besonders errichteten kleinen Turm befand sich die Königin Berengaria nebst den vornehmsten Hofdamen. Dorthin warf der König von Zeit zu Zeit einen Blick, der aber schnell wieder zu dem Nubier und dem Hunde zurückkehrte, wenn Heerführer vorbeizogen, die er der Entwendung des Banners für fähig hielt.
Als Philipp August von Frankreich an der Spitze seiner gallischen Ritterschaft nahte, ging er den Berg hinunter ihm entgegen, so daß sie sich mittwegs trafen und freundlich begrüßten, wie ein paar Brüder; als die Ritter und Knappen der Tempelherren in dunkler Rüstung, mit den durch Palästinas Sonne schwarzgebräunten Gesichtern, auf Rossen nahten, deren treffliche Beschaffenheit und Abrichtung selbst die besten Frankreichs und Englands weit übertraf, da warf der König einen schnellen Seitenblick; allein der Nubier stand ruhig, und sein treuer Hund ihm zu Füßen musterte mit scharfem Blick die vorbeireitenden Reihen. Der Großmeister des ritterlichen Ordens nahm seinen doppelten Charakter als Priester und Krieger wahr und vermied es, dem König als Heerführer seine Ehrfurcht zu bezeigen, indem er ihm als Priester seinen Segen erteilte.
»Der zweideutige Schurke!« sagte Richard zum Grafen Salisbury; »er fertigt mich als Pfaffe ab; aber wir wollen es hingehen lassen. Der Dienst dieser erfahrenen so übermütig gewordenen Lanzenträger soll der Christenheit nicht um kleinlicher Empfindlichkeit willen geraubt werden! Doch sieh! der Erzherzog von Oesterreich, gib acht auf sein Benehmen, und Du, Nubier, halt den Hund richtig! Beim Himmel! seine Possenreißer bringt er auch mit.«
Von seinem Spruchmeister und Hofnarren begleitet, kam Leopold herangeritten und fing, um seine Gleichgültigkeit zu zeigen, zu pfeifen an; als er aber mit mürrischer Miene vor dem englischen Banner die dekretierte Verbeugung machte, schüttelte der Spruchmeister seinen Stab und verkündete wie ein Herold: »Der Erzherzog wolle um deswillen, was er jetzt getan, nicht dafür angesehen sein, als ob er dem Range und den Vorrechten, eines souveränen Fürsten etwas vergebe,« worauf der Hofnarr zum großen Gelächter der Anwesenden mit einem helltönenden »Amen!« antwortete.
Wiederholt sah der König nach dem Nubier und dem Hunde; aber keiner von beiden rührte sich. »Ich fürchte, schwarzer Freund, unter die Zauberer gehörst Du nicht, und Deine Verdienste um unsere Person wirst du auch nicht mehren, trotz Deinem Hunde.«
Da zogen die Mannen des Marquis von Montserrat vorüber, um sie zahlreicher erscheinen zu lassen, in zwei Scharen geteilt. An der Spitze der ersten Schar, die aus Vasallen der syrischen Besitzungen bestand, ritt Enguerrand, der Bruder des Marquis, Während dieser selbst an der Spitze von zwölfhundert Stradioten, einer Art leichter Reiterei, von den Venetianern aus ihren Besitzungen in Dalmatien ausgehoben und dem Marquis anvertraut, daher kam. In überreicher Tracht, strotzend von Gold und Silber, den milchweißen Federbusch mit einer Demantschnalle auf seiner Mütze befestigt, so daß er bis zu den Wolken emporzuragen schien, auf dem edlen Rosse, das er mit kräftiger Faust in Räson hielt, näherte Marquis Konrad sich dem Könige, der ihn kaum erblickte, als er ihm ein paar Schritt weit entgegenging ... Eben wollte er das Wort an ihn richten, als Roswal mit wildem Geheul vorsprang. Der Nubier ließ die Leine locker, der Hund sprang an Konrads Rosse hinauf, packte den Marquis an der Kehle und riß ihn aus dem Sattel zu Boden. Während das Pferd durch das Lager raste, wälzte sich der Marquis mit seinem stolzen Federbusch im Sande.
»Dein Roswal hat die rechte Beute gepackt,« sagte der König zum Nubier, »ich schwör's beim heiligen Georg! Aber reiße den Hund weg, denn er erwürgt ihn noch!«
Der Aethiopier machte den Hund mühsam von Konrad los. Inzwischen drängten sich, besonders aus Konrads Gefolge und der Stradiotenschar, viele herbei, die, als sie ihren Anführer am Boden liegen sahen, wild durcheinander schrien: »Haut den Sklaven und seinen Hund in Stücke!«
Allein Richards Stimme erscholl hell über alles Geschrei: »Des Todes ist, wer sich an dem wackern Hunde vergreift! Tritt hervor, Konrad, Graf von Montserrat! Ich klage Dich der Treulosigkeit und des Verrats an!«
»Sind die Fürsten des Kreuzzuges Hasen oder Rehe in König Richards Augen geworden, daß er Jagdhunde auf sie losläßt?« fragte der Großmeister mit Grabesstimme. – »Es muß ein Zufall, ein Mißverständnis vorliegen,« sprach Philipp von Frankreich, herbeireitend. – »Eine List des bösen Feindes!« meinte der Erzbischof von Tyrus. – »Ein Kunstgriff der Sarazenen!« rief Heinrich von Champagne. »Den Hund sollte man aufhängen und den Sklaven foltern!«
»Niemand, dem sein Leben lieb ist, lege die Hand an ihn!« rief Richard; »Konrad, wenn Du es wagst, so leugne die Anklage, die dies stumme Tier in edlem Instinkt wider Dich erhoben hat, die Anklage der schmachvollen Beleidigung Englands und des ihm selbst zugefügten Unrechts.« – »Ich habe Dein Banner nie berührt,« rief Konrad schnell.
»Deine Worte verraten Dich!« entgegnete Richard. »Warum redest Du von meinem Banner, wenn Du Dich der Missetat nicht schuldig fühltest?« – »Hast Du das Kreuzfahrerheer aus diesem und keinem anderen Grunde alarmiert?« fragte Konrad: »sinnst Du einem Fürsten und Bundesgenossen ein Verbrechen an, das irgend ein Spitzbube wegen der Goldfäden an der Fahne begangen haben mag? oder willst Du einen Hund als Ankläger gegen einen Bundesgenossen gelten lassen?«
Der Lärm wurde so heftig, daß sich der König Philipp von Frankreich ins Mittel legte ... »Fürsten und Edle,« sprach er, »halten wir unsere Mannen im Zaume! führe ein jeder seine Truppen in ihre Quartiere zurück! und treffen wir uns nach Ablauf einer Stunde im Zelte des hohen Rats. Dort wollen wir über diesen neuen Fall verhandeln.« – »Ich bin es zufrieden,« sprach König Richard, »obgleich ich diesen Elenden am liebsten auf der Stelle verhört hätte. Aber Frankreichs Wille soll der unsrige sein.«