Выбрать главу

Der Fürstenrat traf zur bestimmten Stunde zusammen. Konrad von Montserrat, wie ein Fürst gekleidet, trat, von dem Erzherzog von Österreich, den Großmeistern der Tempelherren und Johannitern begleitet, in das Ratszelt. Mit dem beschimpften Staatsgewand hatte er auch die Scham und Verwirrung abgestreift, die sich bei solch unvermuteter Anklage seines Geistes bemächtigt hatten.

Auf den König von England aber machte es nicht den geringsten Eindruck, auch nicht, daß sich die drei hervorragenden Kreuzfahrer ihm, gleichsam zur Verteidigung, angeschlossen hatten. Mit seinem gewöhnlichen Wesen und in der gleichen Kleidung, in der er vom Pferde gestiegen war, trat er ein, warf einen flüchtigen, halb verächtlichen Blick um sich und beschuldigte hierauf den Marquis rundheraus, das Banner Englands gestohlen und den treuen Hund, der dasselbe bewacht, gefährlich verwundet zu haben.

Konrad erklärte keck, dem Menschen und dem Tiere zum Trotze, seine Unschuld.

»Bruder von England,« sprach Philipp, der gern die Rolle eines Vermittlers übernahm. »Wir stehen vor einer ungewöhnlichen Beschuldigung; aber Euer Glaube stützt sich bloß auf diesen Jagdhund. Ich sollte doch meinen, das Wort eines Ritters gelte mehr als ein Hundegebell.« – »Königlicher Bruder!« nahm Richard das Wort, »Ihr laßt außer acht, daß der Allmächtige den Hund mit einer Natur begabte, die jedes Betruges unfähig ist. Er vergißt weder Freund noch Feind und merkt sich genau Wohltat und Beleidigung. Ihr könnt einen Soldaten bestechen, mit dem Schwert zu töten, einen Zeugen, durch falsche Anklage ein Leben zu rauben, nie aber einen Hund bewegen, seinen Wohltäter zu zerreißen. Er ist der Freund des Menschen, ausgenommen, wenn der Mensch sich seine Feindschaft zuzieht. Putzt diesen Marquis von Montserrat mit den prunkendsten Pfauenfedern, verkleidet ihn, schminkt ihn, versteckt ihn unter Hunderten, und mein Szepter setze ich zum Pfande, daß der Jagdhund ihn herausfinden, ihm an die Kehle springen wird wie vorhin! Der Vorfall mag seltsam erscheinen, aber neu ist er nicht! In Deinem Lande, mein königlicher Bruder, wurde in einem ähnlichen Falle durch feierlichen Zweikampf zwischen Mensch und Hund der Mord entschieden, und das Verbrechen bekannt.« – »Solcher Zweikampf hat allerdings stattgefunden, mein königlicher Bruder,« sagte Philipp, »unter der Regierung eines unserer Vorfahren, dem Gott gnädig sein möge, aber da sich der Fall in der alten Zeit ereignet hat, läßt er sich nicht anwenden auf den unsrigen ... zudem war der Angeklagte ein Mann von geringem Range; seine Waffe bloß eine Keule, sein Schutz bloß ein ledernes Wams. Zu so rohen Waffen, zu solch gemeinsamem Kampfe können wir keinen Fürsten erniedrigen.« – »Das ist auch nicht meine Absicht,« versetzte Richard; »es wäre ein schlimmes Spiel, das Leben des guten Hundes gegen das eines doppelzüngigen Verräters zu wagen! – Aber da liegt unser eigener Handschuh! Wir fordern Konrad von Montserrat zum Kampfe heraus wegen der gegen ihn erhobenen Anklage. Ein König steht wohl über dem Kameraden eines Marquis.«

Konrad beeilte sich keineswegs, das von dem englischen König in die ritterliche Versammlung geschleuderte Pfand aufzuheben, und König Philipp gewann Zeit zu dem Einspruche: »Ein König ist um soviel mehr als Gegner des Marquis, als ein Hund weniger sein würde. Richard von England, solcher Zweikampf kann nicht gestattet werden. Ihr seid der Anführer unseres Feldzuges, das Schild und Schwert der Christenheit.« – »Ich protestiere gegen solche Gefährdung meines königlichen Bruders deshalb, weil sein Leben Eigentum des englischen Volkes ist. Mein Handschuh soll an Stelle des seinigen treten,« sagte der Graf von Salisbury.

»Fürsten und Edle,« nahm Konrad von Montserrat das Wort, »ich nehme König Richards Herausforderung nicht an. Er ist zu unserm Anführer gegen die Sarazenen erwählt worden, und wenn ers vor seinem Gewissen verantworten kann, einen Bundesgenossen wegen eines so nichtswürdigen Streites zum Kampf zu fordern, so kann ichs doch nicht vor dem meinigen, mich auf solchen Kampf einzulassen. Was aber seinen Bastardbruder Wilhelm von Woodstock betrifft, so will ich gegen ihn, wie gegen jeden anderen, der diese Beschuldigung auszusprechen oder zu bekräftigen wagt, meine Ehre in den Schranken verteidigen.« – »Der Marquis von Montserrat,« sprach der Erzbischof von Tyrus, »hat wie ein weiser, billig denkender Edelmann gesprochen. Mich dünkt, der Streit könnte, unbeschadet der Ehre beider Parteien, hiermit sein Ende haben.« – »Meiner Ansicht nach auch,« pflichtete Philipp von Frankreich bei, »vorausgesetzt, daß König Richard seine Anklage, als auf schwachen Füßen stehend, widerrufen wird.« – »Philipp von Frankreich,« sagte Richard Löwenherz, »meine Worte stehen mit meinen Gedanken niemals in Widerspruch! Ich habe Konrad von Montserrat als Dieb angeklagt, der bei Nacht das Sinnbild von Englands Würde von seinem Platze stahl. Ich halte ihn noch dafür und beschuldige ihn dieser Missetat, und ist erst ein Tag zum Kampf anberaumt, so zweifelt nicht, daß mir, weil Konrad mit uns selbst zu kämpfen ablehnt, ein Kämpfer fehlen werde; denn Du, Wilhelm, darfst Dein langes Schwert ohne unsere besondere Erlaubnis in diesem Streite nicht ziehen.«

»Da mich mein Rang zum Schiedsrichter in dieser höchst unglücklichen Sache Macht,« entgegnete Philipp von Frankreich, »so bestimme ich den fünften Tag von heute an, zur Entscheidung derselben mittels Kampfes nach Rittersitte, so daß Richard, König von England, durch seinen Kämpfer als Ankläger, und Konrad, Marquis von Montserrat, in eigener Person als der Angeklagte erscheine. Doch gestehe ich, daß ich keinen neutralen Grund und Boden ausfindig zu machen weiß, wo ein solcher Kampf stattfinden kann: denn hier in der Nähe des Lagers darf es nicht geschehen, weil die Krieger von beiden Seiten Partei bilden würden.« – »Es wäre gut,« sagte Richard, »zum Edelmut des königlichen Saladin unsere Zuflucht zu nehmen. Denn ist er gleich ein Heide, so habe ich doch nie einen Ritter reicher an wahrem Adel oder von solcher Treue und Aufrichtigkeit gefunden, dem wir uns so unbedingt anvertrauen können.«

»So sei es,« stimmte Philipp bei; »und so entlasse ich jetzt diesen Fürstenrat!« – »Amen! Amen!« erscholl es von allen Seiten.

Vierundzwanzigstes Kapitel

König Richard, in sein Zelt zurückgekehrt, ließ den äthiopischen Sklaven vor sich führen, der sich vor ihm niederwarf und die Augen zu Boden heftete; vielleicht zum Glück, denn er hätte den scharfen Blick, mit dem Richard ihn eine Zeitlang schweigend betrachtete, schwerlich ausgehalten.

»Du verstehst Dich auf weidmännische Kunst,« nahm der König nach einer Pause das Wort, »denn Dein Wild hast Du aufgejagt, wie wenn Du bei Tristan in der Lehre gewesen wärest! Aber es muß nun auch erlegt werden. Ich hätte ja gern meinen Spieß nach ihm geworfen; gewisse Rücksichten scheinen aber dies zu verhindern. So kehre Du in des Sultans Lager zurück und übergib ihm dies Schreiben, durch welchen wir ihn um einen neutralen Platz für dieses ritterliche Vorhaben bitten. Falls es ihm nicht zuwider wäre, so sag ihm, möchten Wir ihn selbst als Zeuge bei diesem Kampfe erscheinen sehen. Es dürfte wohl sein, daß Du dort den einen oder anderen Ritter ausfindig machst, der aus Liebe zur Wahrheit und um seiner eignen Ehre halber mit Montserrat, dem Verräter, kämpfen möchte.«

Der Nubier heftete die Äugen mit dem Ausdruck inniger Wärme auf den König, dann richtete er sie gen Himmel mit feierlicher Dankbarkeit. Dann senkte er den Kopf und nahm wieder seine demütige Miene an.

»Und nun zu einem anderen Punkte,« sagte der König hastig, »hast Du Edith Plantagenet gesehen?«

Der Stumme blickte empor, wie um zu sprechen: ja seine Lippen setzten schon zu einem Nein an, als er sich besann und den unzeitigen Versuch in einem dumpfen Gemurmel auslaufen ließ.

»Sieh mal an!« rief Richard. »Der bloße Name unserer reizenden Cousine scheint Stummen die Sprache verleihen zu können? Was für Wunder müßten da erst ihre Augen wirken! Ich will den Versuch machen, Freund Sklave. Du sollst sie sehen, diese auserlesene Schönheit unseres Hofes, und den Auftrag des fürstlichen Sultans ausrichten.«