»Horcht, Ihr Ritter, in Burgen und Hallen!« rief der König, winkte den Anwesenden, sich um den Sänger im Kreise zu gruppieren, und nahm mit allem Ernst eines sachverständigen Kunstrichters Platz. Blondel sang in normannischer Sprache eines jener ritterlichen Liebesabenteuer, die damals im Schwunge waren:
Von dem herrlichen Benevent nicht fern,
Als tief schon die Strahlen der Sonne sanken,
Erblickte man viele Ritter und Herrn
Zum Sankt-Johannis-Turnier in den Schranken.
Da kam, von einer Prinzessin gesandt,
Nach Lincolngreen ein junger Fant
Durchs Lager geeilt mit schnellen Schritten,
Und fragte nach Thomas von Kent, dem Briten.
Weit war er gewandert, weit ging noch sein Pfad,
Bis er dem schmucklosen Zelte sich naht,
Das nichts enthielt als Eisen und Stahl,
Blutarm an Geld, blieb ihm keine Wahl,
Als selbst, mit entblößten, nervigen Händen,
Des Waffenschmieds Arbeit zu vollenden.
Er hämmert den Harnisch, Johannes dem Täufer
Und seiner Dame zu Ehren, mit Eifer.
Da naht ihm ein Page: »So sagte sie« –
Und der Ritter beugte sein Haupt und Knie –
»Die hohe Prinzessin von Benevent:
Du bist ein Ritter, den niemand kennt;
Willst Du erklimmen den hohen Baum
Und überspringen den trennenden Raum,
So vollbring eine Tat, daß ein jeder muß sagen:
Nur Ehrgeiz und Rittertum konnte dies wagen.«
»Hinweg mit dem Harnisch,« sagte sie –
Und der Ritter beugt abermals Haupt und Knie –
»So schön er dich ziert! Aus meiner Hand
Empfange statt dessen ihr Nachtgewand!
Mit ihm, statt dem Panzerhemd, ohne Wanken,
Erscheine mutig und keck in den Schranken;
Wo das Blut in Strömen fließt, da erwirb
Dir Ehre im tapfern Kampf, oder stirb!«
Mit ruhigem Blick, im Herzen erfreut,
Empfängt der Ritter und küßt das Kleid.
»Heil sei der Stunde, und du gesegnet.
Durch den mir so hohe Ehre begegnet!
Zur Dame: sprich: Mit dem Kleid angetan,
Werd' ich nicht weichen dem tapfern Mann;
Ihr dank ich es, wenn Ruhm ich errang!« –
Hier endigt des Blutsgewands erster Sang.
[In der Umdichtung von Heinrich Döring]
»Du hast das Versmaß in der letzten Strophe verändert,« sagte der König. – »Allerdings,« antwortete Blondel, »ich bekam die italienischen Verse von einem alten Harfner in Cypern, und es mangelte mir an Zeit, sie in mein Gedächtnis einzuprägen; ich mußte deshalb die Lücken aus dem Stegreif ausfüllen.« – »Nun, meiner Treu,« sagte der König, »ich habe die rollenden Alexandriner gern: sie klingen mir besser zur Musik, als die kurzen Verse; aber für die Szene, wo das Gefecht vor sich gehen soll, eignen sich meiner Meinung nach die erstern besser.« – »Es soll geschehen nach Eurer Majestät Belieben,« antwortete Blondel und fing von neuem zu präludieren an. Dann setzte er den Gesang fort:
Das Fest St. Johannis sah Taten vollführen,
Sah Ehre gewinnen und Ehre verlieren;
Sah Säbel hauen und Lanzen splittern;
Hier winkte Sieg, dort ein Grab den Rittern;
Und mancher darunter focht wacker und brav:
Doch wer sie alle wohl übertraf,
Der Ritter war es, der schlau und klug
Als Panzer der Dame Nachtgewand trug.
Zwar ward ihm manch blutige Wunde geschlagen.
Doch hörte man manchen mit Ehrfurcht sagen:
»Ihn, den ein Gelübde hält gebunden,
Unritterlich wärs, ihn zu verwunden.«
Der Fürst gebeut, das Turnier zu enden;
Der Herold erscheint, und aus den Händen
Der Richter empfängt, im versammelten Kreis,
Der Ritter im Nachtgewande den Preis.
Das Fest war nahe, noch näher die Meß':
Da nahet ein Knappe sich der Prinzeß
Und reicht ein Gewand ihr, unwürdig zu schaun,
Zerstochen, zerstoßen, zerspießt und zerhaun,
Zerlumpt und zerrissen, mit Blut befleckt,
Vom Staub und vom Schaum der Rosse bedeckt.
So daß der Prinzessin Finger, ich wette,
Kein reines Fleckchen gefunden hätte.
Dies Zeichen erstattet Sir Thomas von Kent,
Mein Herr, der Prinzessin von Benevent.
Ihm gebührt die Frucht, er erklimmte den Baum
Und übersprang den trennenden Raum.
Sein Leben dran wagend, errang er den Preis,
Er fordert der Herrin Treu' als Beweis.
Sie stürzt' ihn in diese Gefahr hinab –
Sie lege das Zeugnis der Treue ihm ab.
Das Kleid, so er trug, erstattet er nun,
Die Fürstin ersuchend, es anzutun.
Mit blutigen Flecken hat's zwiefachen Wert.
Denn nimmer ward es durch Schande entehrt.« –
Die Fürstin errötet und drückt unbewußt
Das blutige Kleid an Lippen und Brust.
»Sag meinem Treuen, in kurzer Zeit
Wirds kund, ob ich schätze das blutige Kleid.«
Und als für den Adel die Stunde schlug,
Die ihn zur Kirch' und zur Messe trug,
Zog mit auch die Fürstin in Purpur und Seide,
Doch trug sie das Blutkleid, trotz allem Geschmeide;
Und als in der Halle die Tafel glänzt,
Sie knieend den Wein ihrem Vater kredenzt,
Da schimmerte, unter Juwel und Demant
Und prächtigen Stoffen das Blutgewand.
Es flüsterten Damen, es flüsterten Herrn,
Mit Winken und Kichern, von nah und von fern,
Der Fürst, der vor Zorn und vor Aerger verging,
Gab endlich der Tochter den zürnenden Wink:
»Das Blut, das vergossen ward, mag Deine Hand
Vergüten, da frei Du die Schuld bekannt.
Doch sollt ihr nun beide die Kühnheit bereu'n,
Verbannt hinfüro von Benevent sein.«
Und Thomas rief laut in der Hall', wo er stand,
Erschöpft und kraftlos, von Zorn übermannt:
»Was für die Prinzessin an Blut ich vergossen,
Frei ists, wie der Wein aus der Flasche geflossen.
Ward' Buß' und Schande durch mich ihr zu teil,