Mit reicher Beute beladen, zogen die Fischer heim. Die besten Lachse wurden für die Pächter ausgelesen, die bei dem Fange zugegen gewesen waren, die übrigen aber unter die Schäfer, Häusler und Hörigen verteilt, die sie in ihren Hütten räucherten, um sie als köstliche Zugabe zu ihrer gewöhnlichen Winterspeise, Kartoffeln mit Zwiebeln, aufzubewahren. Dinmont ließ indes Bier und Branntwein unter die Leute verteilen und ein paar Fische zum Abendessen für sie kochen. Als sie in der großen, rauchigen Küche bei dem Mahle saßen, trat Brown mit seinem Wirte herein. Alle waren guter Dinge, bei Scherz und frohem Gelächter. Brown suchte überall das finstere Gesicht des Fuchsjägers, aber der Mann war nirgends zu sehen. Endlich wagte er eine Frage. Der Schäfer, der mit dem großen Lachse sich geplagt hatte, war der Meinung, der Jäger habe die Fackel absichtlich ins Wasser fallen lassen... »Er kann's nicht leiden,« sprach er, »wenn jemand eine Sache besser macht als er.« – »Er mag sich wohl selbst schämen,« sprach ein anderer, »sonst würde er hier nicht fehlen.«
»Ist er hier aus der Gegend gebürtig?« fragte Brown.
»Nein, er ist noch nicht lange im Dorfe, aber ein guter Jäger. Ich glaube, er ist in Dumfries zu Hause.«
Brown fragte nach dem Namen des Mannes... »Gabriel,« war die Antwort; aber den Zunamen wußte niemand anzugeben, da zu jener Zeit noch häufig Leute sich zu einem andern Stamme gesellten, dessen Namen sie sich dann beilegten, Geschlechtsnamen daher weniger üblich waren, und besonders Leute aus der geringern Volksklasse sind gewöhnlich nur durch Beinamen, die von einer Beschäftigung, einem Gewerbe, oder einer persönlichen Auszeichnung entlehnt wurden, unterschieden. So hieß der mürrische Mann nur »Fuchs-Gabriel«, oder »Jäger-Gabriel«.
Brown ging darauf mit Dinmont in die Wohnstube, und der Abend wurde, wie immer, fröhlich zugebracht; doch würde die muntere Zechlust der Männer heute wohl die Grenzen überschritten haben, wenn nicht auch glücklicherweise mehrere Pächtersfrauen aus der Nachbarschaft nach Charlieshope gekommen wären, um die Freude des merkwürdigen Tages zu teilen. Als der Punschnapf so oft gefüllt wurde, daß sie besorgt sein mußten, man werde ihre holde Gegenwart gänzlich vergessen, zogen sie, von der Hausfrau geführt, mutig zu den fröhlichen Zechern herein. Der Fiedler und der Pfeifer folgten dem Zuge, und die übrigen Stunden der Nacht vergingen unter lustigen Tänzen.
Am nächsten Tage war eine Otterjagd, und tags darauf eine Dachshatz ... Hoffentlich sinkt unsrer Wanderer nicht in der Meinung des Lesers, wäre er auch ein noch so eifriger Weidmann, wenn ich ihm erzähle, daß Brown bei der letzten Gelegenheit, als der junge »Pfeffer« einen Vorderfuß verloren hatte und »Senf«, der zweite, beinahe erwürgt worden wäre, es sich von seinem Wirt als besondere Gunst ausbat, den armen Dachs, nach einer so tapfern Gegenwehr, ohne weitere Störung in seine Höhle gehen zu lassen.
Dinmont, der ein solches Gesuch, wenn es von sonst jemand gekommen wäre, mit der größten Verachtung aufgenommen hätte, begnügte sich, gegen Brown sein höchstes Erstaunen auszudrücken. »Ja, das ist seltsam von Euch!« sprach er. »Aber weil Ihr seine Partei nehmt, so soll der Teufel den Hund holen, der ihn wieder anpackt, so lang' ich lebe. Ja, wir wollen ihn sogar zeichnen und ihn »Rittmeisters Dachs« nennen. Es ist mir lieb, daß ich Euch etwas zu Gefallen tun kann. Aber – Gott sei uns gnädig! wie kann man sich um einen Dachs bekümmern!«
Eine ganze Woche hatte Brown mit ähnlichen Vergnügungen unter dem Dache seines freundlichen Wirts zugebracht, als er endlich Abschied nahm. Die Kinder, deren Liebling er geworden war, weinten in vollem Chore, als die Trennungstunde kam, und er mußte ihnen wohl zwanzigmal versprechen, daß er bald wiederkehren und ihnen dann alle Lieblingsliedchen auf seiner Flöte so lange vorspielen wollte, bis sie alles auswendig wüßten.
»Komm wieder, Rittmeister,« sprach ein kecker, kleiner Junge, »und Jenny soll Deine Frau werden.« Jenny, ungefähr elf Jahre alt, lief weg und verbarg sich hinter der Mutter.
»Rittmeister, komm wieder!« sprach ein dralles, sechsjähriges Mädchen und hielt ihren Mund zum Küssen hin, »ich will Deine Frau sein.«
Der Abschied wurde ihm schwer. Auch die gute Hausfrau bot dem scheidenden Gaste die Wange mit ehrbarer Sittsamkeit und der freundlichen Einfalt der alten Zeit ...»Es ist wenig, was unsereins tun kann,« sprach sie, »sehr wenig, doch wenn nur etwas wäre, das –«
»Liebe Frau Dinmont,« fiel Brown ein, »ich will so dreist sein, eine Bitte zu tun. Wollt Ihr so gut sein, mir einen grauen Mantel zu weben, wie Väterchen hat?«
Er hatte die Sprache und die Empfindungen der Bewohner während seines Aufenthaltes in der Gegend gelernt, und konnte wohl ahnen, wieviel Freude seine Bitte machen würde.
»Den sollt Ihr haben,« antwortete die Frau mit freudestrahlendem Auge, »oder es müßte kein Faden Wolle mehr im Lande sein, und so gut, als je einer gemacht wurde. Ich will mit dem Weber sprechen, morgen am Tage. Lebt wohl, lieber Herr! Seid selbst so glücklich, als Ihr's irgend jemand wünscht, und das mag ein guter Wunsch für manche Leute sein.«
Unser Wanderer ließ seinen treuen Begleiter, den kleinen »Wasp«, als Gast in Charlieshope zurück, da er voraussah, daß der Hund ein lästiger Gesellschafter sein werde in einer Lage, die ihm Heimlichkeit auferlegte. Der älteste Knabe übernahm es, für den Dachshund zu sorgen, und versprach – mit den Worten eines alten Liedchens – das Tier sollte
»Ein bißchen vom Brote, ein bißchen vom Bett« haben, und nie zu solchen gefährlichen Zeitvertreiben gebraucht werden, wobei »Senf« und »Pfeffer« Verstümmelungen erlitten hatten.
Dinmont, ein rüstiger Reiter, wie alle Pächter im ganzen Tale, bestand darauf, Brown müßte die Reise zu Pferde machen. Er wollte ihn bis zur nächsten Stadt in der Grafschaft Dumfries begleiten, wohin das Gepäck vorausgesandt worden war. Unterwegs fragte Brown noch einmal nach dem Fuchsjäger, der ihm immer noch im Sinne lag. Dinmont wußte wenig Auskunft zu geben, da erst während der Zeit, da er die hochländischen Jahrmärkte besucht hatte, der Mann in Dienst gekommen war ... »Es ist ein verdammter Kerl,« setzte er hinzu, »und ich möchte sagen, er hat Zigeunerblut im Leibe. Aber von den Räubern im Moor ist er keiner, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Es gibt unter dem Zigeunervolk auch nicht lauter schlechte Leute, und wenn ich das alte, lange, klapperdürre Weib einmal wiedersehe, so gebe ich ihr etwas für Tabak. Ich glaube, sie hat's doch ehrlich mit mir gemeint.«
Als der Augenblick der Trennung kam, hielt der gute Pächter lange schweigend die Hand des Gastfreundes, bis er endlich anhob: »Herr Rittmeister, die Wolle steht heuer so gut im Preise, daß ich den ganzen Zins damit habe bezahlen können, und wenn mein Mütterchen ihren neuen Rock und die Kinder ihre Kappen haben, so weiß ich mit dem übrigen Gelde nichts anzufangen. Ich möchte es gern in sichere Hände legen, denn es ist viel zu viel für Zucker und Branntwein. Nun hab' ich gehört, Ihr Herren von der Armee könnt Euch zuweilen für ein Stück Geld einen Schritt höher herauf bringen. Können Euch einmal bei so einer Gelegenheit ein paar hundert Pfund helfen, so ist mir ein Stückchen Papier von Eurer Hand so lieb, als mein Geld. Und Ihr könnt's behalten, so lang Ihr wollt, das wird mir recht lieb sein.«
Brown wußte das Zartgefühl, das unter dem Vorwande, eine Gunst zu erbitten, eine Gefälligkeit erzeigen wollte, zu würdigen; er dankte dem wackern Manne herzlich und gab ihm die Versicherung, daß er ohne Bedenken Zuflucht zu ihm nehmen werde, wenn irgend einmal die Umstände es nützlich für ihn machen sollten.
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Als Brown von dem Pächter Abschied genommen, mietete er eine Postkutsche bis Kippletringan, wo er über die Familie zu Woodbourne Erkundigungen einziehen mußte, bevor er Julien ein Zeichen seiner Nähe geben konnte. Es war ein ziemlich langer Weg. Trotz dem heftigen Schneegestöber ging es doch frisch voran, ohne daß der Fuhrmann irgend eine Bedenklichkeit verriet; als aber die Nacht angebrochen war, stiegen doch Zweifel in ihm auf, ob er auf dem rechten Wege sei. Ein mißlicher Umstand, da der Schnee immer stärker fiel und weit umher auf der endlosen weißen Fläche nirgends ein Weg zu unterscheiden war. Brown stieg aus und sah sich um, ob sich etwa ein Haus entdecken ließe, wo er sich nach dem rechten Wege erkundigen könnte. Aber umsonst; und so blieb nichts übrig, als immer weiter zu fahren. Der Weg ging durch so ausgebreitete Kulturen, daß Brown vermutete, es müsse ein Landgut in der Nähe sein. Endlich hielt der Fuhrmann still. Die Pferde wollten keinen Fuß weiter setzen, versicherte er, aber er sehe Licht zwischen den Bäumen, das aus irgend einem Hause kommen müsse ... Er stieg ab und trabte mit seinen schweren Stiefeln im hohen Schnee, bis endlich Brown ungeduldig aus dem Wagen sprang und dem Fuhrmann befahl, bei den Pferden zu bleiben, während er selbst das Haus suchen wollte, um Erkundigungen einzuziehen ...