Vielleicht geschah es aus Besorgniß eines Mißgeschicks solcher Art, daß Conachar, zu dem Handschuhmacher tretend, sagte: »Meister, geht schneller– man verfolgt uns.«
»Verfolgt uns, sagst du? wer thut es, und wie Viele?«
»Ein in seinen Mantel vermummter Mann, der uns folgt, wie unser Schatten.« »So werd' ich meinen Schritt in der Curfewstraße nicht ändern, und wenn der Beste käme, der sie je betrat.«
»Aber er trägt Waffen,« sagte Conachar.
»Wir ebenfalls, und Hände, Beine und Füße. Ei, Conachar, du fürchtest doch wohl nicht einen Mann?«
»Fürchten!« antwortete Conachar, unwillig über den Verdacht; »Ihr sollt bald sehen, wie ich mich fürchte.«
»Schon wieder aus dem rechten Wege, du närrischer Bursche – dein Gemüth kennt keinen Mittelweg, da gibt's keinen Anlaß, einen Streit anzufangen, wenn wir auch nicht davonrennen. Geh' du mit Katharina voraus und ich will deine Stelle einnehmen. Wir können so nahe an unserem Hause keiner Gefahr ausgesetzt sein.«
Der Handschuhmacher blieb demnach zurück und bemerkte allerdings einen Mann, der ihnen dicht genug folgte, um, in Betracht der Stunde und des Orts, einigen Verdacht zu rechtfertigen. Wenn sie quer über die Straße gingen, so that der Fremde auch so, und beschleunigten oder hemmten sie ihre Schritte, so unterließ er nicht, desgleichen zu thun. Dieser Umstand wäre für Glover ganz unbedeutend gewesen, wenn er sich allein befunden hätte; aber die Schönheit seiner Tochter konnte diese zum Gegenstande verbrecherischer Absichten machen, besonders in einem Lande, wo die Gesetze denen, die sich nicht selber schützen konnten, nur schwachen Schutz gewährten. Indessen langte Conachar mit seiner schönen Gefährtin an der Hausthür an, die ihnen durch eine alte Magd geöffnet wurde, und nun war der Handschuhmacher aller Sorgen ledig. Um sich jedoch, sofern es geschehen könnte, zu versichern, ob er wirklichen Grund zu Besorgnissen gehabt habe, rief er dem, dessen Bewegungen ihn unruhig gemacht hatten, mit lauter Stimme zu; der Mensch blieb stehen, wiewohl er, wie es schien, sich im Schatten zu halten suchte. »Kommt vorwärts, mein Freund, und spielt nicht Versteckens; weißt du nicht, daß sie, die gleich Gespenstern im Finstern wandeln, sich wohl für den Gruß eines hübschen Stockes eignen? Vorwärts, sag' ich, und zeig' uns deine Gestalt, Mensch!«
»Ei, das kann ich wohl, Meister Glover,« sagte eine der tiefsten Stimmen, die je auf eine Frage antworteten; »ich kann Euch meine Gestalt recht wohl zeigen, nur wünsche ich, sie könnte das Licht etwas besser vertragen.«
»Meiner Seel'!« rief Simon, »die Stimme sollt' ich kennen! – Und bist du es, in deiner leibhaften Person, Harry Gow?– Nur wahrlich, mit trocknen Lippen darfst du nimmer an dieser Thür vorbei. Wie, Mann, die Abendglocke hat noch nicht geläutet, und hätte sie auch, so wäre das kein Grund, daß Vater und Sohn sich trennen sollten. Komm herein, Mensch; Dorothea soll uns was zu essen schaffen und wir wollen eine Kanne leeren, eh' du uns verläßt. Komm herein, sag' ich; meine Tochter Katie wird sich recht freuen, dich zu sehen.«
Während dem hatte er die Person, die er so herzlich bewillkommte, in eine Art von Küche gezogen, die auch bei gewöhnlichen Gelegenheiten als Besuchszimmer diente. Die Zierde derselben waren Zinnteller, vermischt mit einem Paar Silberbechern, die, höchst sauber aufgestellt, eine Reihe von Gesimsen einnahmen, ähnlich denen eines Schenktisches, gewöhnlich »Vink« genannt. Ein gutes Feuer verbreitete, unterstützt von einer angezündeten Lampe, Licht und Freundlichkeit im Gemache, und ein angenehmer Duft von Speisen, die Dorothee bereitete, beleidigte durchaus nicht die Geruchsnerven derjenigen, deren Eßlust dadurch befriedigt werden sollte.
Ihr unbekannter Begleiter stand nun in vollem Lichte unter ihnen, und obwohl sein Ansehen weder anständig noch hübsch war, so verdienten nicht allein Gesicht und Gestalt Aufmerksamkeit, sondern schienen sie gewissermaßen sogar zu fordern. Er war fast unter mittlerer Größe, aber die Breite seiner Schultern, Länge und Kräftigkeit der Arme, und das muskulöse Ansehen des ganzen Mannes, deuteten eine ungewöhnliche Stärke an und einen Körper, dessen Kraft durch beständige Uebung erhalten war. Seine Beine waren etwas gebogen, jedoch auf eine Art, die nichts Widriges hatte und sogar mit der Stärke seiner Glieder im Einklange zu stehen schien, obwohl sie ihrem Ebenmaße in gewissem Grade Eintrag thaten. Er trug ein Koller von Büffelleder und einen Gürtel, woran ein Schwert und ein Dolch befestigt waren, gleichsam zum Schütze der Börse, die, nach der üblichen Sitte des Bürgerstandes, gleichfalls am Gürtel hing. Sein schwarzes, krauses Haar war kurz verschnitten, der Kopf rund und wohlgebildet. Seine schwarzen Augen sprachen von Muth und Entschlossenheit, aber sonst schienen seine Züge eine mit Schüchternheit gepaarte gute Laune auszudrücken, und deuteten sichtbar die Freude an, seinen alten Freunden wieder zu begegnen. Abgesehen von dem, nur augenblicklichen, schüchternen Ausdruck, war die Stirne Harry Gow's, oder Schmieds (denn so ward er ohne Unterschied genannt), hoch und edel, aber der untere Theil des Gesichts war minder glücklich gebildet. Der Mund war groß und wohlversehen mit einer Reihe fester und schöner Zähne, deren Ansehen mit der Miene persönlicher Gesundheit und muskulöser Kraft im Einklänge stand, welche der ganze Körper anzeigte. Ein kurzer, dichter Bart und Schnurrbart, der kürzlich mit einiger Sorgfalt geordnet war, vollendeten das Gemälde. Er mochte das achtundzwanzigste Jahr noch nicht überschritten haben.
Die Familie schien sehr wohl zufrieden mit dem unerwarteten Erscheinen eines alten Freundes. Simon Glover schüttelte ihm die Hand einmal über's andere, Dorothee machte ihre Komplimente, und selbst Katharina bot ihm von freien Stücken die Hand, welche Harry mit seiner kräftigen so fest hielt, als beabsichtigte er sie an die Lippen zu führen, aber nachdem er einen Augenblick gezögert, ließ er davon ab, aus Furcht, seine Freiheit möchte übel genommen werden. Nicht als ob von Seiten der kleinen Hand, welche in seiner gewaltigen lag, ein Widerstand stattgefunden hätte; aber es mischte sich mit dem Erröthen auf ihrer Wange ein Lächeln, welches die Verwirrung des artigen Herrn zu steigern schien. Ihr Vater aber rief, als er seines Freundes Bedenklichkeit sah, frei und offen:
»Auf die Lippen, Mensch, auf die Lippen! und das ist ein Anerbieten, welches ich nicht Jedem machen würde, der meine Schwelle überschreitet. Aber, beim guten St. Valentin (dessen Festtag morgen anbricht), ich bin so froh, dich in der guten Stadt Perth wiederzusehen, daß es schwer zu nennen sein möchte, was ich dir abschlagen könnte.«
Der Schmied– denn dies war, wie gesagt, das Gewerbe dieses stattlichen Handwerkers– ward dadurch ermuthigt, das schöne Mädchen bescheiden zu küssen, welches die Artigkeit mit einem zärtlichen Lächeln, wie es sich für eine Schwester gepaßt hätte, entgegennahm, indem sie zu gleicher Zeit sagte: »Laßt mich hoffen, daß ich einen reuigen, gebesserten Menschen in Perth wieder willkommen heiße.«