»Tochter,« sagte Simon, »deine Zunge spricht allzufrei. Streitigkeiten und Gefechte sind der Männer Sache und nicht der Frauen, und es ist nicht jungfräulich, daran zu denken und davon zu reden.«
»Aber wenn sie so roh in unsrer Gegenwart geübt werden,« sagte Katharina, »so ist es ein bischen hart, zu verlangen, daß wir an etwas Anderes denken sollen. Ich will Euch zugeben, mein Vater, daß dieser tapfere Bürger von Perth einer der gutherzigsten Männer ist, der innerhalb unsrer Mauern lebt – daß er lieber hundert Schritte vom Wege gehen würde, eh' er einen Wurm träte – daß er ebenso ungern eine Spinne tödten würde, als wär' er ein Verwandter König Robert's, seligen Andenkens – daß er im letzten Streite vor seinem Abschiede mit vier Fleischern kämpfte, um sie zu hindern, einen armen Hund todt zu schlagen, der sich beim Stiergefecht nicht gut gehalten hatte, und daß er kaum dem Schicksale entging, welches sein Schützling hatte. Ich will Euch auch zugeben, daß Arme nie vor'm Hause des reichen Waffenschmieds vorübergehen, ohne Speise und Almosen zu empfangen. Aber was hilft dies Alles, wenn sein Schwert ebenso viele darbende Waisen und klagende Wittwen macht, als seine Börse unterstützt?«
»Ach, Katharina, höre nur ein Wort von mir, ehe du beginnst, den Vorwürfen gegen meinen Freund freien Lauf zu lassen, die zwar scheinbar verständig klingen, während sie mit Allem, was wir um uns sehen und hören, doch in Wahrheit nicht zusammenstimmen. Was,« fuhr der Handschuhmacher fort, »pflegt unser König und unser Hof, unsere Ritter und Damen, unsere Aebte und Mönche und die Priester selbst am liebsten zu sehen? Ist es nicht das Schauspiel der Ritterlichkeit, wo sie den muthigen Thaten mannhafter Ritter beim Turnier zuschauen, den Thaten der Ehre und des Ruhms durch Waffen und Blutvergießen? Wodurch aber unterscheiden sich die Handlungen dieser edlen Ritter von demjenigen, was unser Harry Gow in seinem Kreise thut? Wer hat jemals sagen hören, daß er seine Stärke und Geschicklichkeit gemißbraucht habe, um Uebles zu thun oder Unterdrückung zu begünstigen, und wer weiß es nicht, wie oft er sich ihrer zur Unterstützung der guten Sache in unserer Stadt bediente? Solltest nicht du, vor allen andern Frauen der Stadt, dir eine Ehre daraus machen, daß ein Mann, der ein so gutes Herz und einen so kräftigen Arm besitzt, sich für deinen Verlobten erklärt hat? Auf was bilden sich denn die stolzesten Damen mehr ein, als auf die Tapferkeit ihres Liebhabers? Und hat der kühnste Ritter in Schottland ausgezeichnetere Thaten vollbracht, als mein wackerer Sohn Harry, wenn er auch von niedriger Herkunft ist? Kennt man ihn nicht im Niederland wie im Gebirg' als den besten Waffenschmied, der je ein Schwert verfertigt hat, als den besten Krieger, der je eins zog?«
»Mein theuerster Vater,« antwortete Katharina, »Eure Worte widersprechen sich selbst, wenn Ihr Eurem Kinde erlauben wollt, so zu sprechen. Danken wir Gott und den guten Heiligen, daß wir in niederem, friedlichem Stande geboren sind, der uns der Aufmerksamkeit derjenigen überhebt, welche hohe Geburt und mehr noch der Stolz durch Werke blutgieriger Grausamkeit zum Ruhme führt, welche die Großen und Mächtigen ritterliche Thaten nennen. Eure Weisheit wird zugeben, daß es unverständig von uns wäre, uns mit ihren Federn zu schmücken und ihre prächtigen Kleider zu tragen; warum wollen wir also die Laster nachahmen, denen sie sich ohne Rückhalt hingeben? Warum wollen wir uns den Stolz ihres verhärteten Herzens und ihre unmenschliche Grausamkeit zu eigen machen, welcher ein Mord nicht allein Unterhaltung gewährt, sondern auch Gegenstand eiteln Ruhmes ist? Die, deren Rang blutige Huldigungen verlangt, mögen Ehre und Genuß darin finden, aber wir, die wir nicht zu jenen gehören, können nichts Besseres thun, als die Leiden der Opfer, welche jenen fallen, beklagen. Danken wir dem Himmel, daß er uns in niedrige Lage versetzte, weil wir dadurch der Versuchung überhoben sind. Aber vergebt mir, Vater, wenn ich die Grenzen meiner Pflicht überschritt, indem ich Euern Ansichten widersprach, die Ihr, mit so vielen Andern, über diesen Gegenstand hegt.«
»Ja, du bist selbst mir zu geschwätzig, Mädchen,« sagte ihr Vater etwas mißlaunig. »Ich bin nur ein armer Handwerker, dessen bestes Wissen ist, den linken Handschuh vom rechten zu unterscheiden. Aber wenn du meine Vergebung haben willst, so sage meinem armen Harry ein tröstliches Wort. Dort sitzt er, verwirrt und außer Fassung durch die lange Predigt, die du gehalten, und er, dem ein Trompetenschall als Einladung zu einem Feste gilt, ist niedergeschlagen durch den Schall einer Kinderpfeife.«
Der Waffenschmied hatte in der That, während er die Lippen, die ihm die theuersten, seinen Charakter auf die ungünstigste Weise schildern hörte, den Kopf auf seine gekreuzten Arme, die auf dem Tische lagen, sinken lassen, in der Stellung der tiefsten Niedergeschlagenheit, die nahe an Verzweiflung grenzte. »Ich wünsche zu Gott, mein theuerster Vater,« antwortete Katharina, »daß es in meiner Macht stände, Harry zu trösten, ohne die heilige Sache der Wahrheit zu verrathen, der ich vorhin das Wort geredet. Und ich kann– ja, ich muß dies können,« fuhr sie in einem Tone fort, der in Verbindung mit der vollendeten Schönheit ihrer Züge und der Begeisterung, mit der sie sprach, für Inspiration hätte gelten können. »Die Wahrheit des Himmels,« sagte sie in einem feierlichen Tone, »ward nie einem Munde, so schwach er auch sei, anvertraut, ohne ihm das Recht zu verleihen, Gnade zu verkünden, wenn er das Urtheil bekannt macht.– Steh' auf, Harry, steh' auf, edler, guter und großmüthiger, obgleich sehr verirrter Mann – deine Fehler sind die dieses grausamen und gefühllosen Zeitalters – deine Tugenden sind ganz dein.«
Während sie so sprach, legte sie ihre Hand auf des Schmieds Arm, und diesen mit sanfter Gewalt, der er nicht zu widerstehen vermochte, unter seinem Kopfe wegziehend, zwang sie ihn, sie seine männlichen Züge und die Thränen sehen zu lassen, welche Katharinens Vorwürfe und andere Empfindungen, die sich ihm aufdrängten, hervorgerufen hatten. »Weine nicht,« sprach sie, »oder weine vielmehr,– aber weine gleich Jenen, welche Hoffnung haben. Entsage dem sündigen Stolz und Jähzorn, die dich am meisten plagen, wirf jene verfluchten Waffen von dir, deren verhängnißvoller, mörderischer Gebrauch dir eine leichte Versuchung bereitet.« »Ihr sprecht vergebens zu mir, Katharina,« erwiderte der Waffenschmied; »ich kann allerdings Mönch werden und mich von der Welt zurückziehen; aber so lang' ich in ihr lebe, muß ich mein Handwerk treiben, und so lang' ich für Andere Waffen verfertige, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, sie selbst zu gebrauchen. Ihr würdet mir nicht solche Vorwürfe machen, wüßtet Ihr, wie die Mittel, durch die ich meinen Unterhalt gewinne, von dem kriegerischen Geiste unzertrennlich sind, den Ihr mir zum Verbrechen macht, da er doch aus unvermeidlicher Nothwendigkeit hervorgeht. Während ich dem Schilde oder Panzer die erforderliche Festigkeit gebe, daß er den Hieben widerstehe, muß ich da nicht immer darauf denken, wie man diese führt, mit welcher Gewalt sie einschlagen, und wenn ich ein Schwert schmiede oder härte zum Kampfe, ist mir's da möglich, die Erinnerung an seinen Gebrauch zu vermeiden?«
»Dann, mein lieber Harry, sagte das enthusiastische Mädchen, indem sie mit ihren niedlichen Händen die starke, nervige Faust des kräftigen Waffenschmieds ergriff, die sie nicht ohne Schwierigkeit aufhob, ohne daß der Schmied ihr widerstand, sondern sie ganz gewähren ließ– »dann werft die Kunst von Euch, die eine Schlinge der Versuchung für Euch ist. Entsagt der Verfertigung von Waffen, die nur dazu dienen können, das menschliche Leben zu verkürzen, das an sich schon zu kurz ist für die Reue, oder um durch ein Gefühl der Sicherheit diejenigen zu ermuthigen, welche ohnedies die Furcht abhalten konnte, sich der Gefahr bloßzustellen. Die Kunst, Waffen zu schmieden, sei's zum Angriff, sei's zur Vertheidigung, ist gleich strafbar für einen Mann, dessen heftiger Charakter in dieser Arbeit einen Fallstrick und Gelegenheit zum Sündigen findet. Entsagt also ganz der Kunst, Waffen zu schmieden, welcher Gattung sie auch sein mögen, und verdient Euch die Vergebung des Himmels, indem Ihr Allem abschwört, was Euch zu der Sünde verführen kann, die Ihr am leichtesten begeht.«