»Es betrübt mich, Freund Harry,« sagte Simon, während er sein und seines Gastes Glas füllte, »es betrübt mich, bei meiner Seele, daß meine Tochter so übel gelaunt ist; aber es fällt auch, dünkt mich, ein Theil der Schuld auf dich. Warum kommst du mit Schwert und Dolch hierher, da du doch weißt, daß sie einfältig genug ist, den Anblick dieser Waffen nicht ertragen zu können? Erinnerst du dich nicht, daß du vor deiner Abreise nach Perth einen kleinen Streit mit ihr hattest, weil du dich nicht in die friedliche Tracht der ehrbaren Bürger kleiden willst, sondern immer bewaffnet sein mußt, wie die schurkischen Jackmans, die im Dienste des Adels stehen? Es ist wahrlich Zeit genug für einen friedsamen Bürger zu den Waffen zu greifen, wenn die Gemeindeglocke schallt, die uns in die Waffenrüstung ruft.«
»Ach, mein guter Vater, das war nicht meine Schuld; aber kaum hatt' ich meinen Klepper verlassen, als ich hierher eilte, um Euch von meiner Rückkehr zu benachrichtigen und Euch um die Erlaubniß zu bitten, wenn's Euch gefällt, für dies Jahr Mistreß Katharinens Valentin zu sein. Nachdem ich von Mrs. Dorothee erfahren, daß Ihr Beide in die Dominikanerkirche gegangen waret, so entschloß ich mich, Euch dorthin zu folgen, theils, um mit Euch die Messe zu hören, und dann auch, möge mir's unsere liebe Frau und St. Valentin vergeben, um sie zu sehen, die so selten an mich denkt. Als Ihr in die Kirche ginget, sah ich drei Männer, die mir verdächtig schienen, während sie Euch und Katharina in's Auge faßten und sich mit einander beriethen; namentlich erkannte ich Sir John Ramorny trotz seiner Verkleidung recht gut, ungeachtet er ein sammetnes Band über dem einen Auge hatte und einen Mantel trug, wie ihn gewöhnlich die Diener haben. So dacht' ich, weil Ihr alt seid, Vater Simon, und der Lehrbursche mir etwas zu jung vorkam, um sich gut zu schlagen, ich würde wohl daran thun, Euch beim Nachhausegehen in der Stille zu folgen, weil ich nicht zweifelte, mit den Waffen, die ich trug, leicht einen Jeden, der Euch anzugreifen wagte, zurechtweisen zu können. Ihr habt, wie Ihr wißt, selber mich erkannt, und mich, ich mochte wollen oder nicht, eintreten heißen; sonst, das kann ich Euch versichern, wär' ich nicht vor Eurer Tochter erschienen, ohne vorher das Wams anzulegen, das ich mir in Berwick nach der neuesten Mode habe machen lassen, und hätte die Waffen, die sie nicht leiden kann, ihr nicht vor die Augen gebracht. Und gleichwohl, die Wahrheit zu sagen, haben so viele Leute, aus der oder jener Ursache, einen tödtlichen Haß auf mich geworfen, daß ich so gut als irgend ein Schotte nöthig habe, bei Nacht bewaffnet auszugehen.«
»Das närrische Mädchen denkt daran nie,« sagte Simon Glover; »sie hat nicht so viel Verstand, zu erwägen, daß in unserm lieben Schottland Jeder das Recht und die Freiheit zu haben glaubt, sich selber Gerechtigkeit zu verschaffen. Aber Harry, mein Sohn, du thust Unrecht, daß du dir ihre Worte so zu Herzen nimmst. Ich habe dich kühn genug vor andern Mädchen gesehen – warum so still und wortkarg bei ihr?«
»Weil sie verschieden von andern Mädchen ist, Vater Glover – weil sie nicht nur schöner, sondern auch klüger, höher, heiliger ist, und mir aus besserm Stoff gemacht zu sein scheint, als wir, die wir uns ihr nähern. Unter andern Mädchen kann ich den Kopf hoch tragen, wenn wir um den Maibaum tanzen; aber in Katharinens Nähe erscheine ich mir nur als ein gemeines, wildes Wesen, kaum werth, die Augen zu ihr zu erheben, und noch weniger, den Lehren, die sie mir gibt, zu widersprechen.«
»Ihr seid ein unkluger Kaufmann, Harry Schmied,« erwiderte Simon, »und schätzt die Waaren zu hoch, die Ihr einkaufen wollt. Katharina ist ein gutes Mädchen und meine Tochter; aber wenn Ihr durch Eure Schüchternheit und Schmeichelei einen eingebildeten Affen aus ihr macht, so werdet weder Ihr noch ich unsere Wünsche erfüllt sehen.«
»Ich fürchte es oft, mein guter Vater,« sagte der Schmied; »denn ich fühle, wie wenig ich Katharina verdiene.«
»Ei was fühlen!« sagte der Handschuhmacher; »fühle für mich, Freund Schmied, für Katharina und für mich. Denke, wie das arme Kind vom Morgen bis zum Abend belagert wird, und von welchen Leuten, selbst wenn Thüren und Fenster geschlossen sind. Wir wurden heute von Einem bestürmt, der zu mächtig ist, als daß ich ihn nennen möchte – ja, und er hat seine üble Laune nicht zu bergen gesucht, als ich nicht dulden wollte, daß er in der Kirche während des Hochamts meiner Tochter Schmeicheleien vorschwatzte. Und so gibt's noch Viele, die sich ebenso ungeziemend benehmen. Daher hab' ich oft den Wunsch, Katharina möchte minder hübsch sein, daß sie diese gefährliche Bewunderung nicht erregte, oder etwas minder fromm, daß sie sich entschließen könnte, die ehrbare, zufriedene Hausfrau des wackern Harry Schmied zu werden, der sie gegen jede Unbilde der Ritterschaft des Hofes von Schottland schützen könnte.«
»Und wenn ich's nicht thäte,« sagte Harry, eine Hand und einen Arm ausstreckend, deren Knochen und Muskeln einem Riesen anzugehören schienen, »so will ich nie mehr einen Hammer auf den Ambos fallen lassen. Ja, und wenn es dahin käme, so würde meine schöne Katharina einsehen, daß es nichts so gar Schlimmes ist, wenn ein Mann sich ein Bischen vertheidigen kann. Aber sie meint, glaub' ich, die Welt sei ein großer Dom, und Alle, die darin leben, müßten sich betragen, als wären sie bei einer ewigen Messe.«
»Ja, in Wahrheit,« sagte der Vater, »sie übt einen seltsamen Einfluß auf diejenigen, die ihr nahen; – der hochländische Bursche, Conachar, der mir nun seit einigen Jahren zu schaffen macht, hat, wie du weißt, ganz die Art seiner Landsleute, und doch gehorcht er Katharinen auf das geringste Zeichen, und sie ist wirklich fast die Einzige im Hause, die ihn regieren kann. Sie gibt sich viel Mühe, ihn seine rauhen Hochlandsgewohnheiten ablegen zu lassen.«
Hier ward Harry Schmied unruhig auf seinem Stuhle, er erhob die Flasche, stellte sie wieder hin und rief endlich: »Der Teufel hole den jungen Hochländerhund und seine ganze Sippschaft! Was braucht Katharina einen solchen Burschen zu unterweisen! Es wird ihr mit ihm gehen, wie mit dem jungen Wolf, den ich thörichter Weise als einen jungen Hund aufziehen wollte. Jedermann hielt ihn für zahm; aber in einem unglücklichen Augenblicke, da ich auf dem Berge Moncrieff mit ihm spazieren ging, warf er sich auf die Heerde des Laird und richtete unter dieser eine Verheerung an, die mir theuer zu stehen gekommen wäre, wenn der Laird nicht gerade eine Rüstung nöthig gehabt hätte. Daher wundert es mich, daß Ihr, Vater Glover, der Ihr doch ein Mann von Einsicht seid, diesen hochländischen Burschen – der seine Mucken hat, verlaßt Euch d'rauf – so nah' bei Katharina laßt, als wenn außer Eurer Tochter Niemand seine Schulmeisterin machen könnte.«
»Pfui, mein Sohn, pfui, – Ihr seid jetzt eifersüchtig,« sagte Simon, »auf einen armen jungen Burschen, der sich, um Euch die Wahrheit zu sagen, hier nur aufhält, weil er auf der andern Seite des Gebirges nicht so gut leben kann.«
»Ja, ja, Vater Simon,« entgegnete der Schmied, der all' die beschränkten Ansichten des Bürgers jener Zeit hatte, »fürchtete ich nicht, Euch zu beleidigen, so würde ich sagen, daß Ihr Euch mit jenem Volke draußen gar viel zu schaffen macht.«
»Ich muß meine Rehhäute, Bockshäute, Elennshäute u. s. w. irgendwoher haben, mein guter Harry, und mit den Hochländern handelt sich's gut.«
»Sie können gut mit sich handeln lassen,« erwiderte Harry trocken; »denn sie verkaufen blos gestohlene Waare.«
»Nun gut – sei das, wie es wolle; es geht mich nichts an, woher sie das Thier haben, wenn ich nur die Häute bekomme. Aber, wie gesagt, gewisse Rücksichten nöthigen mich, den Vater des jungen Burschen zu verbinden, indem ich ihn im Hause behalte. Er ist auch nur ein halber Hochländer und hat gar nicht ihre ungeschlachte Art so ganz und gar; – überhaupt hab' ich ihn selten so heftig gesehen, wie er sich heute zeigte.«