»Räumt den Weg, Räuber,« sagte der Waffenschmied mit der tiefen Stimme, welche der Breite seiner Brust entsprach.
Sie antworteten nicht, zum wenigsten nicht verständlich, aber er konnte sehen, daß sie ihre Schwerter zogen, in der Absicht ihm Gewalt entgegenzusetzen. Etwas Schlimmes vermuthend, ohne die Art desselben recht zu ahnen, entschloß sich Harry sofort, sich auf jeden Fall Bahn zu brechen und seine Geliebte zu vertheidigen, oder wenigstens zu ihren Füßen zu sterben. Er schlang seinen Mantel als Schild um seinen linken Arm und trat rasch und fest auf die beiden Männer zu. Der nächststehende führte einen Hieb gegen ihn, aber Heinrich, den Schlag mit dem Mantel parirend, schlug dem Menschen in's Gesicht und wußte ihn zu gleicher Zeit auf der Straße niederzuwerfen; fast im nämlichen Augenblick streckte er den Burschen, der ihm zur Rechten stand, mit einem Hieb seines Jagdmessers nieder, so daß er zu seinem Gefährten zu liegen kam. Inzwischen eilte der Waffenschmied unruhig vorwärts, wozu er guten Grund hatte, da die Straße von Fremden bewacht oder vertheidigt war, die sich solche Gewaltthaten erlaubten. Er hörte ein leises Flüstern am Hause des Handschuhmachers und gerade unter dem nämlichen Fenster, wo er gehofft hatte, Katharina zu erblicken und sich das Recht, ihr Valentin zu werden, zu erwerben. Er hielt sich auf der andern Seite der Straße, um die Anzahl und die Absichten derer, die sich hier befanden, zu erforschen. Aber einer von ihnen, die unter dem Fenster waren, hatte ihn gesehen oder gehört, lief, weil er ihn vermuthlich für eine der beiden Wachen hielt, über die Straße auf ihn zu und sagte mit halbunterdrückter Stimme: »Was bedeutet jener Lärm, Kenneth? Warum gabt Ihr nicht das Zeichen?«
»Schurke,« sagte Harry, »Ihr seid entdeckt und sollt mit dem Leben bezahlen!«
So sagend, führte er einen Hieb mit seiner Waffe gegen den Fremden, wodurch seine Drohung sich erfüllt haben würde, wenn der Mann nicht mit dem Arme den Hieb aufgefangen hätte, der seinem Haupte galt. Die Wunde mußte bedeutend sein, denn er wankte und fiel mit einem tiefen Seufzer. Ohne sich weiter um ihn zu kümmern, sprang Harry Schmied jetzt auf eine Schaar von Männern los, die, wie sich zeigte, damit beschäftigt waren, eine Leiter an das Fenster oben zu lehnen. Harry hielt sich nicht auf, sie zu zählen, bevor er an's Werk ging. Er erhob den Lärmruf der Stadt und gab das Zeichen, worauf sich die Bürger zu versammeln pflegen; damit warf er sich auf die Nachtschwärmer, deren einer bereits die Leiter erstieg. Der Schmied ergriff diese unten, warf sie auf das Pflaster, und indem er seinen Fuß auf den Körper des gestürzten Mannes setzte, hinderte er diesen aufzustehen. Die Genossen desselben griffen Harry heftig an, um ihren Gefährten zu befreien; aber sein Panzerhemd leistete ihm trefflichen Dienst, und reichlich gab er ihre Streiche zurück unter dem Rufe: »Helft, helft, es gilt St. Johnston! – Bogen und Klingen, brave Bürger! Man bricht in unsere Häuser im Schatten der Nacht!«
Diese Worte, welche weit durch die Straßen hallten, waren von eben so vielen heftigen Hieben begleitet, die mit gutem Erfolg unter diejenigen ausgetheilt wurden, welche den Waffenschmied angriffen. Inzwischen begannen die Bürger aufzustehen und erschienen auf der Straße im Hemd, aber mit Schwertern und Schilden, einige auch mit Fackeln. Nun versuchten die Unbekannten zu entkommen, und dies gelang ihnen auch, bis auf denjenigen, der mit der Leiter umgeworfen worden war. Der muthige Waffenschmied hatte ihn in dem Augenblicke, wo er sich wieder aufrichtete, an der Kehle gefaßt und hielt ihn so fest, wie der Windhund den Hasen. Die andern Verwundeten waren von ihren Kameraden fortgetragen worden.
»Hier ist ein Stück von Schurken, wie sie den Frieden der Stadt brechen,« sagte Harry zu den Nachbarn, die sich zu versammeln begannen; »eilt den Schuften nach. Sie können nicht alle davonkommen, denn ich habe einige von ihnen gezeichnet; das Blut wird euch auf ihre Spur führen.«
»Einige hochländische Räuber,« sagten die Bürger – »auf und ihnen nach, Nachbarn!«
»Ja, ja, nach! laßt mich den Burschen hier handhaben!« fuhr der Waffenschmied fort.
Die Andern zerstreuten sich nach verschiedenen Richtungen, während ihre Fackeln leuchteten und ihr Geschrei durch den ganzen umliegenden Bezirk widerhallte.
Unterdessen bat des Waffenschmieds Gefangener um Freiheit, indem er Versprechungen und Drohungen anwendete. »Wenn du ein Edelmann bist,« sagte er, »laß mich gehen, und was geschehen ist, soll vergeben sein.« »Ich bin kein Edelmann,« sagte Harry – »ich bin Harry vom Wynd, ein Bürger von Perth; und ich habe nichts gethan, was Vergebung bedarf.«
»Schurke, du weißt nicht, was du gethan hast! Aber laß mich gehen, und ich will deine Mütze mit Goldstücken füllen.«
»Ich will deine Mütze gleich mit einem gespaltenen Kopfe füllen,« sagte der Waffenschmied, »wenn du nicht als Gefangener ordentlich still hältst.«
»Was gibt's da, mein Sohn Harry?« sagte Simon, der jetzt am Fenster erschien. – »Ich höre deine Stimme in einem andern Tone, als ich erwartete. – Was soll all' dieser Lärm; und warum versammeln sich die Nachbarn allesammt?«
»Es hat eine Schaar Schufte Euer Fenster ersteigen wollen, Vater Simon; aber ich werde wohl bei einem von ihnen Gevatter stehen, den ich hier halte, fest, wie eine Zange das Eisen.«
»Hört mich, Simon Glover,« sagte der Gefangene; »laßt mich nur ein Wort mit Euch insgeheim sprechen, und befreit mich aus der Haft dieses eisenhändigen, bleitöpfigen Tölpels, so will ich Euch zeigen, daß man Euch und den Eurigen kein Leid thun wollte; und ferner will ich Euch sagen, was Euch von großem Vortheil sein wird.«
»Ich sollte diese Stimme kennen,« sagte Simon Glover, der jetzt mit einer Blendlaterne an die Thür kam. »Sohn Schmied, laß diesen jungen Mann mit mir reden. Er ist nicht gefährlich, verlass' dich daraus. Bleib' nur einen Augenblick, wo du bist, und laß Niemand in's Haus treten, weder zum Angriff noch zum Schutz. Ich stehe dafür, daß der Herr nur einen St. Valentinsscherz im Sinne hatte.«
So sprechend zog der alte Mann den Gefangenen hinein und schloß die Thür, Harry ein wenig überrascht über das unerwartete Licht lassend, worin sein Schwiegervater die Sache erblickte. »Ein Scherz!« sagte er; »das wär' mir ein wunderlicher Scherz geworden, wenn sie in's Schlafzimmer seiner Tochter gekommen wären! Und geglückt war's ihnen, wäre die freundliche Stimme nicht gewesen, die mich hinterm Kapellenpfeiler hervor gewarnt hat. Diese Stimme, wofern es nicht die der gepriesenen St. Anna war – und wer bin ich, daß sie mich würdigte zu mir zu sprechen? – durfte sich dort ohne ihre Zustimmung nicht hören lassen, und ich gelobe ihr eine Wachskerze, so lang wie mein Jagdmesser. Ja, daß ich mein großes Schwert nicht bei mir hatte! Diese Jagdmesser sind zwar fein und zierlich, aber sie gehören eher in die Hand eines Knaben, als in die des Mannes. O, mein alter zweihändiger Trojaner, wärst du in meinen Händen gewesen, statt zu Häupten meines Bettes zu hängen, die Beine dieser Schufte hätten nicht so rasch laufen sollen! Aber ich sehe Fackeln und bloße Klingen. Heda! halt! Seid ihr für St. Johnston? – Wenn Freunde der guten Stadt, seid ihr willkommen.«
»Wir waren nur Jäger ohne Beute,« sagten die Städter. »Wir folgten den Spuren des Blutes nach dem Begräbnißplatz der Dominikaner, und haben zwischen den Gräbern zwei von den Schuften gesehen, die einen dritten trugen, der vermuthlich von Euch einige Merkmale bekommen hatte, Harry; aber sie haben das Thor erreicht, eh' wir an sie kommen konnten. Sie zogen die Klosterglocke, – das Thor öffnete sich und weg waren sie. So sind sie in Sicherheit, und wir können wieder in unsere kalten Betten und uns wärmen.«
»Ja,« sagte einer von der Schaar, »die guten Dominikaner haben immer einen Bruder, der wacht, damit er das Thor jeder armen bedrängten Seele, die Schutz in der Kirche sucht, öffnen kann.«
»Ja, wenn die arme gejagte Seele gut dafür bezahlen kann,« sagte ein Anderer; »aber wahrlich, ist er arm am Beutel, wie am Geiste, so kann er außen stehen bleiben, bis die Hunde zu ihm herankommen.«