Während Simon Glover sprach, zog er mit sanfter Gewalt die Hände herab, die der Tochter Gesicht verdeckten. Sie erröthete allerdings tief, aber es lag mehr als Mädchenscham in ihrem Gesicht und ihre Augen füllten sich schnell mit Thränen.
»Wie! weinen, Kind?« fuhr der Vater fort, – nein, wahrlich, das ist mehr als vonnöthen; – Harry, hilf mir diesen kleinen Narren trösten.«
Katharina gab sich Mühe, sich zu sammeln und zu lächeln, aber das Lächeln hatte einen melancholischen und ernsten Ausdruck.
»Ich wollte nur sagen, Vater,« sagte das schöne Mädchen von Perth, indem sie sich wie vorher anstrengte, »daß ich, indem ich Harry Gow zu meinem Valentin wählte und ihm die Vorrechte und den Gruß am Morgen gab, gemäß hergebrachter Sitte, ihm nur meine Dankbarkeit bezeigen wollte für seinen mannhaften und treulichen Dienst, und Euch meinen Gehorsam. – Aber verleit' ihn nicht zu dem Glauben – und o! theuerster Vater, unterhalte nicht selbst eine Idee, daß ich mehr im Sinn hatte, als was das Versprechen, seine treue und geneigte Valentine das Jahr hindurch zu sein, von mir fordert.«
»Ja – ja – ja – wir verstehen das Alles,« sagte Simon in dem besänftigenden Tone, mit welchem die Amme ein Kind beruhigt – »wir verstehen, was das bedeutet; genug für ein Mal; genug für einmal. Du sollst nicht erschreckt und übereilt werden. – Liebende, treue und aufrichtige Valentine seid Ihr, und alles Uebrige wird der Himmel und die Gelegenheit fügen. Nun, ich bitte dich, laß jetzt gut sein – ringe deine zarten Hände nicht, und fürchte jetzt keine weiteren Angriffe. Du hast wacker, vortrefflich gehandelt – und nun geh' hinaus zu Dorothee und rufe das faule Weib herbei; wir brauchen ein tüchtiges Frühstück nach einer Nacht voll Unruhe und einem freudigen Morgen; und deine Hand wird vonnöthen sein, für uns jene köstlichen Kuchen zu bereiten, die Niemand außer dir machen kann; und du darfst wohl ein Geheimniß daraus machen, in Betracht ihrer, die es dich lehrte. – Ach! Friede der Seele deiner theuersten Mutter,« fügte er mit einem Seufzer hinzu; »wie froh würde sie gewesen sein, hätte sie diesen glücklichen St. Valentinsmorgen sehen können!«
Katharina ergriff die Gelegenheit, zu entkommen, welche ihr so gegeben ward, und schlüpfte aus dem Gemach. Harry kam es vor, als wäre die Sonne am Himmel zu Mittag verschwunden und als umlagere plötzlich Nacht den Erdkreis. Die Hoffnungen, die er, ermuthigt durch das vorhin Geschehene, gefaßt hatte, fingen bereits an zu sinken, wenn er an die plötzliche Veränderung in Katharinens Benehmen dachte, an ihre soeben vergossenen Thränen, an die sichtbare Angst, die ihre Züge verriethen und an die Besorgniß, mit welcher sie so bestimmt, als das Zartgefühl gestattete, erklärt hatte, daß die Schritte, die sie gethan, nur die Absicht gehabt hätten, der Sitte des Festes gehörig zu genügen. Der Vater bemerkte seine niedergeschlagene Miene etwas verwundert und mißvergnügt.
»Im Namen des guten St. Johannes, was hat Euch befallen, daß Ihr ein Gesicht macht, so mürrisch wie eine Eule, da ein Bursche von deinem Geist, der das arme Mädchen wirklich so lieb hat, wie du vorgibst, lebendig sein sollte, wie eine Lerche?«
»Ach, Vater!« erwiderte der niedergeschlagene Liebhaber, »es steht etwas auf ihrer Stirn geschrieben, was mir sagt, sie liebe mich wohl genug, um meine Valentine zu sein, vorzüglich da Ihr es wünscht – aber nicht genug, um mein Weib zu werden.«
»Ei, daß dich die Pest, du kalter Bursche, der kein Herz hat,« antwortete der Vater. »Ich kann eines Weibes Stirn so gut und besser als du lesen, und ich sehe von diesen Dingen nichts auf der ihrigen. Was, zum Henker, Mensch! du lagst wie ein Lord im Lehnstuhl, in so tiefem Schlafe, wie ein Richter, während du als ein feuriger Liebhaber munter nach Osten gespäht hättest, um den ersten Sonnenstrahl zu erwarten. Aber dort lagst du jedenfalls schnarchend, und dachtest weder an sie noch sonst Etwas; und das arme Mädchen steht mit Tagesanbruch auf, damit ihr Niemand den kostbaren, wachsamen Valentin wegschnappen möchte, und sie weckt dich mit einem Kusse, der, so wahr mir St. Macgrider helfe, einem Ambos Leben eingehaucht hätte; aber du erwachst, um zu ächzen, zu klagen, zu seufzen, als ob sie ein glühend Eisen quer über deine Lippen gezogen hätte! Ich wünschte bei St. John, sie hätte die alte Dorothee statt ihrer geschickt und dich zum Valentin dieses Bündels dürrer Gebeine verpflichtet, das keinen Zahn im Munde hat. Sie wäre die beste Valentine von ganz Perth für einen so feigen Kampfhahn von Liebhaber gewesen.«
»Was den feigen Kampfhahn betrifft,« antwortete der Schmied, »so gibts wohl zwanzig gute Hähne, deren Kämme ich rupfte und die dir sagen können, ob ich mich besiegen ließ oder nicht. Aber der Himmel weiß, daß ich mein Stück Feld, was ich als Bürger besitze, meine Esse, Blasbalg, Ambos und Alles, was ich habe, darum gäbe, könnt' ich diese Sache so betrachten wie Ihr. Aber ich rede nicht von ihrer Scham und ihrem Erröthen, sondern von der Blässe, die so schnell von ihren Wangen die Farbe vertrieb, und von den Thränen, die ihr in's Auge traten. Es war wie der Aprilschauer, der heranschleicht und den schönsten Morgen verdunkelt, der je über'm Tay aufging.«
»Ei über die Possen,« erwiderte der Handschuhmacher; »weder Rom noch Perth wurden in einem Tage gebaut. Du hast tausend Mal Lachse gefischt und könntest klug geworden sein. Wenn der Fisch die Fliege ergriffen hat, so würde ein heftiger Zug der Schnur diese zerreißen und wäre sie aus Eisendraht; mäßige deine Hand, Mensch, laß den Fisch empor kommen; nimm dir Zeit und in einer halben Stunde wirst du ihn auf's Ufer legen. – Ein Anfang ist gemacht, so schön als du wünschen könntest, wenn du nicht erwartest, daß das arme Mädchen an dein Bett komme, wie sie an deinen Stuhl kam; und das ist nicht die Weise sittsamer Mädchen. Aber gib Acht, nachdem wir gefrühstückt haben, will ich dir Gelegenheit verschaffen, dein Herz auszusprechen; aber hüte dich, zu linkisch zu sein, oder sie zu sehr zu drängen. – Treib' sie in die Enge, aber laß ihr auch nicht zu viel Spielraum, und ich setze mein Leben für den guten Erfolg ein.«
»Was ich auch thun kann, Vater,« antwortete Harry, »Ihr werdet stets den Tadel auf mich wälzen; entweder laß ich die Schnur zu schlaff, oder spanne sie zu heftig. Ich wollte das beste Panzerhemd d'rum geben, das ich je schmiedete, wenn die Schwierigkeit wirklich nur auf meiner Seite wäre; denn dann wäre um so mehr Hoffnung, sie zu beseitigen. Ich gestehe aber, daß ich nur ein Gimpel bin, wenn es gilt, eine Unterhaltung, wie in diesem Falle, einzuleiten.«
»Komm mit mir in meine Werkstätte, mein Sohn, und ich will dich mit einem passenden Thema versorgen. Du weißt, daß das Mädchen, welches einen schlafenden Mann zu küssen wagt, ein Paar Handschuhe von ihm erhält. Komm zu meiner Werkstätte; du sollst ein Paar köstliche rehlederne haben, die ganz für ihre Hand und ihren Arm passen. – Ich dachte an ihre arme Mutter, als ich sie fertigte,« fügte der ehrliche Simon mit einem Seufzer hinzu; »und außer Katharina wüßt' ich kein Weib in Schottland, dem sie passen würden, obwohl ich den meisten der hohen Schönheiten am Hofe das Maß genommen habe. Komm mit mir, sag' ich, und du sollst einen Stoff zum Gespräch erhalten, wenn du nur Muth und Vorsicht genug zu der Werbung hast.«