Sechstes Kapitel
Kein Mann soll Katharina's Hand erhalten.
Die bezähmte Widerspenstige.
Das Frühstück war bereit, und die zarten schmackhaften Kuchen, von feinem Mehl und Honig nach dem Familienrecepte gebacken, wurden nicht nur mit all der Parteilichkeit eines Vaters und eines Liebhabers gepriesen, sondern es ward ihnen auch volle Gerechtigkeit auf die Weise gethan, auf welche man die Güte eines Kuchens oder Puddings am besten beweist. Sie schwatzten, scherzten und lachten. Auch Katharina hatte ihren Gleichmuth wieder gewonnen, wo Frauen und Mädchen unsrer Zeit den ihrigen am ersten verlieren – in der Küche nämlich und in der Oberaufsicht der Hausangelegenheiten, worin sie ihres Gleichen suchte. Ich zweifle sehr, ob das Lesen Seneka's in gleichem Zeitraume in demselben Grade ihr Gemüth beruhigt haben würde.
Die alte Dorothee setzte sich an das Tischende, wie es in jener Zeit Sitte war; und die beiden Männer waren so sehr eingenommen von ihrer eigenen Unterhaltung (und Katharina entweder mit der Beobachtung derselben oder ihren eigenen Beobachtungen so sehr beschäftigt), daß die alte Frau die Erste war, die des jungen Conachar Abwesenheit bemerkte.
»Es ist wahr,« sagte der Meister Glover; »geh' und ruf' ihn, den müßigen Hochlandsburschen. Man sah ihn während des Kampfes in letzter Nacht nicht, wenigstens ich nicht. Bemerkte ihn Jemand?« Die Antwort war verneinend; und Harry bemerkte darauf: –
»Es gibt Zeiten, wo die Hochländer versteckt sein können, wie ihr eigenes Rothwild, – ja, und auch vor der Gefahr ebenso schnell davonlaufen. Ich habe sie schon selber also thun sehen.« »Und es gibt Zeiten,« erwiderte Simon, »wo König Arthur und seine Tafelrunde ihnen nicht Stand halten könnten. Ich wünsche, Harry, Ihr sprächt etwas ehrerbietiger von den Hochländern. Sie sind oft in Perth, theils einzeln, theils zahlreich, und Ihr solltet Frieden mit ihnen halten, so lange sie Frieden mit Euch halten wollen.«
Eine trotzige Antwort schwebte auf Harry's Lippen, aber er unterdrückte sie klüglich.
»Ei, du weißt, Vater,« sagte er lächelnd, »daß wir Handwerker die Leute am liebsten haben, von denen wir leben; nun ist mein Handwerk, für die edeln Ritter, Knappen, Edelknechte und Andere zu arbeiten, die die Waffen, welche ich fertige, führen; natürlich ist's daher, daß ich die Ruthvens, die Lindsays, die Ogilvys, die Oliphants und so viele andere unserer tapfern, edlen Nachbarn, die in meinen Rüstungen gehen wie ebenso viele Paladine, dem hochländischen nackten Gesindel vorziehe, das uns nur zu schaden sucht, um so mehr, da in jedem Clan nicht fünf sind, die einen verrosteten Waffenrock haben, so alt als ihr Brattach (Banner); und der ist nur das Werk eines ungeschickten Schmieds aus ihrem Stamme, der nicht zu unserer ehrsamen Zunft gehört und auf seinen Ambos drauf los hämmert, wie vor ihm sein Vater. Ich sage, solche Leute kann ein ehrsamer Handwerker nicht mit günstigen Augen betrachten.«
»Gut, gut,« antwortete Simon; »ich bitte dich, laß gerade jetzt die Sache ruhen, denn da kommt der saumselige Bursche; und obwohl es ein Feiertagsmorgen ist, so mag ich doch keine blutigen Puddings mehr.«
Der Jüngling trat ein. Sein Gesicht war bleich, seine Augen roth, und sein ganzes Wesen zeigte eine große Unruhe. Er setzte sich an das untere Ende des Tisches, Dorothee gegenüber und bekreuzte sich, als schickte er sich an, sein Frühmahl zu nehmen. Da er sich selber nichts vorlegte, bot ihm Katharina einen Teller, worauf einige der Kuchen lagen, die so allgemein gelobt worden waren. Anfangs wies er ihre Gefälligkeit mißmuthig zurück; als sie aber ihr Anerbieten mit gutmüthigem Lächeln wiederholte, nahm er einen Kuchen in die Hand, zerbrach ihn und war im Begriff, einen Bissen zu essen, als ihm der Versuch zu peinlich zu werden schien, und er wiederholte ihn nicht noch ein Mal.
»Ihr habt schlechten Appetit zu einem heiligen Valentinsmorgen,« sagte der gutgelaunte Meister; »und müßt Ihr, denk' ich, in letzter Nacht recht fest geschlafen haben, da Ihr, wie's scheint, von dem Lärm des Gefechts nicht gestört wurdet. Nun, ich dachte, ein munterer Hochländer müßte an seines Meisters Seite mit dem Dolch in der Hand stehen beim ersten Rufe der Gefahr, der sich eine Meile in der Runde erhebt.«
»Ich hörte nur einen unbestimmten Lärm,« sagte der Jüngling, während sein Gesicht plötzlich wie eine glühende Kohle flammte, »und ich nahm ihn für das Geschrei einiger lustiger Nachtschwärmer; und solcher Thorheit wegen darf ich nach Eurem Geheiß weder Thür noch Fenster öffnen, oder das Haus beunruhigen.«
»Gut, gut,« sagte Simon. »Ich dachte, ein Hochländer müßte den Unterschied zwischen Schwerterklirren und Harfenklängen, zwischen Kriegsgeschrei und Freudenrufe besser kennen. Aber laß es sein, Bursche; ich bin froh, daß du deine händelsüchtigen Sitten verlierst. Iß dein Frühstück, denn ich habe ein Geschäft für dich, was Eile erfordert.«
»Ich habe schon gefrühstückt und bin selber sehr eilig. Ich will nach den Bergen. – Habt Ihr eine Botschaft an meinen Vater?«
»Nein,« erwiderte der Handschuhmacher etwas überrascht; »aber bist du bei Sinnen, Bursche? oder welche Rache führt dich von der Stadt weg, gleich der Schwinge eines Wirbelwindes?«
»Mein Auftrag ist plötzlich gekommen,« sagte Conachar, mit Mühe sprechend; ob aber wegen der zögernden Verlegenheit, mit welcher man eine fremde Sprache redet, oder ob aus anderem Grunde, ließ sich nicht leicht unterscheiden. «Es soll eine Versammlung stattfinden – eine große Jagd.« – – Er hielt inne.
»Und wann wirst du von dieser prächtigen Jagd zurückkehren?« sagte sein Meister; »das heißt, wenn ich mir erlauben darf, zu fragen.«
»Ich kann nicht bestimmt antworten,« erwiderte der Lehrling. »Vielleicht nie – wenn dies meinem Vater gefällt,« – fuhr Conachar mit angenommenem Gleichmuth fort.
»Ich glaubte,« sagte Simon Glover ziemlich ernst, »daß alles dies bei Seite gelegt sein würde, als ich dich auf ernstliches Zureden in mein Haus nahm. Ich dachte, wenn ich es unternähme, was sehr ungern geschah, dich ein ehrlich Gewerbe zu lehren, wir würden nichts mehr von Jagen, oder Streitereien, oder Clanversammlungen und dergleichen Dingen hören?«
»Man befragte mich nicht, als man mich hierherschickte,« sagte der Bursche hochmüthig. »Ich weiß nicht, welches die Bedingungen waren.«
»Aber ich kann Euch sagen, Sir Conachar,« sagte der Handschuhmacher unwillig, «daß das keine ehrbare Art ist, wenn du dich einem ehrsamen Handwerker verdingtest und ihm mehr Felle verdarbst, als dein eigenes werth ist; und jetzt, nachdem du so weit bist, von einigem Nutzen zu sein, nach Belieben über deine Zeit verfügst, als wäre sie dein und nicht deines Meisters Eigenthum.«
»Darüber rechnet mit meinem Vater ab,« antwortete Conachar; »er wird Euch genügend bezahlen – ein französisch Lamm (eine Goldmünze) für jedes Fell, was ich Euch verdarb, und eine fette Kuh oder einen Stier für jeden Tag, wo ich abwesend war.«
»Macht's fertig mit ihm, Freund Glover – macht's fertig,« sagte der Waffenschmied trocken. »Du wirst wenigstens genügend, wenn auch nicht ehrlich bezahlt werden. Ich möchte gar gern wissen, wie viel Beutel geleert werden mußten, um den bocksledernen Sporran (die Hochländertasche) zu füllen, der Euch sein Geld so freigebig spendet, und von welchen Weiden die Ochsen stammen, die Euch von den Grampischen Bergschluchten geschickt werden sollen.«
»Ihr erinnert mich, Freund,« sagte der hochländische Jüngling, sich übermüthig an den Schmied wendend, »daß ich auch mit Euch eine Rechnung abzumachen habe.«
»Einen Schritt vom Leibe dann,« sagte Harry, seinen nervigen Arm ausstreckend, – »ich will nichts mehr mit dir zu schaffen haben – keine Geschichten mehr wie letzte Nacht. Mich kümmert ein Wespenstich wenig, aber ich mag mir das Insekt nicht nahe kommen lassen, wenn ich seine Nähe weiß.«