Conachar lächelte verächtlich. »Ich wollte dir nichts zu Leide thun,« sagte er. »Meines Vaters Sohn that dir nur zu viel Ehre, solch gemeines Blut zu vergießen. Ich will Euch für jeden Tropfen zahlen, damit es trockne und mir die Finger nicht länger besudle.«
»Ruhe, du prahlerischer Affe!« sagte der Schmied; »das Blut eines ächten Mannes läßt sich nicht nach Gold abschätzen. Die einzige Sühne würde sein, daß du eine Meile weit ins Niederland herabkämst mit zwei der stärksten Raufbolde deines Clans; und während ich sie ausbläute, wollt' ich dich der Züchtigung meines Lehrlings, des kleinen Janklin, überlassen.«
Hier mischte sich Katharina ein. »Friede,« sagte sie, »mein wackerer Valentin, dem ich zu befehlen ein Recht habe; und auch Ihr haltet Friede, Conachar, der Ihr mir, als der Tochter Eures Meisters, gehorchen solltet. Es ist übel gethan, am Morgen das Schlimme wieder zu wecken, was in der Nacht in Schlaf gebracht war.«
»So lebt denn wohl, Meister,« sagte Conachar, nachdem er den Schmied noch einmal voll Hohn angesehen, worauf der Letztere mit Lachen antwortete. »Lebt wohl! und ich dank' Euch für Eure Freundlichkeit, die größer war, als ich verdiente. Schien ich manchmal minder dankbar zu sein, so waren die Umstände schuld und nicht mein Wille. Katharine« – er warf auf das Mädchen einen Blick, der tiefe Aufregung verrieth und mannigfache Empfindungen zeigte. Er zögerte, als wollte er etwas sagen, und endlich wandte er sich ab mit dem einzigen Worte: »Lebt wohl!« Fünf Minuten später ging er mit Hochländerstiefeln an den Füßen und einem kleinen Bündel in der Hand zum nördlichen Thore von Perth hinaus und schlug den Weg nach den Hochlanden ein.
»Dort geht Bettelwesen und Stolz genug für einen ganzen Hochländerclan,« sagte Harry. »Er spricht so gleichgültig von Goldstücken, wie ich es von Silberpfennigen könnte, und doch will ich schwören, daß der Daum von seiner Mutter gewirktem Handschuh den Schatz des ganzen Clans fassen könnte.«
»Wohl möglich,« sagte der Handschuhmacher, über den Gedanken lachend; »seine Mutter war ein starkknochiges Weib, besonders in Fingern und Handgelenk.«
»Und was das Vieh betrifft,« fuhr Harry fort, »so denk' ich, sein Vater und die Brüder stehlen gelegentlich nach einander die Schafe.«
»Je weniger wir von ihnen reden, umso besser,« sagte der Handschuhmacher, wieder ernst werdend. »Brüder hat er nicht; sein Vater ist ein gewaltiger Mann – hat lange Arme – reicht so weit er kann, und hört auch so weit, daß es nicht nützlich ist, von ihm zu sprechen.«
»Und doch hat er seinen einzigen Sohn in die Lehre zu einem Handschuhmacher in Perth verdungen?« sagte Harry. »Ei, ich sollte denken, das edle Gewerbe St. Crispins, wie man's nennt, hätte besser für ihn gepaßt; und wenn der Sohn eines großen Mac oder O ein Künstler werden sollte, so konnt' er's blos in dem Geschäfte, worin ihm Fürsten ein Beispiel geben.«
Diese, obwohl ironische Bemerkung machte bei unserm Freund Simon das Gefühl der Würde seines Berufs rege, wodurch sich die Handwerker jener Zeit charakteristisch auszeichneten.
»Ihr irrt, Sohn Harry,« erwiderte er mit großem Ernst; »die Handschuhmacher haben die ehrenvollere Zunft von beiden, weil sie für die Bequemlichkeit der Hände sorgen, während die Schuhmacher nur für die Füße arbeiten.«
»Beide sind gleich nothwendige Glieder des menschlichen Körpers,« sagte Harry, dessen Vater ein Schuster gewesen.
»Es mag so sein, mein Sohn,« sagte der Handschuhmacher; »aber beide sind nicht gleich ehrenvolle Gewerbe. Bedenkt, daß wir die Hände als Pfänder der Freundschaft und Treue brauchen, während die Füße kein solches Vorrecht haben. Brave Männer fechten mit ihren Händen, – Feiglinge brauchen ihre Füße zur Flucht. Ein Handschuh wird hoch getragen, einen Schuh tritt man in den Koth; – ein Mann grüßt seinen Freund mit der Hand; er verachtet aber einen Hund, oder einen, den er dem Hunde gleichstellt, mit einem Fußtritt. Ein Handschuh auf der Spitze eines Speers ist Zeichen und Pfand der Treue für die ganze weite Welt, wie ein niedergeworfener Handschuh das Zeichen ritterlichen Kampfes gibt; dagegen weiß ich keine andere Bedeutung für einen alten Schuh, außer etwa, daß manche Weiber ihn hinter einem Manne dreinwerfen, um ihm Glück zu bringen, ein Kunstgriff, für welchen ich in der That wenig Vertrauen hege.«
»Wahrhaftig,« sagte der Schmied, unterhalten durch seines Freundes beredte Abhandlung über die Würde seines Handwerks, »ich bin nicht der Mann, darauf verlaßt Euch, der die Handschuhmacherzunft verachtet. Bedenkt, daß ich selber Blechhandschuhe mache. Aber die Würde Eures alten Gewerbes beseitigt meine Verwunderung nicht, daß der Vater dieses Conachar litt, daß sein Sohn die Kunst irgend eines Handwerkers aus dem Niederland lernte, da sie uns ja doch allesammt tief unter ihrem hohen Range halten, als wären wir ein Volk verächtlicher Taglöhner, unwürdig eines andern Schicksals, als übel behandelt und geplündert zu werden, so oft diese ohnehosigen Dunniewassals sichere Gelegenheit dazu sehen.« »Ja,« antwortete der Handschuhmacher, »aber es waren gewichtige Gründe für – für« – er hielt Etwas zurück, was auf seinen Lippen zu schweben schien, und fuhr fort: »für Conachars Vater vorhanden, also zu thun. – Nun, ich habe redliches Spiel mit ihm gehalten, und ich zweifle nicht, daß er sich auch ehrenhaft gegen mich benehmen wird. – Aber Conachars plötzlicher Abschied kommt mir etwas ungelegen. Er hatte gewisse Dinge zu besorgen. Ich muß in der Werkstätte nachsehen.«
»Kann ich Euch helfen, Vater?« sagte Harry Gow, durch das ernste Benehmen seines Freundes getäuscht.
»Ihr? nein« – sagte Simon mit einem trockenen Tone, welcher Harry die Einfalt seines Anerbietens so fühlbar machte, daß er bis unter die Stirn über seinen eigenen Stumpfsinn erröthete, in einer Sache, wo ihn die Liebe so leicht sein eignes Verfahren hätte errathen lassen sollen. »Du, Katharina,« sagte der Handschuhmacher, als er das Gemach verließ, »wirst deinen Valentin einige Minuten lang unterhalten und dafür sorgen, daß er nicht geht, bevor ich zurückgekehrt bin. – Komm mit mir, alte Dorothee, und rege deine Beine zu meinem Beistand.«
Er verließ das Gemach und die Alte folgte ihm; Harry aber blieb bei Katharina ganz allein, fast zum ersten Mal in seinem Leben. Es fand eine Verlegenheit auf Seiten des Mädchens und eine Unbeholfenheit auf Seiten des Liebhabers statt, die wohl eine Minute währte; da rief Harry seinen Muth zusammen, zog die Handschuhe, womit ihn Simon versehen, aus seiner Tasche, und bat sie um Erlaubniß, daß Jemand, der diesen Morgen so schön begrüßt worden, die übliche Buße zahlen dürfte dafür, daß er in einem Augenblicke geschlafen, wo er den Schlummer eines ganzen Jahres darum gegeben hätte, eine einzige Minute wach zu sein.
»Ach, aber die Erfüllung meines St. Valentinsrechts,« sagte Katharina, »bedingt keine solche Buße, wie Ihr zu zahlen wünscht, und ich kann daher nicht daran denken, sie anzunehmen.«
»Diese Handschuhe,« sagte Harry, seinen Stuhl, während er sprach, Katharinen näher rückend, »wurden von Händen gefertigt, die Euch die theuersten sind; und seht, sie passen ganz für Euch.« Er breitete sie aus, während er sprach, und nahm ihren Arm in seine starke Hand, indem er die Handschuhe daran hielt, zu zeigen, wie schön sie paßten. »Seht diesen runden Arm,« sagte er, »seht diese kleinen Finger; denkt, wer diese Säume von Seide und Gold nähete, und bedenkt, ob der Handschuh und der Arm. welchem allein der Handschuh passen kann, getrennt bleiben sollen, weil der arme Handschuh das Mißgeschick hat, eine Minute im Besitz einer Hand gewesen zu sein, die so schwarz und rauh ist, wie die meine.«
»Sie sind willkommen, da sie von meinem Vater kommen,« sagte Katharina; »und gewiß nicht minder, da sie von meinem Freunde kommen (auf dieses Wort legte sie einen Nachdruck), der mein Valentin und mein Beschützer ist.«