Brown blickte sich unruhig nach einer Waffe in dem Raume der Hütte um, sah aber keine Spur von einer solchen. Daraus eilte er zur Tür, um aus dem Raume zu fliehen, den er für eine Mördergrube hielt; aber Meg Merrilies packte ihn mit beispielloser Kraft am Arme und hielt ihn fest ...»Hierher, hierher!« rief sie leise; »und rührt Euch nicht, gleichviel was Eure Ohren vernehmen. Hier seid Ihr sicher, draußen nicht. Aber ruhig verhalten, und es wird Euch kein Leid geschehen!«
Brown erinnerte sich in seiner verzweifelten Lage an den wohlmeinenden Wink, den ihm die Zigeunerin früher gegeben, und meinte, daß er am besten für seine Sicherheit sorgen werde, wenn er sich nach ihren Worten richtete. Er mußte sich der Leiche gegenüber auf ein Strohlager werfen; sie deckte ihn sorgsam zu und warf auch ein paar Säcke noch drüber. Brown aber, um sehen zu können, was vorging, schob behutsam die Strohschicht ein wenig beiseite, so daß eine Art Luke für seine Augen entstand, die ihm ermöglichte, zu beobachten, was um ihn her vorging. Mit unruhigem Herzen wartete er nun den weiteren Verlauf des unheimlichen Abenteuers ab. Unterdes trat die Zigeunerin zu der Leiche zurück, rückte sie zurecht und legte ihr die Arme an die Seiten. Dann setzte sie ihm einen Holzteller mit Salz auf die Brust und ein Licht zu seinen Häupten, ein anderes zu seinen Füßen und steckte sie beide an. Dann stimmte sie ihren Gesang wieder an und wartete den Eintritt der Männer ab, deren Stimmen draußen zu hören waren.
Brown war ein tapferer Mann, aber er konnte eine gewisse Angst nicht bezwingen. Was hatte er anders zu gewärtigen, als daß Bösewichter, deren Gewerbe nächtlicher Mord war, ihn aus seinem elenden Versteck zerrten und den Mordstahl auf ihn zückten? Was blieb ihm in seiner hilflosen Lage, ohne Waffen, anders übrig als Bitten, die ihnen ein Spott sein mußten? Was weiter als Geschrei um Hilfe, das niemand hören konnte? Welch andere Bürgschaft für seine Sicherheit hatte er als das Mitleid der Alten, auf die am Ende auch nur geringer Verlaß war? Als der Schein der trüben Lampe auf ihr Gesicht fiel, forschte er in ihren Zügen, ob er dort etwas lesen konnte, das jenem echten Mitleid nahe käme, das Frauenherzen auch in dem Zustande der allertiefsten Gesunkenheit doch nicht vollständig unterdrücken können ... Aber er fand dort keinen Zug von wahrer, milder Menschlichkeit. Die Teilnahme, oder was es sonst war, das sich in dem Herzen dieses alten Weibes für ihn regte, entsprang nicht aus menschlichem Mitleide, sondern aus irgend einer wunderlichen, grillenhaften Verkettung von Empfindungen, die ihm unerklärlich waren. Vielleicht war eine eingebildete oder vermutete Aehnlichkeit dabei mit im Spiele? ähnlich, wie Macbeths Gemahlin meinte, der schlafende König habe Aehnlichkeit mit ihrem Vater ... Diese Gedanken flogen schnell durch Browns Seele, als er den Blick auf dieses seltsame Geschöpf gerichtet hielt.
Noch immer aber ließ sich kein Mensch sehen, und fast fühlte er sich versucht, seinen ersten Entschluß, sein Heil in der Flucht zu suchen, in Ausführung zu setzen, die Unschlüssigkeit verwünschend, die ihn in eine Lage gebracht hatte, wo ihm weder Widerstand noch Flucht möglich war.
Auch Meg Merrilies schien wachsam zu sein; denn sie lauschte, wie Brown recht gut merkte, auf jeden Ton, der draußen laut wurde. Dann drehte sie sich wieder nach der Leiche herum, um dies und jenes in ihrer Lage zu verändern; dann holte sie einen langen, dunkelfarbigen Schiffermantel aus einem Winkel hervor, den sie als Bahrtuch brauchte, und legte den Kragen desselben so, daß er den blutigen Verband verdeckte, was, wie sie murmelte, der Leiche doch ein besseres Aussehen gäbe.
Endlich traten mehrere Männer herein, wild von Aussehen, Gestalt und Kleidung.
»Meg, Du Satanskind!« riefen sie statt allen Grußes, »was fällt Dir ein, die Tür offen zu lassen?«
»Und hat einer von Euch je gehört, daß eine Tür verriegelt gewesen wäre, wenn jemand dahinter in Todesängsten gelegen? Wie soll die Seele durch Schloß und Riegel fahren?«
»Ist er denn tot?« fragte einer, zu dem Sterbelager tretend.
»Tot, mausetot!« erwiderte ein anderer; »aber hier ist was von guter Totenwache!« Dabei holte er aus einem Winkel ein Fäßchen mit Branntwein, und Meg Merrilies beeilte sich, Pfeifen und Tabak unter die Männer zu verteilen. Ihre Emsigkeit dabei galt Brown für ein sichres Zeichen daß sie es wirklich gut mit ihm meine; denn ihre Absicht, die wilden Männer zum Zechen zu verleiten, und auf diese Weise seine Entdeckung zu verhindern, war unverkennbar.
Brown konnte nun die Männer zählen: es waren ihrer fünf. Zwei von ihnen, starke, rüstige Gestalten, schienen Seemänner zu sein; die drei übrigen, ein Greis und zwei Jungen, alle mit pechschwarzem Haar, gehörten augenscheinlich zu der Zigeunerhorde der Meg Merrilies.
Der Schnaps fing an zu kreisen ... »Glückliche Reise!« rief einer von den beiden Seeleuten; »er hat, meiner Treu! eine stürmische Nacht getroffen, um in den Himmel zu steuern.«
»Was liegt ihm an Wind und Wetter?« fiel der andere ein; »ihm hat ja so mancher Nordwest um die Nase gepfiffen.«
»Aber gestern zum letztenmal!« meinte ein anderer verdrossen; »und nun mag die alte Meg für ihn beten wie schon oft.«
»Das tu ich nicht mehr,« sprach Meg, »und auch für euch nicht. Die Zeiten haben sich sehr geändert. Männer waren sonst Männer und fochten miteinander im offenen Felde. Und der Edelmann hatte ein freundliches Herz, ließ den armen Zigeuner nicht mit leerer Hand gehen. Aber ihr haltet auch nicht mehr auf die guten alten Gesetze, und da ist's eben kein Wunder, daß ihr so oft die Ketten scheuern müßt. Nein, ihr eßt von des Landmanns Brote, trinkt aus seinem Fasse, schlaft auf seinem Stroh in der Scheune, reißt ihm's Haus ein und schneidet ihm die Kehle ab für seine Mühe. Es ist Blut an euren Händen, mehr als je beim redlichen Kampfe. Seht zu, wie ihr einst sterben könnt! Es dauerte lange, ehe er starb; er hatte einen harten Kampf; konnt' nicht sterben, noch leben. Aber ihr – das halbe Land wird sehen, wie ihr am dürren Holze hängt.«
Ein wildes Gelächter erscholl auf diese Weissagung ... »Und warum bist Du zurückgekommen, alte Hexe,« sprach einer von den Zigeunern. »Konntest Du nicht bleiben, wo Du warst, und den Bauern im Cumberland wahrsagen? Sieh zu, daß Dir niemand auf der Fährte ist!«
»So? Sonst war ich wohl gut, als ich euch in dem großen Gefechte mit diesen Händen half,« antwortete Meg, ihre Fäuste erhebend. »Was wäre sonst aus euch geworden, ihr Maulhelden!«
Darauf setzte sie sich vor das Lager, wo Brown verborgen war, in einer Stellung, die jeden verhindert hätte, sich dem Versteckten, wenn sie nicht vorher aufgestanden wäre, zu nähern. Niemand aber schien sie stören zu wollen. Die Männer setzten sich ans Feuer und schienen eifrig Rats zu pflegen, sprachen aber so leise und in so wildem Kauderwelsch, daß Brown wenig verstand. Nur so viel erriet er, daß sie ihrem Unwillen gegen jemand Luft machten ... »Er wird schon sein Teil kriegen,« sprach einer und sagte einem Gesellen etwas ins Ohr.
»Damit habe ich nichts zu schaffen,« erwiderte dieser.
»Seit wann bist Du so hasenherzig geworden, Johnny?«
»Nicht mehr als Du, aber es war so etwas, das vor fünfzehn bis zwanzig Jahren den ganzen Handel störte. Hast Du von dem Sprunge gehört?«
»Der da,« antwortete der andere, auf den Leichnam deutend, »hat mir davon gesagt. Er lachte recht, wenn er uns zeigte, wie er ihn von dem Felsen geworfen hätte.«
»Aber die alte Meg schläft ein?« hob ein anderer an, »Sie wird faselig und fürchtet ihren eigenen Schatten. Gebt acht, sie wird noch aus der Schule schwatzen, wenn ihr nicht scharf aufpaßt.«
»Seid davor nicht bange,« fiel der alte Zigeuner ein. »Meg ist redlich, aber sie hat ihre eigenen Launen, und führt oft grillige Reden.«
Das Gespräch wurde in so rohem Kauderwelsch fortgesetzt, daß sich selbst aus Winken und Gebärden sein Inhalt nicht mehr erraten ließ. Als endlich einer der Männer bemerkte, daß Meg fest eingeschlafen war oder zu sein schien, befahl er einem der beiden Jungen, den schwarzen Peter hereinzubringen. Der Junge ging hinaus und kam mit einem Felleisen zurück, das Brown sogleich für das seinige erkannte. Er dachte mit unruhiger Besorgnis an den armen Burschen, den er bei dem Wagen zurückgelassen hatte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit sah er zu, und während die Kerle das Felleisen öffneten und auspackten, horchte er eifrig, ob nicht irgend etwas ihm das Schicksal des Fuhrmanns verriete. Die Spitzbuben waren zu erfreut über die Beute und zu eifrig mit ihrer Untersuchung beschäftigt, als daß sie über die Art, wie sie dazu gekommen waren, ein Wort hätten verlieren sollen. Brown hätte zu keiner andern Zeit so ruhig zugesehen, wie man ohne alle Umstände sein Eigentum teilte; aber in diesem gefährlichen Augenblicke konnte er nur an seine Selbsterhaltung denken.