Als er des französischen Hafens ansichtig ward, beunruhigte Wallace diesen Ort, indem er des Räubers Farben entfaltete, als käme Longueuille, um die Stadt zu plündern. Die Glocken wurden geläutet, Hörner erschallten und die Bürger eilten zu den Waffen, als sich die Scene änderte. Der schottische Löwe auf seinem goldenen Schild erhob sich über des Räubers Flagge, und verkündigte, daß der Befreier Schottlands sich nahe, wie ein Falke mit seiner Beute in den Klauen. Er stieg mit seinem Gefangenen an's Land und brachte denselben an den französischen Hof, wo auf Wallace's Bitten der König de Longueville alle Seeräubereien, die er begangen hatte, verzieh, ihn sogar zum Ritter schlug und ihm anbot, in seine Dienste zu treten. Aber der Seeräuber hatte mit seinem edlen Besieger eine so innige Freundschaft geschlossen, daß er Wallace's Schicksal theilen wollte. Er kehrte mit ihm nach Schottland zurück, focht in vielen blutigen Schlachten an seiner Seite und gab Proben einer Tapferkeit, die nur jener des schottischen Helden nachstand. Aber sein Schicksal war glücklicher als das seines Freundes. Durch Schönheit ausgezeichnet, so wie durch Stärke und Muth, gewann Sir Thomas de Longueville die Gunst eines Fräuleins aus dem alten Hause der Charteris, das ihn zum Gatten wählte und ihm das schöne Schloß Kinfauns und die zu dieser Baronie gehörigen Besitzungen zubrachte. Ihre Nachkommen nannten sich Charteris, wie ihre Ahnen von mütterlicher Seite, die früheren Besitzer ihrer Güter, geheißen hatten, obgleich der Name Thomas de Longueville bei ihnen in derselben Achtung stand. Das große zweihändige Schwert, womit er die Feinde im Kampfe niedermähete, wird noch von der Familie aufbewahrt. Eine andere Nachricht ist, daß der Familienname de Longueville's selbst Charteris war.
Die Herrschaft ging später auf das Haus Blair über und ist jetzt Eigenthum des Lord Gray.
Diese Barone von Kinfauns verwalteten seit mehreren Generationen von Vater auf Sohn das Amt der Oberrichter von Perth; die Nachbarschaft des Schlosses und der Stadt machte diese Einrichtung zu wechselseitiger Unterstützung sehr erwünscht. Der Sir Patrick dieser Erzählung hatte schon mehrmals an der Spitze der Einwohner von Perth gegen die immer wiederkehrenden Streifzügler vom Hochlande und gegen andere fremde und einheimische Feinde gefochten. Allerdings ward er auch nicht selten mit unbedeutenden, nichtssagenden Klagen behelligt, die man ohne Noth seiner Entscheidung vorlegte. Daher kam es, daß man ihm zuweilen den Vorwurf machen hörte, er sei zu stolz als ein Edler und zu gleichgültig als ein Reicher, und gebe sich zu sehr den Freuden der Jagd und der Gastfreiheit hin, als daß er sich bei jedem Anlaß so thätig hätte zeigen können, wie die schöne Stadt es wünschte. Aber trotz dem, daß dies einigen leichten Unwillen erregte, pflegten die Bürger doch bei jedem ernstlichen Grunde zur Besorgniß an ihren Oberrichter zu gehen, und fanden bei ihm warme Unterstützung mit Rath und That.
Achtes Kapitel
Es haben den Gau von Annandale,
Die edlen Johnstones inn';
Sie waren dort wohl tausend Jahre,
Und bleiben noch tausend d'rin.
Alte Ballade.
Nachdem wir so den Charakter und Beruf Sir Patrick Charteris, des Oberrichters von Perth, im letzten Kapitel gezeichnet haben, kehren wir nun zu der Gesandtschaft zurück, welche sich am östlichen Thore versammeln wollte, um mit ihren Beschwerden sich zu jenem Würdenträger nach Kinfauns zu begeben.
Zuerst erschien Simon Glover auf einem sanften Zelter, welcher bisweilen die Ehre genoß, die schönere Person wie die leichtere Last der reizenden Tochter zu tragen. Glovers Mantel verhüllte ihm den untern Theil des Gesichts, sei es, um seinen Freunden anzudeuten, sie sollten, während er durch die Straßen ritt, ihn durch keine Frage aufhalten, sei es wegen der gerade eingetretenen Kälte. Auf seiner Stirn war eine bedeutende Unruhe zu lesen, als wäre ihm die Sache, worin er sich verwickelt sah, immer schwieriger und gefährlicher vorgekommen, jemehr er sie genauer erwog. Er grüßte nur durch stillschweigende Geberden seine Freunde, als sie sich auf dem Sammelplatz einfanden.
Ein starker Rappe von der alten Gallowayrasse, nicht höher als vierzehn Hände, aber hochschulterig, stark von Gliedern, wohlgestaltet und gutgenährt, trug den wackern Schmied zum Ostthore. Ein Kenner des Thiers hätte in seinem Auge einen Funken der Falschheit bemerken können, die sich nicht selten mit der kräftigsten, ausdauerndsten Gestalt paart; aber das Gewicht des Reiters, seine geschickte Hand und die Art, wie er im Sattel saß, so wie die Erfahrung, die das Pferd erst kürzlich während einer langen Reise gemacht, hatten seine Widerspenstigkeit wenigstens für den Augenblick gezähmt. Ihn begleitete der ehrsame Strumpfwirker, der, da er ein kleiner, ziemlich dicker Mann war, wie ein rother Knäuel (denn er war in einen Scharlachmantel gehüllt, worüber eine Jagdtasche hing) auf einen großen Sattel gepackt war, worauf er mehr hing, als saß. Der Sattel, der den Reiter trug, war mit einem Gurt auf den Rücken einer niederländischen Stute befestigt, die den Rücken wie ein Kameel in die Höhe zog, und deren Füße, mit langen, dichten Haaren bewachsen, sich in einen breiten Huf endigten. Der Kontrast zwischen dem Pferd und dem Reiter war so außerordentlich, daß, während die Vorübergehenden, die seiner ansichtig wurden, sich wunderten, wie der Eine den Andern habe besteigen können, seine Freunde nicht ohne Besorgnisse waren, er möchte abgeworfen werden; denn die Beine des so hoch sitzenden Reiters reichten nicht bis an den untern Saum seines Sattels. Er hatte abgewartet, bis der Schmied sich auf den Weg machte, um diesem sich anzuschließen, denn Oliver Proudfute war der Meinung, daß Männer der That sich vortheilhafter zeigen könnten, wenn sie beisammen wären, und er gerieth in Entzücken, als ein Spötter aus der niedern Volksklasse Ernst genug hatte, laut auszurufen, ohne geradezu zu lachen: »Dort reitet der Stolz von Perth – dort reiten die tapfern Bürger, der wackere Schmied vom Wynd und der kühne Strumpfwirker!«
Es ist wahr, der Bursche, der so sprach, gab dabei seines Gleichen einige deutsame Winke; da aber der Strumpfwirker diese Geberden nicht sah, so warf er jenem großmüthig einen Silberpfennig zu, um seine Achtung für kriegerische Leute aufzumuntern. Dies Geschenk machte, daß ihnen eine Schaar Knaben folgte, lachend und jubelnd, bis Harry Schmied, sich umwendend, den vordersten von ihnen zu peitschen drohte; sie warteten nicht, bis er diese Absicht ausführte.
»Hier sind wir, die Zeugen,« sagte der kleine Mann auf dem großen Pferde, als sie zu Simon Glover am Ostthore kamen; »aber wo sind Jene, die uns beistehen sollen? Ach, Bruder Harry! Das Ansehen ist eine Last, passender für einen Esel, als für ein muthig Pferd; es hindert nur die Bewegungen so junger Burschen, wie Ihr und ich.«