»Ich wünschte, Euch immer ein wenig von dieser Last tragen zu sehen, werther Meister Proudfute,« erwiderte Harry Gow, »wär's auch nur, um Euch im Sattel festzuhalten; denn Ihr schwankt umher, als machtet Ihr einen Tanz auf Eurem Sitze, ohne die Beine dazu zu brauchen.«
»Ja, ja; ich hebe mich in den Steigbügeln, um die Stöße zu vermeiden. Meine Stute hat einen grausam harten Trab; aber sie hat mich in Feld und Wald getragen und durch manch' gefährliche Bergschlucht; so trennen wir uns nie, ich und Jesabel – ich nenne sie Jesabel nach der Prinzessin von Kastilien.«
»Isabelle, meint Ihr wahrscheinlich,« antwortete der Schmied.
»Ja – Isabelle oder Jesabel, – Alles gleich, wie Ihr wißt. Aber dort kommt endlich Bailie Craigdallie, mit dem armen, feige kriechenden Geschöpf, dem Apotheker. Sie haben zwei Stadtwächter mit ihren Partisanen, vermutlich als Leibwache für sich, mitgebracht. – Wenn ich irgend ein Ding vor Allem hasse, so ist es ein kriechender Schuft, wie der Dwining!«
»Hütet Euch, daß er so was nicht von Euch hört,« sagte der Schmied. »Ich sage dir, Strumpfwirker, daß mehr Gefahr in jenem dünnen Gerippe liegt, als in zwanzig tapferen Kerls, wie Ihr selbst.«
»Pfui, Schmied! Ihr wollt mit mir spaßen,« sagte Oliver; – indeß dämpfte er seine Stimme und blickte auf den Apotheker, als wollte er entdecken, in welchem Gliede oder Zuge seines abgezehrten Gesichts und Körpers sich etwa die gedrohte Gefahr zeige; und nachdem seine Prüfung ihn wieder sicher gemacht, antwortete er kühn: »Schwerter und Schilde, Freund! mit einem Dutzend solcher wie Dwining nehm' ich's auf. Was könnt' er einem Manne, der Blut in den Adern hat, thun?«
»Er könnte ihm eine Dosis Arznei geben,« antwortete der Schmied trocken.
Sie hatten keine Zeit zu fernerem Gespräch, denn Bailie Craigdallie hieß sie die Straße nach Kinfauns einschlagen, und gab selber das Beispiel dazu. Während sie in mäßigem Schritt vorwärts zogen, drehte sich das Gespräch um den Empfang, den sie beim Oberrichter zu erwarten hätten, und um die Theilnahme, die dieser an der vorzutragenden Sache zeigen möchte. Der Handschuhmacher befand sich, wie es schien, in einem Zustande gänzlicher Niedergeschlagenheit, und äußerte sich mehrmals auf eine Weise, die andeutete, daß er noch gewünscht hätte, man möchte die Sache auf sich beruhen lassen. Er sprach sich indeß nicht ganz klar aus, vielleicht aus Furcht, man möchte, wenn er sich's allzudeutlich merken ließe, daß er lieber sähe, wenn die strafbare Unternehmung mit Stillschweigen übergangen würde, nächtheilige Folgerungen für den Ruf seiner Tochter daraus ziehen. Dwining schien seine Meinung zu theilen, sprach aber vorsichtiger als am Morgen.
»Nach Allem,« sagte der Bailie, »wenn ich alles das Gute erwäge, was von der lieben Stadt zum Lord Oberrichter gekommen, kann ich nicht denken, daß er sich uns abgeneigt zeigen werde. Mehr als ein Boot, mit Bordeauxwein beladen, hat den südlichen Strand verlassen, um seine Last unter Schloß Kinfauns auszuladen. Ich habe einiges Recht, davon zu reden, weil ich die Ladung besorgte.
»Und,« sagte Dwining mit seiner quäkenden Stimme, »ich könnte reden von auserlesenen Confekten, seltenen Confituren, feinem Gebäck und selbst den köstlichen sogenannten Zuckerhüten, die dorthin gingen wegen einer Hochzeit, einer Taufe oder dergleichen. Aber freilich, Bailie Craigdallie, der Wein ist getrunken, das Confekt gegessen, und man vergißt das Geschenk, wenn der Duft davon verschwunden ist. Ach, Nachbar! das Banket von letzter Weihnacht ist vergessen wie der Schnee des letzten Jahres.«
»Aber es gab auch Handschuhe, mit Goldstücken gefüllt,« sagte die Magistratsperson.
»Ich muß ja wissen, wer sie gemacht hat,« sagte Simon, dessen Berufsgedanken sich mit Allem mischten, was sonst seinen Geist beschäftigen mochte. »Einer war ein Jagdhandschuh für Mylady. Ich macht' ihn etwas weit. Ihre Gnaden waren aber nicht unzufrieden damit, in Betracht des Futters.«
»Nun gut,« sagte Bailie Craigdallie, »um so mehr red' ich wahr; und wenn er nicht mehr daran denkt, so ist der Oberrichter schuld und nicht die Stadt; er konnte das Gold weder essen noch trinken in der Gestalt, wie er's bekam.«
»Ich könnte auch von einer tüchtigen Rüstung sprechen,« sagte der Schmied; »aber, Cogan, na schire! [Frieden oder Krieg, gleichviel!] wie John, der Hochländer, sagt, – ich denke, der Herr von Kinfauns wird seine Pflicht bei der Stadt in Frieden und Krieg erfüllen; und es ist unnütz, die guten Thaten der Stadt nachzurechnen, bevor wir ihn undankbar dafür sehen.«
»So mein' ich's,« schrie unser Freund Proudfute vom Gipfel seiner Stute. »Wir wackern Degen können uns nicht so erniedrigen, daß wir Wein und Nüsse nachzählen, wenn von einem Freunde, wie Sir Patrick Charteris, die Rede ist. Nein, glaubt mir, ein guter Waidmann, wie Sir Patrick, wird das Recht, im Gebiete der Stadt jagen zu dürfen, als eine hohe Gunst würdigen, die, Seine Majestät den König ausgenommen, keinem Lord oder Bürger gewährt wird, außer unserm Oberrichter allein.«
Während der Strumpfwirker sprach, hörte man zur Linken ein Geschrei: »So, so – wau wau – hau!« welches der Ruf eines Jägers zu seinem Falken ist.
»Mich dünkt, es übt soeben ein Mensch das Vorrecht, wovon Ihr sprecht, welcher weder König noch Oberrichter scheint,« sagte der Schmied.
»Ja, wahrlich, ich seh' ihn,« sagte der Strumpfwirker, welcher glaubte, es biete sich eine Gelegenheit dar, um Ehre einzulegen. »Du und ich, wackerer Schmied, wollen hin und ihn zur Rede setzen.«
»Nun vorwärts also,« sagte der Schmied; und sein Gefährte spornte seine Stute und ritt fort, gar nicht zweifelnd, daß Gow ihm dicht folge.
Aber Craigdallie hielt Harry's Pferd beim Zügel. »Bleibt bei der Fahne,« sagte er; »laßt uns sehen, wie's unserm leichten Reiter geht. Wenn er sich eine Beule holt, wird er für diesen Tag ruhiger.«
»Nach dem, was ich schon sehe,« sagte der Schmied, »kann er leicht dazu kommen. Jener Kerl, der so unverschämt stehen bleibt, uns zu betrachten, als wär' er auf der rechtmäßigsten Jagd von der Welt begriffen – ich erkenn' ihn an seinem Klepper, seiner rostigen Pickelhaube mit der Hahnenfeder, und dem langen zweihändigen Schwerte, als Einen, der im Dienste eines Lords im Süden steht, – Leute, die dem Südland so nahe wohnen, daß sie den Harnisch immer umgeschnallt haben, und die eben so gern Schläge austheilen, als lange Finger machen.
Während sie so den Erfolg dieses Zusammentreffens besprachen, begann der tapfere Strumpfwirker Jesabel langsam laufen zu lassen, damit der Schmied, den er noch hinter sich glaubte, ihn einholen, und entweder vorangehen oder wenigstens neben ihm reiten möchte. Als er ihn aber in einer Entfernung von einigen hundert Schritten bei der Gruppe der Gefährten halten sah, fing der Held von Perth, wie der alte spanische General, an, vor den Gefahren zu zittern, denen sein verwegener Geist ihn entgegenführen konnte. Jedoch entmuthigte ihn der Gedanke wieder, daß seine Freunde nahe waren, und da er hoffte, ihre Anzahl werde dem einzelnen Wilddiebe Furcht einflößen, und da er sich schämte, von einem Unternehmen abzulassen, wozu er sich selber erboten, so widerstand er der starken Versuchung, seine Jesabel herumzuwerfen und so schnell als möglich zu den Freunden zurückzukehren, unter deren Schutz er gern gewesen wäre. Er rückte also dem Fremden näher, und seine Besorgnisse stiegen sehr, als er diesen in raschem Trabe auf seinem Klepper heraneilen sah. Sobald er diese offenbar offensive Bewegung bemerkte, blickte unser Held mehrmals über seine linke Schulter zurück, als wollte er das Feld wegen des Rückzugs recognosciren und machte inzwischen geradezu Halt. Aber der Philister kam über ihn, eh' sich der Strumpfwirker für Kampf oder Flucht entscheiden konnte, und es war ein verdächtig aussehender Philister. Seine Gestalt war hager und groß, sein Gesicht bezeichneten einige entstellende Narben und der ganze Mann sah einem solchen Menschen ähnlich, der gewohnt ist zu sagen: »Steh' und gib her, was du hast.«