»Ich hatte nur das Licht einer Laterne, Mylord Oberrichter; und entkommen lassen mußt' ich ihn, da ich ja allein war und alt bin. Dennoch würd' ich ihn gehalten haben, hätte ich nicht das Geschrei meiner Tochter im obern Zimmer gehört; und eh' ich von dort zurückkam, war der Mann durch den Garten entflohen.«
»Nun, Waffenschmied, als ein wahrhafter Mann und guter Krieger,« sagte Sir Patrick, »erzählt mir, was Ihr von der Sache wißt.«
Harry Gow gab in seiner entschiedenen Redeweise eine kurze, aber klare Schilderung der ganzen Sache.
Der ehrsame Proudfute, der zunächst aufgerufen wurde, begann seinen Bericht mit einer wichtigern Miene: »Indem ich von dem schrecklichen und erstaunlichen Tumult innerhalb der Stadt rede, kann ich allerdings, das ist wahr, nicht mit Harry Gow sagen, daß ich den ersten Anfang sah. Aber es läßt sich nicht läugnen, daß ich einen großen Theil des Endes betrachtete, und daß ich den kräftigsten Beweis zur Ueberführung der Bösewichter beibrachte.«
»Und welcher ist das, Mann?« sagte Sir Patrick Charteris. »Verliert keine Zeit mit langen Reden. Was ist's?«
»Ich habe Ew. Gnaden in dieser Tasche mitgebracht, was einer der Schurken zurückließ,« sagte der kleine Mann. »Es ist eine Trophäe, die ich, in voller ehrlicher Wahrheit, zwar bekenne nicht selbst gewonnen zu haben, bei welcher ich aber doch den Ruhm in Anspruch nehme, daß ich sie mit der Geistesgegenwart sicherte, die wenige Männer unter leuchtenden Fackeln und klirrenden Waffen bewahren. Ich sicherte sie, Mylord, und hier ist sie.«
So sprechend, zog er aus der bereits erwähnten Jagdtasche die erstarrte Hand, die auf dem Schauplatze des Gefechts gefunden ward.
»Ei, Strumpfwirker,« sagte der Oberrichter, »ich glaube, Ihr seid Mann genug, um eines Schurken Hand zu sichern, nachdem sie vom Körper gehauen ist. – Was sucht Ihr so geschäftig in Eurer Tasche?«
»Es muß darin sein – es war darin – ein Ring, Mylord, der an dem Schurkenfinger stak. Ich fürchte, ich war vergeßlich und ließ ihn zu Hause, denn ich nahm ihn ab, um ihn meiner Frau zu zeigen, daß sie sich nichts aus der todten Hand machte, wie denn Weiber dergleichen Anblick nicht lieben. Ich dachte aber doch, ich hätt' ihn wieder an den Finger gesteckt. Trotzdem muß er, glaub' ich, zu Hause sein. Ich will darnach zurückreiten und Harry Schmied wird mit mir traben.« »Wir werden Alle mit dir traben,« sagte Sir Patrick Charteris, »da ich selber nach Perth will. Seht, ehrenwerthe Bürger und gute Nachbarn von Perth, Ihr mögt geglaubt haben, es liege mir nichts an Euren leichten Beschwerden und Klagen wegen des Bruchs Eurer Privilegien, z. B. was die Jagd aus Eurem Revier betrifft, das Ballspiel der Edelknappen in den Straßen und dergleichen. Aber bei der Seele Thomas Longueville's, Ihr werdet Patrick Charteris nicht träge finden in einer so wichtigen Sache. – Diese Hand,« fuhr er, das getrennte Glied in die Höhe haltend, fort, »gehört Einem, der keine Handarbeit verrichtete. Wir wollen sie an einem Orte aufstecken, wo der Eigner sie erkennen und beanspruchen kann, wenn seine Kameraden der Nachtschwärmerei noch einen Funken Ehre in sich haben. – Hört Ihr, Gerard – laßt gleich ein Paar Dutzend tüchtiger Leute aufsitzen und Panzer und Speer mit sich nehmen. Inzwischen, Nachbarn, wenn eine Fehde hieraus entspringt, was sehr wahrscheinlich ist, müssen wir einander beistehen. Wenn mein armes Haus angegriffen wird, wie viel Leute werdet Ihr mir zuführen?«
Die Bürger sahen Harry Gow an, an den sie sich instinktmäßig bei derartigen Erörterungen wendeten. »Ich will,« sagte er, »dafür stehen, daß fünfzig tüchtige Bursche beisammen sind, ehe die Stadtglocke zehn Minuten geläutet hat; tausend werden in Zeit von einer Stunde da sein.«
»Es ist gut,« antwortete der ritterliche Oberrichter; »und im Fall der Noth will ich der guten Stadt mit so viel Mannschaft zu Hilfe kommen, als ich auftreiben kann. Und nun, gute Freunde, steigen wir zu Pferde.«
Neuntes Kapitel
Weiß ich, wie diese Ding' ich schlichten soll,
Die so verworren sich mir aufgedrängt –
Nimmer, glaubt mir –
Richard II.
Es war kurz nach Mittag am St. Valentinstag, als der Prior der Dominikaner in seinem Berufe als Beichtiger beschäftigt war, und zwar vor einem Beichtenden von nicht geringem Ansehen. Dieser war ein ältlicher Mann von gutem Aeußern, blühende Gesundheit ruhte auf seinem Gesicht, welches ein ehrwürdiger weißer Bart umzog, der bis auf die Brust niederhing. Die großen und klaren blauen Augen, mit der hohen, breiten Stirn, drückten Würde aus; aber sie war von einer Art, daß sie mehr gewohnt schien, freiwillige Huldigungen zu empfangen, als sie, im Fall der Weigerung, zu erzwingen. Der gutmüthige Ausdruck war so groß, daß er fast eine Einfalt oder Charakterschwäche anzudeuten schien, die ihn unfähig machte, Zudringlichkeit zurückzuweisen oder Widerstand zu bewältigen. Auf seinen grauen Haaren ruhte ein kleiner goldener Kranz oder eine Krone über einer blauen Binde. Sein Rosenkranz bestand aus dicken, ziemlich plump gearbeiteten Kügelchen, war aber mit schottischen Perlen verziert, die sich durch Größe und Schönheit auszeichneten. Außerdem trug er keinen Schmuck, und seine ganze Kleidung bestand aus einem langen Gewand von karmoisinrother Seide und einem Gürtel von derselben Farbe. Nachdem er gebeichtet, erhob er sich nicht ohne Mühe von dem gestickten Kissen, worauf er gekniet hatte, und ging, auf einen Ebenholzstock mit einem Rabenschnabel gestützt, mit sichtbarer Anstrengung und hinkend auf einen Prunksessel zu, der unter einem Thronhimmel stand, und den man für ihn in das große hohe Gemach, worin er sich befand, neben das Kamin gestellt hatte. Dies war Robert, der Dritte dieses Namens und der Zweite der unglücklichen Familie Stuart, welcher den schottischen Thron einnahm. Er hatte viele Tugenden und war nicht ohne Talent; aber zu seinem großen Unglück, welches mehrere Prinzen dieses, von so vielfachem Mißgeschick heimgesuchten Hauses mit ihm theilten, waren seine vorzüglichen Eigenschaften nicht von der Art, daß sie ihn befähigt hätten, die Rolle zu spielen, wozu ihn seine Geburt berufen. Der König eines so rauhen Volkes, wie damals die Schotten waren, hätte ein tapferer, rüstiger Krieger sein müssen, der geleistete Dienste freigebig belohnte, die Verbrechen streng bestrafte, und dessen ganzes Wesen Furcht und Liebe zugleich einflößen konnte; aber Robert des Dritten Eigenschaften waren das Gegentheil von alledem. Er hatte zwar in seiner Jugend mehreren Schlachten beigewohnt, aber wenn er darin auch keine Schmach ärntete, so hatte er doch nie die ritterliche Begierde nach Krieg und Wagstücken, und das glühende Verlangen, sich durch gefährliche Thaten berühmt zu machen, an den Tag gelegt, welches man damals von Allen erwartete, die von edler Geburt waren und Ansprüche auf Ansehen machten.
Ueberdies war seine kriegerische Laufbahn sehr kurz. Im Getümmel eines Turniers erhielt der junge Graf von Carrick, dies war sein damaliger Titel, einen Schlag vom Pferde des Sir James Douglas von Dalkeith, in Folge dessen er zeitlebens lahm blieb, und völlig unfähig, ferner Theil am Kriege zu nehmen oder an kriegerischen Spielen und Turnieren, die ein Bild von jenem waren. Da Robert nie große Neigung zu solchen Uebungen bewiesen hatte, so bedauerte er wahrscheinlich nicht sehr, bei dergleichen Scenen keine Rolle spielen zu können. Aber dieser Unfall oder vielmehr die Folgen desselben setzten ihn in den Augen eines stolzen Adels und eines kriegerischen Volkes herab. Er mußte die wichtigen Regierungsgeschäfte bald einem Gliede seiner Familie, bald einem Andern überlassen, manchmal mit dem Titel Reichsstatthalter, und stets mit der solchem Range gebührenden Gewalt. Seine väterliche Liebe hätte ihn wohl bestimmt, einen Theil derselben seinem ältesten Sohne, einem talentvollen jungen Manne zu übertragen, den er zum Herzog von Rothsay ernannte, um ihm einen Rang zu verleihen, wodurch er dem Throne so nahe als möglich gebracht wurde; aber der junge Prinz hatte einen zu leichten Sinn und eine zu schwache Hand, um das Scepter mit Würde zu führen. Er liebte zwar die Macht, aber Vergnügungen waren seine Hauptleidenschaft, und zum Aergerniß des Volkes war der Hof Zeuge mannichfacher Liebeshändel, die sich der Prinz gestattete, dessen Aufführung für die Jugend des Landes ein Muster der Tugend und Ehrbarkeit hätte sein sollen.