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»Was das Verliebte betrifft, mein König, so versteh' ich wenig von solchen Dingen. Hinsichtlich des Friedlichen, so kamen drei oder vier Männer, zwei schrecklich verwundet, diesen Morgen vor Tagesanbruch, um das Recht des Heiligthums in Anspruch zu nehmen, verfolgt von schreienden Bürgern in ihren Hemden mit Knitleln, Piken, Streitäxten und zweihändigen Schwertern, indem immer Einer lauter als der Andere rief: schlagt zu, schlagt todt! Ja, sie waren nicht zufrieden, als unser Pförtner und Wächter ihnen sagte, daß die Verfolgten Zuflucht beim Altar der Kirche gefunden, sondern fuhren einige Minuten lang fort, zu lärmen und gegen das hintere Thor zu schlagen, verlangend, daß die Leute, die sich vergangen, ihnen ausgeliefert werden sollten. Ich fürchtete, ihr wilder Lärm möchte Ew. Majestät Ruhe stören und Euch in Schrecken setzen.«

»Meine Ruhe hätte gestört werden können,« sagte der Monarch; »aber daß das Geschrei mich erschreckt hätte – ach! ehrwürdiger Vater, in Schottland giebt es blos einen Platz, wo der Schrei des Opfers und die Drohungen des Unterdrückers nicht gehört werden – und der, Vater, ist – das Grab.«

Der Prior stand in ehrerbietigem Schweigen, die Gefühle des Monarchen theilend, dessen Herzenssanftmuth so schlecht mit dem Zustande und den Sitten seines Volkes übereinstimmte.

»Und was ward aus den Flüchtlingen?« fragte Robert, nachdem er eine Minute geschwiegen.

»Sie wurden, Sire,« sagte der Prior, »vor Tagesanbruch, wie sie wünschten, entlassen; wir schickten vorher hinaus, um gewiß zu sein, daß kein Hinterhalt ihrer Feinde in der Nähe sei, und darauf zogen sie ihres Weges in Frieden.«

»Ihr wißt nicht,« forschte der König, »wer die Männer waren, oder warum sie Zuflucht bei Euch suchten?«

»Der Grund,« sagte der Prior, »war ein Streit mit den Bürgern der Stadt; aber wie er entstand, ist uns nicht bekannt. Der Brauch unseres Hauses ist, vierundzwanzig Stunden hinter einander Zuflucht im Heiligthum St. Dominikus zu gewähren, ohne daß währenddem an die Unglücklichen eine Frage gerichtet würde, wer dort Schutz suche. Wenn sie längere Zeit zu bleiben wünschen, muß der Grund ihrer Flucht zur Freistätte in's Klosterbuch eingetragen werden; und, Preis sei unserm Heiligen, viele Personen entkamen der Schwere des Gesetzes durch diesen zeitweiligen Schutz, die wir, wenn wir den Charakter ihrer Verbrechen wußten, wohl selbst ihren Verfolgern pflichtgemäß hätten ausliefern müssen.« Während der Prior sprach, schwebte dem Monarchen ein dunkler Gedanke vor, daß das so streng geübte Privilegium der Freistätte den Lauf der Gerechtigkeit in seinem Reiche unziemlich unterbrechen müsse. Er unterdrückte aber dies Gefühl, als wäre es eine Eingebung des Satans gewesen, und gab sich Mühe, daß ihm kein Wort entschlüpfe, dem Geistlichen zu verrathen, daß ein so profaner Gedanke je in seinem Busen aufgestiegen sei; im Gegentheil, er eilte, auf einen andern Gegenstand zu kommen.

»Die Sonne,« sagte er, »bewegt sich recht langsam. Nach der schlimmen Nachricht, die Ihr mir gegeben habt, erwarte ich die Lords meines Raths früher, um ihnen wegen dieses unseligen Tumultes Aufträge zu ertheilen. Schlimm war das Geschick, welches mir das Scepter über ein Volk gab, unter welchem ich, wie es scheint, der einzige Mann bin, welcher Ruhe und Frieden wünscht!«

»Die Kirche wünscht stets Ruhe und Frieden«, fügte der Prior hinzu, der auch nicht duldete, daß selbst eine so allgemeine Bemerkung des armen Königs bedrücktem Gemüth entschlüpfe, ohne für die Ehre der Kirche eine sichernde Klausel beizufügen.

»So ist unsere Meinung auch nur,« sagte Robert. »Aber, Vater Prior, Ihr werdet zugeben, daß die Kirche, wenn sie Streit unterdrückt, wie ohne Zweifel ihre Absicht ist, der geschäftigen Hausfrau gleicht, die den Staub in Bewegung setzt, den sie hinweg fegen will.«

Auf diese Bemerkung würde der Prior Etwas erwidert haben, aber die Thür des Saales öffnete sich, und ein Kammerdiener meldete den Herzog von Albany.

Zehntes Kapitel

Edler Freund! Schilt ihre Luft nicht, gestern war sie traurig.

Und kann es morgen auch sein.

Joanna Bailie.

Der Herzog von Albany hieß, gleich seinem königlichen Bruder, Robert. Der Taufname des Letztern war Johann gewesen, bis er den Thron bestieg; der Aberglaube der Zeit bemerkte, daß der Name mit Mißgeschick verknüpft gewesen im Leben und der Regierung Johanns von England, Johanns von Frankreich und Johann Baliol's von Schottland. Man beschloß daher, daß, um dem bösen Omen vorzubeugen, der neue König sich Robert nennen solle, ein Name, welcher für Schottland durch die Erinnerung an Robert Bruce theuer war. Wir erwähnen dies aus Rücksicht auf das Vorhandensein zweier Brüder von gleichem Taufnamen in einer Familie, was jedenfalls eben so ungewöhnlich war, wie heutzutage.

Albany, gleichfalls ein bejahrter Mann, schien nicht mehr als der König zu kriegerischen Unternehmungen geneigt. Hatte er aber keinen Kriegsmuth, so hatte er die Klugheit, den Mangel jener Eigenschaften zu verstecken und zu umhüllen, überzeugt, daß dieser Fehler, wenn man ihn auch nur ahnte, alle Pläne stürzen würde, die sein Ehrgeiz entworfen. Auch war er stolz genug, im äußersten Falle Tapferkeit zu zeigen, wenn diese ihm gleich nicht eigenthümlich war, und besaß so viel Herrschaft über sich, um seine Nervenreizbarkeit zu verbergen. Uebrigens war er ein gewandter Staatsmann, ruhig, kalt und schlau; seine Blicke waren immer auf das Ziel gerichtet, das er zu erreichen wünschte, wenn es noch in weiter Ferne lag, und er verlor es nie aus dem Gesicht, wenn gleich die Krümmungen des Weges, den er einschlug, oft nach ganz entgegengesetzter Richtung führen zu müssen schienen. In seiner Person glich er dem König, denn sein Wuchs und seine Haltung war eben so edel und majestätisch; was er jedoch vor dem ältern Bruder voraus hatte, war, daß er nicht gebrechlich und im Allgemeinen gewandter und lebhafter war. Seine Kleidung war reich und gewählt, wie sie sein Alter und Rang forderte, und gleich seinem königlichen Bruder trug er gar keine Waffen, indem ein Besteck kleiner Messer an seinem Gürtel den Ort einnahm, wo sonst ein Dolch stak, sobald man kein Schwert trug.

Bei des Herzogs Eintritt zog sich der Prior, eine ehrerbietige Verbeugung machend, nach einer Vertiefung des Saales zurück, etwas entfernt vom Sitze des Königs, um die Unterhaltung der Brüder nicht durch Gegenwart einer dritten Person zu stören. Es muß hier erwähnt werden, daß die Vertiefung durch ein Fenster gebildet wurde, welches sich an der innern Fronte der Klostergebäude befand, die man Palast nannte, weil sich die schottischen Könige häufig hier aufhielten, obwohl gewöhnlich der Prior oder Abt hier wohnte. Das Fenster, über dem Haupteingange zu den königlichen Gemächern gelegen, sah auf den innern Hof des Klosters, der zur Rechten durch die lange, prächtige Kirche, zur Linken durch ein Gebäude begrenzt wurde, worin sich die Zellen, das Refektorium, die Probstei und andere Zimmer befanden. Diese ganze Partie stand abgesondert von dem Flügel, den König Robert mit seinem Hofstaat einnahm. Eine vierte Reihe von Gebäuden, deren äußere Fronte gegen Morgen lag, bestand aus einem großen Hospitium zur Aufnahme der Fremden oder Pilger, und aus den Magazinen für die großen Vorräthe, deren die glänzende Gastfreiheit der Dominikaner bedurfte. Ein hohes Gewölbe führte durch die östliche Fronte in den innern Hof, es lag gerade dem Fenster gegenüber, an welchem der Prior Amseln stand, und er konnte durch die dunkle Halle sehen und die Lichtstrahlen bemerken, die durch das östliche, offenstehende Thor in das Gewölbe hineinfielen, aber wegen der Höhe und Tiefe desselben konnte er das gegenüberliegende Portal nur undeutlich unterscheiden. Es ist nothwendig, diese Oertlichkeiten zu merken. Wir kehren zurück zu der Unterhaltung zwischen den fürstlichen Brüdern.