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»Mein lieber Bruder,« sagte der König, den Herzog von Albany zurückhaltend, als dieser ihm die Hand küssen wollte; »mein lieber, lieber Bruder, wozu diese Förmlichkeit? Sind wir nicht Beide Söhne desselben Stuart von Schottland und derselben Elisabeth More?«

»Ich habe nicht vergessen, daß dem also ist,« sagte Albany, sich aufrichtend; »aber ich darf, bei aller Vertraulichkeit gegen den Bruder, die Ehrerbietung nicht vernachlässigen, die dem König gebührt.«

»O, wahr, sehr wahr, Robin,« antwortete der König. »Der Thron gleicht einem hohen und dürren Felsen, auf dem nie eine Blume oder Staude Wurzel fassen kann. Alle freundlichen Gefühle, alle zärtlichen Neigungen versagt man einem König. Ein König darf einen Bruder nicht an sein Herz drücken – er darf seiner Zärtlichkeit gegen einen Sohn nicht nachgeben!«

»Das ist in mancher Hinsicht das Loos der Größe, Sire,« antwortete Albany; »aber der Himmel, der von Ew. Majestät Sphäre die Glieder Eurer eigenen Familie etwas entfernte, hat Euch ein ganzes Volk zu Euren Kindern gegeben.«

»Ach, Robert!« antwortete der Monarch, »Euer Herz ist besser geeignet für die Pflichten eines Monarchen, als das meine. Ich sehe von der Höhe, auf welche das Schicksal mich stellte, auf die Menge, die ihr meine Kinder nennt – ich liebe sie, ich will ihnen wohl – aber ihrer sind viel und sie sind fern von mir. Ach! selbst der Geringste von ihnen hat ein geliebtes Wesen, das er an's Herz drücken kann, und dem er die Zärtlichkeit eines Vaters weihen darf; aber Alles, was ein König einem Volke geben kann, ist ein Lächeln, wie es die Sonne den Schneegipfeln der Grampischen Gebirge schenkt, so fern und so wirkungslos! Ach, Robin, unser Vater pflegte uns zu liebkosen, und wenn er uns schalt, so geschah es mit freundlichem Tone; doch war er Monarch so gut als ich, und warum sollte mir nicht erlaubt sein, gleich ihm, meinen armen verlorenen Sohn durch Zärtlichkeit so gut als durch Strenge zu bessern?«

»Wäre Zärtlichkeit nie versucht worden, mein König,« erwiderte Albany im Tone eines Menschen, der eine Meinung ausspricht, deren Aeußerung ihn schmerzt, »so müßte allerdings zuerst von sanften Mitteln Gebrauch gemacht werden. Ew. Majestät können am besten urtheilen, ob man diese Mittel nicht schon lange genug angewendet hat, und ob Strenge nicht wirksamer wäre. Es steht ausschließlich in Eurer königlichen Macht, gegen den Herzog von Rothsay die Maßregeln zu nehmen, die Ihr für sein und des Reiches Bestes am geeignetsten haltet.«

»Das ist unfreundlich, Bruder,« sagte der König; »Ihr zeigt mir den schmerzlichen Weg, den ich betreten soll, aber Ihr bietet mir keine Unterstützung dabei.«

»Ueber meine Unterstützung hat Ew. Majestät stets zu gebieten,« erwiderte Albany; »würde es aber mir unter allen andern Männern anstehen, Euch zu harten Maßregeln gegen Euren Sohn und Erben anzutreiben? Mir, auf den im Falle des Erlöschens Eurer königlichen Familie, was Gott verhüte, diese verhängnißvolle Krone übergehen würde? Würde nicht der gewaltthätige March und der stolze Douglas sagen und denken, Albany habe den Samen der Zwietracht gestreut zwischen seinen Bruder, den König, und den Erben des Thrones von Schottland, um zu diesem den Weg seinem eigenen Hause zu bahnen? Nein, mein König – ich kann Eurem Dienste mein Leben opfern, aber ich darf meine Ehre nicht in Gefahr bringen.«

»Ihr habt Recht, Robin, Ihr habt sehr Recht,« erwiderte der König, der sich beeilte, den Worten seines Bruders seine eigene Deutung zu geben. »Wir dürfen nicht dulden, daß diese mächtigen und gefährlichen Lords merken, es sei ein Zwiespalt in der königlichen Familie. Das ist vor Allem zu verhüten, und daher wollen wir noch ein Mal Nachsicht versuchen in der Hoffnung, Rothsay von seinen Verirrungen zurückzubringen. Ich bemerke manchmal an ihm Funken von Verstand, die ihn liebenswürdig machen; er ist jung, sehr jung, er ist Prinz und das wilde Feuer der Jugend lodert bei ihm noch in voller Kraft. Wir wollen Geduld mit ihm haben, wie ein guter Reiter mit einem unlenksamen Roß. Laßt diesen leichten Sinn austoben, und Niemand wird dann zufriedener mit ihm sein, als Ihr. Ihr habt mir schon manchmal vorgeworfen, ich sei zu zurückgezogen, zu still, – Rothsay hat diese Fehler nicht.«

»Ich wette mein Leben, daß er sie nicht hat,« antwortete Albany trocken.

»Und es mangelt ihm ebenso wenig Verstand, als Lebendigkeit,« fuhr der König fort, der die Sache seines Sohnes gegen den Bruder verfocht. »Ich habe nach ihm geschickt, damit er heute dem Rathe beiwohne, und wir werden sehen, wie er seiner Pflicht nachkommt. Ihr selber gebt zu, Robin, daß dem Prinzen weder Scharfsinn noch Gewandtheit zu Geschäften fehlen, wenn er aufgelegt ist, sich damit zu befassen.«

»Ohne Zweifel fehlt es ihm nicht daran, mein König,« erwiderte Albany, »wenn er aufgelegt ist, sich damit zu befassen.«

»So sag' ich,« entgegnete der König; »und es freut mich herzlich, daß Ihr mir beistimmt, Robin, bei dem armen unglücklichen jungen Manne noch ein Mal Nachsicht anzuwenden. Er hatte keine Mutter mehr, um seine Sache bei einem unwilligen Vater zu vertreten. Daran muß man sich erinnern, Albany.«

»Ich hoffe,« sagte Albany, »das Verfahren, welches Eurer Majestät Gefühl am angenehmsten ist, werde sich als das weiseste und beste bewähren.«

Der Herzog durchschaute ganz gut die einfache Kriegslist, wodurch sich der König den Schlüssen seiner Bemerkungen zu entziehen, und, unter dem Vorwande seiner Genehmigung, einen entgegengesetzten Weg einzuschlagen suchte, als der ihm empfohlen worden. Aber obwohl er sah, daß er ihn nicht bewegen konnte, den angegebenen Weg einzuschlagen, so mochte er doch nicht alle Hoffnung aufgeben, entschlossen, eine bessere Gelegenheit zu erwarten, die ihm die Mißhelligkeiten zwischen dem König und dem Prinzen bald gewähren sollten.

Inzwischen rief König Robert, aus Furcht, sein Bruder möchte den verhaßten Gegenstand, dem er soeben entgangen, wieder aufnehmen, laut den Prior der Dominikaner herbei. »Euer Posten beherrscht den Schloßhof, ehrwürdiger Vater. Ich höre Pferdegetrappel. Seht aus dem Fenster und sagt uns, wer kommt. Ist es nicht Rothsay?«

»Der edle Graf von March mit seinem Gefolge,« sagte der Prior.

»Ist sein Gefolge stark?« fragte der König. »Betreten seine Leute den Hof?«

Im nämlichen Augenblicke flüsterte Albany dem König zu: »Fürchtet nichts – die Brandanen [So hießen die Bewohner der Insel Bute, aus denen die königliche Leibwache bestand.] Eures Hauses stehen unter den Waffen.«

Der König nickte dankend, während der Prior vom Fenster die Frage beantwortete: »Der Graf ist begleitet von zwei Pagen, zwei Herren und vier Knechten. Ein Page folgt ihm auf der Haupttreppe und trägt seiner Herrlichkeit Schwert. Die andern halten im Hofe, und – Benedicite! was ist das? – Hier ist eine wandernde Sängerin, die sich mit ihrer Laute unter den königlichen Fenstern zum Gesang anschickt, im Kloster der Dominikaner, wie sie es im Hofe einer Schenke könnte. Ich will sie sogleich fortweisen lassen.«

»Nicht so, Vater,« sagte der König. »Laßt mich für die arme Pilgerin bitten. Die sogenannte ›fröhliche Kunst‹, welche sie treibt, ist trübselig vereint mit der Armuth und dem Elend, wozu dies wandernde Geschlecht der Minstrels verdammt ist. Darin gleicht es den Königen, die allenthalben auf ihrem Wege mit Freuden empfangen werden und umsonst nach dem friedlichen Glücke seufzen, das der ärmste Landmann im Schooße seiner Familie genießt. Die wandernde Sängerin soll nicht fortgewiesen werden, Vater; laßt sie, wenn sie will, vor den Dienern und Reitern im Hofe singen. Vielleicht wird dadurch verhütet, daß sie handgemein werden, wie sie pflegen, die so wilden und feindseligen Herren angehören.«

So sprach der wohlwollende und gemüthsschwache Fürst, und der Prior verbeugte sich gehorsam. Während er sprach, trat der Graf von March in den Audienzsaal, gekleidet in die gewöhnliche Rittertracht der Zeit, und den Dolch an der Seite. Er hatte den Edelknaben, der sein Schwert trug, im Vorzimmer gelassen. Der Graf war ein wohlgebauter, schöner Mann von blühendem Aussehen, sein Haar dicht und blond, und seine glänzenden blauen Augen funkelten wie die eines Adlers; in seinem, übrigens angenehmen, Betragen entwickele er einen reizbaren, jähzornigen Charakter, und seine Stellung in der Welt als angesehener, mächtiger Lehnsherr gab ihm nur zu viel Freiheit, seinen Leidenschaften nachzuhängen.