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Als der Inhalt des Felleisens verteilt war, ging es wieder ans Trinken, womit die Männer den größten Teil der Nacht zubrachten. Brown hoffte anfangs, sie würden sich völlig berauschen und ihm dadurch Gelegenheit zur Flucht geben; aber die Vorsicht, die ihr gefährliches Gewerbe notwendig machte, zwang sie, bei ihren Ausschweifungen Maß zu halten. Drei von ihnen legten sich endlich zur Ruhe, der vierte aber wachte und wurde nach zwei Stunden von einem andern abgelöst. Nach der zweiten Wache wurden die Schlafenden aufgeweckt, und man schien sich zum Aufbruche zu rüsten. Zwei Männer holten darauf eine Hacke und einen Spaten hervor, ein dritter fand eine Axt hinter dem Stroh, worauf der Leichnam lag. Mit diesen Werkzeugen gingen sie hinaus, während drei von ihnen, darunter die beiden rüstigen Seeleute, als Wächter zurückblieben. Ungefähr eine halbe Stunde nachher kam einer zurück und flüsterte dem andern etwas zu. Darauf wickelten alle den Leichnam in den Mantel und trugen ihn hinaus.

Meg Merrilies erhob sich sogleich, und als sie eine Weile an der Tür gelauscht hatte, kam sie zurück und befahl ihrem Gaste mit leiser gedämpfter Stimme, ihr sogleich zu folgen. Er gehorchte. Als er aus der Hütte ging, wollte er sein Geld, wenigstens seine Papiere wieder an sich nehmen, aber sie verbot es durchaus, und da er selbst bedachte, daß auf die Alte, die sein Leben, wie es schien, gerettet hatte, aller Verdacht fallen würde, wenn er etwas wegnehmen wollte, so gab er den Gedanken auf, nach seinem Eigentume zu greifen, und begnügte sich, einen Säbel sich anzueignen, den einer der Männer auf die Seite geworfen hatte.

Es war ein kalter Wintermorgen. Die blendende Schneefläche ringsumher erhöhte das matte Licht der Dämmerung. Brown warf einen Blick in die Gegend, um sich künftig der Stelle wieder erinnern zu können. Der verfallene Turm, worin er die Nacht zugebracht hatte, stand auf dem Rande eines Felsens, der über dem Flusse hing, und war nur von einer Seite, und zwar von der tiefen Schlucht her, zugänglich. Auf den übrigen Seiten aber war der Felsen so steil abgeschnitten, daß Brown am vorigen Abend mehr als einer Gefahr entgangen war; denn hätte er, wie es einmal seine Absicht gewesen, es versucht, rings um den Turm zu gehen, so würde er unvermeidlich seinen Untergang gefunden haben. Die Schlucht war so enge, daß die mit Schnee beladenen Wipfel der Bäume auf beiden Seiten an einigen Stellen sich berührten und ein Gewölbe über den Fluß bildeten, der langsam in der Tiefe rann. Auf der Stelle, wo die Schlucht sich ein wenig erweiterte und eine schmale Fläche zwischen dem Ufer und der steilen Bergwand sich ausbreitete, lagen die Trümmer des Dörfchens, durch die Brown in der verflossenen Nacht gekommen war. Die zerstörten Giebel, deren innere Seiten von Torfruß glänzten, sahen noch schwärzer aus gegen den Schnee, den der Wind ihnen entgegengetrieben hatte.

Brown konnte nur einen sehr flüchtigen Blick auf diese winterliche, traurige Landschaft werfen, denn als seine Führerin einen Augenblick verweilt hatte, als ob sie ihm hätte gestatten wollen, seine Neugierde zu befriedigen, ging sie schnell den Pfad hinab, der in das Tal führte. Er bemerkte, nicht ohne eine Regung des Argwohns, daß sie einen Weg nahm, den schon verschiedene Fußstapfen bezeichneten, ohne Zweifel von den Räubern, die die Nacht im Turme zugebracht hatten. Nach kurzem Nachdenken aber gab er seinen Verdacht auf. Sollte die Alte, die ihn den Zigeunern überliefern konnte, als er wehrlos war, erst in dem Augenblicke, wo er Waffen hatte und sich im freien Felde befand, zur Verräterin werden wollen? Er folgte ihr nun vertrauensvoll und schweigend. Der Weg ging durch das Bächlein, den frischen Fußstapfen nach, die weiter durch das zerstörte Dorf und dann in die Schlucht hinab führten, die bald wieder enger wurde. Endlich aber verließ die Zigeunerin diese Spur, und seitwärts sich wendend, wählte sie einen rauhen, unebenen Pfad zu der Bergwand hinan, die über das Dörfchen hing. Fast überall waren die Fußpfade verschneit; Meg Merrilies aber ging mit einem festen, sichern Schritt voran, der ihre genaue Bekanntschaft mit der Gegend verriet. Als sie die Höhe erreicht hatten, breitete sich eine weite, offene Gegend aus, die auf der einen Seite durch ein dichtes Gehölz begrenzt wurde.

Meg Merrilies ging weiter, längs dem Rande der Schlucht, bis sie unten Stimmen hörte. Darauf zeigte sich auf einmal, nicht weit entfernt, eine dichte Baumallee ... »Der Weg nach Kippletringan,« sprach sie, »läuft auf der andern Seite des Gehölzes. Aber macht, so schnell Ihr könnt! Es liegt mehr an Eurem Leben, als an dem andrer Leute. Und doch ... Ihr habt alles verloren ...«

Sie suchte in einer ungeheuren Tasche und zog einen schmutzigen Beutel hervor ... »Meg und die Ihrigen haben viel Almosen von Eurem Hause empfangen, und sie hat so lange leben sollen, daß sie etwas ersetzen kann.«

Mit diesen Worten legte sie den Beutel in seine Hand.

»Das Weib ist unsinnig,« dachte Brown; aber es war nicht Zeit, über die Sache Worte zu wechseln, da die Stimmen aus der Tiefe wahrscheinlich den Räubern gehörten ... »Wie soll ich Euch das Geld erstatten?« sprach er; »wie soll ich Euch für die Güte erkenntlich werden, die Ihr mir bewiesen habt?«

»Ich habe zwei Bitten an Euch,« antwortete die Zigeunerin, sehr leise und schnell. »Fürs erste sollt Ihr nie etwas von allem sagen, was Ihr heute nacht gesehen habt. Fürs zweite sollt Ihr diese Gegend nicht verlassen, ohne mich noch einmal zu sehen, und Ihr müßt mir im Wirtshause zu Kippletringan Nachricht lassen, wo Ihr zu finden seid; und wenn ich Euch rufe, es mag in der Kirche sein, oder auf dem Markte, auf der Hochzeit, oder beim Begräbnis, am Sonntage oder am Sonnabend, Fleischtag oder Fasttag, Ihr müßt alles verlassen und zu mir kommen.«

»Aber was wird Euch das helfen können, Mutter?«

»Euch gar viel, und das ist's, woran ich denke. Ich bin nicht toll, wenn auch gar vieles mich um den Verstand hätte bringen können. Ich bin nicht toll, ich fasele nicht und bin auch nicht betrunken; ich weiß, was ich verlange; ich weiß es, es ist Gottes Wille gewesen, Euch aus wunderbaren Gefahren zu erretten, und ich soll das Werkzeug sein, Euch wieder auf Eures Vaters Sitz zu bringen. Drum gebt mir Euer Wort und denkt daran, daß Ihr mir das Leben verdankt, in dieser gesegneten Nacht.«

»Wahrlich,« dachte Brown, »es ist etwas Wildes in ihrem Wesen, aber es ist mehr das Wilde der Kraft als des Wahnsinns... Wohlan, Mutter,« fuhr er fort, »ich gebe Euch mein Wort, da Ihr eine so unnütze geringe Gunst fordert. Es wird mir wenigstens Gelegenheit geben, Euch Euer Geld zu erstatten, und mit einer Zugabe.«

»Fort, Fort!« rief sie, mit der Hand winkend. »Denkt nicht ans Geld; es ist Euer eigen; aber denkt an Euer Versprechen und wagt es nicht, mir zu folgen und mir nachzusehen.«

Mit diesen Worten eilte sie in die Schlucht, und hinter ihr fielen Eiszapfen und Schneeflocken nieder, als sie verschwand.

Trotz ihres Verbotes suchte Brown eine Stelle auf dem Bergrande, wo er ungesehen in das Tal hinabblicken könnte, und es gelang ihm nach einigen Schwierigkeiten. Er fand eine Felsenspitze, die steil unter Bäumen und Gestrüpp hervorsprang. Brown kniete auf den Schnee, und vorsichtig das Haupt vorstreckend, konnte er beobachten, was in der Tiefe der Schlucht vorging. Er sah, wie er erwartet hatte, seine nächtlichen Gefährten, zu denen nun noch ein paar andere Männer gekommen waren. Sie hatten den Schnee am Fuße des Felsens weggeräumt und eine tiefe Grube gemacht, die zu einem Grabe dienen sollte. Alle standen rings umher und senkten eine Last, die in einen Schiffermantel gehüllt war, hinab, wie Brown sogleich vermutete, die Leiche des Mannes, den er in der vorigen Nacht hatte sterben sehen. Darauf standen sie einige Augenblicke schweigend, als ob ein teilnehmendes Gefühl über den Verlust ihres Gefährten in ihnen erwacht wäre. Alle Hände regten sich nun, das Grab zuzuwerfen, und da Brown bemerkte, daß die Arbeit bald vollendet war, so hielt er es für das sicherste, den Wink der Zigeunerin zu befolgen und schnell voran zu gehen, um das Gehölz zu erreichen.