»Es freut mich, Euch zu sehen, Mylord von March,« sagte der König mit huldvoller Verbeugung. »Ihr seid lange nicht in unserm Rathe gewesen?«
»Mein Lehnsherr,« antwortete March mit einer tiefen Verbeugung vor dem König, und einem stolzen und förmlichen Gruße gegen den Herzog von Albany, »wenn ich in Eurer Majestät Rathe fehlte, so geschah es, weil angenehmere und ohne Zweifel gewandtere Räthe meine Stelle einnahmen. Ich komme nur, Eurer Majestät zu sagen, daß die Nachrichten, die ich von der englischen Grenze erhalten habe, es nöthig machen, daß ich ohne Verzug auf meine Güter zurückkehre. Ihr habt Euren Bruder, den weisen, klugen Herzog von Albany, mit dem Ihr Beschlüsse fassen könnt, und den mächtigen, tapferen Grafen Douglas, sie auszuführen. Ich kann nur in meinem Gebiete Dienste leisten, und bin entschlossen, mit Eurer Majestät Erlaubniß sofort dorthin zurückzukehren, um mein Amt als Wächter der östlichen Grenze zu versehen.«
»Ihr werdet nicht so unfreundlich gegen uns sein, Vetter,« erwiderte der sanfte Monarch. »Es sind schlimme Zeitungen vorhanden. Die unseligen Hochlandclans fangen wieder an, sich offen zu empören, und die Ruhe des Hofes heischt die Unterstützung unserer besten Räthe und tapfersten Barone, um zu vollziehen, was wir zu thun Willens sind. Der Nachkomme Thomas Randolphs wird gewiß den Enkel Robert Bruce's in solcher Zeit nicht verlassen.«
»Ich lasse bei ihm den Nachkommen des weltberühmten James von Douglas,« antwortete March. »Es ist seiner Herrlichkeit Stolz, daß er nie den Fuß in den Steigbügel setzt, ohne daß tausend Reiter zugleich mit ihm als tägliche Leibwache aufsitzen, und ich glaube, die Mönche von Aberbrothock werden das beschwören. Gewiß, die Ritter von Douglas vermögen besser einen Haufen empörter Hochländer zurückzuschlagen, als ich den englischen Bogenschützen und der Macht Henry Hotspurs Widerstand zu leisten. Ueberdies ist hier seine Hoheit, der Herzog von Albany, der für die Sicherheit Ew. Majestät so gut sorgt, daß er Eure Brandanen unter die Waffen treten läßt, wenn sich ein gehorsamer Unterthan der Residenz seines Königs nähert mit einem armseligen halben Dutzend Reiter, dem Gefolge des geringsten Barons, der eine Burg und tausend Acker dürres Land besitzt. Wenn man solche Vorsichtsmaßregeln trifft, wo sich nicht der geringste Schein von Gefahr zeigt – denn ich hoffe, daß man keine von mir befürchtete – da wird Eure königliche Person vor wirklicher Gefahr gewiß sicher bewacht sein.«
»Mylord von March,« sagte der Herzog von Albany, »die geringsten der Barone, von denen Ihr sprecht, lassen ihre Begleiter unter die Waffen treten, selbst wenn sie ihre liebsten und nächsten Freunde hinter der Eisenpforte ihres Schlosses empfangen; und wenn es unsrer lieben Frau gefällt, werd' ich nicht minder für die Sicherheit der Person des Königs sorgen, als sie für ihre eigene thun. Die Brandanen sind des Königs unmittelbares Gefolge und seine Leibwache, und hundert von ihnen ist nur eine schwache Bedeckung für einen König, da Ihr selbst, Mylord, so wie der Graf von Douglas, oft mit zehn Mal mehr reitet.«
»Edler Herzog,« erwiderte March, »wenn es der Dienst des Königs erfordert, kann ich mit zehn Mal so viel Leuten, als Ihr nanntet, reiten; nie aber that ich es in verräterischer Absicht gegen den König, oder aus Stolz, um es andern Edlen zuvorzuthun.«
»Bruder Robert,« sagte der König, der immer eifrig Frieden zu stiften suchte, »Ihr thut Unrecht, einen Verdacht gegen Mylord von March anzudeuten; und Ihr, Vetter March, laßt der Weisheit meines Bruders keine Gerechtigkeit widerfahren. – Aber hört – um dies mißliche Gespräch zu unterbrechen, – ich vernehme keinen ungefälligen Gesang. Ihr kennt die fröhliche Kunst, Mylord von March, und habt sie gern. – Tretet an jenes Fenster, neben den frommen Prior, an den wir keine Frage über weltliche Vergnügungen richten mögen; und darum sollt Ihr uns sagen, ob die Musik und der Gesang verdienen von uns gehört zu werden. Die Worte sind französisch, glaub' ich – meines Bruders von Albany Urtheil gilt in solchen Dingen nichts – daher sollt Ihr, Vetter, uns sagen, ob die arme Sängerin eine Belohnung verdient. Unser Sohn und Douglas werden gleich hier sein, und dann, wenn unser Rath versammelt ist, wollen wir ernstere Dinge verhandeln.«
Mit einer Art von Lächeln auf seinem stolzen Gesicht ging March in die Fenstervertiefung und stand dort schweigend neben dem Prior, gleich Einem, der, während er des Königs Befehle gehorcht, die ängstliche Vorsicht, die diesen veranlaßte, durchschaute, womit der Monarch einen Streit zwischen ihm und Albany abzuwenden suchte. Die Weise, welche auf einer Laute gespielt wurde, war anfangs fröhlich und heiter, mit einem Anflug der lebendigen Art der Troubadours. Allmälig aber wurden die Töne des Instrumentes und die weibliche Stimme, die sie begleiteten, klagend und gedehnt, als dämpfte sie das schmerzliche Gefühl der Sängerin.
Der beleidigte Graf, welcher Art auch seine vom König gerühmte Kennerschaft in solchen Dingen sein mochte, zollte, wie sich denken läßt, der Musik der Sängerin wenig Aufmerksamkeit. Sein stolzes Herz kämpfte zwischen der seinem Souverain schuldigen Treue, so wie der Liebe, die noch in seinem Busen für den gutmüthigen König lebte, und dem Verlangen nach Rache, welches sein getäuschter Ehrgeiz und die Schmach erweckte, die ihm widerfuhr, als Marjory Douglas statt seiner verlobten Tochter die Braut des muthmaßlichen Thronerben wurde. March hatte die Fehler und Tugenden der unentschlossenen Charaktere, und selbst wenn er sich vom König in der Absicht beurlaubt hätte, die ihm geschworene Treue zu brechen, hätte er, auf seinen Gütern angelangt, über ein so strafbares, so gefahrvolles Unternehmen nicht mit sich in's Reine kommen können. Solche gefährliche Gedanken beschäftigten ihn, während das Lied der Sängerin begonnen hatte; aber Gegenstände, die seine Aufmerksamkeit mächtiger fesselten, während die Sängerin fortfuhr, nahmen den Gang seiner Gedanken ein, und richteten sie auf das, was im Klosterhofe vorging. Der Gesang war in provençalischem Dialekt, wohlverstanden bei allen europäischen, und besonders dem schottischen Hofe, als Sprache der Dichtkunst. Das Lied war indeß einfacher, als gewöhnlich bei den Troubadours, und glich mehr der Weise eines normannischen Minnesängers. Es lautete in unserer Sprache etwa so:
Das Lied der armen Louise.
Arme Louise! Tagelang
Geht stets durch Hütt' und Schloß ihr Gang!
Da warnt ihr Spiel und ihr Gesang:
Vorm Waldpfad, Mädchen, sei euch bang',
Denkt an Louise.
Arme Louise! Glühend bricht
Der Sonne Gluth auf Wang' und Gesicht,
Nah' war der Waldpfad, kühl und dicht,
Wo Vogelsang beim Bächlein spricht
Froh zu Louise.
Arme Louise! Des Bären Brut
Hat nie hier im schönen Hain geruht;
Kein Wolf weilt hier an Naches Fluth –
Doch besser wär's, tränken sie das Blut
Der armen Louise.
Arme Louise! Im Waldesgrün
Naht ihr ein Jäger schön und kühn;
In Seid' und Gold – die Augen sprühn –
Manch süßes Wort macht heiß erglühn
Die arme Louise.
Arme Louise! Nicht Angst noch Pein
Hat dir gemacht des Goldes Schein;