Ihre gebräunte Gesichtsfarbe, die schneeweißen Zähne, die glänzenden schwarzen Augen und Rabenlocken sagten, daß ihre Heimath im fernen Süden Frankreichs lag, und das schalkhafte Lächeln und Grübchenkinn trug denselben Charakter. Ihr schönes, um eine kleine goldene Nadel gelocktes Haar war von einem golddurchwirkten Netz zusammengehalten. Ein kurzes Röckchen mit Silberborde, welches dem Jäckchen entsprach, rothe Strümpfe, die bis zur Mitte des Beines sichtbar waren und kurze Stiefel von spanischem Leder vollendeten ihren Putz, der zwar nicht neu, aber festlich und mit großer Sorgfalt erhalten war. Sie schien etwa fünfundzwanzig Jahr alt zu sein, aber vielleicht hatten Mühseligkeiten und Wanderungen der Zeit vorgegriffen und die Frische ihrer Jugend beeinträchtigt.
Wir sagten, das Benehmen der Sängerin sei lebhaft gewesen und wir können hinzufügen, daß ihr Lächeln und ihre Antworten schnell waren. Aber ihre Fröhlichkeit war erzwungen, weil diese eine der Haupteigenschaften eines Standes war, der unter seine Unannehmlichkeiten auch die zählte, daß er häufig nöthigte, den Kummer des Herzens unter einem Lächeln zu verbergen. Dies schien Louisens Fall zu sein, die, weil sie wirklich die Heldin ihrer eigenen Ballade war, oder aus irgend einem andern Grunde zur Traurigkeit, oft wider Willen eine Folge schwermüthiger Gedanken ausdrückte, welche die von Ausübung der fröhlichen Kunst geforderte Lebhaftigkeit des Geistes mäßigten. Auch fehlte ihr das kecke, freche Lachen der Frauen ihres Standes, die nie in Verlegenheit waren, auf eine unschickliche Geberde zu antworten, oder das Gelächter gegen Einen zu richten, der sie unterbrach oder störte.
Es mag hier bemerkt sein, daß diese Klasse von Frauen, in damaliger Zeit sehr zahlreich, unmöglich in besonderer Achtung stehen konnte. Sie waren indeß durch die Sitten der Zeit geschützt; und von der Art waren die Freiheiten, die sie besaßen durch die Gesetze der Chevalerie, daß nichts seltener war, als diese irrenden Damen sich über erlittene Kränkungen und Unrecht beklagen zu hören. Ohne Gefahr gingen sie an Orten ab und zu, wo bewaffnete Männer wahrscheinlich blutigen Widerstand gefunden hätten. Aber, obwohl, ihrer Kunst zu Ehren, geduldet und geschützt, führten doch die Minstrels beiderlei Geschlechts, wie die wandernden Musikanten und Schauspieler der neuen Zeit, ein zu ungeordnetes und armseliges Leben, um ein geachteter Theil der Gesellschaft zu sein. Ja, unter den strengern Katholiken galt ihr Beruf für unerlaubt.
So war das Mädchen, welches, die Laute in der Hand und auf der erwähnten geringen Erhöhung stehend, gegen die Umstehenden vortrat und sich als Meisterin der fröhlichen Kunst darstellte, dazu erkoren und berechtigt durch das Zeugniß eines Hofes der Liebe und Musik, der zu Aix in der Provence unter dem Vorsitze der Blüthe der Ritterschaft, des tapfern Grafen Aymer, gehalten worden. Und sie bat nun die, durch die weite Welt wegen ihrer Tapferkeit und Artigkeit bekannten schottischen Ritter, einer armen Fremden den Versuch zu gestatten, ihnen durch ihre Kunst einige Unterhaltung zu gewähren. – Die Liebe zum Gesang war damals, wie die Liebe zum Ruhme, allgemeine Leidenschaft, die Jeder zur Schau trug, er mochte sie haben oder nicht; daher wurde der Vorschlag Louisens allgemein angenommen. In diesem Augenblick hielt ein alter Mönch, der sich unter den Zuhörern befand, es für nöthig, das Mädchen zu erinnern, daß, weil sie in Mauern geduldet werde, wo man nicht gewohnt sei, Personen ihres Standes zu empfangen, er hoffe, es werde nichts gesagt oder gesungen werden, was mit dem heiligen Charakter des Ortes im Widerspruch stände.
Die Sängerin neigte das Haupt tief, schüttelte die Rabenlocken und bekreuzte sich ehrerbietig, als bekenne sie die Unmöglichkeit einer solchen Uebertretung, und darauf begann sie das Lied von der armen Louise, welches wir am Schlusse des letzten Kapitels mittheilten.
Kaum hatte sie begonnen, als sie ein Geschrei unterbrach: »Platz – Platz – Raum für den Herzog von Rothsay!«
»Ei, übereilt Niemand meinetwegen,« sagte ein artiger junger Kavalier, der auf einem edlen arabischen Hengste erschien, den er mit vieler Grazie regierte, obwohl durch so leichte Führung der Zügel, so unmerklichen Druck der Seiten des Pferdes, daß das Thier aus freiem Willen weiter zu gehen und einen Reiter zu tragen schien, der zu nachlässig war, um sich selber deshalb zu bemühen.
Des Prinzen Anzug, obwohl sehr reich, war mit großer Nachlässigkeit angelegt. Seine Gestalt, obgleich er nicht groß und seine Glieder schwächlich waren, war vorzüglich schön; und nicht minder hübsch waren seine Gesichtszüge. Aber auf seiner Stirn lag ein bleiches verstörtes Wesen, welches eine Folge von Sorge oder Ausschweifung war, oder von beiden zerstörenden Ursachen zugleich. Seine Augen waren eingesunken und trübe, wie von einem Gelage der letzten Nacht, während seine Wange von unnatürlicher Röthe flammte, sei es, daß die Wirkung bacchanalischer Orgien noch nicht verschwunden, oder daß ein Morgentrunk angewendet worden war, um die Folgen der nächtlichen Ausschweifung zu beseitigen.
So war der Herzog von Rothsay und Erbe der schottischen Krone zugleich ein Anblick der Theilnahme und des Mitleides. Alle zogen die Mützen und machten ihm Platz, während er gleichgiltig wiederholte: »Nichts übereilt – ich werde bald genug den Ort erreichen, der mich ruft. – Was ist das? ein Mädchen von der fröhlichen Kunst? Ja, bei St. Giles! und eine hübsche Dirne obendrein. Wartet, meine lustigen Leute; Minnesang ward nie durch mich gestört. – Eine gute Stimme, bei allen Heiligen! Fang' das Lied von vorn an, mein Liebchen.«
Louise kannte den Mann nicht, von dem sie angeredet ward; aber die Achtung, die ihm alle zollten und die leichte und gleichgiltige Manier, wie er sie aufnahm, zeigten ihr, daß sie von einem hochgestellten Manne angeredet wurde. Sie begann ihr Lied wieder und sang besser; der junge Prinz wurde gegen den Schluß der Ballade nachdenklich, aber er pflegte traurige Eindrücke nicht lange festzuhalten. »Das ist ein traurig Lied, mein nußbraunes Mädchen,« sagte er, indem er der jungen Sängerin unter's Kinn griff und sie beim Kragen ihres Kleides hielt, was nicht schwer war, da er dicht neben den Stufen, wo sie stand, zu Pferde saß. »Aber ich wette, Ihr habt fröhlichere Lieder, ma bella tenebrosa; ja, und könnt in einer Laube so gut singen, als im Freien, und bei Nacht so gut, als bei Tage.«
»Ich bin keine Nachtigall, Mylord,« sagte Louise, die sich bemühte, einer Galanterie zu entgehen, die schlecht für Ort und Umstände paßte, eine Ungehörigkeit, wogegen er, der sie anredete, ganz gleichgiltig zu sein schien.
»Was hast du da, Liebchen?« setzte er hinzu, seine Hand vom Kragen nach dem Beutel bewegend, den sie trug.
Louise war froh, von seiner Hand frei zu sein, indem sie den Knoten des Bandes löste und den kleinen Beutel in des Prinzen Hand ließ, wobei sie, weit genug zurücktretend, antwortete: »Nüsse, Mylord, vom letzten Frühling.«
Der Prinz nahm eine Hand voll Nüsse heraus. »Nüsse, Kind! – sie werden deine Elfenbeinzähne brechen – deiner artigen Stimme schaden,« sagte Rothsay, eine Nuß, gleich einem Dorfschuljungen, mit den Zähnen aufknackend.
»Es sind nicht die Wallnüsse meiner sonnigen Heimath, Mylord,« sagte Louise; »aber sie hängen tief und die Armen können sie erreichen.«