»Ihr sollt Etwas haben, was besser für Euch ist, mein armes wanderndes Aeffchen,« sagte der Herzog in einem Tone, worin mehr Gefühl lag, als in der gezierten und vornehmen Artigkeit seiner ersten Anrede.
In diesem Augenblicke, als er sich wandte, um von einem Begleiter seine Börse zu fordern, begegnete der Prinz dem strengen und durchbohrenden Blicke eines großen schwarzen Mannes, der auf einem gewaltigen eisengrauen Hengste saß, und mit seinem Gefolge den Hof betreten hatte, während der Herzog von Rothsay mit Louise beschäftigt war. Jener blieb jetzt erstaunt und fast versteinert vor Ueberraschung und Zorn bei dem unziemlichen Schauspiel. Wer auch den schwarzen Douglas noch nie gesehen hatte, der würde ihn an seiner schwarzbraunen Farbe, seinem riesigen Wuchs, seinem Koller von Büffelhaut und seiner Miene voll Muth, Festigkeit und Scharfsinn, vermischt mit unbändigem Stolze, erkannt haben. Der Verlust eines Auges in der Schlacht, obwohl beim ersten Anblick nicht bemerkbar, da der verletzte Augapfel dem andern ähnlich geblieben war, gab dem ganzen Gesichte einen strengen und unbeweglichen Ausdruck.
Das Zusammentreffen des königlichen Schwiegersohnes mit seinem furchtbaren Schwiegervater geschah unter Umständen, welche die Aufmerksamkeit aller Anwesenden darauf lenkten, und die Zuschauer erwarteten den Erfolg mit Schweigen, und hielten den Athem an, damit ihnen nichts von dem, was vorginge, entgehen möchte.
Als der Herzog von Rothsay den Ausdruck sah, den die strengen Züge Douglas' zeigten, und bemerkte, daß der Graf nicht die geringste Bewegung zu ehrerbietigem oder nur höflichem Gruße machte, schien er entschlossen, ihm zu zeigen, wie wenig er seine mißfälligen Blicke zu beachten geneigt sei. Er nahm die Börse von dem Kämmerer.
»Da, hübsches Kind,« sagte er, »ich gebe dir ein Goldstück für das Lied, das du mir gesungen hast, ein zweites für die Nüsse, die ich dir entwendet habe, und ein drittes für den Kuß, den du mir geben wirst. Denn wisse, artiges Kind, wenn schöne Lippen (und deine können in Ermanglung besserer so heißen) süße Musik zu meinem Vergnügen machen, so habe ich St. Valentin geschworen, sie an die meinigen zu drücken.«
»Mein Gesang ist fürstlich bezahlt,« – sagte Louise, zurückbebend; »meine Nüsse sind um einen guten Preis verkauft – weiterer Handel, Mylord, würde für Euch nicht passen und mir nicht ziemen.«
»Wie, Ihr thut spröde, meine Nymphe von der Landstraße?« sagte der Prinz verächtlich. »Wißt, Mädchen, daß Euch Einer um eine Gunst bittet, der keine Weigerung gewohnt ist.«
»Es ist der Prinz von Schottland – der Herzog von Rothsay« – sagten die Hofleute rings zu der erschreckten Louise, das zitternde junge Weib vorwärts drängend; »Ihr müßt ihn nicht böse machen.«
»Aber ich kann Eure Herrlichkeit nicht erreichen,« sagte sie schüchtern, »Ihr sitzt zu hoch zu Rosse.«
»Muß ich absteigen,« sagte Rothsay, »so wird die Buße um so schwerer sein – warum zittert die Dirne? Stelle deinen Fuß auf die Spitze meines Stiefels und reich mir die Hand – so war's brav!« Er küßte sie, während sie so in der Luft schwebend auf seinem Fuße und von ihm gehalten, stand; und dabei sagte er: »Da ist dein Kuß, und da ist meine Börse, ihn zu bezahlen; und um dich ferner zu ehren, wird Rothsay deinen Beutel für immer tragen.« Er ließ das erschrockene Mädchen auf den Boden springen, und wandte seine Blicke von ihr, um sie verächtlich auf den Grafen Douglas zu lenken, als wollte er sagen: »Alles dies thu' ich trotz Euch und Eurer Tochter Ansprüchen.«
»Beim heiligen Zaum von Douglas!« sagte der Graf, sich nach dem Prinzen drängend, »dies ist zu viel, unbärtiger Knabe, ebenso weit entfernt von Verstand, als Ehre! Ihr wißt, welche Rücksichten Douglas' Hand zurückhalten, sonst hättet Ihr nimmer gewagt – «
»Könnt Ihr mit Schnellkugeln spielen, Mylord?« sagte der Prinz, eine Nuß auf das zweite Glied seines Zeigefingers legend, und sie mit dem Daumen fortschnellend. Die Nuß traf Douglas' breite Brust, welcher einen furchtbaren Ausruf des Zornes hören ließ, unartikulirt, aber ähnlich dem Gebrüll eines Löwen an Tiefe und Härte. »Ich bitt' Euch um Verzeihung, mächtiger Lord,« sagte der Herzog von Rothsay höhnend, während alle Anwesenden zitterten; »ich dachte nicht, daß Euch meine Kugel verwunden könnte, da Ihr ein Büffelkleid tragt. Hoffentlich traf ich doch Euer Auge nicht?«
Der Prior, der, wie wir im letzten Kapitel sahen, vom König abgeschickt wurde, hatte sich indessen durch die Menge gedrängt, und indem er Douglas' Zügel auf eine Weise ergriff, daß er nicht vorwärts konnte, erinnerte er ihn, daß der Prinz der Sohn seines Souverains und der Gemahl seiner Tochter sei.
»Fürchtet nichts, Sir Prior,« sagte Douglas. »Ich verachte den kindischen Knaben zu sehr, als daß ich nur einen Finger gegen ihn erheben sollte. Aber ich will Beleidigung mit Beleidigung vergelten. – Hier, wer von Euch den Douglas liebt, – jagt mir diese Bettlerin aus dem Hofe und laßt sie geißeln, damit sie sich bitterlich bis an ihr Ende erinnern möge, daß sie einem unehrerbietigen Knaben das Mittel gab, Douglas zu beleidigen!«
Vier oder fünf vom Gefolge traten sogleich vor, um Befehle zu vollziehen, die selten umsonst ertheilt wurden, und schwer würde Louise für ein Vergehen gebüßt haben, wozu sie die unschuldige, unbewußte und unfreiwillige Ursache war, wäre der Herzog von Rothsay nicht dazwischen getreten.
»Das arme Mädchen fortjagen!« sagte er mit tiefem Unwillen; »sie peitschen, weil sie meinem Befehl gehorchte! – Jage deine eigenen unterdrückten Vasallen, roher Graf! – geißele deine eigenen schlechten Hunde – aber hütet Euch, daß Ihr wie einen Hund den behandelt, dem Rothsay das Haupt streichelte, geschweige denn ein Mädchen, dessen Lippen er geküßt hat!«
Bevor Douglas eine Antwort geben konnte, die jedenfalls herausfordernd gewesen wäre, erhob sich jener große Tumult am äußern Klosterthor, den wir bereits erwähnten, und Männer zu Pferd und zu Fuß begannen hastig herein zu stürzen, nicht eigentlich unter einander fechtend, aber jedenfalls auf unfriedliche Weise.
Eine der streitenden Parteien waren, wie es schien, Lanzknechte des Douglas, kenntlich durch das Zeichen des blutigen Herzens, die andere Partei bestand aus Bürgern der Stadt Perth. Es schien, daß sie außerhalb des Thores ernstlich gekämpft hatten, aber aus Ehrfurcht vor dem geweihten Boden senkten sie ihre Waffen, als sie eintraten, und beschränkten ihren Streit auf einen Wortkrieg und Schimpfreden.
Der Tumult hatte die gute Wirkung, den Prinzen und Douglas in dem Augenblicke zu trennen, wo der Leichtsinn des Einen und der Stolz des Andern sie zur größten Heftigkeit getrieben hatte. Aber von allen Seiten erschienen nun Friedenstifter. Der Prior und die Mönche warfen sich unter den Haufen und geboten im Namen des Himmels und der Ehrerbietung, die man heiligen Orten schuldig sei, bei Strafe der Excommunication, Frieden. Man gab ihren Bitten nach. Der Herzog von Albany, der von seinem Bruder gleich im Anfang des Zankes abgeschickt worden war, kam in diesem Augenblicke herbei. Er wandte sich sogleich an Douglas und beschwor ihn leise, seine Hitze zu mäßigen.
»Beim heiligen Zaum von Douglas, ich will Rache!« sagte der Graf. »Kein Mensch soll sich des Lebens freuen, nachdem er Douglas beleidigt hat.«
»Ei, so mögt Ihr Euch zu passender Zeit rächen,« sagte Albany; »aber laßt Euch nicht nachsagen, daß der große Douglas, wie ein zänkisches Weib, weder Zeit noch Ort zur Rache zu wählen gewußt habe. Bedenkt, daß Alles, was wir gethan haben, auf dem Punkt steht, durch einen unseligen Umstand gestört zu werden. Georg von Dunbar hat eine geheime Audienz bei dem guten Manne gehabt, und währte sie auch nur fünf Minuten, so fürcht' ich, er hat den König vermocht, eine Verbindung aufzulösen, die wir mit so viel Mühe zu Stande brachten. Die Bestätigung von Rom ist noch nicht erlangt.«
»Ach Possen!« antwortete Douglas hochmüthig. – »Sie wagen nicht, sie aufzulösen.«