Sie gingen vorwärts. Bruder Cyprian öffnete am Ende einer langen Gallerie ein kleines Gemach oder vielleicht eine Kapelle, denn es war mit einem Kruzifix geschmückt, vor welchem vier Lampen brannten. Alle neigten und bekreuzten sich, und der Priester sagte zur Sängerin, auf das Kruzifix zeigend: »Was sagt dies Zeichen?«
»Daß Er den Sünder so gut wie den Gerechten zu sich ladet.«
»Ja, wenn der Sünder von seiner Sünde abläßt,« sagte der Mönch, dessen Stimme offenbar milder war. »Bereite dich hier zu deiner Reise.«
Louise blieb ein paar Augenblicke in der Kapelle und erschien sogleich wieder in einem Mantel von grobem grauem Tuch, worein sie sich dicht gehüllt hatte, indem sie soviel von ihrer auffallenden Kleidung, als die Zeit gestattete, in das Körbchen gelegt, welches zuvor ihren gewöhnlichen Anzug enthielt.
Der Mönch entriegelte sogleich eine Thür, welche in's Freie führte. Sie befanden sich in dem Garten, der das Kloster der Dominikaner umgab. »Das südliche Thor ist nur verriegelt und ihr könnt unbemerkt hindurch,« sagte der Mönch. »Gott segne dich, mein Sohn; und er segne auch dich, unglückliches Kind. Gedenke, wo du deine eitlen Gewänder ablegtest und hüte dich, sie je wieder anzuthun!«
»Ach, Vater!« sagte Louise, »könnte die arme Fremde die einfachen Bedürfnisse des Lebens durch eine ehrenvollere Beschäftigung gewinnen, so möchte sie gern dieser eitlen Kunst entsagen. Aber – –«
Aber der Mönch war verschwunden, ja, dieselbe Thür, durch die sie eben gekommen, schien auch verschwunden zu sein, so merkwürdig war sie durch einen beweglichen Pfeiler, wie unter den reichen gothischen Mauerzierrathen versteckt. »Hier ist nun freilich ein Weib durch die geheime Thür herausgelassen,« dachte Harry. »Gebe der Himmel, daß die guten Väter keines wieder einlassen. Der Ort scheint ganz geeignet zum Versteckenspielen. – Aber, Benedicite, was ist nun zu thun? Ich muß die Dirne so geschwind als möglich loswerden – und ich muß sie in Sicherheit bringen. Denn mag sie eigentlich sein, wie sie will, sie sieht so sittsam aus, nunmehr sie ehrbare Kleidung trägt, als daß sie die Mißhandlung des wilden Schotten von Galloway oder die der Teufelslegion von Liddell verdienen sollte.«
Louise stand da, als wartete sie, welchen Weg Harry sie führen werde. Ihr kleiner Hund, erleichtert durch den Wechsel der dunklen unterirdischen Wölbung mit der freien Luft, sprang in wilden Sätzen durch die Gänge und hüpfte an seiner Gebieterin empor; ja er umkreiste auch, obwohl schüchterner, des Schmiedes Füße, um auch diesem seine Zufriedenheit auszudrücken und seine Gunst zu gewinnen.
»Nieder, Charlot, nieder!« sagte die Sängerin. »Du freuest dich, wieder im hellen Sonnenlicht zu sein; aber wo werden wir die Nacht ruhen, mein armer Charlot?«
»Und nun, Mistreß,« sagte der Schmied – nicht unfreundlich, denn dies lag nicht in seiner Natur, aber kurz, wie Einer, der ein unangenehmes Geschäft zu endigen wünscht, – »wohin liegt Eure Straße?«
Louise blickte zu Boden und schwieg. Auf's Neue gedrängt, zu sagen, welchen Weg sie geführt zu sein wünschte, blickte sie wieder abwärts und erklärte, sie könne es nicht sagen.
»Kommt, kommt,« sagte Harry, »ich versteh' Alles – ich bin ein munterer Bursch' gewesen – ein Wildfang zu meiner Zeit – aber 's ist am besten, man ist offen. Wie die Sachen jetzt mit mir stehen, so bin ich seit vielen, vielen Monaten ein anderer Mann; und daher, meine Gute, müssen Ihr und ich uns vielleicht eher trennen, als sich ein junges hübsches Weib wie Ihr eigentlich trennen möchte von – einem ansehnlichen jungen Burschen.«
Louise weinte still, die Augen immer noch zu Boden gesenkt, wie Jemand, der eine Beleidigung fühlt, worüber er kein Recht hat sich zu beklagen. Endlich, als sie merkte, daß ihr Führer ungeduldig ward, sagte sie mit gebrochener Stimme: »Edler Sir –«
»Sir gehört für einen Ritter,« sagte der ungeduldige Bürger, »und edel für einen Baron. Ich bin Harry vom Wynd, ein ehrsamer Handwerker und von freier Zunft.«
»Nun, guter Handwerker,« sagte die Sängerin, »Ihr beurtheilt mich hart, aber ohne scheinbaren Grund. Ich wollte Euch sogleich von meiner Gesellschaft befreien, die vielleicht guten Männern wenig Ehre bringt, wüßt' ich nur, wohin ich gehen sollte.«
»Zum nächsten Jahrmarkt oder Feste gewiß,« sagte Harry rauh, indem er nicht zweifelte, daß ihre Traurigkeit nur verstellt sei, um ihn zu fesseln, und vielleicht auch, weil er fürchtete, selbst in Versuchung zu gerathen; »und es ist das Fest des heiligen Madox zu Auchterarder. Gewiß wirst du den Weg dorthin recht gut finden.«
»Aftr – Auchter –« wiederholte die Sängerin, vergebens mit ihrer südlichen Zunge die Celtischen Laute versuchend. »Man sagt mir, meine armen Lieder würden nicht verstanden, wenn ich jenen schrecklichen Bergen näher käme.«
»Wollt Ihr also in Perth bleiben?«
»Aber wo wohnen?« sagte die Fremde.
»Ei, wo wohntet Ihr die letzte Nacht?« erwiderte der Schmied. »Ihr wißt sicherlich, woher Ihr kommt, obwohl Ihr zweifelhaft scheint, wohin Ihr gehen sollt.«
»Ich schlief im Hospitium des Klosters. Aber ich ward nur mit großer Schwierigkeit zugelassen und man befahl mir, nicht wiederzukommen.«
»Nein, sie werden Euch nimmer aufnehmen, da Ihr des Douglas Zorn auf Euch geladen, das ist nur zu wahr. Aber der Prinz erwähnte Sir John Ramorny's – ich kann Euch durch Seitengassen zu seiner Behausung führen, – obwohl dies kein Geschäft für einen ehrlichen Bürger ist, und meine Zeit drängt.«
»Ich will gehen, wohin es sei – ich weiß, ich bin ein Aergerniß und eine Last. Es gab eine Zeit, wo es anders war. – Aber wer ist dieser Ramorny?«
»Ein artiger Ritter, der ein munteres Junggesellenleben führt, und Knappe und Privado, wie man sagt, des jungen Prinzen ist.«
»Wie! des wilden, höhnischen jungen Mannes, der Anlaß zu jenem Skandal gab? – O, bringt mich nicht dorthin, guter Freund! Ist keine christliche Frau da, die einem armen Wesen in ihrem Stall oder ihrer Scheune für eine Nacht Ruhe gönnen möchte? Ich will mit Tagesanbruch fortgehen. Ich habe Gold und ich will Euch auch bezahlen, wenn Ihr mich wohin führen wollt, wo ich sicher vor dem wilden Schwärmer bin und vor den Dienern des schwarzen Barons, in dessen Blicken der Tod lag.«
»Behaltet Euer Gold für die, die es brauchen, Mistreß,« sagte Harry, und bietet nicht ehrlichen Händen das Geld an, was durch Lautenspiel, Fiedeln, Tanzen und vielleicht schlimmeres Handwerk gewonnen ist. Ich sag' Euch geradezu, Mistreß, ich lasse mich nicht bethören. Ich bin bereit, Euch zu jedem sichern Orte zu führen, den Ihr nennt, denn mein Versprechen ist so fest, wie eine Eisenspange. Aber Ihr macht mich nicht glauben, als wüßtet Ihr nicht wohin. Ihr seid nicht so jung in Eurem Gewerbe, um nicht zu wissen, daß es Wirthshäuser in jeder Stadt gibt, zumal in einer Stadt wie Perth, wo Euresgleichen Herberge für Geld finden kann, wenn Ihr nicht einen mehr oder weniger großen Dummkopf findet, der Eure Zeche bezahlt. Wenn Ihr Geld habt, Mistreß, so hab' ich wenig Sorge um Euch; und in der That seh' ich wenig mehr als Vorwand in dem übertriebenen Kummer und der Furcht, allein zu sein, bei Jemand von Eurem Beruf.«
Nachdem er so, wie er glaubte, angezeigt hatte, er lasse sich durch die gewöhnlichen Künste einer Sängerin nicht täuschen, ging er einige Schritte vorwärts, indem er sich einbildete, er handle so am weisesten und klügsten; er konnte sich aber nicht enthalten, zurückzusehen, wie Louise seinen Abschied ertrüge, und war betroffen, als er bemerkte, daß sie auf ein Beet gesunken war, die Arme auf den Knieen und das Haupt auf den Armen ruhend, in einer Lage, welche die höchste Verzweiflung ausdrückte.
Der Schmied suchte sein Herz zu verhärten, »'s ist Alles Schein,« sagte er, »die Dirne kennt ihr Geschäft – ich will drauf schwören, bei St. Ringan.«
In diesem Augenblicke zerrte Etwas am Saume seines Kleides, und als er sich umsah, erblickte er den kleinen Hund, der sogleich, als wollte er seiner Gebieterin Sache vertreten, sich auf die Hinterbeine stellte und zu tanzen begann, zu gleicher Zeit winselnd und nach Louise zurücksehend, als wollte er für seine verlassene Herrin Mitleiden erregen.