»Armes Thier,« sagte der Schmied, »auch du verstellst dich vielleicht nur, denn du thust nur, was man dich gelehrt hat. – Doch, da ich dies arme Wesen zu schützen versprach, so darf ich sie nicht in einer Ohnmacht verlassen, wenn es eine ist, geschah' es auch nur aus Menschlichkeit.«
Als er umkehrte und sich seiner beschwerlichen Bürde näherte, erkannte er sogleich an ihrer veränderten Gesichtsfarbe, daß sie entweder wirklich sehr unwohl sei, oder eine Macht der Verstellung besitze, wie kein Mann, ja vielleicht keine Frau begreifen könnte.
»Junges Weib,« sagte er mit mehr Freundlichkeit, als er bisher an den Tag zu legen vermocht hatte, »ich will Euch offen sagen, wie es mit mir steht. Es ist heute St. Valentinstag, und der Sitte nach muß ich ihn bei meiner schönen Valentine zubringen. Aber Schläge und Streit haben den ganzen Morgen weggenommen, bis auf eine armselige halbe Stunde. Nun könnt Ihr wohl einsehen, wo mein Herz und meine Gedanken sind, und wo, wär' es auch nur der Höflichkeit wegen, mein Leib sein sollte.«
Die Sängerin lauschte und schien ihn zu begreifen.
»Wenn Ihr ein ächter Liebender seid, und eine keusche Valentine zu besuchen habt, so verhüte Gott, daß Meinesgleichen Euch eine Störung bereiten sollte. Denkt nicht mehr an mich. Ich will diesen großen Fluß als Führer zum Meere nehmen, wo sich, wie man sagt, ein Hafen befindet; von dort will ich nach dem schönen Frankreich segeln, und noch ein Mal meine Heimath begrüßen, wo der roheste Bauer das ärmste Weib nicht so kränken würde.«
»Ihr könnt heute nicht nach Dundee gehen,« sagte der Schmied. »Die Leute des Douglas sind auf beiden Seiten des Flusses in Bewegung, denn der Lärm vom Morgen muß sie schon erreicht haben; und den ganzen Tag, und den nächsten, und die ganze Nacht, die dazwischen ist, während sie sich zu ihres Führers Fahne sammeln, wie Hochländer zum feurigen Kreuz. Seht Ihr jene fünf oder sechs Männer, die so rasch am andern Ufer des Flusses reiten? Das sind Leute von Annandale; ich kenne sie an ihren langen Lanzen und an der Art, wie sie sie tragen. Ein Mann von Annandale läßt seinen Speer nie rückwärts hängen, sondern trägt die Spitze immer aufwärts oder vorwärts.«
»Und was ist mit ihnen?« sagte die Sängerin. »Sie sind Bewaffnete und Krieger – sie werden mich meiner Laute und meiner Hilflosigkeit wegen schonen.«
»Ich will ihnen nichts Böses nachsagen,« antwortete der Schmied. »Wäret Ihr in ihren eigenen Thälern, würden sie Euch gastfrei behandeln und Ihr hättet nichts zu fürchten; aber jetzt sind sie im Felde. Alles ist Fisch, was in ihr Netz kommt. Es gibt unter ihnen welche, die Euch das Leben nehmen würden Eurer goldnen Ohrringe wegen. Ihre ganze Seele ruht in ihren Blicken, um Beute zu sehen, und in ihren Händen, um sie zu ergreifen. Sie haben keine Ohren, um Lieder zu hören, oder auf eine Bitte um Gnade zu horchen. Ueberdies haben sie einen Befehl von ihrem Führer hinsichtlich Eurer, und der Befehl ist von einer Art, daß er sicher befolgt wird. Ach, großen Herren schenken sie eher Gehorsam, wenn es heißt, brennt eine Kirche nieder, als wenn sie sagen, baut eine auf.«
»Dann,« sagte die Sängerin, »ist das Beste, ich setze mich hin, um zu sterben.«
»Sprecht nicht so,« erwiderte der Schmied. »Wenn ich nur ein Nachtquartier für Euch erlangen könnte, so führte ich Euch morgen an die Treppe bei unsrer lieben Frau, von wo die Fahrzeuge stromab nach Dundee gehen, und übergebe Euch Jemand am Bord, der für Eure Sicherheit sorgte, damit Ihr gute Bewirthung und freundliche Behandlung fändet.«
»Guter – trefflicher – großmüthiger Mann!« sagte die Sängerin. »Thut das, und wenn die Gebete und Segenswünsche einer armen Unglücklichen je den Himmel erreichen, so werden sie für Euch emporsteigen. Wir werden uns an jener Hinterpforte treffen, um die Zeit, wo die Boote abgehen.«
»Das ist um sechs Uhr Morgens, so wie der Tag anbricht.«
»Also geht nur zu Eurer Valentine; – und wenn sie Euch liebt, o, so hintergeht sie nicht.«
»Ach, armes Mädchen! ich fürchte, Täuschung hat dich in diesen Zustand gebracht. Aber ich darf Euch nicht so unversorgt verlassen. Ich muß wissen, wo Ihr die Nacht zubringen werdet.«
»Sorgt nicht darum,« erwiderte Louise. – »Der Himmel ist hell. – Es gibt Büsche und Gesträuche genug am Flusse; Charlot und ich können wohl für eine Nacht ein Blätterlager als Schlafgemach nehmen; und morgen werd' ich, mit Eurer versprochenen Hilfe, aus dem Bereich der Kränkung und Beleidigung kommen. O, die Nacht vergeht bald, wenn man Hoffnung auf den Morgen hat! – Zögert Ihr noch, während Eure Valentine auf Euch wartet? Ei, ich werde Euch nur für einen lauen Liebhaber halten, und Ihr wißt, was der Tadel eines Minstrels gilt.«
»Ich kann Euch nicht verlassen, Mädchen,« antwortete der Waffenschmied. »Es wäre geradezu Mord, ließ' ich Euch die Nacht unter der Strenge eines schottischen Februarwindes zubringen. Nein, nein, – mein Wort wär' auf diese Weise schlecht gehalten; und lief' ich Gefahr, Tadel zu ärnten, so wär's gerechte Strafe, daß ich übel von Euch dachte und Euch durch ein Betragen kränkte, das Ihr gewißlich nicht verdient. Kommt mit mir, Mädchen – Ihr sollt für die Nacht sicher wohnen, was auch daraus werde. Es wär' ein schlechtes Kompliment für meine Katharina, ließ ich ein armes Geschöpf umkommen, um mich eine Stunde früher ihrer Gesellschaft zu freuen.«
So sprechend, und indem er sich gegen jede Ahnung der üblen Folgen stählte, die eine solche Maßregel haben könnte, entschloß sich her mannhafte Schmied, der Verläumdung Trotz zu bieten und der Fremden in seinem eigenen Hause eine Zuflucht für die Nacht zu geben. Es muß noch bemerkt werden, daß er dies mit großem Widerstreben und nur in einer Art von Begeisterung des Wohlwollens that.
Bevor unser wackerer Sohn des Vulkan dem schönen Mädchen von Perth seine stete Verehrung weihte, stellte ihn eine gewisse natürliche Wildheit des Charakters unter den Einfluß der Venus so gut wie unter den des Mars; und es war nur die Folge redlicher Neigung, die ihn gänzlich von solchen ungebundenen Freuden abgelenkt hatte. Er war daher mit Recht eifersüchtig auf seinen neuerworbenen Ruf der Beständigkeit, den sein Betragen gegen die arme Fremde dem Verdachte aussetzen konnte – auch fürchtete er sich vielleicht selbst ein wenig vor Versuchung – und besonders verzweifelte er darüber, daß er so viel vom St. Valentinstage verlor, den der Brauch nicht nur erlaubte, sondern selbst verpflichtete bei der Genossin des Jahres zuzubringen. Die Reise nach Kinfauns, und die mancherlei folgenden Vorgänge hatten den Tag weggenommen und es war nun fast Vesperzeit.
Als könnte er durch eiligen Schritt die Zeit einbringen, die er für einen Gegenstand verwenden mußte, der jenem, welcher ihm am Herzen lag, so fremd war, ging er durch den Dominikanergarten, betrat die Stadt, und, indem er den Mantel dicht um den untern Theil seines Gesichtes schlug und zur Verhüllung des obern die Mütze herunterzog, lief er mit der nämlichen Eile weiter durch die Straßen und Gäßchen, indem er sein Haus auf dem Wynd zu erreichen hoffte, ohne bemerkt zu werden. Als er aber seinen Weg so rasch zehn Minuten lang verfolgt hatte, begann er zu glauben, sein Schritt möchte für das junge Weib zu scharf sein. Er sah sich daher mit einer Art von Ungeduld um. die sich aber bald in Reue verwandelte, als er sie fast ganz erschöpft vor übermäßiger Anstrengung sah.
»Ei, wahrlich, wär' ich doch werth als wilde Bestie aufgehängt zu werden,« sagte Harry zu sich selbst. »Und hätt' ich noch größere Eile, könnte das dem armen Geschöpf Flügel geben? Und sie hat noch dazu Gepäck zu tragen! Ich bin ein ungeleckter Bär, das ist gewiß, sobald sich's um Weiber handelt; und immer werd' ich Unrecht thun, wenn ich den besten Willen habe, gut zu sein. – Hört, Mädchen, laßt mich das Zeug für Euch tragen. Wir kommen dann schneller vorwärts.«