Das Gemach, welches Harry und die Sängerin aufnahm, war die Küche, die unter Leuten vom Stande des Schmiedes als Wohnzimmer diente, obwohl Einige, wie Simon Glover, auch ein Speisezimmer hatten, getrennt von dem, worin ihre Speisen bereitet wurden. Im Winkel dieses Gemachs, welches außerordentlich sauber gehalten war, saß eine alte Frau, deren sorgfältige Kleidung und die Nettigkeit, mit welcher sie den Scharlachplaid auf dem Kopfe trug, so daß er zu beiden Seiten auf die Schultern fiel, einen höhern Rang angedeutet haben könnte, als den der Luckie Shoolbred, der Haushälterin des Schmieds. Aber dieser und kein anderer war ihr Titel; und da sie der Frühmesse nicht beigewohnt hatte, saß sie ruhig beim Feuer, während ihr halbgebeteter Rosenkranz über den Arm hing; ihr halblautes Gebet hielt oft auf den Lippen still, und ihre halbgeschlossenen Augen schlummerten, während sie den erwartete, dessen Amme sie gewesen, ohne die Stunde errathen zu können, wo er zurückkehren würde. Sie fuhr beim Geräusch seines Eintrittes empor und wandte ihr Auge auf die Gefährtin, zuerst mit einem Blick des höchsten Staunens, welches sich allmälig in den Ausdruck des höchsten Mißvergnügens verwandelte.
»Nun, die Heiligen schützen mein Augenlicht, Harry Schmied!« – rief sie sehr andächtig aus.
»Amen von ganzem Herzen. Schnell ein Bißchen zu essen, gute Amme, denn ich fürchte, diese Fremde wird nur leicht zu Mittag gespeist haben.«
»Und ich bitte nochmals, daß unsere Frau mein Augenlicht schütze vor den schnöden Blendwerken des Satans.«
»So sei es, sag' ich Euch, gute Frau. Aber wozu all dies Bitten und Beten? Hört Ihr mich nicht? oder wollt Ihr nicht thun, was ich Euch heiße?«
»Er muß es doch selber sein, wie's auch zugehe! Aber o! Er sieht dem bösen Feinde ähnlicher, da ihm ein solch Gepäck am Mantel hängt. – O, Harry Schmied! Die Leute nannten Euch um geringere Dinge einen wilden Burschen; aber wer hätte je gedacht, daß Harry ein liederlich Weibsstück unter das Dach bringen könnte, das seine würdige Mutter deckte, und wo seine eigene Amme dreißig Jahre lang gewohnt hat!«
»Haltet Ruhe, alte Frau, und seid vernünftig,« sagte der Schmied. »Diese Sängerin ist kein Liebchen für mich, noch für sonst Jemand, den ich kenne; aber sie geht morgen früh mit dem Boten nach Dundee, und wir müssen sie bis dahin beherbergen.«
»Beherbergen!« sagte die alte Frau. »Ihr mögt solchem Vieh Quartier geben, wenn es Euch gefällt, Harry Wynd; aber dasselbe Haus soll nicht die liederliche Dirne und mich beherbergen, darauf verlaßt Euch.«
»Eure Mutter ist böse auf mich,« sagte Louise, das Verhältniß der Andern mißdeutend. »Ich will nicht bleiben, um ihr Aergerniß zu geben. Wenn ein Stall vorhanden ist, so wird er ein genügendes Lager für mich und Charlot gewähren.«
»Ja, ja; ich denke, an solches Quartier seid Ihr am besten gewöhnt,« sagte Frau Shoolbred.
»Hört, Amme Shoolbred,« sagte der Schmied; »Ihr wißt, ich liebe Euch um Euretwillen selbst, und meiner Mutter wegen; aber bei St. Dunstan! der ein Heiliger meines eigenen Gewerbes war, ich will in meinem Hause zu befehlen haben; und wenn Ihr keinen bessern Grund, als Euren unsinnigen Verdacht, vorbringt, indem Ihr mich verlaßt, so mögt Ihr erwägen, wie Ihr Euch die Thür öffnen wollt, wenn Ihr zurückkehrt; denn ich werd' Euch nicht dabei helfen, das sag' ich Euch.«
»Ei nun, mein Sohn, dies soll mich nie zwingen, den ehrlichen Namen dranzuwagen, den ich sechzig Jahre bewahrte. Es war nie Eurer Mutter Sitte, und soll nie die meine sein, Landstreicher und Bänkelsängerinnen aufzunehmen; und ich brauche nicht lange nach einer Wohnung zu suchen, wenn ich nicht will, daß mich dasselbe Dach mit einer solchen Prinzessin deckt.«
Damit begann die strenge Hofmeisterin in großer Eile ihren Tartanmantel zurecht zu legen, um fortzugehen, indem sie ihn so weit vorzog, daß er ihre weiße Linnenhaube deckte, deren Saum ihr runzeliges, aber frisches und gesundes Gesicht umzog. Darauf ergriff sie einen Stab, den treuen Gefährten ihrer Gänge, und ging auf die Thür zu, als der Schmied zwischen sie und den Ausgang trat.
»Wartet wenigstens, Alte, bis wir abgerechnet haben. Ich bin Euch noch Lohn schuldig.«
»Und das ist wieder ein Traum Eures eigenen thörichten Kopfes. Welchen Lohn soll ich von dem Sohne Eurer Mutter nehmen, die mich nährte und kleidete, als wär' ich eine Schwester gewesen?«
»Und das lohnt Ihr gut, Amme; Ihr verlaßt ihr einzig Kind, da es Euch am nöthigsten braucht.«
Dies schien das hartnäckige alte Weib zur Ueberlegung zu bringen. Sie blieb stehen und sah abwechselnd ihren Herrn und die Sängerin an; dann schüttelte sie das Haupt und schien sich wieder nach der Thür bewegen zu wollen.
»Ich nehme blos die arme Pilgerin unter mein Dach,« sagte der Schmied, »um sie vor Gefängniß und Geißel zu schützen.«
»Und warum sollt Ihr sie schützen?« sagte die unerbittliche Frau Shoolbred. »Ich kann sagen, sie hat Beides verdient, so gut nur je ein Dieb einen Hanfkragen verdiente.«
»Mag sie das, oder mag sie nicht. Aber sie kann nicht verdienen, zu Tode gegeißelt oder eingekerkert zu werden, bis sie verhungert; und dies Loos finden Alle, auf die der schwarze Douglas böse ist.«
»Und den schwarzen Douglas wollt Ihr beleidigen einer Sängerin wegen? Das wird noch die schlimmste von Euren Fehden werden. – Ach, Harry Gow, es ist so viel Eisen in Eurem Kopf, als in Eurem Ambos!«
»Ich habe das selber manchmal gedacht, Mistreß Shoolbred; aber bekomm' ich bei dieser neuen Gelegenheit ein Paar Hiebe, so weiß ich nicht, wer mich pflegen soll, wenn Ihr von mir lauft, wie eine aufgescheuchte wilde Gans. Ja, noch mehr, wer soll meine hübsche Braut empfangen, die ich dieser Tage auf den Wynd zu bringen denke?«
»Ach, Harry, Harry!« sagte die alte Frau kopfschüttelnd; »das ist nicht die Art, um eines ehrsamen Mannes Haus für eine junge Braut zu bereiten. Ihr solltet Euch mit Sittsamkeit und Anstand betragen, und nicht liederlich und üppig.«
»Ich sage Euch noch ein Mal, das arme Wesen geht mich nichts an. Ich wünsche nur, daß sie in Sicherheit sei; und ich denke, der kühnste Gränzbewohner in Perth wird den Riegel meiner Thür so gut achten, wie das Thor von Carlisle Castle. – Ich gehe jetzt hinab zu Sim' Glovers – ich kann wohl die ganze Nacht dort bleiben, denn der hochländische Bursche ist nach den Bergen gelaufen, wie ein junger Wolf, und also ist dort ein Bett frei und Vater Simon wird es mich gern benutzen lassen. Ihr werdet bei diesem armen Wesen bleiben, sie speisen und während der Nacht schützen, und ich werde sie vor Tage abrufen; und wenn du willst, kannst du selber mit ihr zum Boote gehen, und so wird dein letzter Blick zugleich mit dem meinigen sie beobachten.«
»Das klingt wohl etwas vernünftig,« sagte Frau Shoolbred; »obwohl mir ein Räthsel ist, warum Ihr Euren Ruf wegen eines Wesens in Gefahr bringt, die für einen Silberpfennig und noch weniger ein Quartier finden würde.«
»Habt darin Vertrauen zu mir, gute Alte, und begegnet dem Mädchen freundlich.«
»Freundlicher als sie's verdient, verlaßt Euch darauf; und wirklich, obwohl ich wenig Gefallen an der Gesellschaft solchen Viehes finde, glaube ich doch, sie wird mir weniger Leid zufügen können, als Euch – sie müßte denn eine Hexe sein, was wohl der Fall sein kann, da der Teufel sehr mächtig ist bei Allen, die so ein Landstreicherleben führen.«