»Sie ist nicht mehr eine Hexe, als ich ein Zauberer,« sagte der ehrliche Schmied; »ein armes trauriges Wesen, die, wenn sie Uebles gethan hat, nur zu bitter dafür gestraft wurde. Seid freundlich gegen sie; – und Ihr musikalisches Mädchen – ich will Euch morgen früh rufen und zum Strande führen. Diese alte Frau wird Euch freundlich behandeln, wenn Ihr nichts zu Ihr sagt, außer was für ehrsame Ohren paßt.«
Die arme Sängerin hatte dem Gespräche zugehört, ohne mehr davon zu verstehen, als den allgemeinen Inhalt; denn obwohl sie englisch gut sprach, hatte sie doch die Sprache in England selbst gelernt, und der nördliche Dialekt war damals, wie jetzt, von einem breitern und rauhern Charakter. Sie sah indeß, daß sie bei der alten Frau bleiben sollte, und freundlich ihre Arme auf der Brust übereinander legend, beugte sie bescheiden ihr Haupt. Dann sah sie auf den Schmied mit dem Ausdrucke tiefen Dankgefühls, erhob darauf ihre Augen gen Himmel, nahm seine duldsame Hand und schien im Begriff, die kräftigen Finger zu küssen, zum Zeichen tiefer und inniger Dankbarkeit. Aber Frau Shoolbred erlaubte der Fremden nicht, auf diese Weise ihre Gefühle auszudrücken. Sie drängte sich zwischen beide und sagte, Louisen bei Seite schiebend: »Nein, nein, solche Sachen mag ich nicht leiden. Geht in die Kaminecke, Mistreß, und wenn Harry Schmied fort ist, so könnt Ihr, wenn Ihr einmal Hände küssen müßt, die meinen küssen, so lang's Euch gefällt. – Und Ihr, Harry, macht, daß Ihr zu Sim' Glovers kommt, denn wenn die artige Mistreß Katharina von der Gesellschaft hört, die ihr heimgeführt habt, so dürfte sie so wenig Freude daran haben, als ich. – Nun, wie steht es? – ist der Mensch von Sinnen? – wollt Ihr ohne Euren Schild ausgehen, und die ganze Stadt ist in Aufruhr?«
»Ihr habt Recht, Frau,« sagte der Waffenschmied; und den Schild über seine breiten Schultern werfend, verließ er sein Haus, ohne eine weitere Frage abzuwarten.
Dreizehntes Kapitel
Wie in der Mitternacht der Pibroch tönt
So wild und schrill! Doch gleich dem Hauch, der füllt
Die Bergespfeife, füllt den Bergbewohner
Der wilde Muth der Heimath.
Byron.
Wir müssen die tiefer gestellten Personen unsers historischen Drama's nun verlassen, um den Vorfällen zu folgen, welche unter denen von höherem Range und größerer Bedeutung vorgingen.
Wir gehen von der Hütte eines Waffenschmieds in den Staatsrath eines Monarchen, und fassen unsere Geschichte in dem Augenblicke auf, wo, nachdem der Tumult unten beruhigt war, die zornigen Führer vor den König gerufen wurden. Sie traten ein, mißvergnügt und mit finstern Mienen, Jeder viel zu ausschließlich mit den vermeintlich erlittenen Kränkungen erfüllt, um fähig zu sein, auf vernünftige Gründe hören zu können. Nur Albany, ruhig und schlau, schien so weit gefaßt, um ihr Mißbehagen für seine eigenen Pläne zu nützen, und jeden Zufall so zu wenden, daß er seinen indirekten Absichten förderlich sein müßte.
Des Königs Unentschlossenheit, die selbst an Furchtsamkeit grenzte, hinderte ihn nicht, äußerlich das für seine Stellung geziemende Benehmen zu zeigen. Blos wenn er hart bedrängt ward, wie bei dem letzten Auftritt, verlor er seine scheinbare Fassung. Ueberhaupt konnte er wohl von seinen Plänen abgelenkt werden, aber selten von seinem würdevollen Betragen. Er empfing Albany, Douglas, March und den Prior (die übelgewählten Glieder seines bunt zusammengesetzten Rathes) mit einer Mischung von Artigkeit und Hoheit, die jeden hochmüthigen Pair erinnerte, daß er vor seinem Monarchen stand und ihn zu gebührender Ehrerbietung nöthigte.
Nachdem er ihre Grüße angenommen, bedeutete sie der König, sich zu setzen, und sie gehorchten soeben seinem Befehl, als Rothsay eintrat. Mit Anstand trat er zu dem Vater hin und, auf dessen Fußschemel kniend, erbat er sich seinen Segen. Robert versuchte mit einer Miene, unter welcher Zärtlichkeit und Kummer schlecht versteckt waren, ein vorwurfsvolles Gesicht zu zeigen, als er die Hände auf des jungen Mannes Haupt legte und mit einem Seufzer sagte: »Gott segne dich, mein leichtsinniger Sohn, und mache dich in künftigen Jahren zu einem weiseren Manne!«
»Amen, mein theuerster Vater!« sagte Rothsay mit einem so gefühlvollen Tone, wie er ihn oft in seinen besseren Augenblicken hören ließ. Dann küßte er die königliche Hand mit der Ehrfurcht eines Sohnes und Unterthans, und statt einen Platz am Rathstische einzunehmen, blieb er hinter des Königs Stuhl in einer solchen Stellung, daß er, wenn er wollte, dem König in's Ohr flüstern konnte.
Der König gab zunächst dem Prior von St. Dominikus ein Zeichen, seine Stelle an der Tafel einzunehmen, auf welcher Schreibmaterialien lagen, die von allen anwesenden Unterthanen, Albany ausgenommen, der Geistliche allein zu handhaben verstand. Dann eröffnete ihnen der König den Zweck der Zusammenkunft, indem er mit vieler Würde sagte:
»Unser Geschäft, Mylords, betrifft jene unseligen Aufstände in den Hochlanden, die, wie wir durch unsere letzten Boten erfahren, auf dem Punkte sind, die Verwüstung und Zerstörung des Landes selbst bis auf wenige Meilen von diesem unserem Hofe zu veranlassen. Aber so nahe diese Empörung ist, so hat unser schlimmes Geschick und die Anreizung schlechter Menschen doch noch eine nähere erweckt, indem sie Streit und Zwiespalt zwischen die Bürger von Perth und die Leute, welche zum Gefolge Eurer Herrlichkeiten und anderer Ritter und Edeln gehören, geworfen haben. Ich muß mich daher zuerst an Euch selbst wenden, Mylords, um zu hören, warum unser Hof durch so ungebührliche Streitigkeiten beunruhigt wird, und durch welche Mittel sie unterdrückt werden könnten? – Bruder von Albany, sagt Ihr uns zuerst Eure Meinung über diese Sache.«
»Sir, unser königlicher Herr und Bruder,« sagte der Herzog, »da ich in Gegenwart von Eurer Majestät Person war, als der Streit begann, so kenn' ich seinen Ursprung nicht.«
Und was mich betrifft,« sagte der Prinz, »ich hörte kein schlimmeres Kriegsgeschrei, als einer Sängerin Ballade, und sah keine gefährlichern Geschosse fliegen, als Haselnüsse.«
»Und ich,« sagte der Graf von March, »konnte nur begreifen, daß die muthigen Bürger von Perth einige Schufte hetzten, die das blutige Herz auf ihre Schulter gesetzt hatten. Sie liefen zu schnell, als daß sie wirklich die Leute des Grafen Douglas hätten sein können.
Douglas verstand den Spott, erwiderte aber nur durch einen jener versengenden Blicke, durch die er seinen tödtlichen Haß anzudeuten pflegte. Er sagte indeß mit stolzer Ruhe:
»Mein König muß natürlich einsehen, daß es Douglas ist, der auf jene schwere Anklage zu antworten hat; denn wann gab es Streit oder Blutvergießen in Schottland, daß nicht schnöde Zungen einen Douglas oder einen von Douglas' Leuten als Ursache davon angegeben hätten? Wir haben hier gute Zeugen. Ich spreche nicht von Mylord Albany, der nur sagte, daß er, wie ihm zukommt, bei Eurer Majestät war. Und ich sage nichts von Mylord von Rothsay, der, wie seinem Range, seinem Alter und Verstande zukommt, mit einer fahrenden Musikantin Nüsse knackte. – Er lächelt – hier darf er sagen, was ihm beliebt – Ich werde eine Pflicht nicht vergessen, die er vergessen zu haben scheint. Aber hier ist Mylord von March, der meine Begleiter vor den Tölpeln von Perth fliehen sah! Ich kann diesem Grafen sagen, daß die Männer mit dem blutigen Herzen nur vorrücken und weichen, wenn ihr Führer es befiehlt oder das Wohl von Schottland es fordert.«
»Und ich kann antworten –« rief der ebenso stolze Graf von March, dem das Blut in's Gesicht stieg, als der König ihn unterbrach: –
»Friede! zornige Herren,« sagte der König, »und bedenkt, in wessen Gegenwart ihr seid! – Und Ihr, Mylord von Douglas, sagt uns, wenn Ihr könnt, die Ursache dieses Aufruhrs und warum Eure Gefährten, deren gute Dienste im Allgemeinen wir anerkennen müssen, so thätig bei einem Privatstreit waren?«