»Was bedeutet diese Rohheit, junger Mensch?« sagte der König. »Wirst du nie Vernunft und Anstand lernen?«
»Glaubt nicht, daß ich Anstoß geben wollte, mein König,« sagte der Prinz; »aber wir gehen auseinander, ohne zu erfahren, was hinsichtlich des seltsamen Abenteuers mit der todten Hand geschehen soll, welche der Douglas so artig aufgehoben hat. Wir werden hier in Perth unbehaglich sitzen, wenn wir in Zwist mit den Bürgern leben.«
»Ueberlaßt das mir,« sagte Albany. »Mit einigen Geschenken an Land und Geld und viel schönen Worten mögen sich die Bürger für diesmal begnügen; aber es wäre gut, den Baronen und ihren Leuten, welche am Hofe sein müssen, zu empfehlen, daß sie den Frieden in der Stadt achteten.«
»Gewiß, so wollen wir's haben,« sagte der König; »man ertheile sogleich deshalb strenge Befehle.«
»Das heißt den Burschen zu viel Gnade erweisen,« sagte Douglas; »aber es ist Eurer Majestät Wille. Ich erlaube mir, mich zurückzuziehen.«
»Doch nicht, bevor Ihr eine Flasche Gascognerwein gekostet habt, Mylord?« sagte der König.
»Verzeiht,« erwiderte der Graf; »ich bin nicht durstig und ich trinke nicht aus Mode, sondern entweder aus Bedürfniß oder Freundschaft.« So sprechend, ging er fort.
Der König, als ob erleichtert durch seine Entfernung, wandte sich an Albany und sagte: »Und nun, Mylord, sollten wir unsern jungen Rothsay hier ausschelten; er hat uns aber so gut im Rathe gedient, daß wir seine Verdienste als Sühne seiner Thorheiten nehmen können.«
»Mich freut, das zu hören,« antwortete Albany mit einer Miene voll Mitleid und Ungläubigkeit, als wüßte er nichts von den vermeinten Diensten.
»Ei, Bruder, Ihr seid befangen,« sagte der König; »denn ich will nicht glauben, daß Ihr eifersüchtig seid. Bemerktet Ihr nicht, daß Rothsay der Erste war, der die Art, wie die Hochlande zu beruhigen, angab; was Eure Erfahrung allerdings in eine bessere Form brachte und was allgemein gebilligt ward? – und selbst jetzt hätten wir uns getrennt, einen Hauptgegenstand unerwogen lassend, hätte er uns nicht an den Streit mit den Bürgern erinnert.«
»Ich zweifle nicht, mein König,« sagte der Herzog von Albany mit beipflichtendem Tone, der, wie er sah, erwartet wurde, »daß mein königlicher Neffe bald mit seines Vaters Weisheit wetteifern wird.«
»Oder,« sagte der Herzog von Rothsay, »ich kann es vielmehr leichter finden, von einem andern Gliede meiner Familie den glücklichen und bequemen Mantel der Heuchelei zu leihen, der alle Laster deckt; und dann kommt es wenig darauf an, ob sie vorhanden sind oder nicht.«
»Mylord Prior,« sagte der Herzog, den Dominikaner anredend, »wir bitten Ew. Ehrwürden, uns einen Augenblick allein zu lassen. Der König und ich haben dem Prinzen Etwas zu sagen, was keinen andern Zuhörer, selbst Euch nicht, zuläßt.«
Der Dominikaner verbeugte sich und ging.
Als die beiden königlichen Brüder und der Prinz allein waren, schien der König im höchsten Grade verlegen und betrübt; Albany düster und gedankenvoll; Rothsay bemühte sich indeß, einige Besorgniß unter dem gewöhnlichen Anschein von Leichtsinn zu bergen. Es herrschte ein minutenlanges Schweigen. Endlich sprach Albany:
»Königlicher Bruder,« sagte er, »mein fürstlicher Neffe nimmt jede Ermahnung, die aus meinem Munde kommt, mit so viel Mißtrauen auf, daß ich Eure Majestät selbst bitten muß, sich die Mühe zu nehmen und ihm zu sagen, was er jedenfalls wissen muß.«
»Es muß wohl eine unerfreuliche Mittheilung sein, die Mylord von Albany nicht in verzuckerte Worte hüllen kann,« sagte der Prinz.«
»Still mit deiner Frechheit, junger Mann,« antwortete der König erzürnt. »Ihr fragtet soeben nach dem Streite mit den Bürgern. – Wer veranlaßte diesen Zwist, David? – Welche Leute waren es, die das Fenster eines friedlichen Bürgers und Unterthans erstiegen, die Nacht mit Fackeln und Geschrei störten und unsre Unterthanen in Gefahr und Schrecken setzten?«
»Mehr in Furcht als Gefahr, denk' ich,« antwortete der Prinz; »aber wie kann ich vor allen Andern sagen, wer die nächtliche Störung machte?«
»Einer von deinem Gefolge war dabei,« fuhr der König fort; »ein Mann des Belial, den ich zu gebührender Strafe ziehen lassen werde.«
»Ich habe meines Wissens keinen Diener, der fähig wäre, Eurer Majestät Mißfallen zu verdienen,« entgegnete der Prinz.
»Ich will keine Ausflüchte hören, junger Mensch. – Wo warst du am St. Valentinsabend?«
»Es steht zu hoffen, daß ich dem guten Heiligen diente? wie ein frommer Mann es soll,« antwortete der junge Mann mit gleichgiltigem Tone.
»Will mein königlicher Neffe uns sagen, wie sein Stallmeister am heiligen Abend beschäftigt war?« sagte der Herzog von Albany.
»Sprich, David, – ich befehle dir zu sprechen« – sagte der König.
»Ramorny war in meinem Dienst beschäftigt – ich denke, diese Antwort wird meinem Oheim genügen.«
»Aber sie will mir nicht genügen,« sagte der unwillige Vater. »Gott weiß, ich liebte nie Menschenblut zu vergießen, aber dieses Ramorny Kopf will ich haben, wenn das Gesetz ihn geben kann. Er ist der Aufmunterer und Theilnehmer all' deiner zahllosen Laster und Thorheiten gewesen. Ich will dafür sorgen, daß das nicht mehr der Fall sei. – Ruft Mac Louis, mit einer Wache!«
»Thut einem unschuldigen Manne kein Unrecht,« fiel der Prinz ein, gern zu jedem Opfer bereit, um seinen Liebling vor der gedrohten Gefahr zu schützen, – »ich verpfände mein Wort, daß Ramorny Geschäfte für mich hatte, also bei diesem Streite nicht betheiligt sein konnte.«
»Falscher, zweideutiger Mensch!« sagte der König, dem Prinzen einen Ring zeigend, »sieh' da Ramorny's Siegelring, den er in dem schmählichen Streite verlor! Er fiel in die Hände eines von Douglas Leuten und ward durch den Grafen meinem Bruder übergeben. Sprich nicht für Ramorny, denn er stirbt; und geh du aus meinen Augen und bereue die verbrecherischen Gedanken, die dich vor mir mit einer Unwahrheit im Munde stehen ließen. – O, schäme dich, David! schäme dich! als ein Sohn hast du deinen Vater belogen, als ein Ritter das Haupt deines Ordens.«
Der Prinz stand schweigend, vom Gewissen getroffen und seines Unrechts bewußt. Dann ließ er den ehrenhaften Gefühlen, die ihm im Grunde wirklich eigen, ihren Lauf, und warf sich zu des Vaters Füßen.
»Der lügenhafte Ritter,« sagte er, »verdient Degradation, der treulose Unterthan den Tod; aber ach! laßt den Sohn vom Vater Verzeihung für den Diener erbitten, der ihn nicht zum Vergehen führte, sondern der sich widerstrebend auf des Herren Befehl selbst hinein stürzte! Laßt mich die Last meiner eigenen Thorheit tragen, aber schont diejenigen, die mehr meine Werkzeuge als meine Genossen waren. Erinnert Euch, Ramorny ward von meiner frommen Mutter in meinen Dienst gebracht.«
»Nenne sie nicht, David, ich verbiet' es dir!« sagte der König; »sie ist glücklich, daß sie das Kind ihrer Liebe nimmer doppelt entehrt, durch Verbrechen und Lüge, vor sich stehen sah.«
»Ich bin in der That unwürdig, sie zu nennen,« sagte der Prinz; »und doch, mein theurer Vater, muß ich in ihrem Namen um Ramorny's Leben bitten.«
»Wenn ich meinen Rath bieten dürfte,« sagte der Herzog von Albany, welcher sah, daß bald eine Versöhnung zwischen Vater und Sohn stattfinden würde, »so möcht' ich rathen, daß Ramorny aus des Prinzen Hofstaat und Dienst entlassen würde, und zwar mit einer solchen Strafe, als seine Unklugheit verdienen dürfte. Mit seiner Ungnade wird das Volk zufrieden sein und die Sache wird sich leicht beilegen oder unterdrücken lassen, wenn seine Hoheit nicht versucht, den Diener zu beschützen.«
»Willst du, mir zu Liebe, David,« sagte der König, mit zitternder Stimme und einer Thräne im Auge, »den gefährlichen Mann entlassen? Mir zu Liebe, der ich dir das Herz aus meinem Busen nicht verweigern könnte?«
»Es soll geschehen, mein Vater – sogleich geschehen,« erwiderte der Prinz; und die Feder ergreifend, schrieb er hastig die Entlassung Ramorny's aus seinem Dienste und übergab sie Albany's Händen. »Ich wollte, ich könnte all' Eure Wünsche so leicht erfüllen, mein königlicher Vater,« fügte er hinzu, sich wieder zu des Königs Füßen werfend, der ihn aufhob und zärtlich in seine Arme schloß.