Albany sah mißmuthig drein, schwieg jedoch; und erst nach ein oder zwei Minuten sagte er: »Nachdem diese Sache so glücklich beigelegt ist, so erlaub' ich mir Eure Majestät zu fragen, ob es Euch gefällt, dem Vesperdienst in der Kapelle beizuwohnen?«
»Allerdings,« sagte der König. »Muß ich nicht dem Himmel meinen Dank sagen, der die Einigkeit in meiner Familie hergestellt hat? Ihr werdet mit uns gehen, Bruder?«
»Wenn es Euch gefällt, meine Abwesenheit zu gestatten, nein,« sagte der Herzog. »Ich muß mich mit Douglas und Anderen über die Art verständigen, wie wir jene Hochlandsgeier locken können.«
Albany zog sich zurück, um seinen ehrsüchtigen Plänen nachzusinnen, während Vater und Sohn dem Gottesdienste beiwohnten, um dem Himmel für ihre glückliche Versöhnung zu danken.
Vierzehntes Kapitel
Wollt Ihr geh'n in's Hochland,
Lizzy Lyndesay,
Geht Ihr mit mir in's Hochland fort?
Wollt Ihr geh'n in's Hochland,
Lizzy Lyndesay,
Meine liebe Braut zu sein dort?
Alte Ballade.
Ein früheres Kapitel begann mit der königlichen Beichte; wir wollen nun dem Leser eine ähnliche Situation vorführen, obwohl Schauplatz und Personen ganz anderer Art waren. Statt eines dunklen gothischen Klostergemachs liegt eine der schönsten Aussichten in Schottland am Fuße des Berges Kinoul vor uns gebreitet, und unter einem Felsen, der die Aussicht nach jeder Richtung beherrscht, saß das schöne Mädchen von Perth, mit der Miene andächtiger Aufmerksamkeit den Lehren eines Karthäusermönchs in seinem weißen Gewande und Scapulier lauschend, welcher seine Rede mit einem Gebet schloß, in welches seine Schülerin andächtig einstimmte.
Als sie ihre Andacht beendigt hatten, blieb der Priester eine Zeitlang sitzen, die Augen auf den herrlichen Anblick geheftet, dessen Schönheiten selbst die frühe und rauhe Jahreszeit nicht beeinträchtigte, und so währte es einige Zeit, eh' er seine aufmerksame Gefährtin anredete.
»Wenn ich,« sagte er endlich, »das reiche und mannigfache Land betrachte, mit seinen Schlössern, Klöstern, Kirchen, stattlichen Palästen, fruchtbaren Feldern, ausgedehnten Wäldern, und dem herrlichen Strome, so weiß ich nicht, meine Tochter, ob ich mehr die Güte Gottes, oder die Undankbarkeit der Menschen bewundern soll. Er hat uns die Schönheit und Fruchtbarkeit der Erde gegeben, und wir haben den Schauplatz seiner Güte zu einem Beinhaus und Schlachtfeld gemacht. Er hat uns Macht über die Elemente gegeben und Geschick, Häuser zur Bequemlichkeit und zum Schutz zu errichten, und wir haben sie in Höhlen für Räuber und Mörder verwandelt.«
»Aber sicherlich, Vater, ist auch Raum für die Ruhe,« erwiderte Katharina, »selbst in der herrlichen Gegend, die wir vor uns sehen. Jene vier schönen Klöster, mit ihren Kirchen und ihren Thürmen, welche die Bürger mit eherner Stimme rufen, daß sie ihrer religiösen Pflicht gedenken; – ihre Bewohner, die sich von der Welt abschieden, von weltlichen Bestrebungen und Freuden, um sich dem Dienste des Himmels zu weihen, – Alles bezeugt, daß, wenn Schottland ein blutiges und sündiges Land ist, es doch eingedenk der Pflichten ist, welche die Religion von dem Menschen erfüllt sehen will.«
»Freilich, Tochter,« antwortete der Priester, »was du sagst, scheint Wahrheit; und doch wird, in der Nähe betrachtet, auch viel der von dir beschriebenen Ruhe als trügerisch erfunden werden. Es ist wahr, es gab eine Zeit in der christlichen Welt, wo gute Menschen, die sich selbst durch das Werk ihrer Hände erhielten, sich versammelten, nicht um gemächlich zu leben oder sanft zu schlafen, sondern um einander im christlichen Glauben zu stärken und sich zu Lehrern des Wortes für das Volk zu bilden. Ohne Zweifel finden sich immer noch solche in den heiligen Gebäuden, die wir jetzt sehen. Aber es ist zu fürchten, daß die Liebe Vieler erkaltet ist. Unsere Geistlichen sind reich geworden, sowohl durch Geschenke frommer Personen, als durch Bestechungen, welche schlechte Menschen in ihrer Unwissenheit gaben, in dem Wahne, sie könnten die Verzeihung durch Schenkungen an die Kirche erkaufen, während sie doch der Himmel nur wahren Reuigen bietet. Und so, wie die Kirche reich ward, wurden zum Unglück ihre Lehren dunkel und unklar, wie man ein Licht minder sieht, wenn es auf einer goldumflochtenen Leuchte steckt, als wenn man es durch ein einfaches Glas schimmern sieht. Gott weiß es, wenn ich diese Dinge betrachte und tadle, so ist es nicht Folge des Verlangens nach Absonderung oder weil ich gern ein Lehrer in Israel werden möchte; sondern weil die Gluth in meinem Busen brennt, und nicht dulden will, daß ich schweige. Ich gehorche den Regeln meines Ordens und entziehe mich selbst seinen strengen Vorschriften nicht. Mögen sie wesentlich zu unserm Heil oder bloße Formeln sein, angenommen, um den Mangel wahrer Buße und aufrichtiger Andacht zu ersetzen, ich habe doch versprochen, ja gelobt, sie zu beobachten; und sie werden von mir um so mehr geachtet werden, weil ich sonst der Rücksicht auf mein irdisches Behagen beschuldigt werden könnte, da doch der Himmel mein Zeuge ist, wie gering ich achte, was ich zu thun oder zu dulden berufen werde, wenn die Reinheit der Kirche nur hergestellt oder die Zucht der Priesterschaft wieder in ursprünglicher Einfachheit eingeführt würde.«
»Aber, mein Vater,« sagte Katharina, eben dieser Meinungen wegen nennen Euch die Menschen einen Lollhard und Wicklesiten und sagen, es sei Euer Wunsch, Kirchen und Klöster zu zerstören und die Religion des Heidenthums herzustellen.«
»Eben darum, meine Tochter, bin ich genöthigt, Zuflucht in Bergen und Felsen zu suchen, und muß mich gegenwärtig begnügen, unter den rauhen Hochländern zu leben, die in dem Grade dem Stande der Gnade näher sind, denn Jene, die ich verließ, als ihre Verbrechen der Unwissenheit und nicht der Ueberhebung entspringen. Ich werde nicht unterlassen, die Mittel zu suchen, ihrer Grausamkeit zu entgehen, die mir der Himmel bieten wird; denn so lange dieselben sich finden, werd' ich es für ein Zeichen nehmen, daß ich noch eine Pflicht zu erfüllen habe. Aber wenn es meines Herrn Wille ist, so weiß Er, wie gern Clemens Blair ein elendes Leben auf Erden niederlegen wird, in demüthiger Hoffnung auf einen glücklichen Wechsel im Jenseits. – Aber warum blickst du so ängstlich nach Norden, mein Kind? – deine jungen Augen sind schärfer als die meinen – siehst du Jemand kommen?«
»Ich sehe, Vater, nach dem hochländischen Jünglinge Conachar, der dein Führer nach den Bergen sein wird, wo sein Vater dir einen sichern, wenn auch rauhen Aufenthalt gewähren kann. Dies hat er oft versprochen, wenn wir von Euch und Euren Lehren sprachen – ich fürchte, er ist jetzt in Gesellschaft, wo er sie bald vergessen wird.«
»Der Jüngling hat Funken der Gnade in sich,« sagte Vater Clemens; »obwohl die Leute seines Stammes meist zu sehr ihren wilden und trotzigen Sitten ergeben sind, um mit Geduld die Beschränkungen der Religion oder gesellschaftlicher Gesetze zu ertragen. – Du hast mir nie erzählt, Tochter, wie dieser Jüngling, allen Gewohnheiten der Stadt wie der Berge entgegen, in deines Vaters Hause einen Aufenthalt fand?«
»Alles, was ich über diese Angelegenheit weiß,« sagte Katharina, »ist, daß sein Vater ein Mann von Ansehen unter jenen Bergbewohnern ist, und daß er als eine Gunst von meinem Vater, der in seinem Geschäft mit ihnen zu thun hatte, verlangte, diesen Jüngling eine Zeitlang bei sich zu behalten, und es sind nur zwei Tage vergangen, seit sie sich trennten, als Conachar nach seinen Bergen heimkehrte.«
»Und warum hat meine Tochter,« forschte der Priester, »solch' eine Verbindung mit diesem Hochlandsjüngling unterhalten, daß sie zu ihm zu schicken wußte, wenn sie seinen Dienst für mich wünschte? Gewiß, es ist viel Einfluß für ein Mädchen über einen solchen wilden Bergbewohner.«