»Sei guten Muthes, meine Tochter,« sagte der Mönch; »es gibt Trost für dich auch auf dem äußersten Gipfel dieses anscheinenden Unglücks. Ramorny ist ein Schurke und mißbraucht das Ohr seines Herrn; der Prinz ist zwar zerstreut und leichtsinnig, aber wenn mein graues Haar nicht getäuscht wird, so wird sich sein Charakter bald ändern. Man hat ihm die Niederträchtigkeit seines Günstlings gezeigt, und er bereut sehr, dessen schlechten Rathschlägen gefolgt zu sein. Ich glaube, oder ich bin vielmehr überzeugt, daß seine Leidenschaft für Euch reiner und edler werden wird, und daß die Lehre, die er von mir über die Verderbniß der Kirche und der Zeit erhalten hat, in sein Herz dringen und Früchte darin erzeugen soll, worüber die Welt staunen und sich freuen wird; wofern nur dein Mund ihm die nämlichen Lehren wiederholt. Alte Prophezeihungen sagen, daß Rom durch die Rede eines Weibes fallen soll.«
»Das sind Träume, Vater,« sagte Katharina; »die Traumgebilde eines Mannes, dessen Gedanken zu viel bei bessern Gegenständen weilen, als daß er über die gemeinen Angelegenheiten der Erde richtig urtheilen könnte. Wenn wir lange in die Sonne gesehen haben, so kann uns alles Andere nur undeutlich erscheinen.« »Du bist zu vorschnell, meine Tochter,« sagte Clemens, »und ich will dich davon überzeugen. Die Aussichten, die ich dir eröffnen will, würden sich nicht für ein Gemüth ziemen, welches geringern Sinn für Tugend oder mehr Ehrgeiz besäße. Vielleicht ist es selbst unpassend, sie vor dir zu entfalten; aber mein Vertrauen auf deine Klugheit und deine Grundsätze ist stark. Wisse denn, daß es sehr wahrscheinlich ist, die Kirche von Rom werde das Bündniß lösen, das sie selbst schuf, und die Ehe des Herzogs von Rothsay mit Marjory Douglas aufheben.«
Hier hielt er inne.
»Und wenn die Kirche Macht und Willen hat, dies zu thun,« erwiderte das Mädchen, »welchen Einfluß kann die Scheidung des Herzogs von seinem Weibe auf das Geschick der Katharina Glover haben?«
Sie blickte den Priester bei diesen Worten ängstlich an und es machte ihm, wie es schien, einige Mühe, seine Antwort zu finden, denn er blickte zu Boden, während er ihr erwiderte:
»Was that Schönheit für Katharina Logie? wenn uns unsere Väter nicht falsch berichtet haben, so ließ sie sie den Thron David Bruce's theilen.«
»Lebte sie glücklich, oder starb sie betrauert, guter Vater?« fragte Katharina in demselben ruhigen und festen Tone.
»Sie brachte ihr Bündniß aus weltlichem und vielleicht sündlichem Ehrgeiz zu Stande,« erwiderte Vater Clemens; »und sie fand ihren Lohn in Eitelkeit und Unruhe des Geistes. Hätte sie aber in der Absicht geheirathet, daß das gläubige Weib den ungläubigen Gemahl bekehren oder den Zweifelnden stärken solle, was wäre dann ihr Lohn gewesen? Liebe und Ehre auf Erden und ein Erbtheil im Himmel bei Königin Margaretha und den Heldinnen, welche die Pflegemütter der Kirche waren.«
Bisher hatte Katharina auf einem Steine zu den Füßen des Priesters gesessen, und sie blickte dabei zu ihm empor, wenn sie hörte oder redete; jetzt aber, als wäre sie durch das Gefühl einer zwar ruhigen aber bestimmten Mißbilligung begeistert, stand sie auf, und die Hand gegen den Mönch ausstreckend, während sie sprach, redete sie ihn mit einer Miene und einem Tone an, die einem Cherub hätten gehören können, der so schonend als möglich die Gefühle des Sterblichen beklagt, dessen Irrthümer er tadeln solclass="underline"
»Und ist es wirklich so?« sagte sie, »und kann so viel von den Wünschen, Hoffnungen und Vorurtheilen der elenden Welt ihn beschäftigen, der vielleicht morgen berufen wird, sein Leben zu beschließen dafür, daß er sich der Verderbniß einer entarteten Zeit und gesunkenen Priesterschaft widersetzte? Ist es der tugendhafte, der strenge Vater Clemens, der seinem Kinde räth, nach einem Throne und einem Bette zu streben, die nur durch eine niedrige Ungerechtigkeit gegen die frei werden können, die sie bereits besitzt? Ist es der weise Reformator der Kirche, der seine Plane auf so vergängliche Grundlagen stützt? Seit wann, guter Vater, hat der leichtsinnige Prinz sein Betragen geändert und den Wunsch ausgesprochen, um die Tochter eines Handwerkers von Perth ehrlich zu werben? Zwei Tage müssen diese Veränderung hervorgebracht haben; denn kaum ist dieser kurze Zeitraum verflossen, seit er meines Vaters Haus mitten in der Nacht, und in ärgerer Absicht als ein elender Räuber, angriff. Und glaubt Ihr, wenn auch Rothsay's Herz ihn an eine seiner Geburt so wenig würdige Heirath denken ließe, glaubt Ihr, er könnte sie durchsetzen, ohne zugleich seinen Thron und sein Leben zu wagen, wenn er damit zugleich das Haus des Grafen von March und das von Douglas beleidigte? O, Vater Clemens, wo waren Eure Grundsätze, wo Eure Klugheit, als sie duldeten, daß Ihr Euch zu so seltsamem Traume verirrtet, und dem geringsten Eurer Schüler das Recht gabt, Euch so zu tadeln?«
Des alten Mannes Augen füllten sich mit Thränen, als Katharina, sichtbar schmerzlich bewegt durch das, was sie gesagt, endlich schwieg.
»Durch den Mund der Kinder und Säuglinge,« sagte er, »hat der Herr die getadelt, die für Weise zu ihrer Zeit galten. Ich danke dem Himmel, daß er mich bessere Gedanken gelehrt hat, als mir meine Eitelkeit eingab, und zwar durch die Stimme einer freundlichen Ermahnerin. – Ja, Katharina, ich darf mich künftig nicht wundern, wenn ich die, die ich schon so streng richtete, um weltliche Macht kämpfen und zugleich die Sprache eines geistlichen Eifers führen sehe. Ich danke dir, Tochter, für deine heilsame Mahnung, und dem Himmel, daß er sie durch deine Lippen, und nicht durch die eines strengeren Richters sendete.«
Katharina hatte ihr Haupt erhoben, um zu antworten, und bat den alten Mann, dessen Demüthigung sie schmerzte, sich zu trösten, als ihre Augen auf einem Gegenstand in ihrer Nähe haften blieben. Unter den Felsstücken, die den einsamen Ort umgaben, lagen zwei einander so nahe, daß sie einst ein einziger Stein gewesen und durch heftigen Sturm oder Erdbeben getrennt worden zu sein schienen. Zwischen ihnen sah man eine etwa vier Fuß breite Oeffnung unter Steinmassen. Eine Eiche wuchs aus dieser hervor und zeigte so phantastische Gestalten, als die Pflanzenwelt nur hervorzubringen vermag. Die Wurzeln hatten sich in tausend verschiedenen Richtungen hervorgedrängt und suchten in den Felsenspalten die nöthige Nahrung; ihre ungleichen Windungen boten denselben Anblick dar, wie die ungeheuren Schlangen des indischen Inselmeeres. In dem Augenblick, als Katharinens Blicke auf dieses seltsame Gewirr von Zweigen und Wurzeln fielen, bemerkte sie plötzlich zwei Augen, so funkelnd, wie die eines wilden Thieres. Sie schauderte zusammen und zeigte den Gegenstand mit dem Finger ihrem Gefährten, ohne zu sprechen. Als sie aufmerksam hinsah, entdeckte sie einen buschigen Bart und rothes Haar, die vorher hinter dem Gestrüpp versteckt gewesen.
Als er sich beobachtet sah, trat der Hochländer, denn ein solcher war es, aus seinem Schlupfwinkel hervor. Es war ein Mann von riesigem Wuchs, gehüllt in einen roth, grün und violett gewürfelten Plaid, worunter er eine Jacke von Büffelhaut trug. Bogen und Pfeile hingen über die Schultern, sein Haupt war unbedeckt, welchem ein buschiges Haar, dessen verworrene Locken den Flechten der Irländer glichen, statt der Mütze diente. Am Gürtel hing Schwert und Dolch, und in der Hand trug er eine dänische Streitaxt, die in neuerer Zeit Lochaberaxt genannt ward. Ihm folgten aus dem natürlichen Thore nach einander noch vier Männer, von ähnlicher Gestalt und auf gleiche Weise gekleidet und bewaffnet.
Katharina war zu sehr an den Anblick der Bergbewohner in solcher Nähe von Perth gewöhnt, als daß sie Unruhe hätte empfinden können, wie es bei einem andern Mädchen der Ebene bei solcher Gelegenheit hätte der Fall sein müssen. Sie sah mit ziemlicher Ruhe diese riesigen Gestalten einen Halbkreis um sie und den Mönch schließen; sie hefteten ihre großen Augen auf sie, welche, wie sie vermuthete, eine wilde Bewunderung ihrer Schönheit ausdrückten. Sie begrüßte die Männer mit leichtem Kopfnicken und sprach unvollkommen die gewöhnlichen Begrüßungsworte der Hochländer aus. Der Aelteste, der die Schaar führte, beantwortete den Gruß und wurde darauf still und unbeweglich. Der Mönch nahm seinen Rosenkranz und auch Katharina fühlte einen eigenen Schauder um ihrer persönlichen Sicherheit willen, und trat, um sogleich zu wissen, ob sie und der Mönch den Ort frei verlassen dürften, vor, als wollte sie den Berg hinabsteigen. Als sie aber durch die Linie gehen wollte, die die Bergbewohner gezogen hatten, streckte jeder seine Streitaxt aus und füllte den Raum, durch den sie gehen konnte.