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»Abends liest uns mein Vater öfter vor, und das muß ich sagen, ich habe Gedichte nie von einem andern Manne so trefflich vortragen hören wie von ihm; nicht etwa wie ein Deklamator, der sich als Mittelding von Vorleser und Schauspieler aufspielt, die Stirn runzelt, das Gesicht verdreht und ein Gebärdenspiel treibt, als ob er in vollem Theaterschmucke auf den Brettern stände. Nein! ganz anders ist meines Vaters Art; durch Gefühl, durch Geschmack, durch Modulation der Stimme, bringt er die feinsten Wirkungen hervor, nicht durch Gebärdenspiel und Mummerei. Lucy reitet sehr gut, und durch ihr Beispiel ermuntert, habe ich es schon so weit gebracht, sie auf ihren Ritten zu begleiten. Auch gehen wir, trotz der Kälte, viel ins Freie. Und so habe ich freilich nicht mehr so viel Zeit zum Schreiben als sonst.

»In der Tat, liebe Mathilde, muß ich auch die Entschuldigung aller einfältigen Briefschreiber brauchen, »daß ich weiter nichts zu sagen habe.« Meine Hoffnungen, meine Besorgnisse beanspruchen geringes Interesse, seit ich weiß, daß Brown frei und gesund ist. Und ich denke auch, er hätte bis jetzt wohl Zeit finden können, mir Nachricht von sich zu geben. Unser Verhältnis mag unbedachter Art gewesen sein, aber ich möchte es nicht eben schmeichelhaft für mich finden, wenn Brown dies zuerst herausgefunden haben und daraufhin zurückgetreten sein sollte. Er könnte sich schon darauf verlassen, daß unsere Meinungen, wenn er solcher Meinung wäre, nicht sonderlich auseinandergehen möchten, denn es ist mir oft so vorgekommen, als ob ich mich in dieser Sache recht töricht benommen habe. Aber ich habe wirklich eine so gute Meinung von Brown, daß ich den Gedanken nicht loswerden kann, es müsse eine besondere Bewandtnis mit seinem Stillschweigen haben.

»Aber noch einmal, liebe Mathilde, wegen Lucy Bertram magst Du ganz unbesorgt sein. Sie kann nie, nie Deine Nebenbuhlerin werden, und Deine zärtliche Eifersucht ist ohne Grund. Ja, sie ist ein hübsches, gefühlvolles, recht herzliches Mädchen, und ich glaube, bei solcher Freundin, wie sie es ist, würde ich am liebsten Trost in allen wirklichen Lebensleiden suchen. Aber diese treten uns so selten in den Weg, und man braucht einen Freund, der an eingebildeten Leiden Anteil nimmt, wie an wirklichem Mißgeschicke. Gott weiß es, und Du weißt es, meine teure Mathilde, daß wahre Herzens-Krankheiten den Balsam des Mitgefühls und der Zuneigung ebenso brauchen, wie Leiden, die offener zu Tage liegen und den Menschen schärfer alterieren. Lucy Bertram aber hat nichts von diesem freundlichen Mitgefühle, gar nichts, liebe Mathilde. Läge ich im Fieber krank, so säße sie jede Nacht an meinem Bette und pflegte mich mit der unermüdlichsten Geduld; aber an dem Herzensfieber, das meine Mathilde so oft gelindert hat, nimmt sie ganz ebensowenig Anteil wie ihr alter Lehrer. Und was mich nicht wenig ärgert, das spröde Aeffchen hat Dir wirklich einen Liebhaber, und ihre gegenseitige Neigung – denn für gegenseitig halte ich sie – ist recht romantisch. Sie war einst, wie Du schon weißt, eine reiche Erbin, die durch die unvorsichtige Freigebigkeit ihres Vaters und die Niederträchtigkeit eines abscheulichen Menschen, dem er blindes Vertrauen schenkte, um ihr Vermögen kam. Einer der schönsten jungen Männer in dieser Gegend ist ihr Liebhaber; aber da er der Erbe eines ansehnlichen Besitztumes ist, will sie seine Bewerbungen, eben der ungleichen Finanzverhältnisse halber, nicht dulden.«

»Doch bei all dieser Besonnenheit, Selbstverleugnung, Bescheidenheit und so weiter, ist Lucy ein kluges Kind, gewiß, sie liebt den jungen Hazlewood, und ebenso gewiß weiß ich, daß er es ahnt und sie wohl zu einem Geständnis ihrer Liebe brächte, wenn mein Vater oder sie selber ihm Gelegenheit dazu vergönnen wollte. Aber Du mußt wissen, mein Vater ist immer bei der Hand Lucy jene kleinen Aufmerksamkeiten zu erweisen, die einem jungen Manne in Hazlewoods Lage die beste Gelegenheit zu freundlicher Annäherung schaffen würden. Ich wollte, mein lieber Vater wäre ein wenig mehr auf der Hut, damit er nicht noch die Strafe bezahle, die gewöhnlich nicht ausbleibt, wenn man sich in fremde Händel mengt. Wahrlich, wenn ich Hazlewood wäre, so hätte ich wohl ein schärferes Auge auf diese Artigkeiten und Komplimente. diese Bemühungen, die Mantille umzuhängen, den Shawl abzunehmen, die Hand zu führen, den Arm zu reichen, und so weiter und so weiter: ich glaube übrigens, daß er sich in manchen Augenblicken auch seine Gedanken darüber macht. Denke Dir, wie einfältig bei solchen Gelegenheiten Deine arme Julie sich ausnimmt! Hier tut mein Vater schön mit meiner Freundin; dort bewacht Hazlewood jedes Wort, das über ihre Lippen kommt, und jede Bewegung ihres Auges, und ich habe nicht das armselige Vergnügen, den Blick irgend eines menschlichen Wesens auf mich zu ziehen, nicht einmal jenes seltsamen Geistlichen, denn auch der sitzt immer da mit offenem Munde und heftet die großen glotzenden Augen voller Bewunderung auf Fräulein Bertram.

»Alles dies macht mich zuweilen nervös, zuweilen sogar ein bißchen boshaft. Ich war neulich so ärgerlich auf meinen Vater und das Liebespaar, weil niemand sich mit mir befaßte oder mit mir sprach, daß ich mich bei Hazlewood direkt beschwerte, und auf eine Weise, die es ihm unmöglich machte, still zu bleiben, wenn er nicht unhöflich werden wollte. Er wurde unmerklich warm bei seiner Verteidigung. Du kannst es mir glauben, Mathilde, er ist ein sehr geschickter, ein sehr hübscher junger Mann, und er war mir noch nie in so günstigem Lichte erschienen wie gerade jetzt. Aber mitten in unserer lebhaften Unterhaltung drang mir ein leiser Seufzer aus Lucys Munde ins Ohr, und – wie ich bekenne – zu meiner gar nicht geringen Freude. Aber diesen kleinen Sieg weiter zu verfolgen, ließ meine Großmut nicht zu, auch wenn mir nicht vor meinem Vater bange gewesen wäre. Zum Glück war er in diesem Augenblick gerade in einer langen Schilderung der merkwürdigen Sitten eines indischen Volksstammes befaßt, der in einer abgelegenen Gegend wohnt, und erläuterte seine Beschreibung durch Zeichnungen von Trachten, die er auf Lucys Stickmuster machte, ohne es zu gewahren, daß er ein paar dadurch verdarb. Ich glaube, sie hat in diesem Augenblicke wohl weniger an ihr eigenes Kleid als an die indischen Turbane gedacht. Recht gut, daß er nicht sah, was ich durch mein kleines Manöver angestellt hatte, denn er hat sonst ein Falkenauge, und alles, was irgend nach Liebelei aussieht, ist ihm in den Tod verhaßt.

»Auch Hazlewood vernahm den kaum hörbaren Seufzer aus Lucys Munde, bereute sogleich die flüchtige Aufmerksamkeit, die er einem so unwürdigen Gegenstande erwiesen, wie Deine Julie es einmal ist, und mit einem wahrhaft lustigen Ausdruck von Schuldbewußtsein postierte er sich wieder hinter Lucys Stickrahmen. Er sprach ein paar nichtssagende Worte, und ihre Antwort war so beschaffen, daß nur das scharfe Ohr eines Verliebten oder eines so neugierigen Beobachters, wie ich, einen stärkeren Grad von Kälte oder Dürre heraushören konnte, als man gewöhnlich wohl darin finden mag. Der schuldbewußte Held fühlte indes den Vorwurf und schlug errötend die Augen nieder. Nicht wahr, es würde einen zu großen Mangel an Großmut verraten haben, wenn ich nicht die Vermittlerin hätte machen wollen? Ich mischte mich also in ihr Gespräch, gelassen und ruhig, wie es sich einer unaufmerksamen, unbefangenen Teilnehmerin schickt, und lenkte sie unmerklich wieder in die frühere leichte und bequeme Unterhaltung zurück. Als mir dies aber gelungen war, animierte ich sie zu einer Schachpartie, trat zu meinem Vater, der noch immer mit seinen Zeichnungen befaßt war, und neckte ihn ... Die Schachspieler saßen nicht weit vom Kamine vor einem Nähtischchen; mein Vater saß in einiger Entfernung vor einem Büchertische.