»Mein Verstand ist zu umdüstert, um dich verstehen zu können, Arzt,« erwiderte Ramorny. »Welches ist das köstliche Schauspiel, das mir in meinem Schiffbruch aufbewahrt bleibt?«
»Das werthvollste, was die Menschheit kennt,« erwiderte Dwining; und dann fügte er im Tone eines Liebenden, der den Namen seiner Geliebten ausspricht und seine Leidenschaft zu ihr durch die Stimme ausdrückt, hinzu: » Rache!«
Der Kranke hatte sich auf seinem Kissen erhoben, etwas begierig nach der Lösung des Räthsels seines Arztes. Er legte sich wieder nieder, als er die Erklärung vernommen, und nach einer kurzen Pause fragte er: »In welchem christlichen Collegium lerntet Ihr diese Moral, guter Meister Dwining?«
»In keinem christlichen Collegium,« antwortete der Arzt; »denn obwohl sie in den meisten heimlich angenommen ist, wird sie doch in keinem offen und männlich anerkannt. Aber ich habe unter den Weisen Granada's studirt, wo der Maure mit seiner Feuerseele seinen tödtlichen Dolch hoch emporhebt, wenn er von seines Feindes Blute träuft und die Lehre preist, die der bleiche Christ übt, obwohl er sie feigherzig nicht zu nennen wagt.«
»Du bist also ein Schurke von größerer Seele, als ich dir zutraute,« sagte Ramorny.
»Laßt das sein,« antwortete Dwining. »Die stillen Wasser sind die tiefsten, und der Feind ist am meisten zu fürchten, der nie droht, als bis er schlägt. Ihr Ritter und Waffenleute geht mit dem Schwerte in der Hand gerad' auf Euer Ziel los. Wir, die wir Gelehrte sind, gewinnen unser Ziel mit geräuschlosem Schritt und auf Umwegen, kommen aber deshalb ebenso sicher dazu.«
»Und ich,« sagte der Ritter, »der ich zur Rache schritt mit stahlgeharnischtem Fuß, der alles Echo ringsum weckte, soll mich nun eines solchen Pantoffels bedienen, wie der deine? Ha!«
»Wer die Kraft nicht hat,« sagte der schlaue Apotheker, »muß durch Geschick seinen Zweck erreichen.«
»Und sage mir aufrichtig, Apotheker, warum du mir diese Teufelslectionen halten willst? Warum willst du mich schneller und eifriger zu meiner Rache drängen, als ich dir aus eignen Antrieb dazu bereit scheine? Ich bin alt in der Weltkenntnis Freund; und ich weiß, daß ein Mensch wie du nicht umsonst Worte fallen läßt oder sich in das gefährliche Vertrauen von Männern wie ich drängt, es sei denn, daß er selber einen Vortheil dabei im Auge hat. Was liegt dir an dem Wege, sei er blutig oder friedlich, den ich unter diesen Umständen verfolgen mag?«
»Um offen zu reden, edler Ritter, obwohl ich das selten zu thun pflege,« antwortete der Arzt, »mein Weg der Rache ist mit dem Eurigen ein und derselbe.«
»Mit dem meinigen, Mensch?« sagte Ramorny mit dem Ausdrucke verächtlichen Staunens. »Ich dächte, der läge hoch über deine Region. Du suchst dieselbe Rache mit Ramorny?«
»Ja, allerdings,« erwiderte Dwining; »denn der grobe Schmied, unter dessen Hiebe Ihr gelitten habt, hat mir oft mit Trotz und Beleidigung begegnet. Er hat mich im Rathe gehindert und bei der Ausführung verachtet. Seine rohe und vorschnelle Einfalt ist ein lebendiger Vorwurf für die Feinheit meiner natürlichen Sinnesart. Ich fürchte ihn und ich hasse ihn.«
»Und Ihr hofft einen thätigen Helfer an mir zu finden?« sagte Ramorny in demselben Tone der Geringschätzung wie vorher; »aber wißt, der Handwerker steht viel zu tief, um der Gegenstand meines Hasses oder meiner Furcht zu sein. Er wird jedoch nicht frei ausgehen. Wir hassen den Wurm nicht, der uns gestochen hat, wenn wir ihn gleich abschütteln und zertreten könnten. Ich kenne den Schuft längst; er versteht die Waffen zu führen und ist einer der Freier dieser verächtlichen Puppe, wie ich hörte, deren Reize uns zu der weisen und hoffnungsvollen Unternehmung verlockten. Teufel, die ihr diese Unterwelt regiert, aus welch übertriebener Bosheit habt ihr beschlossen, daß die Hand, die die Lanze gegen das Herz eines Prinzen gerichtet hat, wie ein junger Baum durch den Arm eines Elenden und während einer nächtlichen Ausschweifung abgehauen wurde! Wohl, Arzt, so weit ist unser Weg derselbe, und du magst glauben, daß ich diese Natter zertreten werde, wenn es dir gefällt. Aber glaube nicht, mir zu entkommen, wenn dieser Theil meiner Rache vollbracht ist, was sehr leicht und schnell geschehen sein wird.«
»Vielleicht wird es gar nicht so schnell geschehen sein,« sagte der Apotheker; »denn wenn Euer Gnaden mir glauben, so wird sich wenig Leichtigkeit und Gefahrlosigkeit dabei finden, wenn man sich mit ihm einläßt. Er ist der stärkste, kühnste und geschickteste Fechter in Perth und in der ganzen Umgegend.«
»Fürchte nichts; ihm wird begegnet werden und hätte er die Kraft Simsons. Aber dann merke dir! Hoffe nicht meiner Rache zu entgehen, wenn du nicht mein fügsamer Gehilfe in der Scene sein wirst, die darauf folgt. Höre wohl, ich wiederhole dir's, ich habe nicht auf einer maurischen Schule studiert, ich habe vielleicht eine weniger unbegrenzte Rachgier als du, aber ich will auch mein Theil haben. Aufgemerkt, Arzt, so lang' ich mich dir entdecke! Aber hüte dich vor Verrath, denn so mächtig deine Teufelskunst ist, du bist doch von einem geringern Teufel unterrichtet als ich. Höre, – der Herr, dem ich durch Tugend und Laster, vielleicht für meinen guten Namen mit zu viel Eifer, aber doch mit unerschütterlicher Treue gedient, – derselbe Mann, dessen rasender Thorheit zu schmeicheln ich diesen unersetzlichen Verlust erlitt, ist, um den Bitten eines fast kindischen Vaters zu gehorchen, im Begriff, mich aufzuopfern, mir seine Gunst zu entziehen, und mich der Gnade eines heuchlerischen Verwandten zu überlassen, mit dem er sich auf meine Kosten versöhnen will; wenn er bei diesem undankbaren Plane beharrt, so werden deine Mauren, deren Farbe schwärzer ist, als der Rauch der Hölle, erröthen, ihre Rache übertroffen zu sehen; aber ich will ihm noch Raum zu Ehre und Rettung geben, eh' ich meiner ganzen, erbarmungslosen Wuth mich überlasse. – Nun, so weit hast du mein Vertrauen. – Hier die Hand auf den Handel – meine Hand, sag' ich? Wo ist die Hand, die für Ramorny's Wort bürgen sollte? Sie ist an den Schandpfahl genagelt, oder mit Verachtung den Straßenhunden vorgeworfen, die sie vielleicht eben verzehren! – Lege also nur deine Finger auf diesen verstümmelten Stumpf und schwöre, mir in meiner Rache zu dienen, wie ich dir in der deinigen. – Nun, Herr Arzt, Ihr werdet blaß! – Kann der, der dem Tode zuruft: »Halt ein!« oder »rücke vor!« kann der zittern an ihn zu denken oder ihn nennen zu hören? Ich habe Euern Lohn nicht erwähnt, denn Einer, der die Rache an sich selbst liebt, braucht keine weitere Bestechung – doch, wenn weite Ländereien und große Geldsummen deinen Eifer in einer tüchtigen Sache steigern können, so glaube mir, sie sollen nicht mangeln.«
»Das stimmt etwas mit meinen bescheidenen Wünschen überein,« sagte Dwining; »der arme Mensch ist in dieser geschäftigen Welt niedergedrängt wie ein Zwerg im Getümmel und so unter die Füße getreten – die Reichen und Mächtigen erheben sich wie Riesen über dem Druck und sind behaglich, während Alles ringsum durcheinander geht.«
»Dann sollst du dich erheben, Arzt, so hoch dich Gold nur heben kann. Diese Börse ist gewichtig, aber sie ist nur eine Abschlagszahlung deines Lohnes.«
»Und jener Schmied? mein edler Wohlthäter« – sagte der Arzt, während er das Geschenk einsteckte – »der Harry vom Wynd oder wie er heißen mag – würde nicht die Nachricht, daß er für seine That gebüßt, besser den Schmerz von Euer Gnaden Wunde lindern, als der Balsam von Mekka, womit ich sie salbte?«
»Er ist unter Ramorny's Gedanken; und ich fühle nicht mehr Unwillen gegen ihn, als ich gegen die willenlose Waffe zürne, die er schwang. Aber dein Haß eben ist es, der sich an ihm befriedigen soll. Wo trifft man ihn gewöhnlich?«
»Das habe ich auch überlegt,« sagte Dwining. »Den Versuch bei Tage und in seinem eigenen Hause zu machen, wäre zu offen und gefahrvoll, denn er hat fünf Leute, die mit ihm in der Schmiede arbeiten, vier davon sind starke Kerle, und alle lieben ihren Herrn. Bei Nacht wär' es kaum minder verzweifelt, denn seine Thüren sind gut verwahrt mit Eichenbalken und eisernen Riegeln, und ehe die Befestigungsmittel dieses Hauses bewältigt werden könnten, würde sich die Nachbarschaft zu seiner Rettung erheben, vorzüglich, weil sie sehr beunruhigt sind seit dem Vorfall in der Valentinsnacht.«