»Freilich wohl,« sagte Ramorny, »kann dies Gerücht die Wahrheit eine kurze Zeit verbergen. Aber was hilft der kurze Verzug?«
»Es kann verborgen bleiben, wenn Ihr Euch eine Zeitlang vom Hofe zurückzieht, und dann, wenn neue Ereignisse die Erinnerung an gegenwärtigen Streit verdunkelt haben, kann man vielleicht sagen, die Wunde käme von einem Lanzenstich oder von einem Armbrustbolzen. Euer Knecht wird einen geeigneten Vorwand finden und für die Wahrheit der Sache stehen.«
»Der Gedanke macht mich rasend,« sagte Ramorny, wieder seufzend vor innerem und äußerem Schmerze. »Aber ich sehe kein anderes Mittel.«
»Es gibt kein anderes,« sagte der Wundarzt, dessen schlechtem Gemüthe seines Herrn Trauer köstliche Nahrung war. »Inzwischen wird man glauben, Ihr seid in Folge einiger Quetschungen und aus Kummer über den Entschluß des Prinzen, Euch nach Herzog Albany's Rath seine Gunst zu entziehen und aus seinem Dienste zu verabschieden, auf das Zimmer beschränkt; und das ist ja öffentlich bekannt.«
»Schurke, du folterst mich!« rief der Kranke.
»Im Ganzen,« sagte Dwining, »seid Ihr dennoch gut weggekommen, und, außer was den Verlust Eurer Hand betrifft, wofür es kein Mittel gibt, solltet Ihr Euch eher freuen, als beklagen; denn kein Chirurg in Frankreich oder England könnte die Operation besser vollbracht haben, als dieser Kerl mit seinem scharfen Hiebe.«
»Ich weiß vollkommen, was ich ihm zu danken habe,« sagte Ramorny, seinen Zorn bekämpfend und Ruhe affectirend; »und wenn Bonthron ihn nicht mit einem eben so scharfen Hiebe bezahlt und die Hilfe des Wundarztes unnöthig macht, so sagt, daß John von Ramorny keine Verbindlichkeit lösen kann.«
»Da sprecht Ihr, wie es Euch ziemt, edler Ritter!« antwortete der Apotheker. »Und ferner laßt mich sagen, daß die Geschicklichkeit des Operateurs umsonst gewesen wäre und der Blutverlust Eure Adern erschöpft hätte, wäre nicht der Verband und die blutstillenden Mittel der guten Mönche gewesen, so wie die armen Dienste Eures demüthigen Unterthanen Henbane Dwinings.«
»Still!« rief der Kranke, »mit deiner unglückweissagenden Stimme und deinem noch schlimmer klingenden Namen! – Mir ist, während du von den Qualen sprichst, die ich erlitten, wie wenn sich meine zerschnittenen Nerven streckten und zusammenzögen, als regierten sie noch die Finger, die einst einen Dolch führen konnten.«
»Dies,« erklärte der Arzt, »ist, mit Euer Gnaden Erlaubniß, eine Erscheinung, die uns Aerzten wohlbekannt ist. Es gab unter den alten Weisen einige, welche glaubten, es bestehe zwischen den Nerven eines abgenommenen Gliedes und dem Theile, von dem es getrennt wurde, noch eine Sympathie, und in einem Falle, wie z. B. der Eurige ist, können die Finger, die Ihr nicht mehr habt, beben und sich zusammenziehen, gleichsam um dem Antriebe zu entsprechen, der aus ihrer Sympathie mit der Lebenskraft des Gliedes hervorgeht, dem sie angehört haben. Könnten wir die Hand wieder bekommen, die gegenwärtig an das Stadtkreuz genagelt oder unter des schwarzen Douglas Obhut ist, so möchte ich die merkwürdige Erscheinung beobachten; aber ich glaube, man würde eben so sicher das Glied den Klauen eines hungrigen Adlers entreißen.«
»Und du könntest eben so sicher deine boshaften Scherze an einem verwundeten Löwen üben, als an John von Ramorny!« sagte der Ritter, sich in unbezähmbarem Zorn aufrichtend. »Schurke! thu' deine Pflicht; und bedenke, daß ich, wenn meine Hand keinen Dolch mehr fassen kann, über hundert andere gebieten kann.«
»Der Anblick einer einzigen zornig erhobenen wäre genügend,« sagte Dwining, »die Lebenskraft Eures Chirurgen zu vernichten. Aber wer,« fügte er dann in einem halb einschmeichelnden, halb höhnischen Tone hinzu, »wer würde dann die heiße und brennende Qual lindern, die mein Gönner jetzt leidet, und die ihn selbst gegen seinen armen Diener aufbringt, weil er die Regeln der Heilkunst erwähnt, die ohne Zweifel gegen die Kunst, Wunden zu schlagen, so verächtlich ist?«
Dann, als wage er nicht länger mit der Laune des gefährlichen Kranken zu spielen, machte sich der Arzt ernstlich daran, die Wunde zu salben und legte einen wohlriechenden Balsam darauf, dessen Duft das Zimmer durchströmte und statt der brennenden Hitze eine erquickende Kühlung ertheilte; dieser Wechsel war dem fieberglühenden Kranken so angenehm, daß, wie er vorher vor Schmerz gestöhnt, er nun nicht umhin konnte, vor Vergnügen zu seufzen, während er auf seine Kissen zurücksank, um der Ruhe zu genießen, welche der Verband bewirkte.
»Eure ritterliche Herrlichkeit weiß nun, wer Euer Freund ist,« sagte Dwining; »hättet Ihr einem raschen Antriebe nachgegeben und gesagt: ›schlagt mir den werthlosen Quacksalber todt,‹ wo würdet Ihr dann in den vier Meilen Britanniens den Mann gefunden haben, der Euch solche Linderung brachte?«
»Vergeßt meine Drohungen, guter Arzt,« sagte Ramorny, »und hütet Euch, mich in Versuchung zu führen. Ein Mann wie ich will keinen Scherz über seine Qualen. Behalte deine Spöttereien für die Elenden im Spital.«
Dwining wagte nichts mehr zu sagen, sondern goß einige Tropfen aus einer Phiole, die er aus der Tasche nahm, in einen kleinen Becher voll Wein mit Wasser gemischt.
»Dieser Trank,« sagte der kunstreiche Mann, »soll Euch einen Schlaf schenken, der nicht unterbrochen werden darf.
»Der Zeitraum der Wirkung ist ungewiß – vielleicht bis morgen.«
»Vielleicht für immer,« sagte der Kranke. »Sir Apotheker, kostet mir sogleich diesen Trank, sonst geht er nicht über meine Lippen.«
Der Arzt gehorchte ihm mit verächtlichem Lächeln. »Ich würde gern das Ganze austrinken; aber der Saft dieses indischen Gummi's bringt eben so gut dem gesunden, wie dem kranken Menschen Schlaf, und der Beruf des Arztes will, daß ich munter sei.«
»Ich bitt' Euch um Verzeihung, Herr Arzt,« sagte Ramorny, die Augen niederschlagend, als schäme er sich, Argwohn gezeigt zu haben.
»Es ist keine Verzeihung nöthig, wo man sich nicht beleidigt fühlen kann,« antwortete der Arzt. »Ein Insekt muß einem Riesen danken, daß er nicht darauf tritt. Doch, edler Ritter, Insekten wissen so gut zu schaden, als Aerzte. Was würde es mir, außer einem unruhigen Augenblicke, gekostet haben, den Balsam zu vergiften, den ich auf Eure Wunde legte, und dadurch Euern Arm bis zur Schulter brandig und Euer Blut zu einer verdorbenen Gallerte zu machen? Wer hätte mich gehindert, noch feinere Mittel anzuwenden, und Euer Gemach mit Essenzen zu vergiften, vor denen das Lebenslicht immer dunkler und dunkler flackert, und zuletzt wie eine Kerze im trüben Dunst einer unterirdischen Höhle erlischt? Ihr achtet meine Macht zu gering, wenn Ihr nicht wißt, daß meine Kunst mir noch mächtigere Zerstörungskreise leiht; aber der Arzt tödtet den Kranken nicht, von dessen Großmuth er lebt; und zumal den, dessen Nase die Hoffnung der Rache athmet, den geschworenen Verbündeten, der seinen eigenen Plan begünstigt, wird er noch weniger vernichten. – Doch, noch ein Wort; – sollte es nöthig werden, Euch zu wecken – denn welcher Mann in Schottland kann sich acht Stunden ununterbrochener Ruhe versprechen? – dann riecht an die starke Essenz, welche diese Büchse enthält. – Und nun lebt wohl, Herr Ritter; und könnt Ihr Euch mich nicht als einen Mann von strengem Gewissen denken, so erkennt zum Mindesten meine Vernunft und meinen Scharfsinn an.«
Mit diesen Worten verließ der Apotheker das Gemach, indem seine gewöhnliche, niedrige und kriechende Miene etwas veredelt erschien, wie im Bewußtsein eines Sieges über seinen gebieterischen Kranken.
Sir John Ramorny blieb zurück, in unangenehme Betrachtungen versunken, bis er die unmerklichen Wirkungen des einschläfernden Trankes zu empfinden begann. Er raffte sich für einen Augenblick empor und rief seinen Pagen.
»Eviot! holla! Eviot! – ich habe unrecht gethan, mich diesem giftigen Quacksalber so weit zu entdecken – Eviot!«