Der Page trat ein.
»Ist der Apotheker fort?«
»Ja, Euer Gnaden.«
»Allein oder in Begleitung?«
»Bonthron sprach leise mit ihm und folgte ihm fast auf dem Fuße – auf Euer Gnaden Befehl', denk' ich.«
»Leider, ja – er geht, um einige Heilmittel zu holen – er wird bald zurückkehren. Wenn er betrunken ist, so laß ihn nicht in mein Gemach, und dulde nicht, daß er mit Jemand spricht. Er schwatzt, wenn sein Hirn vom Trinken umnebelt ist. Er war ein seltener Bursche, bis ihm eines Engländers Axt die Hirnschale traf; aber seit der Zeit schwatzt er närrisch, sobald ein Becher über seine Lippen gelaufen. – Sagte der Arzt dir etwas, Eviot?«
»Nichts; er wiederholte nur seinen Befehl, Euer Gnaden nicht zu stören.«
»Dem mußt du sicher gehorchen,« sagte der Ritter. »Ich fühle Schlaf kommen, den ich seit der unseligen Verwundung nicht genoß. – Wenigstens war's nur ein Augenblick, wenn ich schlief. Hilf mir das Kleid ablegen, Eviot.«
»Möge Gott und die Heiligen Euch gute Ruhe senden, Mylord,« sagte der Page, der sich zurückzog, nachdem er seinem verwundeten Herrn den verlangten Beistand geleistet.
Als Eviot das Zimmer verließ, murmelte der Ritter, dessen Hirn sich mehr und mehr verwirrte, des Pagen Abschiedsgruß vor sich hin.
»Gott – Heilige – ich habe unter solchem Segen gesund geschlafen. Aber nun – ich denke, wenn ich nicht zur Erfüllung meiner stolzen Hoffnungen auf Macht und Rache aufwache, so ist der beste Wunsch für mich, daß der Schlummer, der nun auf mein Haupt fällt, der Vorläufer des Schlafes wäre, der meine geliehenen Kräfte wieder zum ursprünglichen Nichtsein zurückbringt – ich kann nicht weiter darüber denken.«
So sprechend, fiel er in einen tiefen Schlaf.
Sechzehntes Kapitel
Zu Fastnacht, als wir lustig waren.
Schottisches Lied.
Die Nacht, welche auf Ramorny's Krankenbett sank, sollte keine ruhige sein. Zwei Stunden waren seit dem Abendgeläute vergangen, welches damals um sieben Uhr stattfand, und Alle hatten sich in jener alten Zeit zur Ruhe begeben, außer solche, die Andacht, oder Beruf, oder Ausschweifung munter erhielt; da es nun der Abend vor Fastnacht war, so waren die Orte der Fröhlichkeit von jenen dreien bei weitem am meisten bevölkert.
Das Volk hatte sich den ganzen Tag über beim Ballspiel ergötzt und ermüdet; die Ritter und Edeln hatten Hahnenkämpfe gehalten oder der üppigen Musik der Minstrels gelauscht, während die Bürger sich an Speckkuchen und fetter Brodsuppe gelabt hatten, – es war dies nämlich die Brühe, in welcher man gesalzenes Rindfleisch abgekocht, und worein man gerösteten Gries streute, ein Gericht, welches auch noch jetzt dem einfachen, altschottischer Sitte getreuen Gaumen nicht unangenehm ist. Diese Uebungen und Speisen waren dem Festtag eigenthümlich, auch war es strenge Regel, daß jeder gute Katholik am Abend so viel Bier und Wein trank, als er sich verschaffen konnte, und, wenn er jung und gewandt war, auf dem Ball tanzte oder unter den maurischen Tänzern eine Figur abgab, deren Kleidung in Perth, wie an anderen Orten, höchst seltsam war, und die sich durch Gewandtheit und Behendigkeit auszeichneten. Dieser Lustigkeit ließ man unter dem Vorwande freien Lauf, daß das große Fasten mit all' seinen Beschwerden und Entbehrungen nahe, und daß es daher klug sei, so viel Lust als möglich zu genießen und sich alle erdenklichen Thorheiten zu verzeihen, als man in dem kurzen Zeitraume vor dem Beginn jenes begehen konnte.
Die üblichen Vergnügungen hatten stattgefunden, und in den meisten Theilen der Stadt war die gewöhnliche Ruhe eingetreten. Besonders angelegen hatte es sich der Adel sein lassen, eine Erneuerung des Zwistes zwischen seinem Gefolge und den Bürgern der Stadt zu verhüten; so waren die Lustbarkeiten mit weniger Unfällen als sonst vorübergegangen, indem man nur drei Todte und einige gebrochene Glieder zählte, was aber so unbedeutende Leute betraf, daß man es nicht näherer Nachfrage werth hielt. Der Karneval schloß im Allgemeinen ruhig, aber an einigen Orten hatte man die Lust noch nicht eingestellt.
Eine Gesellschaft Schwärmer, die man besonders bemerkt und mit Beifallruf begleitet hatte, schienen ihre Lustbarkeit ungern zu schließen. Die Entry (Liste der Tänzer), wie man es nannte, bestand aus dreizehn Personen, gleichmäßig gekleidet, in dicht anschließenden Wämsern von Gemsleder, seltsam gezeichnet und gestickt. Sie trugen grüne Mützen mit silbernen Troddeln, rothe Bänder, weiße Schuhe, an Knieen und Knöcheln kleine Schellen und ein bloßes Schwert in der Hand. Diese geschmückte Schaar hatte vor dem König den Schwerttanz aufgeführt, der im Zusammenschlagen der Waffe und einem Wechsel seltsamer Stellungen bestand. Sie waren eben im Begriff, ihre Geschicklichkeit zum zweiten Male vor Simon Glovers Thür zu zeigen, ließen für sich und die Zuschauer Wein bringen und tranken laut jubelnd auf das Wohl des schönen Mädchens von Perth. Der alte Simon erschien an der Thür seiner Wohnung, um die Artigkeit seiner Mitbürger anzuerkennen, und dagegen den Wein zu Ehren der lustigen Mohrentänzer von Perth umgehen zu lassen.
»Wir danken dir, Vater Simon,« sagte eine Stimme, die in einem künstlichen Gequik den Ton des Oliver Proudfute schlecht zu verbergen strebte. »Aber ein Anblick deiner lieblichen Tochter wäre unserem jungen Blut süßer gewesen, als ein ganzes Faß voll Malvasier.«
»Ich dank' euch, Nachbarn, für euer Wohlwollen,« erwiderte der Handschuhmacher. »Meine Tochter ist nicht wohl und kann nicht in die kalte Nachtluft kommen – aber wenn dieser fröhliche Herr, dessen Stimme ich kennen sollte, in mein armes Haus kommen will, so wird sie ihm den Dank für die Uebrigen übertragen.«
»Bringt ihn uns in Greif's Schenke,« riefen die übrigen Tänzer ihrem begünstigten Gefährten zu; »denn dort wollen wir Kehraus machen und die Gesundheit der schönen Katharina noch einmal trinken.«
»Ich bin in einer halben Stunde bei euch,« sagte Oliver, »und will sehen, wer die größte Flasche leert oder das lauteste Lied singt. Ja, ich will so lustig sein zum Schluß des Karnevals, als sollte sich mit den Fasten mein Mund für immer schließen.«
»So lebt wohl,« riefen seine Genossen im Mohrentanz; »lebt wohl, lustiger Strumpfwirker, bis wir uns wiedersehen.«
Die Mohrentänzer setzten also ihren Zug fort, tanzend und singend, während sie, von vier Musikanten geführt, hingingen, und Simon Glover ihren Koryphäen in sein Haus zog und ihm einen Stuhl an das Feuer rückte.
»Aber wo ist Eure Tochter?« sagte Oliver. »Sie ist der Magnet für uns tapfere Degen.«
»Ei, sie hütet wirklich ihr Zimmer, Nachbar Oliver; »und, um offen zu sprechen, sie hütet ihr Bett.«
»Ei, dann will ich hinauf und sie in ihrem Kummer sehen – Ihr habt meinen Zug gestört, Gevatter Glover, und Ihr seid mir Ersatz schuldig; ein lustiger Degen, wie ich, will nicht Beides, das Mädchen und das Glas, verlieren. – Sie hütet das Bett wirklich?
Mein Hund und ich besuchen dir
Zu gern nur kranke Mädchen hier;
Wenn krank sie und am Sterben sind,
Dann kommt mein Hund und ich geschwind.
Und sterb' ich, wie es doch muß sein,
So scharrt mich unter'm Bierfaß ein;
Verschlung'nen Arm's ruht sicherlich
Und traulich dann mein Hund und ich.«
»Kannst du nicht einen Augenblick ernst sein, Nachbar Proudfute?« sagte der Handschuhmacher; »ich habe ein Wort mit dir zu reden.«
»Ernst?« antwortete der Gast; »ei, ich bin den ganzen Tag ernst gewesen – ich kann kaum den Mund aufthun, ohne daß etwas von Tod, Begräbniß und dergleichen herauskommt – das sind die ernstesten Gegenstände, die ich kenne.«
»Bei St. John, Mensch!« sagte der Handschuhmacher, »bist du dem Tode geweiht?«
»Nein, ganz und gar nicht – 's ist nicht mein eigener Tod, den diese düsteren Gedanken anzeigen – ich habe ein gutes Horoscop und werde noch fünfzig Jahre leben. Aber es ist das Geschick des armen Schelms – des Douglassöldners, den ich im Gefecht am Valentinstag niederschlug – er starb letzte Nacht – das ist's, was mir auf der Seele lastet und düstere Gedanken weckt. Ach, Vater Simon, wir Kriegsleute, die wir Blut in unserem Zorn vergießen, haben manchmal finstere Gedanken – ich wünsche bisweilen, daß mein Messer nichts als verworrene Fäden zerschnitten hätte.«