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»Das Schachspiel ist wohl sehr amüsant, Vater,« hob ich an.

»Es gilt allgemein dafür,« antwortete er, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

»Es muß wohl so sein; sonst würden wohl Herr Hazlewood und Lucy sich nicht so ernst damit befassen.«

»Mein Vater blickte schnell auf mich und hielt den Bleistift eine Weile untätig in der Hand. Wahrscheinlich aber sah er nichts, was seinen Argwohn wecken konnte, denn er skizzierte weiter an seinem Mahratten-Turban, dessen Falten ihm nicht recht gelingen wollten.

»Wie alt ist denn eigentlich Fräulein Bertram, Vater?« hob ich wieder an.

»Wie kann ich es wissen! Vermutlich so alt wie Du!«

»Sie dürfte wohl älter sein, Vater! Sie sagten mir ja immer, Lucy wisse sich so anständig beim Teetische zu benehmen ... Warum wollen Sie ihr nicht ein für allemal den Vorsitz dort einräumen?«

»Julie,« antwortete mein Vater, »Du bist entweder ein recht albernes Ding oder findest am Unheilstiften mehr Lust und Vergnügen, als ich Dir bis jetzt zugetraut habe.«

»O, lieber Vater, legen Sie mir doch nicht alles aufs schlimmste aus! Ich möchte um alles in der Welt nicht gern für ein albernes Ding gelten.«

»Warum führst Du denn aber Reden, die auf solche Meinung führen müssen?« »Du meine Güte, Vater – mir kommt, was ich sage, gar nicht so albern vor – wirklich nicht! weiß doch alle Welt, daß Sie noch ein sehr hübscher Mann sind« (ein leichtes Lächeln wurde sichtbar) – »ich meine, für Ihr Alter« (der Schimmer von Fröhlichkeit schwand), »wenn Sie auch noch in den besten Jahren stehen. Warum sollten Sie nicht Ihrer Neigung folgen? Ich weiß wohl, daß ich nur ein unbesonnenes Mädchen bin, und wenn eine ernsthaftere Lebensgefährtin Sie glücklicher machen könnte, warum sollte es dann nicht Ihnen anheimgestellt sein, sie sich zu suchen?«

»Auf seine Züge trat, als er jetzt meine Hand nahm, ein seltsames Gemisch von Verdruß und herzlicher Liebe; und mir bedeutete dasselbe eine ernste Zurückweisung des kleinen Scherzes, den ich mir mit seinen Empfindungen erlaubt hatte... »Julie,« sagte er, »ich bin sehr nachsichtig gegen Deinen Mutwillen, weil ich glaube, daß ich es schuldigerweise versäumt habe, strenger über Deine Erziehung zu wachen. Aber daß Du Deinen Mutwillen auch mit einem so zarten Gegenstande treiben willst, entspricht nicht meinen Wünschen. Willst Du die Empfindungen nicht ehren, die im Herzen Deines Vaters nach wie vor für Deine Mutter wohnen, so achte wenigstens das heilige Recht des Unglücks. Vergiß nicht, daß, wenn auch nur das leiseste Wort von solchem Scherze Lucy zu Ohren käme, sie ihre jetzige Zuflucht nicht allein auf der Stelle verließe, sondern sich ohne Schutz in die Welt hinausgestoßen sähe, deren rauhe Seite sie doch schon mehr als genug empfunden hat.«

»Was konnte ich dazu sagen, Mathilde? Ich bat ihn herzlich um Verzeihung und versprach, in Zukunft ein frommes Kind zu sein. So stehe ich denn wieder ganz allein. Ich darf nun, ohne mich dem eigenen Vorwurfe auszusetzen, die arme Lucy nicht mehr durch neckische Manöver gegen Hazlewood quälen, ebensowenig es aber wagen, meinem Vater gegenüber den zarten Punkt noch einmal zu berühren. Da sitze ich denn und brenne Papierröllchen ab und zeichne mit dem schwarzen Ende Türenköpfe auf Karten oder spiele auf dem leidigen Klavier und fange wohl auch an, irgend ein ernsthaftes Buch von hinten an zu lesen, wie es die Juden machen sollen.

»Browns Stillschweigen macht mich wirklich recht verdrießlich. Hätte er das Land verlassen müssen, so hätte er mir doch gewiß geschrieben! Sollte mein Vater seine Briefe aufgefangen haben? Doch nein, das wäre durchaus gegen seine Grundsätze! Ich glaube nicht, daß er einen Brief öffnete, den ich abends erhielte, selbst wenn er dadurch verhüten könnte, daß ich am andern Morgen aus dem Fenster spränge! Doch was für Worte sind mir da entschlüpft! Ich sollte darüber erröten, Mathilde, wenn ich es auch nur Dir gegenüber im Scherze ausgesprochen! Aber ich kann kein Verdienst darin erblicken, wenn man handelt wie man handeln muß. Brown ist ja kein so feuriger Liebhaber, daß er die Person, der seine Neigung gehört, zu dergleichen unbedachten Schritten verleiten möchte! Im Gegenteil! er läßt einem Zeit genug zu ruhiger Ueberlegung. Doch ich will ihn nicht ungehört tadeln, will mir nicht herausnehmen, an der männlichen Festigkeit seines Gemüts zu zweifeln, das ich Dir oft genug gepriesen habe. Wäre er imstande, Zweifel und Besorgnis zu hegen, wäre er fähig, Unbeständigkeit auch nur leise zu argwöhnen, so hätte ich wahrlich nur geringe Ursache, seinen Verlust zu beklagen.

»Du wirst fragen, warum ich, wenn ich solch ideale Anschauungen von einem Liebhaber nähre, so ängstlich bekümmert um Hazlewoods Tun und Lassen sei? oder wem er den Hof mache? Die gleiche Frage stelle ich mir wohl hundertmal am Tage selbst, finde aber immer nur die recht törichte Antwort, daß man, auch wenn man zu ernstlicher Untreue nichtsdestoweniger denn animieren möchte, doch über jede, wenn auch nur scheinbare Vernachlässigung sich ärgert.

»Ich schreibe Dir all diese Kleinigkeiten, weil Du schreibst, daß sie Dich amüsieren; aber daß dem so ist, wundert mich doch! Ich erinnere mich wohl, wie Du bei unsern Ausflügen in die Welt der Poesie immer nur Meinung hattest für das Große und Romantische! Rittergeschichten, Zwerge, Riesen, bedrängte Fräulein, Wahrsager, Geisterspuk und dergleichen waren Dein Fall, während mich nur die gewöhnlichen Lebensverwickelungen fesseln konnten, oder höchstens nur das bißchen von Wunder, das wir durch einen morgenländischen Genius oder eine wohlwollende Fee bewirken können. Du hättest Deine Lebensbahn gern über das weite Weltmeer, durch seine Windstillen, seine heulenden Stürme, seine Wirbelwinde, seine berghohen Wogen geführt; ich aber wäre mit meinem kleinen Boote bei frischem Winde lieber in einen Landsee oder eine stille Bucht eingelaufen, wo man wohl immer noch Geschicklichkeit hätte aufbieten müssen, aber schließlich keine Gefahr gelaufen wäre. Du also, Mathilde, hättest meinen Vater haben müssen mit seinem Kriegsruhm und seinem Ahnenstolz, seinem ritterlichen Ehrgefühl, seinen hohen Geistesgaben und seiner Vorliebe für allerhand tiefsinnige, geheimnisvolle Forschungen; Deine Freundin hätte aber Lucy Bertram sein müssen, deren Altvordern mit Namen, die sich so wenig behalten wie schreiben lassen, in diesem romantischen Lande herrschten, und deren Geburt, wie ich freilich nur aus unbestimmten Nachrichten weiß, unter ganz sonderbaren Umständen erfolgt ist. Unsere von Bergen umringte Wohnung und unsere Spaziergänge zwischen gespenstervollen Trümmern wären Dir auch recht gewesen. Mir aber hätte der schöne Park einer freundlichen, nachsichtigen Tante zufallen mögen, mit ihrer Betstunde am Morgen, ihrem Mittagsschläfchen und ihrer Whistpartie am Abend, die drallen Kutschpferde und den noch dralleren Kutscher nicht zu vergessen! Uebersieh aber nicht, daß Brown in diesen Tausch nicht eingeschlossen ist! Sein freundliches Gemüt, seine lebhafte Unterhaltungsgabe, seine frischfröhliche Tapferkeit passen ebensogut zu meinem Lebensplane, wie seine kräftige Gestalt, seine schönen Züge, sein hoher Mut mit Ritterlichkeit vereinbar wären. Wir können also keinen vollständigen Tausch eingehen, und so wird jeder doch eben behalten müssen, was er hat.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Julie Mannering an Mathilde Marchmont.

»Ich stehe eben vom Krankenbette auf, teuerste Mathilde, und will Dir die sonderbaren entsetzlichen Ereignisse erzählen, die ich erlebt habe. O, man sollte nicht über die Zukunft scherzen! Ich schloß meinen letzten Brief an Dich in fröhlichem Uebermute und dachte nicht daran, daß ich Dir binnen wenigen Tagen solche schrecklichen Dinge mitteilen müßte. Es ist etwas ganz anderes, liebe Mathilde, furchtbare Auftritte mit anzusehen, mit zu durchleben, oder sie nur in Schilderungen zu lesen; eben so verschieden, als wenn man, am Rande eines Abgrundes schwebend, an einem fast entwurzelten Strauche sich hielte, und solchen Absturz in einem Landschaftsbilde von Salvator Rosa sähe.