»Die Rechte hat bereits ihr Letztes in Eurer Hoheit Diensten gethan,« murmelte der Kranke mit leiser und gebrochener Stimme.
»Wie meint Ihr das?« sagte der Prinz. »Ich weiß, daß dein Diener, der schwarze Quentin, eine Hand verlor; aber er kann mit der andern so viel stehlen, daß er an den Galgen kommt, und also leidet sein Schicksal keine Aenderung.«
»Jener Bursche hatte den Verlust nicht in Eurer Hoheit Dienst – ich hab' ihn – John von Ramorny.«
»Ihr!« sagte der Prinz; »Ihr scherzt mit mir, oder das Opiat beherrscht Eure Vernunft noch.«
»Wenn der Saft aller Mohnköpfe Aegyptens in einem Tranke gemischt wäre,« sagte Ramorny, »er würde den Einfluß auf mich verlieren, wenn ich das sehe.« Er zog seinen rechten Arm unter der Bettdecke hervor und streckte ihn, in den Verband eingewickelt, dem Prinzen entgegen, während er sagte: »Wäre das abgenommen und entfernt, so könnte Eure Hoheit sehen, daß nur ein blutiger Stumpf von einer Hand übrig blieb, stets bereit, das Schwert auf Eurer Hoheit leisesten Befehl zu ziehen.«
Rothsay bebte entsetzt zurück. »Dies,« sagte er, »muß gerächt werden!«
»Zum kleinen Theil ist es gerächt,« sagte Ramorny; »das heißt, mir war, als hätt' ich soeben Bonthron gesehen – oder war es der Traum der Hölle, der sich zuerst vor meiner Seele zeigte, als ich erwachte, und mir ein ähnliches Bild heraufbeschwor? Eviot, rufe das Ungeheuer – das heißt, wenn er im Stande ist, zu erscheinen.«
Eviot ging und kehrte sogleich mit Bonthron zurück, den er von der Strafe (die ihm gar nicht unangenehm) einer zweiten Kürbißflasche Weins rettete, nachdem der rohe Mensch die erste verschlungen hatte, ohne eine sichtbare Aenderung seines Betragens zu zeigen.
»Eviot,« sagte der Prinz, »laß mir die Bestie nicht zu nahe kommen. Meine Seele schaudert vor ihm zurück vor Furcht und Ekel; in seinen Blicken ist etwas meiner Natur Fremdes, und ich bebe davor, wie vor einer widerlichen Schlange, vor welcher ein innerer Trieb zurückdrängt.«
»Erst hört ihn sprechen, Mylord,« antwortete Ramorny; »spräche nicht ein Weinrausch, so könnte Niemand weniger Worte brauchen. – Bist du an ihn gekommen, Bonthron?«
Der Wilde erhob seine Axt, die er noch in der Hand hielt und senkte sie mit der Schneide abwärts.
»Gut. Wie erkanntest du deinen Mann? – Ich höre, daß eine finstere Nacht ist.«
»An Gesicht und Stimme, Kleidung, Gang und Pfeifen.«
»Genug, geh' fort! – und, Eviot, laß ihn Gold und Wein haben, um sein viehisches Verlangen zu befriedigen. – Geh' fort! – und geh' du mit ihm.«
»Und wessen Tod ist erfolgt?« fragte der Prinz, befreit von dem Gefühle des Abscheus und Ekels, worunter er litt, so lange der Mörder da war. »Ich hoffe, das ist nur ein Scherz? Sonst muß ich es eine voreilige und grausame That nennen. Wem ward das bittere Loos, durch den blutigen und wilden Sklaven hingeschlachtet zu werden?«
»Ein wenig Besserer, als er selbst,« sagte der Kranke; »ein elender Handwerker, dem indeß das Schicksal die Macht gab, Ramorny zu einem verstümmelten Krüppel zu machen – ein Fluch folge seiner schlechten Seele! – Sein elendes Leben ist für meine Rache nur, was ein Tropfen Wasser für einen Ochsen sein würde. Ich muß mich kurz fassen, denn meine Gedanken verwirren sich wieder; es ist nur die Noth, die sie beisammen hält, wie ein Köcher ein Bündel Pfeile. Ihr seid in Gefahr, Mylord – ich spreche aus sicherer Ueberzeugung – Ihr habt Douglas getrotzt und Euern Oheim beleidigt – Eures Vaters Unwillen erregt – obwohl das nur Kleinigkeit gegen das Uebrige ist.«
»Es schmerzt mich, meines Vaters Unwillen erregt zu haben,« sagte der Prinz, über den nun berührten wichtigern Gegenständen eine so unbedeutende Sache, wie den Mord eines Handwerkers, gänzlich vergessend, »wenn es in der That so ist. Aber wenn ich lebe, soll Douglas' Macht gebrochen werden, und die Schlauheit Albany's soll diesem wenig frommen!«
»Ja, wenn – wenn! Mylord!« sagte Ramorny; »mit solchen Gegnern, wie Ihr habt, müßt Ihr Euch nicht auf wenn und aber verlassen – Ihr müßt Euch gleich entschließen zu schlagen oder erschlagen zu werden.«
»Wie meint Ihr das, Ramorny? Euer Fieber macht Euch toll,« antwortete der Herzog von Rothsay.
»Nein, Mylord,« sagte Ramorny, »stände meine Raserei auch auf dem höchsten Punkte, dennoch würden die Gedanken, die jetzt durch meine Seele ziehen, sie rechtfertigen. Es kann sein, daß Schmerz über meinen eigenen Verlust mich verzweifelt macht, daß Besorgniß für Eurer Hoheit Sicherheit mich kühne Pläne unterhalten läßt; aber ich habe die volle Urtheilskraft, womit der Himmel mich begabte, wenn ich Euch sage, daß, wenn Ihr je die Krone Schottlands tragen, ja, noch mehr, wenn Ihr einen zweiten St. Valentinstag sehen wollt, Ihr müßt – «
»Was werd' ich müssen, Ramorny?« sagte der Prinz mit würdevoller Miene; »nichts meiner Unwürdiges hoff' ich!«
»Gewiß nichts, was für einen Prinzen Schottlands unwürdig oder unschicklich ist, wenn die blutbefleckten Jahrbücher unseres Landes die Wahrheit sagen; aber Etwas, was wohl die Nerven eines Fürsten der Gaukler und Narren erschüttern dürfte.«
»Du bist streng, Sir John Ramorny,« sagte der Herzog von Rothsay mit dem Ausdrucke des Mißfallens; aber du hast dein Recht, uns zu tadeln, theuer durch den Verlust erkauft, den du in unserem Dienste erlitten.«
»Mylord von Rothsay,« sagte der Ritter, »der Arzt, der diesen verstümmelten Stumpf verband, sagte mir, je mehr ich den Schmerz seines Messers empfände, um so stärker sei die Hoffnung auf Heilung. Ich werde daher nicht anstehen, Eure Gefühle zu verletzen, weil ich dadurch Euch zu einer Einsicht bringen kann, die nothwendig für Eure Sicherheit ist. Eure Hoheit ist zu lange der Zögling fröhlicher Thorheit gewesen; Ihr müßt jetzt männliche Klugheit annehmen oder wie ein Schmetterling zermalmt werden im Schooße der Blume, an der Ihr Euch weidet.«
»Ich glaube Eure Sittenlehren zu kennen, Sir John; Ihr seid der fröhlichen Thorheit müde, – die Geistlichen nennen sie Laster, – und Ihr sehnt Euch nach einem etwas ernsteren Verbrechen. Nun, ein Mord oder ein Blutbad würde den Geschmack der Ausschweifungen erhöhen, wie der Geschmack der Olive den Wein würzt; aber meine schlimmsten Thaten sind nur lustige Schelmerei; mich freut ein blutiger Handel nicht, und es empört mich, zu sehen oder zu hören, selbst wenn er nur in Betreff des gemeinsten Sklaven geübt wurde. Sollte ich je den Thron einnehmen, so werd' ich wahrscheinlich, wie mein Vater vor mir, meinen eigenen Namen aufgeben und mich zu Ehren des Bruce ,Robert nennen – nun, und wenn dies geschieht, so soll jeder Schotte seine Flasche in der einen Hand haben und die andere um seines Mädchens Nacken legen, und die Mannhaftigkeit soll durch Küsse und Becher, nicht durch Dolche und Schwerter erprobt werden; und auf mein Grab werden sie schreiben: ›Hier liegt Robert, der Vierte seines Namens. Er gewann nicht Schlachten gleich Robert dem Ersten. Er erhob sich nicht von einem Grafen zum König, wie Robert der Zweite. Er gründete keine Kirchen, wie Robert der Dritte, sondern begnügte sich zu leben und zu sterben als König braver Leute!‹ Von all' meinen Vorgängern der letzten zwei Jahrhunderte würde ich nur beneiden den Ruhm des
Alten Königs Coul
Der führt' ›ne tücht'ge Bowle.‹
»Mein gnädiger Herr,« sagte Ramorny, »laßt mich Euch erinnern, daß Eure fröhlichen Schwärmereien ernste Uebel erzeugen. Hätt' ich diese Hand im Gefecht verloren, um Eurer Hoheit einen wichtigen Vortheil über Eure allzumächtigen Feinde zu verschaffen, so würde mich der Verlust weniger schmerzen. Aber von Helm und Harnisch zum Schlafrock und zur Nachtmütze gebracht zu sein –«
»Ei, laßt das jetzt endlich, Sir John« – unterbrach ihn der leichtsinnige Prinz – »wie kannst du so unwürdig handeln, und mir fortwährend die blutige Hand vor Augen halten, wie Gaskhall's Geist seinen Kopf dem Sir William Bruce zuwarf? Bedenke, du bist unvernünftiger, als Fawdyon selbst, denn ihm hatte Wallace im Zorn den Kopf abgehauen, während ich gern Alles hingäbe, dir die verlorene Hand wieder zu schaffen. Weil dies aber nicht sein kann, will ich dir eine andere dafür machen lassen, wie die stählerne Hand des Ritters von Carselogie, mit der er seine Freunde grüßen, seiner Gattin die Hand drücken, seinen Gegnern stehen und Alles thun konnte, was man mit einer Hand aus Fleisch und Blut verrichtet. Glaubt mir nur, John Ramorny, wir haben viel Ueberflüssiges an uns; der Mensch könnte mit einem Auge sehen, mit einem Ohre hören, mit einer Hand fühlen, mit einem Nasenloch riechen, und warum sollten wir das Alles doppelt haben, wenn nicht, um im Nothfall das Eine durch das Andere zu ersetzen? Ich kann es wenigstens nicht begreifen.«