Sir John Ramorny wandte sich mit einem leisen Seufzer von dem Prinzen ab.
»Ei, Sir John,« sagte der Herzog, »ich bin ganz ernst. Ihr kennt die Wahrheit der Sage von der Stahlhand des Carselogie besser, als ich, da er Euer eigener Nachbar war. Zu seiner Zeit konnte das merkwürdige Werk nur in Rom gefertigt werden; aber ich wette um hundert Mark mit Euch, laßt den Waffenschmied von Perth nur das Modell haben, so wird Harry vom Wynd es so gut zu Stande bringen, als es alle Schmiede von Rom unter dem Segen aller Cardinäle im Stande wären.«
»Ich könnt' es wagen, Eure Wette anzunehmen, Mylord,« antwortete Ramorny bitter, »aber da ist keine Zeit zu Spaßen. – Ihr habt mich auf Befehl Eures Oheims aus Eurem Dienste entlassen?«
»Auf Befehl meines Vaters,« antwortete der Prinz.
»Dem Eures Oheims Befehle unverletzlich sind,« erwiderte Ramorny. »Ich bin ein schmachbeladener Mann, bei Seite geworfen, wie ich nun meinen rechten Handschuh wegwerfen kann, als ein unnützes Ding. Aber mein Kopf könnte Euch nützen, obwohl meine Hand fort ist. Ist Eure Hoheit geneigt, mir in einer wichtigen Sache einen Augenblick Gehör zu schenken? – Denn ich bin sehr erschöpft und fühle meine Kräfte schwinden.«
»Sprecht nach Gefallen,« sagte der Prinz; »dein Verlust verpflichtet mich, dich zu hören; dein blutiger Stumpf ist ein Scepter, mir zu gebieten; sprich also, aber sei gnädig im Gebrauch deines Vorrechts.«
»Ich will kurz sein, sowohl meinet- als Euretwegen; in der That, ich habe nur wenig zu sagen. Douglas stellt sich sofort an die Spitze seiner Vasallen. Er will im Namen König Roberts dreißigtausend Grenzer versammeln, die er bald nachher in's Innere führen will, um zu verlangen, daß der Herzog von Rothsay seine Tochter wieder annehme, oder vielmehr ihr den Rang und die Rechte seiner Gemahlin wieder einräume. König Robert wird sich allen Bedingungen fügen, die den Frieden sichern können. – Was wird der Herzog thun?«
»Der Herzog von Rothsay liebt den Frieden,« sagte der Prinz stolz; »aber er fürchtete nie den Krieg. Eh' er jenes stolze Weib an Tisch und Bett zurücknimmt, auf Befehl ihres Vaters, so muß Douglas König von Schottland sein.«
»Sei dem so – aber selbst dies ist die minder drängende Gefahr, vorzüglich da mit offener Gewalt dabei gedroht wird, denn der Douglas thut nichts im Geheimen.«
»Was ist das Drängendere, das uns zu dieser späten Stunde wach hält? ich bin ein müder Mann, du ein Verwundeter, und selbst die Kerzen schimmern, als wären sie unseres Gesprächs müde.«
»So sagt mir, wer ist es, der dies Königreich von Schottland beherrscht?« sagte Ramorny.
»Robert, der Dritte seines Namens,« sagte der Prinz, die Mütze abnehmend, während er sprach; »und mög' er lange das Scepter führen!«
»Ja und Amen,« antwortete Ramorny; »aber wer führt den König Robert und schreibt fast jede Maßregel vor, die der gute König ergreift?«
»Mylord von Albany, wollt Ihr sagen,« erwiderte der Prinz. »Ja, es ist wahr, mein Vater wird fast durchaus durch die Rathschläge seines Bruders geleitet; auch dürfen wir ihn unserm Gewissen nach nicht tadeln, Sir John Ramorny, denn er hat wenig Beistand von Seiten seines Sohnes.«
»Laßt uns ihm jetzt beistehen, Mylord,« sagte Ramorny. »Ich besitze ein schreckliches Geheimniß – Albany hat mit mir unterhandeln wollen, ihm beizustehen gegen Eurer Hoheit Leben! Er bietet volle Verzeihung des Vergangenen – hohe Gunst für die Zukunft.«
»Wie, Mann – mein Leben? Ich hoffe indeß, du meinst nur mein Königreich? Es wäre gottlos! – er ist meines Vaters Bruder – sie saßen auf den Knieen ein und desselben Vaters. – Schweig', Mensch! welche Thorheiten kann man einem Kranken weißmachen!«
»Weißmachen, in der That!« sagte Ramorny. »Es ist mir neu, mich leichtgläubig genannt zu hören. Aber der Mann, durch den mir Albany seine Versuchungen mittheilte, ist Einer, dem Alle glauben, sobald er ein Unheil anzeigt – selbst die Arzneien, die seine Hände bereiten, haben einen giftigen Beigeschmack.«
»Still! solch ein Sklave würde einen Heiligen verleumden,« erwiderte der Prinz. »Du bist genarrt worden, Ramorny, so schlau du auch bist. Mein Oheim von Albany ist ehrsüchtig und möchte für sich und sein Hans mehr Macht und Reichthum sichern, als er mit Grund beanspruchen kann. Aber zu vermuthen, er könnte seines Bruders Sohn entthronen oder ermorden – Pfui, Ramorny! laß mich nicht das alte Sprichwort erwähnen: ›Wer Böses thut, fürchtet Böses‹ – es ist Euer Argwohn, nicht Eure Ueberzeugung, was aus Euch redet.«
»Eure Hoheit befindet sich in unseliger Täuschung – ich will zu Ende reden. Der Herzog von Albany ist allgemein gehaßt wegen seiner Habsucht und seines Geizes – Eure Hoheit mag vielleicht beliebter sein, als –
Ramorny hielt inne und der Prinz ergänzte ruhig: »beliebter, als geachtet? so will ich es eben haben, Ramorny.«
»Zum wenigsten,« sagte Ramorny, »seid Ihr mehr geliebt als gefürchtet, und das ist keine sichere Lage für einen Prinzen. Aber gebt mir Euer ritterliches Ehrenwort, daß Ihr das nicht ahnden wollt, was ich als guten Dienst zu Eurem Besten unternehme, und leihet mir Euer Siegel, um Freunde in Eurem Namen zu werben, und der Herzog von Albany soll keine Autorität am Hofe gewinnen, bis die verlorene Hand, die einst an diesem Stumpfe saß, wieder mit dem Leibe vereinigt sein wird, um den Befehlen meines Geistes wieder zu gehorchen.«
»Ihr werdet nicht wagen, Eure Hände in königliches Blut zu tauchen?« sagte der Prinz sehr ernst.
»Pfui, Mylord – auf keine Weise – Blut braucht nicht vergossen zu werden, das Leben kann, ja wird von selber erlöschen. Aus Mangel an Oel, oder weil es nicht vor einem Windstoß geschützt wird, stirbt das zitternde Licht der Lampe. Dulden, daß ein Mensch stirbt, heißt nicht ihn tödten.«
»Freilich – ich vergaß diese Politik. – Nun wohl, angenommen, mein Oheim fährt nicht fort zu leben. – ich denke, so müssen die Worte heißen. – Wer beherrscht dann den schottischen Hof?«
»Robert der Dritte, mit Beistimmung, Rath und Ansehen des mächtigen David, Herzogs von Rothsay, Statthalter des Königreichs und Alter Ego; – zu dessen Gunsten gewiß der gute König, müde der Anstrengungen und Mühen der Herrschaft, geneigt sein wird, abzudanken. Also lebe lange unser tapferer, junger Monarch, König Robert der Dritte!
Ille, manu fortis,
Anglis ludebit in hortis.«
»Und unser Vater und Vorgänger,« sagte Rothsay, »wird fortleben, für uns zu beten als unser Kaplan, wofür er das Privilegium erhält, sein graues Haar nicht früher ins Grab zu legen, als der Lauf der Natur es will. – Oder treffen ihn gleichfalls einige jener Vernachlässigungen, in Folge deren Leute aufhören, fortzuleben, und vertauscht er die Mauern eines Gefängnisses oder Klosters, was jenem ähnlich, mit der dunklen und ruhigen Zelle, wo, wie die Priester sagen, die Schlechten aufhören Unruhe zu stiften und wo die Müden ruhen?«
»Ihr redet im Scherz, Mylord,« erwiderte Ramorny. »Den guten alten König zu kränken, wäre ebenso unnatürlich als unklug.«