»Warum davor zurückbeben, Mensch,« antwortete der Prinz mit strenger Mißbilligung, »wenn dein ganzer Plan eine Lehre unnatürlichen Verbrechens, gemischt mit kurzsichtigem Ehrgeiz ist? – Wenn der König von Schottland kaum seinen Edeln die Spitze bieten kann, selbst jetzt, da er ihnen ein ehrenhaftes, unbeflecktes Banner entgegenstellt, wer wird seinem Fürsten folgen, der durch den Tod seines Oheims und die Einkerkerung seines Vaters befleckt ist? Wahrlich, Mensch, deine Politik könnte einen heidnischen Divan, geschweige denn einen christlichen Staatsrath empören. – Du warst mein Vormund, Ramorny, und vielleicht könnte ich mich mit Recht auf deinen Unterricht und dein Beispiel bei den meisten Thorheiten berufen, die man mir vorwirft. Vielleicht wär' ich ohne dich nicht hier um Mitternacht in der Maske der Narrheit (dabei blickte er auf seine Kleidung), um einen ehrsüchtigen Wüstling anzuhören, der mir vorschlägt, meinen Oheim zu ermorden und den besten der Väter zu entthronen. Weil es aber doch mein Fehler so gut als der deine ist, wenn ich mich in diesen Abgrund gesenkt habe, wäre es ungerecht, daß du allein dafür leidest. Aber erneuere diese gehässigen Anträge nicht, bei Gefahr deines Lebens! Denn ich verklage dich bei meinem Vater, beim Herzog von Albany, bei ganz Schottland! Jedes Kreuz auf den Märkten der verschiedenen Städte wird dann ein Stück von dem Leichnam des Verräthers tragen, der dem Thronerben von Schottland solch schauderhaften Rath zu geben gewagt hat. Ich hoffe zu deiner Ehre, daß das Fieber deiner Wunde und der berauschende Einfluß des Trankes, der auf dein krankes Gehirn wirkte, dich diese Nacht über die gewöhnlichen Grenzen geführt hat.«
»Wirklich, Mylord,« sagte Ramorny, »wenn ich irgend Etwas gesagt habe, was Eure Hoheit so sehr aufbringen konnte, so muß es aus übermäßigem Eifer geschehen sein, gemischt mit Schwäche der Urtheilskraft. Gewiß werde ich am wenigsten unter allen Menschen ehrgeizige Pläne zu meinem eigenen Vortheil ersinnen. Ach! all' meine Aussichten sind ja nur, Lanze und Sattel mit Brevier und Beichtstuhl zu tauschen. Das Kloster zu Lindores muß den verstümmelten und verachteten Ritter von Ramorny aufnehmen, der dort Muße genug haben wird, über den Text nachzudenken: >Vertraue keinem Fürsten.<«
»Das ist ein kluger Vorsatz,« sagte der Prinz, und er soll gewiß gefördert werden. Ich dachte, wir würden uns nur auf einige Zeit trennen – jetzt muß es für immer geschehen. Gewiß, nach einem solchen Gespräch, wie wir's hielten, ist es gerathen, daß wir getrennt leben. Doch das Kloster von Lindores oder welch' anderes Haus dich aufnimmt, soll von uns reich begabt und hoch begünstigt werden. – Und nun, Sir John von Ramorny, schlaft – schlaft – und vergeßt die verhängnißvolle Unterhaltung, wobei, hoff' ich, mehr das Fieber der Krankheit und des Weines das Wort führte, als unsere eigenen Gesinnungen. – Leuchtet zur Thür vor, Eviot!«
Eviot rief die Begleiter des Prinzen herbei, die, erschöpft von den Genüssen des Abends, auf der Treppe und in der Vorhalle eingeschlafen waren.
»Ist Niemand unter Euch nüchtern?« sagte der Herzog von Rothfay, dem der Anblick seiner Gefährten widerlich war.
»Nicht Einer – nicht Einer,« antworteten die Leute mit trunkenem Jubel; »Keiner von uns ist Verräther am Kaiser der lustigen Leute!«
»Und also sind Alle von Euch in Bestien verwandelt?« sagte der Prinz.
»Aus Gehorsam und in Nacheiferung Eurer Hoheit,« antwortete ein Bursche; »oder wenn wir ein wenig Eurer Hoheit nachstehen, so wird ein Zug aus der Flasche –«
»Still, Vieh!« sagte der Herzog von Rothsay: »Ist Keiner von Euch nüchtern? sag' ich.«
»Ja, mein edler Fürst,« war die Antwort; »hier ist ein falscher Bruder, der Engländer Watkins.«
»So komm her, Watkins, und trag' mir eine Fackel. Gib mir auch einen Mantel und eine andere Mütze, und nimm das dumme Zeug da weg,« mit diesen Worten warf er seine Federkrone weg; »könnt' ich doch all' meine Thorheiten so leicht wegwerfen. – Engländer Watkins, begleite mich allein und Ihr Uebrigen endet Eure Lust und legt Eure Masken ab; der Karneval ist vorüber und das Fasten hat begonnen.« »Unser Monarch dankt diese Nacht früher als gewöhnlich ab,« sagte Einer von dem Schwarme; da aber der Prinz keine weitere Aufmunterung gab, so bemühten sich diejenigen, die jetzt der Tugend der Nüchternheit entbehrten, sie nachzuahmen, so gut sie konnten, und sämmtliche wilde Lärmer begannen das Ansehen einer Anzahl anständiger Personen anzunehmen, die, welche von einem Rausche unversehens befallen, ihren Zustand zu bemänteln bemüht sind, indem sie eine doppelte Portion von Förmlichkeit im Benehmen blicken lassen. Inzwischen ließ sich der Prinz, nachdem er hastig seine Kleidung verändert, durch den einzigen nüchternen Mann der ganzen Gesellschaft zur Thür leuchten, wäre aber auf dem Wege dorthin fast über den schlafenden Körper des rohen Bonthron gestolpert.
»Wie – begegnet uns das erbärmliche Thier noch ein Mal?« sagte zornig und voll Ekel der Prinz. »Hier, stoße Einer von Euch den Elenden in den Pferdetrog, damit er ein Mal in seinem Leben rein gewaschen wird.«
Während das Gefolge seinen Befehl vollzog, indem sie sich eines Brunnens im äußeren Hofe bedienten, und während Bonthron eine Strafe erlitt, der er nicht anders zu widerstehen vermochte, als durch inarticulirtes Stöhnen und Grunzen, wie es ein Bär hören läßt, setzte der Prinz seinen Weg nach seinen Gemächern fort, die in einem Hause, Constables Lodgings genannt, befindlich waren, welches den Grafen von Errol gehörte. Unterwegs fragte der Prinz, um seine Gedanken von den unangenehmen Gegenständen abzulenken, seinen Gefährten, wie es käme, daß er nüchtern sei, während sich die Uebrigen so sehr mit Getränken beladen hätten.
»Mit Eurer Hoheit Erlaubniß,« erwiderte der Engländer Watkins, »ich gestehe, es war sehr frei von mir, nüchtern zu sein, wenn Euer Gnaden Wille war, daß Euer Gefolge betrunken sein sollte; aber da Alle Schotten waren, außer mir, so hielt ich es nicht für klug, in ihrer Gesellschaft betrunken zu werden; sie können mich kaum ausstehen, wenn wir Alle nüchtern sind; und wenn der Wein die Oberhand erhielte, möchte ich ihnen eine offene Meinung sagen und mit so viel Stöcken bezahlt werden, als Leute in der guten Gesellschaft sind.«
»Also bist du entschlossen, nie einem der Gelage unseres Hauses beizuwohnen?«
»Mit Eurer Gunst, allerdings; wenn Eure Hoheit nicht etwa will, daß die Uebrigen Eures Gefolges einen Tag nüchtern bleiben, damit sich Will Watkins einmal ohne Lebensgefahr betrinken kann.«
»Solch' eine Gelegenheit kann sich finden. – Wo dienest du, Watkins?«
»Im Stall, mit Eurer Erlaubnis.«
»Unser Kämmerer soll dich als Yeoman der Nachtwache in's Haus aufnehmen. Du gefällst mir, und es ist gut, einen nüchternen Burschen im Hause zu haben, wenn er's auch nur wegen Furcht vor'm Tode ist. Bleib' daher unserer Person nahe, und Nüchternheit wirst du als eine einträgliche Tugend erkennen lernen.«
Inzwischen ward den Leiden des Krankenzimmers Sir John Ramorny's eine Last von Sorge und Furcht zugesellt. Seine Betrachtungen, verwirrt durch das Opiat, geriethen in große Unruhe, als der Prinz, in dessen Gegenwart er dieselbe mit Gewalt bezwungen, das Gemach verlassen hatte. Sein Verstand, den er während des Gespräches vollkommen besessen hatte, verließ ihn plötzlich. Er träumte verwirrt, daß er in großer Gefahr sei, da der Prinz sein Feind geworden war und er ihm ein Geheimniß anvertraut hatte, das ihm das Leben kosten konnte. In dieser Lage des Leibes und der Seele ist es kein Wunder, daß seine Träume schreckhaft wurden, oder vielmehr sein kranker Geist die phantasmagorischen Gestalten sah, die durch häufigen Gebrauch des Opiums erregt werden. Er glaubte den Schatten der Königin Annabella neben seinem Bette stehen und den einfachen, tugendhaften und unschuldigen Jüngling ihm abfordern zu sehen, den sie ihm als solchen anvertraut hatte.
»Du hast ihn leichtsinnig, lüderlich und lasterhaft gemacht,« sagte der Schatten der bleichen Majestät. »Aber ich danke dir, John von Ramorny, der du undankbar gegen mich, treulos deinem Wort und verrätherisch meinen Hoffnungen bist. Dein Haß soll dem Uebel entgegenarbeiten, das deine Freundschaft anrichtete. Und wohl hoffe ich, daß, nun du nicht mehr sein Rathgeber bist, eine herbe Strafe auf Erden meinem unglücklichen Kinde Gnade und Aufnahme in einer bessern Welt gewähren werde.«