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»Die Mörder haben ihn ohne Zweifel für Harry Schmied gehalten,« sagte Greif, »was für ihn bei diesen Umständen ein großer Trost gewesen sein muß.«

Aber die Ankunft anderer Personen auf dem Schauplatze stellte dessen tragischen Charakter bald wieder her.

Neunzehntes Kapitel

Wer läßt die Glocke ziehen? – Teufel, ha! Die Stadt steht auf. –

Othello, 2. Aufzug, 3. Scene.

Die verworrenen Gerüchte, die sich durch die Stadt verbreiteten, verursachten, da sogleich darauf die Sturmglocken ertönten, allgemeine Bestürzung. Die Ritter und Edeln kamen mit ihrem Gefolge auf verschiedenen Sammelplätzen zusammen, wo man sich am füglichsten vertheidigen konnte, und bald erreichte der Lärm den königlichen Palast, wo der junge Prinz einer der Ersten war, die erschienen, um nöthigenfalls den alten König vertheidigen zu helfen. Die Scene der vorigen Nacht lag ihm noch im Gedächtniß, und indem er sich der blutbefleckten Gestalt Bonthrons erinnerte, ahnte er, wiewohl nur unbestimmt, daß des Schurken That mit diesem Aufruhr im Zusammenhang stünde. Das darauf folgende und interessantere Gespräch mit Sir John Ramorny hatte indeß so viel Eindruck gehabt, daß dadurch, außer der unbestimmten Erinnerung an eine geschehene Mordthat, alle Spuren von dem, was er über die blutige That des Meuchelmörders undeutlich gehört hatte, verlöscht worden waren. Um seines Vaters willen griff er mit seinem eigenen Gefolge zu den Waffen, welches in glänzender Rüstung, die Lanzen in den Händen, ein ganz anderes Ansehen hatte, als in vergangener Nacht, wo sie als berauschte Bacchusverehrer erschienen. Der gute alte Monarch empfing dies Zeichen kindlicher Liebe und Dankbarkeit, und zeigte stolz seinen Sohn dem bald nachher eintretenden Herzog von Albany. Er ergriff Jeden bei der Hand.

»Wir sind nun hier drei Stuarts,« sagte er, »so unzertrennlich wie das heilige Kleeblatt; und da man sagt, wer dies heilige Kraut trage, könne dem Zaubertrug spotten, so können wir, so lange wir einander treu sind, der Bosheit und Feindschaft Trotz bieten.«

Der Bruder und der Sohn küßten die freundliche Hand, die die ihrigen drückte, während Robert sein Vertrauen auf ihre Liebe ausdrückte. Der Kuß des Jünglings war diesmal aufrichtig gemeint; der des Bruders war der Kuß des abtrünnigen Judas.

Inzwischen setzte die Glocke der St. Johanniskirche unter Andern auch die Bewohner der Curfewstraße in Bewegung. Im Hause Simon Glovers war die alte Dorothee Glover, wie man sie nannte (denn auch sie entlehnte den Namen von dem Geschäft, welches sie unter ihres Herrn Auspicien trieb), die Erste, die den Lärm vernahm. Obgleich sie gewöhnlich etwas taub war, so blieb doch ihr Ohr immer für schlimme Neuigkeiten so scharf, als der Geruch eines Geiers für das Aas; denn Dorothee, sonst ein treues fleißiges und selbst liebevolles Wesen, hatte den starken Hang, traurige Gerüchte zu sammeln und auszubreiten, der sich unter den niederen Klassen so häufig findet. Wenig gewohnt, angehört zu werden, lieben sie die Aufmerksamkeit, die eine tragische Geschichte dem Erzähler sichert, und freuen sich vielleicht der Gleichheit, in welche das Mißgeschick die, welche sonst über ihnen stehen, auf eine Zeit lang mit ihnen setzt. Dorothee hatte kaum ein kleines Bündel der draußen umherfliegenden Gerüchte zusammengerafft, als sie in ihres Meisters Schlafgemach sprang, der das Privilegium des Alters und des Festtags benutzte, um länger als gewöhnlich zu schlafen.

»Da liegt er, der wackere Mann!« sagte Dorothee halb schreiend, halb im kläglichen Tone des Mitgefühls, – da liegt er, sein bester Freund ist erschlagen, und er weiß so wenig davon, wie das neugeborene Kind, das Leben von Tod nicht zu unterscheiden versteht.«

»Was gibt's?« sagte der Handschuhmacher, im Bett emporfahrend, – »was gibt es, Alte? Ist meine Tochter wohl?«

»Alte!« sagte Dorothee, die, nachdem sie den Fisch am Haken hatte, ihn ein Bischen zappeln lassen wollte. »Ich bin nicht so alt,« sagte sie, aus dem Gemach springend, »um an dem Orte zu bleiben, wo ein Mann unangekleidet aus dem Bett steigt –«

Und sogleich hörte man sie in der Ferne unten im Wohngemach melodisch zum Scharren ihres Besens singen.

»Dorothee – Nachteule – Teufel, – sage nur, ob meine Tochter wohl ist!«

»Ich bin wohl, mein Vater!« antwortete das schöne Mädchen von Perth, aus ihrem Schlafgemach rufend: »vollkommen wohl; was gibt es aber, um unserer lieben Frau willen? Die Glocken läuten rückwärts, und auf den Straßen ist Geschrei und Lärm.«

»Ich will den Grund sogleich hören. – Schnell, Conachar, binde mir sogleich die Bänder – ach, ich vergaß, – der Hochländer ist weit jenseits Fortingall. – Geduld, Tochter, ich werde dir sogleich Nachricht bringen.«

»Ihr braucht Euch darum nicht zu eilen, Simon Glover,« rief das hartnäckige alte Weib; »das beste und Schlimmste davon könnt Ihr hören, eh' Ihr einen Fuß über Eure Schwelle setzt. Ich weiß die ganze Geschichte draußen; denn, dachte ich, unser Herr ist so eigensinnig, daß er hinauslaufen wird, um die Sache zu hören, was es auch sei; und so macht' ich mich selber auf den Weg und mußte mich nach allem erkundigen, weil er sonst seine alte Nase mitten hinein stecken würde, um sich kneipen zu lassen, ohne zu wissen, warum.«

»Und was ist es für eine Neuigkeit, Alte?« sagte der ungeduldige Glover, noch immer eifrig beschäftigt mit hundert Bändern und Nesteln, mittelst deren das Wams an die Hosen befestigt wurde.

Dorothee ließ ihn in seinem Werke fortfahren, bis sie merkte, daß es bald vollendet sein müßte, und sie voraussah, wenn sie das Geheimniß nicht selbst erzählte, würde ihr Herr draußen in Person nach dem Grund der Unruhe forschen. Sie rief daher weinend aus: »Ach, ach! Ihr könnt nicht sagen, daß es meine Schuld ist, wenn Ihr schlimme Neuigkeiten hört, bevor Ihr in der Frühmesse gewesen seid. Ich wollte es vor Euch verbergen, bis Ihr Gottes Wort gehört hättet; aber da Ihr's einmal hören müßt: Ihr habt den treuesten Freund verloren, der je einem andern die Hand reichte, und Perth hat den tapfersten Bürger zu betrauern, der je ein Schwert in die Hand nahm!«

»Harry Schmied! Harry Schmied!« riefen Vater und Tochter zugleich.

»Ach, ja freilich, da habt Ihr's denn endlich,« sagte Dorothee; »und wessen Schuld ist es, als Eure eigene? – Ihr machtet so viel Wesens darum, daß er eine Sängerin begleitet, wie wenn er mit einer Jüdin gegangen wäre.«

Dorothee würde noch lange fortgefahren haben, aber Ihr Herr rief seiner Tochter, die noch in ihrem eigenen Gemach war, zu: »Es ist Unsinn, Katharina, – nur das Geschwätz einer alten Thörin. So Etwas ist nicht geschehen. Ich will dir sogleich die Wahrheit bringen;« und seinen Stab ergreifend, eilte der alte Mann an Dorothee vorüber hinaus auf die Straße, wo das Gedränge des Volkes sich nach der Highstreet bewegte. Dorothee murmelte inzwischen zu sich selbst: »Dein Vater ist ein kluger Mann, nimm sein eigenes Wort dafür. Er wird bald mit einem Schaden aus dem Getümmel kommen, und dann wird's heißen, Dorothee, gib Leinwand, Dorothee, streiche das Pflaster; aber jetzt ist's nichts als Unsinn, Lüge und Unmöglichkeit, was aus Dorotheens Munde kommen kann. – Unmöglich! Meint der alte Mann, Harry Schmieds Kopf sei so hart wie sein Ambos, und ein ganzer Hochländerclan könne d'rauf klopfen?«