Hier ward sie durch eine Engelsgestalt unterbrochen, die aber mit irren, verstörten Augen, todtenbleicher Wange, aufgelöstem Haar und in fast bewußtlosem Zustande erschien und die Alte aus ihrer mißvergnügten Laune aufschreckte.
»Unsere liebe Frau behüte mein Kind!« sagte sie. »Warum seht Ihr so verstört aus?«
»Sagtet Ihr nicht, es sei Jemand todt?« sagte Katharina mit einer ängstlichen Unsicherheit der Sprache, wie wenn sie die Organe der Rede und des Gehörs nur unvollkommen in der Gewalt hätte.
»Todt, freilich! Ja, ja, todt genug; Ihr werdet ihn nicht noch ein Mal betrüben können.«
»Todt!« wiederholte Katharina, mit derselben Unsicherheit in Stimme und Benehmen. »Todt – erschlagen – und von den Hochländern?«
»Ja, das denk' ich sicherlich, durch Hochländer – die gesetzlosen Schurken. Wer schlägt denn sonst die meisten Leute todt, außer etwa dann und wann, wenn die Bürger Händel haben und einer den andern tödtet, oder wenn die Ritter und Edelleute Blut vergießen. Aber so viel weiß ich, diesmal waren's die Hochländer. Der Mann fand sich nicht in Perth, vornehm oder gering, der Mann gegen Mann sich an Harry Schmied wagen durfte. Man hat ungleiches Spiel mit ihm getrieben; das werdet Ihr sehen, wenn man der Sache auf den Grund kommt.«
»Hochländer!« wiederholte Katharina, als käme ihr ein Gedanke, der ihren Geist beunruhigte. »Hochländer! – O Conachar! Conachar!«
»Wahrlich! und ich kann sagen, Ihr seid auf den rechten Mann gefallen, Katharina. Sie zankten, wie Ihr sahet, am St. Valentinsabend und rangen mit einander. Ein Hochländer hat ein langes Gedächtnis für dergleichen. Gib ihm zu St. Martin eine Ohrfeige, so wird's seine Wange zu Pfingsten empfinden. Aber was könnte die langbeinigen Schufte heruntergeführt haben, um ihr blutiges Werk in der Stadt zu verüben?«
»Weh' mir, ich war es,« sagte Katharina; »ich brachte die Hochländer herunter – ich schickte nach Conachar – ja, sie haben ihm aufgelauert – aber ich war's, die sie in die Nähe ihrer Beute brachte. Aber ich will mit meinen eigenen Augen sehen – und dann – werden wir Etwas thun. Sag' meinem Vater, ich werde bald zurück sein.«
»Seid Ihr wahnwitzig, Mädchen?« rief Dorothee, als Katharina nach der Hausthür eilte. »Ihr werdet doch nicht auf die Straße laufen mit dem Haar, das Euch so über's Gesicht herabhängt; in diesem Anzug, die man Euch das schöne Mädchen von Perth nennt? – Herrgott, aber sie ist schon auf der Straße, komme was da wolle, und der alte Glover wird so toll sein, als hätt' ich sie mit Gewalt mir nichts dir nichts zurückhalten können. – Das ist ein schöner Aschermittwochmorgen! – Was soll man anfangen? Wenn ich meinen Meister unter der Menge suchen wollte, so könnte ich im Getümmel zertreten werden, und man würde um das alte Weib wenig Jammer erheben. – Und soll ich Katharinen nachlaufen, die mir lange aus den Augen und viel leichter zu Fuße ist, als ich? – So will ich lieber hinaus zum Barbier Nicol und dem die Geschichte erzählen.«
Während die wackere Dorothee ihren klugen Entschluß zur Ausführung brachte, lief Katharina durch die Straßen von Perth auf eine Weise, wodurch sie in jedem andern Augenblick die Aufmerksamkeit Aller auf sich gezogen hätte, welche sie mit unbedachter Heftigkeit eilen sahen, verwirrt und ganz ohne den gewohnten ruhigen Anstand des Ganges und Benehmens, und ohne Plaid, Schürze oder Mantel, welche »gute Frauen« von anständigem Ruf und ehrbarem Stande immer trugen, wenn sie ausgingen. Aber im allgemeinen Schrecken, da sie Alle nach der Ursache des Tumultes forschten oder dieselbe erzählten, während die Meisten sie verschieden angaben, machte die Nachlässigkeit ihrer Kleidung und der Mangel an Fassung auf Niemand Eindruck, und man ließ sie auf dem gewählten Pfade forteilen, ohne sie mehr als die übrigen Weiber zu bemerken, die, von ängstlicher Neugier oder Furcht getrieben, gekommen waren, um nach der Ursache des allgemeinen Lärms zu fragen – vielleicht um Freunde zu suchen, für deren Sicherheit sie besorgt waren.
Während Katharina ihren Weg verfolgte, empfand sie den ganzen seltsamen Einfluß der aufregenden Scene, und nur mit Mühe enthielt sie sich, die Klagen und das Jammergeschrei zu wiederholen, welches um sie her widerhallte. Inzwischen eilte sie rasch vorwärts, wie von einem Traume befangen, im unheimlichen Gefühle furchtbaren Unglücks, ohne daß sie sich desselben bestimmt und deutlich bewußt war, das aber den schrecklichen Gedanken einschloß, der Mann, der sie so innig liebte, dessen gute Eigenschaften sie so hochschätzte, und der ihr, wie sie jetzt fühlte, theurer war, als sie sich vorher gestanden hatte, sei ermordet, und sie wahrscheinlich schuld an seinem Tode. Die Verbindung zwischen Harry's vermeintlichem Tode und dem Einfall Conachars und seiner Begleiter, ob sie gleich im Augenblicke der höchsten Aufregung den Gedanken gefaßt hatte, hatte doch hinlängliche Wahrscheinlichkeit, um für wahr zu gelten, selbst wenn ihr Verstand fähig gewesen wäre, die Glaubwürdigkeit des Umstandes zu untersuchen. Ohne zu wissen, was sie außer dem allgemeinen Verlangen, das Schlimmste von dem schrecklichen Gerüchte zu erfahren, noch suchte, eilte sie dem Orte zu, den ihre Gefühle am vorigen Tage sie unter allen am meisten zu meiden veranlaßt hätten.
Wer hätte am Fastnachtabend die stolze, furchtsame, schüchterne, streng anständige Katharine Glover überreden können, daß sie vor der Messe am Aschermittwoch durch die Straßen von Perth rennen würde, sich Bahn suchend durch Tumult und Verwirrung, mit aufgelöstem Haar, ungeordneter Kleidung, um das Haus desselben Liebhabers aufzusuchen, der, wie sie glauben mußte, sie durch Unterhaltung einer unanständigen und frechen Liebschaft so arg und schwer vernachlässigt und beschimpft hatte? Und doch war es so. Und da sie in der Eile die freieste Straße, wie durch Instinkt, einschlug, gelangte sie, die Hauptstraße, wo das Gedränge am größten war, vermeidend, durch dieselben engen Gassen an der Nordseite der Stadt auf den Wynd, durch welche Harry früher Louisen begleitet hatte. Aber selbst diese verhältnißmäßig einsamen Gassen waren jetzt mit Leuten gefüllt, so allgemein war der Lärm. Katharina Glover drängte sich durch sie, während diejenigen, welche sie bemerkten, einander ansahen und aus Mitleid mit ihrem Unglück den Kopf schüttelten. Endlich stand sie, ohne bestimmtes Bewußtsein ihrer Absicht, vor des Liebhabers Thür und klopfte an.
Die Stille, welche dem Schall ihres heftigen Klopfens folgte, steigerte die Unruhe, welche sie zu dieser verzweifelten Maßregel getrieben hatte.
»Oeffne, – öffne, Harry!« rief sie. »Oeffne, wenn du noch lebst! – Oeffne, wenn du nicht Katharina Glover todt auf deiner Schwelle finden willst!«
Während sie so wahnsinnig schrie, zu Ohren, die, wie man sie glauben lehrte, der Tod verschlossen hatte, öffnete der angerufene Liebhaber in Person eben noch zeitig genug, um die zu Boden Sinkende aufzufangen. Das Uebermaß freudigen Entzückens über ein so unerwartetes Ereigniß, kam nur dem Staunen gleich, welches ihm verbot, Alles für wirklich zu halten, so wie seiner Unruhe über die geschlossenen Augen, die halboffenen, bleichen Lippen, die völlige Abwesenheit der Farbe und das scheinbar gänzliche Stocken des Athems.
Harry war, trotz des allgemeinen Lärmens, welcher schon seit geraumer Zeit an sein Ohr gedrungen, daheim geblieben, fest entschlossen, sich nicht in Händel zu mischen, die er meiden konnte; und nur in Folge eines Aufrufs von Seiten des Magistrats, dem er als Bürger gehorchen mußte, geschah es, daß er Schwert und Schild von der Wand genommen und im Begriff war, zum ersten Male unfreiwillig zu gehen und den Dienst zu erfüllen, zu dem ihm seine Bürgerpflicht rief.