Er umfing das schöne Mädchen mit den Armen, und es ward ihm erlaubt, den Kuß zu nehmen, den sie zu geben sich weigerte.
Als sie mit einander die Treppe hinabstiegen, legte der alte Mann seine Hand auf des Schmieds Schulter und sagte: »Harry, meine theuersten Wünsche sind erfüllt; aber die Heiligen wollten, daß das in einer schlimmen und schrecklichen Stunde geschehen sollte.«
»Ja,« sagte der Schmid; »aber du weißt, Vater, wenn die Aufstände in Perth häufig sind, so währen sie doch selten lange.«
Darauf öffnete er eine Thür, die aus dem Hause nach der Schmiede führte und rief: »Hierher, Kameraden, Anton, Cuthbert, Dingwell und Ningan! Keiner von euch gehe fort, bis ich zurückkehre; seid so treu, wie die Waffen, die ich euch schmieden lehrte; eine französische Krone und einen schottischen Festtag für euch, wenn ihr meinem Befehle gehorcht. Ich lasse einen großen Schatz unter eurer Obhut. Bewacht die Thüren gut – laßt den kleinen Jenkin den Wynd auf- und abgehen und haltet eure Waffen bereit, wenn sich Jemand dem Hause nähert. Oeffnet die Thüren Niemand, bis Vater Glover oder ich zurückkommt; es betrifft mein Leben und Glück.«
Die starken, schwarzen Riesen, die er anredete, antworteten: »Tod Jedem, der's versucht!«
»Meine Katharina ist nun so sicher,« sagte er zu ihrem Vater, »als wenn zwanzig Mann ihretwegen ein königlich Schloß besetzen. Wir werden durch den Garten viel ruhiger nach dem Rathhause gelangen.«
Er führte den Begleiter daher durch einen kleinen Obstgarten, wo die Vögel, die während des Winters von dem gutmüthigen Handwerker geschützt und gefüttert worden waren, in der frühen Jahreszeit das ungewisse Lächeln einer Februarsonne mit einigen schwachen und abgebrochenen melodischen Lauten begrüßten.
»Hört diese Minstrels, Vater,« sagte der Schmied; »ich lachte ihrer diesen Morgen in der Bitterkeit meines Herzens, weil die kleinen Wichte sangen, während so viel Winter vor ihnen liegt. Aber nun, dünkt mich, könnte ich einen frohen Chor anstimmen, denn ich habe meine Valentine, wie sie den ihrigen; und was auch Schlimmes morgen vor mir liegen mag, heut' bin ich der glücklichste Mann in Perth, Stadt und Grafschaft.«
»Doch muß ich Eure Freude hemmen,« sagte der alte Glover, »obwohl, der Himmel weiß es, ich sie theile. – Der arme Oliver Proudfute, der harmlose Narr, den Ihr und ich so gut kannten, ist diesen Morgen todt auf der Straße gefunden worden.«
»Blos halb todt betrunken, hoff' ich?« sagte der Schmied; »nun, eine Kraftbrühe und ein Stück von Schürzenpredigt werden ihn wieder zum Leben bringen.«
»Nein, Harry, nein. Er ist erschlagen – erschlagen mit einer Streitaxt oder einer ähnlichen Waffe.«
»Unmöglich!« erwiderte der Schmied; »er war schnellfüßig genug, und würde nicht um ganz Perth sich auf seine Hände verlassen haben, wenn er sich mit den Fersen helfen konnte.«
»Es war ihm keine Wahl gegeben. Der Hieb ist ihm in's Genick gegeben worden; er, der ihn schlug, muß ein kleinerer Mann als Jener selbst gewesen sein, und brauchte eine Reiterstreitaxt oder eine ähnliche Waffe, denn eine Lochaberaxt hätte den obern Theil des Kopfes treffen müssen – aber dort liegt er todt, zerschmettert, möcht' ich sagen, mit einer schrecklichen Wunde.«
»Das ist unbegreiflich,« sagte Harry Wynd. »Er war um Mitternacht in meinem Hause, in einem Mohrentänzerkleide; er schien vom Trinken zu kommen, wenn er auch nicht zum Uebermaß getrunken hatte. Er sagte mir eine Geschichte, wie er von Schwärmern verfolgt und in Gefahr sei; aber ach! Ihr kennt ihn; ich dachte, es sei ein prahlerischer Einfall, wie er ihn oft in der Trunkenheit hatte; und, verzeihe mir die barmherzige Jungfrau! ich ließ ihn unbegleitet gehen, was ein unmenschliches Unrecht war. Der heilige John sei mein Zeuge! ich wäre mit jedem hilflosen Wesen gegangen, und um so viel eher mit ihm, der so oft mit mir an einem Tische saß und aus einem Becher trank. Wer in aller Welt hätte daran gedacht, ein so einfältiges Geschöpf zu kränken, das Niemand beleidigte, außer durch leere Prahlereien!«
»Harry, er trug deine Blechhaube, dein Büffelwams, deinen Schild – wie kam er dazu?«
»Ei, er verlangte die Sachen für die Nacht und ich war unwohl und froh, seiner Gesellschaft los zu werden; denn ich feierte den Tag nicht und wollte ihn auch nicht feiern wegen unseres Mißverständnisses.«
»Es ist die Meinung des Bailie Craigdallie und all' unserer weisesten Räthe, daß der Hieb dir zugedacht war, und daß es dir zukommt, die gehörige Rache für unsern Mitbürger zu nehmen, der den Tod erlitt, den man dir zugedacht hatte.«
Der Schmied schwieg eine Zeitlang. Sie hatten nun den Garten verlassen und wandelten in einem einsamen Gäßchen, durch welches sie sich dem Rathhause nähern wollten, ohne der Beobachtung oder müßigen Fragen ausgesetzt zu sein.
»Du schweigst, mein Sohn, und doch haben wir Zwei viel zu sprechen,« sagte Simon Glover. »Bedenke, daß die verwittwete Frau Magdalena, wenn sie Grund hat, Jemand des Unrechts, das ihr und ihren Waisen geschehen ist, zu zeihen, ihr Recht nach Sitte und Herkommen durch einen Kämpen behaupten muß. Denn wer der Mörder auch sei, wir wissen genug von dem Gefolge dieser Edeln, um versichert zu sein, daß der Verdächtige sich auf den Zweikampf berufen wird, vielleicht in Verspottung derer, die sie die feigen Bürger nennen. So lang' wir Männer sind mit Blut in unseren Adern, darf dies nicht geschehen, Harry Wynd.«
»Ich sehe, wohin Ihr mich ziehen wollt, Vater,« antwortete Harry niedergeschlagen; »und St. John weiß, ich habe einen Ruf zur Schlacht so gern gehört, als ein Kriegsroß je die Trompete. Aber bedenkt, Vater, wie ich Katharinens Gunst öfters verlor, und fast verzweifeln mußte, sie wiederzugewinnen, weil ich, so zu sagen, zu schnell fertig mit meinen Händen bin. Jetzt ist all' unser Streit zu Ende und die Hoffnungen, die heute morgen nach menschlichem Denken gar zu weit lagen, stehen näher und glänzender, als je; muß ich nun, mit dem Versöhnungskuß der Theuren auf den Lippen, mich von Neuem in Gewaltthat stürzen, was sie, wie Ihr wohl wißt, auf's Schwerste beleidigen wird?«
»Es ist schwer für mich, dir zu rathen, Harry,« sagte Simon; »aber das muß ich dich fragen: habt Ihr, oder habt Ihr nicht Grund zu glauben, daß dieser arme unglückliche Oliver für Euch angesehen worden ist?«
»Ich fürcht' es nur zu sehr,« sagte Harry. »Man hielt ihn mir etwas ähnlich, und der arme Narr hatte sich bemüht, meine Geberden und meinen Gang nachzuäffen, ja, selbst die Weisen, die ich zu pfeifen pflege, um dadurch eine Aehnlichkeit zu erhöhen, die ihm theuer zu stehen gekommen ist. Ich habe Widersacher genug, in der Stadt wie auf dem Lande, die mir nachstellen können; und er hatte, denk ich, keine.« »Nun, Harry, ich weiß nicht, ob meine Tochter nicht beleidigt sein wird. Sie hat viel mit Pater Clemens verkehrt und hat Begriffe über Frieden und Vergebung empfangen, die, wie mich dünkt, schlecht für ein Land passen, wo die Gesetze uns nicht schützen können, wenn wir nicht den Muth haben, uns selber zu schützen. Wenn Ihr Euch zu dem Kampfe entschließt, so will ich mein Bestes thun, sie zu überreden, daß sie die Sache betrachtet, wie die übrigen Weiber in der Stadt; und seid Ihr entschlossen, die Sache ruhen zu lassen – bleibt der Mann ungerächt, der sein Leben für Euch verloren hat – die Wittwe und die Waisen ohne Ersatz für den Verlust eines Gatten und Vaters – nun, so will ich gerecht gegen Euch sein und denken, daß ich Euch wenigstens wegen Eurer Geduld nicht geringer achten darf, da sie der Liebe zu meiner Tochter entsprang. Aber, Harry, wir müssen uns in diesem Falle aus der lustigen St. Johnston entfernen, denn hier werden wir nur eine entehrte Familie sein.«
Harry seufzte tief und schwieg einen Augenblick, dann erwiderte er: »Ich möchte lieber todt, als entehrt sein, und sollt' ich sie auch nie wiedersehen! War' es gestern Abend gewesen, so war' ich dem Besten jener Kriegsleute so freudig begegnet, als ich je bei einem Maibaum tanzte. Aber heute, wo sie zum ersten Male sich benahm, als spräche sie: ,Harry Schmied, ich liebe dich! Vater Glover, es ist sehr hart. Doch es ist Alles meine eigne Schuld! Dieser arme, unglückliche Oliver! ich hätt' ihm den Schutz meines Daches gewähren sollen, als er mich in seiner Todesangst darum bat; oder wär' ich mit ihm gegangen, dann hätt' ich sein Schicksal verhindert oder getheilt. Aber ich höhnte ihn, lachte ihn aus, überhäufte ihn mit Schmähungen, obwohl die Heiligen wissen, daß ich sie nur im Aerger der Ungeduld aussprach. Ich trieb ihn aus meinem Hause, da ich wußte, er sei hilflos, um dem Schicksal entgegenzugehen, welches vielleicht mir zugedacht war. Ich muß ihn rächen oder auf ewig entehrt sein. Seht, Vater – man hat einen Mann genannt, der so hart wie der Stahl, worin ich arbeite. – Weint Stahl je Thränen, gleich diesen? – Schande für mich, daß ich sie vergieße!«