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»Dem ersten Teil meines Berichts fehlt es zwar nicht an Grausen, doch tritt er, wie Du wissen mußt, meinem Herzen nicht nahe, Unser Küstenland ist für eine Schar verzweifelter Menschen, die auf der benachbarten Insel Man hausen, das richtige Eldorado, für die vielen Schleichhändler nämlich, die die Gegend schon so oft in Angst und Schrecken gesetzt haben, sobald jemand ihrem Treiben ein Ziel setzen wollte. Die Zollbeamten sind, aus Furchtsamkeit oder aus schlimmern Beweggründen, lässig und ängstlich, und gehen diesen Menschen, die durch solche schlaffe Justiz trotzig und verwegen geworden, am liebsten aus dem Wege. Mein Vater, der hier fremd ist und dem alles gerichtliche Ansehen fehlt, hat begreiflicherweise mit solchen Dingen im Grunde nichts zu schaffen. Aber wenn er meint, unter dem Zeichen des Mars geboren zu sein und von Kampf und Blutvergießen selbst in der tiefsten Einsamkeit und in friedlichen Lebensverhältnissen nicht verschont zu bleiben, so kann man ihm nicht unrecht geben.

»Am vorigen Dienstag, ungefähr gegen elf Uhr vormittags, als Hazlewood und mein Vater eben auf dem Wege zu einem kleinen See, ungefähr drei Meilen von hier, waren, wo sie wilde Enten schießen wollten, wurden wir, mit den Vorbereitungen zu unsrer Tagesarbeit befaßt, plötzlich durch Pferdegetrappel in Unruhe gesetzt, das sich auf dem hartgefrorenen Boden unheimlich laut anhörte. Im andern Augenblick kamen drei Reiter, jeder mit einem bepackten Rosse, auf dem Freiplatze vor dem Hause in Sicht, die in großer Bedrängnis und Eile zu sein schienen und sich oft umblickten, als ob sie Verfolger hinter sich wüßten...

»Mein Vater begab sich mit Hazlewood an die Haustür und fragte nach dem Begehren der Leute. Es waren Zollwächter, die mit Schmugglerware bepackte Pferde in einem nicht weit entfernten Dorfe weggenommen hatten und nun von dem verstärkten Haufen der Schleichhändler grimmig verfolgt wurden. Sie suchten Zuflucht in Woodbourne und baten meinen Vater, ihnen als Regierungsbeamten, die bei Ausübung ihrer Pflicht in Lebensgefahr geraten seien, seinen Schutz nicht zu versagen.

»Meinem Vater, einem begeisterten Anhänger von Recht und Gerechtigkeit, dem selbst ein Kind, wenn er im Namen des Königs käme, ein Gegenstand unbegrenzten Respekts wäre, gab sogleich Befehl, das Schmugglergut in seinem Haus in Sicherheit zu bringen, alles Dienstvolk zu bewaffnen und das Haus für jeden Notfall in Verteidigungszustand zu setzen. Hazlewood ging ihm wacker zur Seite, und selbst Sampson kam aus seiner Bücherhöhle hervor und ergriff eine Jagdflinte, die mein Vater abgelegt und mit einer jenen Explosionsbüchsen vertauscht hatte, die man in Indien zur Tigerjagd benutzt. Aber in der ungeschickten Hand des armen Bücherwurms ging die Jagdflinte los, und wenig fehlte, so wäre einer von den Zollwächtern von der Schrotladung getroffen worden. Bei diesem unerwarteten Zufalle rief natürlich Held Sampson sein Leibwort: »Ko-misch!«, wie gewöhnlich, wenn er in Erstaunen gerät. Aber niemand konnte ihn bewegen, die losgegangene Flinte aus der Hand zu legen, doch sorgte man dafür, daß ihm Pulver und Blei unzugänglich blieben. Hazlewood hat uns nachher all diese Dinge erzählt, die ich selbst, wie Du leicht denken kannst, in jenem Augenblicke nicht wahrnahm, und uns durch seine lustige Schilderungsweise unendlich viel Spaß gemacht.

»Als mein Vater alles zur Verteidigung hergerichtet und seine Leute mit Feuergewehren an die Fenster postierte, wollte er uns in Sicherheit, in einen Keller, glaube ich, bringen; aber wir rührten uns nicht von der Stelle. Ich habe, wenn ich auch heftig erschrocken war, doch so viel von meines Vaters Mut geerbt, daß ich der drohenden Gefahr lieber offen ins Auge blicken, als den Gang der Dinge nur aus der Ferne beobachten wollte, Lucy, bleich wie ein Marmorbild, heftete ihre Blicke auf Hazlewood und schien kaum zu hören, als er sie bat, wenigstens die Vorderseite des Hauses zu meiden. Die Gefahr war in der Tat unbedeutend für uns, wenn die Tür nicht erstürmt wurde, denn alle Fenstern waren mit Kissen und Polstern und, zu Sampsons großem Leidwesen, mit eilig herbeigeschleppten Folianten verschanzt worden, ja man hatte nur kleine Schießlöcher freigelassen.

»Wir sahen in dem dunklen Zimmer in banger Erwartung, Alle Männer standen schweigend auf ihren Posten. Mein Vater, in solcher Situation völlig zu Hause, wanderte vom einen zum andern und schärfte jedem ein, nicht früher zu schießen als auf sein Kommando. Hazlewood, durch meines Vaters Beispiel ermuntert, übernahm den Adjutantendienst und war gleichfalls immer unterwegs, um die Anordnungen meines Vaters überall und schnell in die Tat umzusetzen. Unsere Besatzung mochte sich auf annähernd ein Dutzend Köpfe belaufen.

»Endlich wurde die erwartungsvolle Stille wieder durch lautes Pferdegetrappel unterbrochen. Ich hatte mir ein kleines Loch in einen Fensterkasten gebohrt und sah, daß mehr als dreißig Berittene auf dem Platze vor dem Hause hielten. Niemals in meinem Leben habe ich gräßlichere Gestalten gesehen! Ungeachtet der heftigen Kälte gingen die meisten halbnackt, trugen seidene Tücher um den Kopf geschlungen und waren mit Karabinern, Pistolen und kurzen Säbeln bewaffnet. Ihre Pferde dampften von dem schnellen Ritte ... Wildes Geschrei erscholl, als sie inne wurden, daß ihnen ihre Beute aus den Zähnen gerückt war. Eine kurze Stille folgte. Die Räuber schienen Rat zu halten, denn die zu ihrem Empfange getroffenen Inrüstungen waren ihnen natürlich nicht entgangen. Endlich näherte sich einer, dessen Gesicht mit Pulver geschwärzt war, mit einem weißen Tuch auf dem Karabiner und verlangte mit dem Obersten Mannering zu sprechen. Zu meinem unsäglichen Schreck machte mein Vater das Fenster auf, vor welchem ich stand, und fragte, was man von ihm wolle ..

»Unser Gut wollen wir, das uns die Schnapphähne von Zollwächtern geraubt haben,« lautete die Antwort. »Unser Leutnant läßt Euch melden, daß wir abziehen wollen, sobald uns alles Gut wieder ausgefolgt wird, und daß wir den Schurken dann nicht an den Kragen gehen werden, die so frech waren, es uns abzunehmen .. daß wir aber, falls unserm Willen nicht Folge geleistet wird, dem Obersten den roten Hahn aufs Dach setzen und nichts drinnen schonen werden, bis auf den letzten Blutstropfen!«

Die Drohung war mit entsetzlichen Flüchen begleitet.

»Wer ist Euer Leutnant?« fragte mein Vater.

»Der dort auf dem Grauschimmel, mit dem roten Tuch um den Kopf,« erwiderte der Kerl.

»Nun, dann sagt ihm,« rief mein Vater mit lauter Stimme, »wenn er und die Schurken, die bei ihm sind, nicht auf der Stelle den Platz räumen, so lasse ich Feuer geben!«

Mit diesen Worten schlug er das Fenster zu.

Kaum war der Bote wieder zu dem Haufen zurückgekehrt, als alle unter wildem Geheul ihre Gewehre gegen das Haus abfeuerten. Klirrend Prasselten die Scheiben aus den Fenstern: aber die von meinem Vater angeordneten Schutzmaßregeln bewährten sich, und es wurde niemand von einer Kugel getroffen. Dreimal schossen die Belagerer, ohne daß auch nur ein Schuß aus dem Hause auf sie fiel. Als aber mein Vater nun wahrnahm, daß die Belagerer zu Beilen und Brechstangen griffen in der offenkundigen Absicht, das Haustür zu erbrechen, kommandierte er laut: »Keiner feuert, außer mir und Hazlewood! Sie, Hazlewood, nehmen den Botschafter aufs Korn!«

Von seiner Kugel getroffen, fiel im andern Augenblicke der Mann, den sein Kamerad als den Leutnant bezeichnet hatte, von seinem Schimmel, und Hazlewood erwies sich als ebenso tüchtiger Schütze, denn der Schmuggler, der inzwischen abgestiegen war und sich mit der Axt in der Hand heranschlich, stürzte ebenfalls. Infolge dieser kräftigen Gegenwehr sank den anderen der Mut: sie rannten zu ihren Pferden, gaben wohl noch ein paar Schüsse ab, dann jedoch Fersengeld, nahmen aber ihre beiden angeschossenen Gefährten mit. Ob sie noch größeren Verlust erlitten, konnten wir nicht feststellen. Gleich nach ihrer Flucht erschien zu unsrer großen Freude ein Kommando Soldaten, das in die benachbarten Dörfer gelegt wurde. Eine Abteilung geleitete die Zollwächter mit dem konfiszierten Schmugglergute nach einem kleinen Hafenorte in der Nähe, und auf meine dringliche Bitte blieb eine andere Abteilung bis zum folgenden Tage bei uns im Hause, um uns vor etwaiger Rache der Schmuggler zu schützen.