»Was meint Ihr, Robin?« sagte der schwache König. »Bei dem Grabe unserer Eltern! bei der Seele Bruce's, unseres unsterblichen Ahnen! ich beschwöre dich, mein theuerster Bruder, Mitleid mit mir zu haben. Sage mir, welches Uebel droht meinem Sohne oder meinem Königreiche?«
Das Gesicht des Königs, vor Besorgniß zitternd, und seine Augen, von Thränen gefeuchtet, waren auf seinen Bruder gerichtet, welcher sich Zeit zur Ueberlegung zu nehmen schien, eh' er erwiderte:
»Mylord, die Gefahr liegt hier. Eure Majestät glaubt, der Prinz habe keinen Theil an diesem zweiten Angriffe gegen die Bürger von Perth – den Mord des gemeinen Strumpfwirkers, um dessen Tod sie schreien wie ein Schwarm Möven um ihren Kameraden, wenn eine von der lärmenden Brut vom Pfeil eines Knaben niedergestreckt ist.«
»Ihr Leben,« sagte der König, »ist ihnen selbst und ihren Freunden theuer, Robin.«
»Gewiß, ja, mein König; und sie machen es auch uns theuer, ehe wir uns wegen des geringsten Blutstropfens mit den Schuften verständigen können. – Aber, wie ich sagte, Eure Majestät glaubt, der Prinz habe keinen Theil an diesem letzten Mord; – ich will nicht versuchen, Euern Glauben in diesem zarten Punkte zu erschüttern, sondern ich will mich bemühen, Euern Glauben zu theilen. Eure Meinung ist für mich Richtschnur. Robert von Albany wird nie anders denken, als Robert vom großen Schottland.«
»Dank, Dank Euch,« sagte der König, seines Bruders Hand erfassend. »Ich wußte daß Eure Liebe dem armen, leichtsinnigen Rothsay Gerechtigkeit werde widerfahren lassen, der Euch selber so viel Ungelegenheit bereitet, daß er kaum die Gefühle verdient, die Ihr für ihn hegt.«
Albany hatte in seinen Vorsätzen eine so unerschütterliche Festigkeit, daß er den brüderlichen Händedruck des Königs zu erwidern vermochte, während er die Hoffnungen des nachsichtigen, schwachen, alten Mannes bei der Wurzel ausriß.
»Aber ach!« fuhr der Herzog mit einem Seufzer fort, »dieser grobe, rücksichtslose Ritter von Kinfauns und seine händelsüchtige Bürgerheerde werden die Sachen nicht so ansehen wie wir. Sie haben die Kühnheit, zu sagen, dieser tolle Kerl sei von Rothsay und seinen Genossen mißhandelt worden, denn sie haben ihn maskiert auf den Straßen, lärmend und Männer und Weiber anhaltend, genöthigt zu tanzen oder eine ungeheure Menge Wein zu verschlucken, nebst anderen Thorheiten, die ich nicht erzählen mag, gesehen, und sie fügen hinzu, die ganze Gesellschaft habe sich zu Sir John Ramorny begeben, sei mit Gewalt in sein Haus gebrochen, um dort ihr Bacchanal zu schließen, was hinreichenden Grund zu dem Glauben giebt, die Entlassung Sir Johns aus des Prinzen Dienst sei nur ein Kunstgriff gewesen, um das Volk zu täuschen. Und darum behaupten sie, wenn in dieser Nacht durch Sir John Ramorny oder seine Leute etwas Schlimmes geschehen sei, so habe ohne Zweifel der Herzog von Rothsay doch wenigstens darum gewußt, wenn er es auch nicht guthieß.«
»Albany, das ist schrecklich!« sagte der König; »wollen sie einen Mörder aus meinem Sohne machen? Wollen sie behaupten, mein David beflecke seine Hände mit schottischem Blut ohne Zweck oder Ursache? Nein, nein, – sie werden nicht so ungeheure Verläumdung erfinden, die handgreiflich und unglaublich ist.«
»Verzeiht, mein König,« antwortete der Herzog von Albany; »sie sagen, die Ursache des Streites in Curfewstreet und dessen Folgen gehörten dem Prinzen weit mehr an, als Sir John, da Niemand vermuthet und noch weniger glaubt, das jenes hoffnungsvolle Unternehmen zum Vergnügen des Ritters von Ramorny geschah.«
»Du treibst mich zum Wahnsinn, Robin!« sagte der König.
»Ich bin stumm,« antwortete sein Bruder; »ich sagte nur meine arme Meinung, wie Eure Majestät befahl.«
»Du meinst es gut, ich weiß es,« sagte der König; »aber statt mich durch Eröffnung des unvermeidlichen Unglücks in Stücke zu zerreißen, wär' es nicht freundlicher, Robin, mir zu zeigen, wie man demselben entgehen könnte?«
»Gewiß, mein König; da aber der einzige Weg des Entkommens rauh und schwierig ist, so ist es nöthig, daß Eure Majestät erst die absolute Nothwendigkeit seiner Benutzung begreift, bevor Ihr ihn nur beschreiben hört. Der Chirurg muß seinen Kranken erst von dem unheilbaren Zustande eines zerschmetterten Gliedes überzeugen, eh' er die Ablösung erwähnen darf, obwohl sie das einzige Mittel ist.«
Der König gerieth bei diesen Worten auf einen Grad von Unruhe und Unwillen, wie ihm sein Bruder nicht zugetraut hatte.
»Zerschmettertes und abgestorbenes Glied! Mylord von Albany! Ablösung das einzige Mittel? – Das sind unverständliche Worte, Mylord. – Wenn du sie auf unsern Sohn Rothsay anwendest, so magst du sie bis auf den Buchstaben gut machen, wenn du die Folgen nicht bitter bereuen willst.«
»Ihr versteht mich zu buchstäblich, mein königlicher Herr,« sagte Albany. »Ich sprach nicht von dem Prinzen in so ungeziemenden Ausdrücken; denn ich nehme den Himmel zum Zeugen, daß er mir als der Sohn eines geliebten Bruders theurer ist, als wär' er mein eigner Sohn. Aber ich sprach mit Rücksicht auf seine Lostrennung von seinen Thorheiten und Eitelkeiten des Lebens, welche nach dem Ausspruche frommer Männer abgestorbenen Gliedern ähnlich sind, und gleich ihnen abgeschnitten und von uns geworfen werden sollten, als Gegenstände, die unsern Fortschritt zum Bessern hemmen.«
»Ich verstehe – du willst, daß dieser Ramorny, den man für das Werkzeug der Thorheiten meines Sohnes hielt, vom Hofe verbannt werde,« sagte der getröstete Monarch, »bis diese unseligen Aergernisse vergessen und unsere Unterthanen geneigt sind, unsern Sohn mit anderen und vertrauensvolleren Augen zu betrachten.«
»Das wäre guter Rath, mein König; aber der meine ging ein wenig – ein klein wenig – weiter. Ich würde den Prinzen selbst für eine kurze Zeit vom Hofe entfernen.«
»Wie, Albany! mich von meinem Kinde trennen, meinem Erstgebornen, dem Lichte meiner Augen, und – so leichtsinnig er ist – dem Liebling meines Herzens! – O! Robin! ich kann nicht, und ich will nicht.«
»Ei, ich gab nur den Rath, Mylord. – Ich fühle, welche Wunde ein solches Verfahren dem Herzen eines Vaters schlagen muß, denn bin ich nicht selbst Vater?« Und er senkte seinen Kopf, wie in hoffnungsloser Verzweiflung.
»Ich könnt' es nicht überleben, Albany. Wenn ich bedenke, daß selbst unser eigener Einfluß auf ihn (der zwar bisweilen in unserer Abwesenheit vergessen, doch immer wirksam, wenn er bei uns ist), durch Euren Plan gänzlich wegfiele, in welche Gefahren könnt' er sich nicht stürzen? Ich könnte während seiner Abwesenheit nicht schlafen – ich würde sein Todesseufzen in jedem Lüftchen hören; und Ihr, Albany, obwohl Ihr es eher verbergt, würdet doch fast ebenso besorgt sein.«
So sprach der gefällige Monarch, der gern seinen Bruder versöhnen und sich täuschen wollte, indem er es für gewiß annahm, daß eine Zuneigung, von der keine Spur vorhanden war, zwischen Oheim und Neffen bestände.
»Eure väterlichen Besorgnisse werden zu leicht erregt, Mylord,« sagte Albany. »Ich schlage nicht vor, des Prinzen Bewegungen seinem eigenen zügellosen Belieben zu überlassen. Ich meine, der Prinz müßte für eine kurze Zeit unter einen passenden Zwang gestellt werden. – Man sollte ihm einen ehrwürdigen Rath zur Aufsicht geben, der für sein Benehmen und seine Sicherheit verantwortlich wäre, wie ein Hofmeister für den Zögling.«
»Wie! ein Hofmeister! und in Rothsay's Alter?« rief der König; »er ist zwei Jahre über die Grenze, bis zu welcher unsere Gesetze die Unmündigkeit erstrecken.«
»Die weisern Römer,« sagte Albany, »erstreckten sie vier Jahre über die Zeit, welche wir dafür annehmen; und um deutlich zu reden, das Recht der Beaufsichtigung sollte dauern, bis sie nicht mehr nöthig wäre; und sonach müßte die Zeit je nach dem Charakter verschieden sein. Da ist der junge Lindsay, Graf von Crawford, der, wie man sagt, Ramorny bei dieser Ausforderung vertritt, – er ist ein Bursch von fünfzehn, mit den tiefen Leidenschaften und der entschlossenen Festigkeit eines Mannes von dreißig Jahren, während mein königlicher Neffe, bei liebenswürdigeren und edleren Eigenschaften des Verstandes und Herzens, zuweilen im dreiundzwanzigsten die üppigen Launen eines Knaben zeigt, gegen den der Zwang nur Güte ist. – Und seid nicht traurig, mein Fürst, daß es so ist, oder zornig, daß Euer Bruder die Wahrheit sagt, denn die besten Früchte reifen am langsamsten, und die besten Rosse machen dem Bereiter am meisten zu schaffen, der sie zum Schlachtfeld oder für die Schranken erzieht.«