»Dies war die erste wirkliche Angst, liebe Mathilde, die ich in meinem Leben ausgestanden habe. Fast hätte ich vergessen, Dir zu sagen, daß die Räuber den Kerl mit dem geschwärzten Gesicht auf der Landstraße vor einer Hütte zurückgelassen haben, wahrscheinlich weil er nicht weiter transportabel gewesen ist. In der andern halben Stunde hat derselbe seinen Geist aufgegeben. Bei der Leichenschau wurde festgestellt, daß es ein Bauer aus der Umgegend war, der als Schleichhändler schon lange im schlimmsten Rufe gestanden. Von den benachbarten Familien laufen fortwährend Gratulationen zu der glücklichen Abweisung des Ueberfalles ein, und allgemein herrscht die Meinung, daß wir uns auf das mannhafteste gewehrt hätten. Mein Vater hat unter das Dienstvolk Prämien ausgeteilt und Hazlewood für den bewiesenen Mut außerordentlich gelobt; auch Lucy und ich haben ein paar beifällige Worte aus seinem Munde vernommen, weil wir die Situation weder durch Geschrei noch durch Widerspruch erschwert hätten. Mit Magister Sampson wollte mein Vater die Tabaksdosen austauschen. Der brave Mensch sträubte sich erst dagegen, war aber nachher höchst erfreut über solches Ansinnen und fand der Worte gar nicht genug, die Schönheit seiner neuen Dose zu preisen, die ganz so aussähe, sagte er – »ko-misch, ko-misch!« – wie echtes Gold aus Ophir. Es wäre nun allerdings merkwürdig gewesen, wenn sie nicht so ausgesehen hätte, denn sie war von Gold; aber um dem ehrlichen Tolpatsch Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, so glaube ich, daß er, wenn er den wahren Wert der Dose gekannt hätte, seiner Dankbarkeit gegen meines Vaters Edelsinn auch keinen schärferen Ausdruck hätte geben können, als jetzt, da er nicht anders meinte, als sie sei aus Tombak und nur vergoldet ... Viel Arbeit und Mühe hat es ihm heut bereitet, die Folianten, die als Schanzkörbe oder Bollwerke gebraucht wurden, wieder an ihren Platz zurückzuschaffen; er wird wohl auch manche Ecke haben gerade biegen und manches Eselsohr glatt streichen müssen. Ja er hat uns sogar ein Paar Kugeln gezeigt, die er aus den Büchern gezogen hatte, und wäre es mir wohler zu mute, so könnte ich Dir eine gar lustige Geschichte erzählen von dem Eifer und Staunen, das dieser »Held des Tages« an den Tag gelegt und mit welcher Bravour er uns von den Wunden erzählt hat, die sich ein Thomas von Aquino und andere Heilige in andern harten Kämpfen geholt! ...Aber ich habe zu scherzen jetzt keine Lust und will Dir lieber eine andere Sache erzählen, die ich noch in petto habe und die Deine Teilnahme wohl mehr in Anspruch nehmen dürfte. Doch nicht gleich; denn ich bin so erschöpft von meiner heutigen Mühsal, daß ich erst morgen fortfahren kann ... Ich will aber den Brief, um Dir keine Sorge zu bereiten, nicht eher abschicken, als bis ich meine Nachschrift fertig habe ...«
Ich nehme, meine teuerste Freundin, den Faden meines gestrigen Berichtes wieder auf ...
»Von der ausgestandenen Belagerung war natürlich mehrere Tage lang ausführlich die Rede, und allerhand Weiterungen wurden nicht minder daraus erwartet: wir machten deshalb meinem Vater den Vorschlag, eine Tour nach Edinburg zu unternehmen, oder eventuell wenigstens bis nach Dumfries: um den Schleichhändlern Zeit zur Beruhigung zu gönnen; mein Vater jedoch will nichts davon wissen, er meint nämlich, daß der Empfang, den die Schurken gefunden, sie kaum zu einem zweiten Besuche animieren dürfte; daß aber anderseits, wenn er durch Entfernung Furcht zeige, leicht das Gegenteil eintreten konnte; jedenfalls käme es ihm niemals in den Sinn, das ihm anvertraute Haus und Eigentum widerstandslos Bösewichtern in die Hände fallen oder gar die Seinigen ohne seinen Schutz und Beistand zu lassen. Durch solche Worte ermutigt, gewannen auch wir unsere Ruhe wieder und nahmen unsere früheren Spaziergange wieder auf; doch mußten auf Befehl meines Vaters die Männer zuweilen die Flinten mitnehmen, und es entging mir auch nicht, daß mein Vater nachts manchmal recht besorgt war und dem Dienstvolk untersagte, sich anders, als mit Waffen über dem Bette, schlafen zu legen.
»Drei Tage später aber trug sich ein Vorfall zu, der mich in weit größere Angst und Unruhe versetzte, als der Angriff der Schleichhändler auf unser Haus. Ich habe Dir schon gesagt, daß nicht weit von Woodbourne ein kleiner See liegt, wo mein Vater und Hazlewood zuweilen auf Wildenten jagen. Beim Frühstück gab ich dem Wunsche Ausdruck, eine Partie dorthin zu unternehmen, um uns die Schlittschuhläufer anzusehen, die jetzt dort ihrem gesunden Sport obliegen. Der verschneite Boden war fest gefroren und von den Schaulustigen, die täglich zum See hinauswanderten, ein so fester Pfad getreten worden, daß Lucy und ich keinerlei Bedenken trugen, uns bis zum See hinaus zu wagen, Hazlewood erbot sich, uns mit seiner Büchse zu begleiten; zuerst lachte er über unsere Aengstlichkeit, aber um uns zu beruhigen, gab er einem Reitknecht, der auch zuweilen den Wildhüter macht, – da er sich selbst nicht damit beschweren wollte, – den Befehl, ihm mit der Flinte zu folgen.
»Mein Vater, der alles Menschengedränge und Schaugepränge haßt, solches soldatischer Natur ausgenommen, hatte keine Lust, sich an dem kleinen Ausfluge zu beteiligen.
»Wir brachen in aller Frühe auf. Es war ein frischer, schöner Morgen, und wir fühlten uns bald durch den Genuß der reinen Winterluft wunderbar gestärkt. Der Weg zum See bot allerhand Reiz, und die kleinen Strapazen, die wir dabei überwinden mußten, waren so recht danach beschaffen, uns in lustige Stimmung zu versetzen; galt es doch, hin und wieder einen glatten Hang hinunterzurutschen oder über einen gefrorenen Graben zu springen, und mancherlei solche Dinge mehr, die uns Hazlewoods Beistand unentbehrlich machten; und daß dieselben Lucy den Weg etwa nicht angenehm hätten, möchte ich keinesfalls Dir vorschwatzen.
»Der See bot einen allerliebsten Anblick: auf der einen Seite wird er von einem steilen Felsen begrenzt, von welchem tausend und abertausend Eiszapfen, oft von erstaunlicher Größe und wie Kristall im Sonnenscheine glitzernd, herniederhingen; auf der andern Seite stand ein Fichtenwäldchen, dessen dunkle, mit Schnee beladene Wipfel ein höchst pittoreskes Bild zeigten. Ueber die gefrorene Fläche hin flogen zahllose Gestalten; die einen flink und behend, wie Schwalben, die andern lustig im Kreise sich drehend, noch andere eifrig um die für allerhand winterliche Spiele ausgesetzten Preise ringend.
»Wir gingen um den See herum; Hazlewood führte uns, unterhielt sich aufs freundlichste mit alt und jung und schien überhaupt recht beliebt unter dem Volke zu sein. Endlich dachten wir an die Heimkehr.
»Warum erzähle ich Dir all diese Kleinigkeiten so ausführlich? Nein, sicherlich nicht deshalb, weil ich mir einbilde, daß sie Dich jetzt sonderlich interessieren könnten, sondern nur, weil ich, dem Ertrinkenden ähnlich, der nach dem schwanken Zweige greift, alles wahrzunehmen suchte, was mich in die Möglichkeit setzt, den nun folgenden grausigen Abschnitt meiner Schilderung aufzuschieben. Aber ich muß es Dir erzählen; muß es in dieser Form erzählen; denn für das herzzerreißende Unglück muß ich wenigstens bei einem freundlichen Wesen Mitgefühl zu wecken suchen.
»Wir gingen auf dem Fußpfade weiter, der durch ein junges Föhrendickicht lief. Lucy hatte Hazlewoods Arm losgelassen, denn sie will Beistand von ihm bloß in den dringendsten Fällen in Anspruch nehmen. Ich aber hing noch an seinem Arme. Lucy ging dicht hinter uns, und der Reitknecht mochte etwa drei Schritte noch weiter hinter uns sein. Jetzt machte der Pfad eine jähe Biegung ... und da stand auf einmal, wie aus der Erde emporgewachsen, Brown vor uns. Er war sehr schlicht, ja ich muß sagen, fast ordinär gekleidet, und in seinem ganzen Wesen lag eine gewisse Wildheit oder Verstörtheit. Ich schrie laut auf, halb verdutzt, halb erschreckt; Hazlewood mißverstand, was mich erregte; und da Brown sich auf mich zu bewegte, als ob er mit mir sprechen wollte, herrschte Hazlewood ihn an, er solle den Weg frei geben und mich nicht in Unruhe setzen ... Brown gab eine nicht minder stolze, ja heftige Antwort: er brauche keine Belehrung über den Umgang mit Damen, am wenigsten von einem so jungen Menschen ... Ich bin ganz entschieden der Meinung, daß Hazlewood der Meinung war, in dem ihm unbekannten Manne einen Genossen der Schleichhändler vor sich zu haben, den böse Absicht hierher geführt. Er riß dem Reitknecht, der inzwischen dicht zu uns herangetreten war, die Flinte aus der Hand, legte sie auf Brown an und befahl ihm noch einmal kurz, den Weg freizugeben, widrigenfalls er ihn niederschießen wolle wie einen Hund ... Brown, sich also bedroht sehend, sprang auf Hazlewood zu und rang mit ihm. Ich stieß einen Schrei des Entsetzens aus, der das unglückliche Ereignis noch beschleunigte. Brown hatte Hazlewood fast schon die Waffe entwunden, als der Schuß losging und Hazlewood an der Schulter blessierte. Auf der Stelle brach der arme Mensch zusammen. Ich sah nichts mehr, hörte nichts mehr, sondern schwankte ohnmächtig zurück. Wie Lucy mir nachher erzählt hat, blickte der unglückliche Brown einen Augenblick aus das entsetzliche Schauspiel, bis ihr furchtbares Geschrei Leute vom See herbeilockte. Brown sprang über einen Zaun, der den Pfad von dem Dickicht trennte; seitdem ist nichts mehr von ihm zu hören gewesen. Der Reitknecht machte keinen Versuch, ihn fest- oder auch nur aufzuhalten; was er den herbeistürzenden Leuten von ihm erzählte, bestimmte dieselben auch mehr, sich um mich zu bemühen, als hinter einem Flüchtlinge herzusetzen, der nach der vom Knechte gegebenen Schilderung ein Mensch von furchtbarer Stärke und bis an die Zähne bewaffnet sein sollte. »Hazlewood wurde nach Woodbourne gebracht. Ich glaube, seine Wunde ist in keiner Hinsicht gefährlich, aber er hat große Schmerzen auszustehen. Für Brown dagegen müssen die Folgen höchst schwerer, wenn nicht ganz unglücklicher Natur sein: ist doch mein Vater ohnehin schon mehr denn erbittert auf ihn, und droht ihm doch größere Gefahr noch durch die Verfolgung der Behörde und die Rache des alten Hazlewood, der alles in Bewegung setzen will, den Täter zu entdecken. Wie wird es Brown möglich sein, solcher Rachgier zu entgehen? Wie wird er, wenn er gefangen wird, sich gegen die Strenge des Gesetzes verteidigen? Steht ja doch, wie ich höre, sogar sein Leben dadurch in Gefahr! Lucys maßloser Kummer über die dem Geliebten zugefügte Verwundung geht mir ebenfalls tief zu Herzen, Wie konnte aber Brown sich durch sein Ungestüm zu solcher Unbesonnenheit hinreißen lassen!