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Trotzdem hätte er seinen Beistand in gegenwärtigem Falle abgelehnt, hätte er gewußt, wohin die Gevatterinnen ihn führten, um bei Zeiten eine genügende Entschuldigung zu finden. Aber ehe er merkte, wohin es ging, ward der Arzt in das Haus des verstorbenen Oliver Proudfute gedrängt, woher er den Gesang der Frauen vernahm, während sie den Leichnam des weiland Strumpfwirker für die Ceremonie des nächsten Morgens wuschen und kleideten. Von dem Gesang mag man folgende Verse als eine moderne Nachahmung betrachten:

1. Wesen unsichtbar und leicht,

Das schon in der Luft entweicht,

Gern doch schwebend immerdar

Um die Form, die dein hier war;

2. Ruh' im Fluge deiner Schwingen,

Ob nun links, ob rechts sie dringen,

Geh' 's der Höh', der Tiefe zu:

Auf der grausen Grenze ruh'!

3. Um die That zu rächen, die

Vor der Zeit dich wegtrieb hie,

Bleib' geheime Kraft nun doch

Ueber Blut und Hirn dir noch.

4. Siehst du die Gestalt dann steh'n,

Die dein brechend Aug' geseh'n, –

Wird der Fußtritt nah' dir kommen,

Der dein sterbend Ohr vernommen.

5. Dann werden Sympathien sich regen,

Das Fleisch erbeben, der Nerv bewegen,

Die Wund' erneut ihre starre Fluth

Und jeder Tropfen schreit: Blut für Blut!

So verhärtet er auch war, fühlte der Arzt doch einen Widerwillen, über die Schwelle des Mannes zu gehen, zu dessen Tod er so unmittelbar, obwohl, was die Person betraf, aus Versehen beigetragen hatte.

»Laßt mich geh'n, ihr Frauen,« sagte er, »meine Kunst kann nur den Lebendigen helfen – die Todten sind über unserer Macht.«

»Ach, aber Euer Kranker ist hier oben – die jüngste Waise – «

Dwining war gezwungen, in's Haus zu gehen; aber er staunte, als, da er kaum über die Schwelle getreten, die Gevatterinnen, die beim Leichnam beschäftigt waren, plötzlich in ihrem Gesange innehielten, während eine zur andern sagte:

»Um Gotteswillen, wer trat ein? – Das war ein großer Blutstropfen!«

»Nicht doch,« sagte eine andere Stimme, »es ist ein Tropfen des flüssigen Balsams.«

»Nein, Gevatterin, es war Blut – ich frage, wer gerade jetzt in's Haus trat?«

Eine sah aus dem Gemach nach dem kleinen Eingang hinaus, wo Dwining, unter dem Vorwande, er könne die Treppe, die in den oberen Theil des Trauerhauses führte, nicht recht sehen, seinen Schritt absichtlich verzögerte, verwirrt durch das, was er von der Unterhaltung vernommen.

»Ach, es ist nur der würdige Meister Henbane Dwining,« sagte eine der Sybillen. »Nur Meister Dwining?« erwiderte jene, die zuerst gesprochen, in beistimmendem Tone; »unser bester Helfer in der Noth? – dann ist es sicherlich nur Balsam gewesen.«

»Nun,« sagte die andere, »es kann trotzdem Blut gewesen sein – denn der Arzt wurde, seht ihr, als man den Körper fand, vom Magistrat beauftragt, die Wunde mit seinen Instrumenten zu untersuchen, und wie kann der arme todte Körper wissen, daß das in guter Absicht geschah?«

Ja freilich, Gevatterin; und da der arme Gevatter Oliver oft Freunde für Feinde ansah, als er noch lebte, so kann man nicht denken, daß sein Urtheil nun schärfer geworden.«

Dwining hörte nichts mehr, da er genöthigt ward, hinauf in eine Art Dachstube zu steigen, wo Magdalena auf ihrem verwittweten Bett saß, ihr Kind an die Brust drückend, welches, bereits schwarz im Gesicht und den schnappenden krächzenden Ton ausstoßend, der die Krankheit charakterisirt, auf dem Punkte schien, sein kurzes Dasein zu schließen. Ein Dominikaner saß neben dem Bett, das andere Kind in seinen Armen haltend, wahrend er von Zeit zu Zeit ein Wort geistlichen Trostes zu sprechen schien oder eine Bemerkung über die Krankheit des Kindes machte.

Der Arzt warf auf den guten Pater nur einen Blick voll der unaussprechlichen Verachtung, welche wissenschaftliche Menschen gegen Unkundige hegen. Sein eigener Beistand war plötzlich und wirksam; er nahm das Kind der verzweifelnden Mutter weg, entblößte ihm den Hals und öffnete eine Ader, die, da sie frei blutete, den kleinen Kranken sofort erleichterte. In kurzer Frist verschwand jedes gefahrdrohende Symptom, und Dwining, nachdem er die Ader verbunden, legte das Kind wieder in die Arme der halb besinnungslosen Mutter.

Des armen Weibes Schmerz um ihres Gatten Verlust, den die äußerste Gefahr des Kindes zurückgedrängt hatte, kehrte auf's Neue mit der Kraft eines geschwellten Waldstroms zurück, welcher den Damm durchbrochen hat, der seine Wellen eine Zeitlang aufhielt.

»O, gelehrter Herr,« sagte sie, »Ihr seht ein armes Weib nur noch vor Euch, die Ihr einst reicher kanntet – aber die Hände, die meinen Armen dies Kind wiedergeben, dürfen nicht leer aus meinem Hause gehen. Großmüthiger, freundlicher Meister Dwining, nehmt den Rosenkranz meines seligen Gatten an – er ist aus Ebenholz und Silber – er liebte solche Sachen so hübsch zu haben, wie ein Edelmann – und ähnlicher war er auch immer einem Edelmann, als seines Gleichen, und nun ist es ihm so gegangen.«

Mit diesen Worten drückte sie in stummem Schmerze den Rosenkranz ihres abgeschiedenen Gatten an Brust und Lippen, und fuhr fort, ihn Dwinings Händen aufzudringen.

»Nehmt ihn,« sagte sie, »um der Liebe dessen willen, der Euch so lieb hatte. – Ach, er pflegte immer zu sagen: wenn je ein Mensch vom Rande des Grabes zurückgebracht werden könnte, so müßte es mit Meister Dwinings Beistande geschehen. – Und sein eigenes Kind ist diesen gepriesenen Tag zurückgebracht und er liegt dort starr und steif, und unterscheidet nicht mehr Gesundheit und Krankheit! Ach, wie wehe ist mir! wehe! – Aber nehmt den Rosenkranz und denkt an seine arme Seele, so oft er durch Eure Finger geht; er wird um so eher aus dem Fegfeuer erlöst werden, wenn gute Leute für sein Heil beten.«

»Nehmt Euern Rosenkranz wieder, liebe Frau – ich verstehe keine Gaukelei – kann keine Beschwörungsformeln,« sagte der Arzt, der, bewegter als seine rohe Natur ahnen ließ, sich Mühe gab, die Annahme des Unheil bedeutenden Geschenkes abzulehnen. Aber seine letzten Worte gaben dem Geistlichen Aergerniß, an dessen Gegenwart er nicht dachte, da er sie aussprach.

»Wie, Herr Arzt!« sagte der Dominikaner; »nennt Ihr Gebete für die Todten Gauklerpossen? Ich weiß, daß Chaucer, der englische Dichter, von Euch Medicinern sagt, Euer Studium betreffe nur wenig die Bibel. Unsere Mutter, die Kirche, war neuerdings eingeschlummert, aber ihre Augen sind nun wieder geöffnet, um Freunde von Feinden zu unterscheiden; und seid versichert –«

»Ach, ehrwürdiger Vater,« sagte Dwining, »Ihr beurtheilt mich zu hart. Ich sagte, ich könnte keine Wunder thun und wollte hinzufügen, daß, da die Kirche gewiß dergleichen verrichten kann, dieser reiche Rosenkranz in Eure Hände gelegt werden möchte, um ihn so anzuwenden, daß er der geschiedenen Seele den meisten Vortheil bringe.«

Er legte den Rosenkranz in des Dominikaners Hand und entfloh aus dem Hause der Trauer.

»Das war ein wunderlicher Besuch,« sagte er zu sich selbst, als er wohlbehalten hinaus war. »Mir gelten solche Dinge so wohlfeil, wie irgend Einem; aber obwohl es nur eine thörichte Grille ist, bin ich doch froh, des schreienden Kindes Leben gerettet zu haben. – Aber ich muß zu meinem Freunde Smotherwell, den ich ohne Zweifel in Betreff Bonthrons auf meine Seite bringe; und so werde ich bei dieser Gelegenheit zwei Leben retten und habe nur eins zerstört.«

Dreiundzwanzigstes Kapitel