Sieh! blutgebadet liegt er dorten,
Die Wunde schreit empor;
Vom Himmel Rache fleh'n die Pforten
Des Blutes nach wie vor.
Uranus und Psyche.
Die hohe Kirche St. Johns in Perth war, als die des Schutzheiligen der Stadt, vom Magistrat gewählt worden, weil die Gemeinde hier am meisten Raum fand zur Feierlichkeit des Gottesgerichts. Die Kirchen und Klöster der Dominikaner, Karthäuser und anderer Ordensgeistlichen waren vom Könige und Edelleuten reich begabt worden, und darum war es der allgemeine Ruf des Stadtrathes, man müsse »ihrem eigenen, guten alten St. John,« dessen Gunst sie sich sicher glaubten, vertrauen und ihn den neuen Patronen vorziehen, für welche die Dominikaner, Karthäuser, Karmeliter und Andere rings um die gute Stadt neuere Sitze gestiftet hatten. Der Streit zwischen Ordens- und Weltgeistlichen erhöhte die Eifersucht, welche die Wahl des Ortes bestimmte, auf dem der Himmel in Folge gerader Berufung auf göttliche Entscheidung eine zweifelhafte Schuld durch eine Art Wunder erklären sollte; und der Stadtschreiber gab sich so viel Mühe, die St. Johnskirche vorgezogen zu sehen, als wäre in der Versammlung der Heiligen eine Partei für und eine andere gegen das Interesse der guten Stadt Perth gewesen.
Mannigfach waren daher die kleinen Intriguen, die man wegen der Bestimmung einer Kirche anlegte und hintertrieb. Aber der Magistrat beschloß, in Betracht, daß diese Sache die Ehre der Stadt sehr nahe betreffe, mit klugem Vertrauen auf die Gerechtigkeit und Unparteilichkeit ihres Heiligen, den Erfolg von St. Johns Einfluß abhängig zu machen.
Es wurden daher nach gehaltenem Hochamte, mit der größten Feierlichkeit, deren die Umstände die Ceremonie fähig machten, und nachdem die versammelte Menge wiederholt feurig zum Himmel gebetet, die Vorbereitungen getroffen, um das direkte Urtheil des Himmels wegen der geheimnißvollen Ermordung des unglücklichen Strumpfwirkers anzurufen.
Der Schauplatz zeigte jene imponirende Feierlichkeit, welche die Gebräuche der katholischen Kirche hervorzubringen so geeignet sind. Das östliche Fenster, reich und bunt gemalt, strömte eine Fluth mannigfachen Lichtes auf den Hochaltar nieder. Auf dem vor diesem stehenden Sarge waren die sterblichen Reste des Ermordeten ausgestreckt, die Arme über die Brust gelegt, die Hände gefaltet mit aufwärts gekehrten Fingerspitzen, als wollte der empfindungslose Erdenkloß noch selber den Himmel um Rache gegen diejenigen anrufen, welche den unsterblichen Geist so gewaltsam von seiner verstümmelten Wohnung getrennt hatten.
Nahe bei der Bahre stand der Thron, welcher Robert von Schottland und seinen Bruder Albany trug. Der Prinz saß auf einem niedrigern Stuhl zur Seite des Vaters; eine Anordnung, die einige Aufmerksamkeit erregte, da Albany's Sitz wenig verschieden von dem des Königs war und der bestimmte Erbe, obwohl volljährig, im Angesicht des versammelten Volkes von Perth unter seinen Oheim gestellt zu sein schien. Der Sarg war so gestellt, daß er den Anblick des darin liegenden Körpers dem größten Theile der in der Kirche versammelten Menge frei ließ.
Am obern Ende des Sarges stand der Ritter von Kinfauns, der Ausforderer, und am untern Ende der junge Graf von Crawford, der den Vertheidiger vorstellte. Das Zeugniß des Herzogs von Rothsay zur Reinigung, wie man es nannte, des Sir John Ramorny hatte diesen von der Nothwendigkeit befreit, sich selber dem Gottesgerichte zu unterwerfen, und seine Krankheit diente ihm als Grund, zu Hause zu bleiben. Seine Dienerschaft mit Einschluß derjenigen, die zwar unmittelbar Sir John bedienten, doch unter die Leute des Prinzen gehörten, aber ihre Entlassung noch nicht erhalten hatten, belief sich auf acht bis zehn Personen, die man meist für verworfene Menschen hielt, und die daher wohl fähig geachtet werden konnten, im Rausche des festlichen Abends den Strumpfwirker ermordet zu haben. Sie waren in einer Reihe an der linken Seite der Kirche aufgestellt und trugen weiße, dem Büßerkleide ähnliche Gewänder. Aller Augen waren auf sie gerichtet, und mehrere von der Bande waren so außer Fassung, daß unter den Zuschauern ein lebhaftes Vorurtheil von ihrer Schuld entstand. Der Mörder selbst aber hatte ein Gesicht, das ihn nicht verrathen konnte – einen düstern, dunkeln Blick, den weder Festmahl noch Weinbecher beleben und den die Gefahr der Entdeckung und des Todes nicht niederschlagen konnte.
Wir haben bereits die Lage des Leichnams erwähnt. Das Gesicht war unbedeckt, und ebenso Brust und Arme. Der Rest des Körpers war in das feinste Linnen gehüllt, so daß, wenn Blut von irgend einem Theile floß, der bedeckt war, es sogleich offenbar werden mußte.
Nachdem das Hochamt gehalten, dem eine feierliche Anrufung der Gottheit folgte, daß es ihr gefallen möge, den Unschuldigen zu schützen und den Schuldigen bekannt zu machen, wurde Eviot, Sir John Ramorny's Page, aufgerufen, sich dem Gottesurtheil zu unterwerfen. Er trat mit unsicherem Schritte vor. Vielleicht glaubte er, seine innere Ueberzeugung, daß Bonthron der Mörder sei, werde hinreichen, ihn des Mordes theilhaft zu machen, wenn er gleich keinen wirklichen Antheil daran hätte. Er blieb vor dem Sarge stehen, und seine Stimme bebte, als er bei Allem schwur, was in sieben Tagen und sieben Nächten erschaffen worden, beim Himmel, bei der Hölle, bei seinem Theil am Paradies, bei dem Gott und Schöpfer der Welt, daß er unschuldig und frei sei von der blutigen That an dem Leichnam, der vor ihm lag, und auf dessen Brust er zur Bekräftigung dessen das Zeichen des Kreuzes machte. Es erfolgte nichts. Der Körper blieb steif wie zuvor; die geronnenen Wunden gaben kein Zeichen von Blut.
Die Bürger sahen einander mit Gesichtern voll unangenehmer Täuschung an. Sie hatten sich von Eviot's Schuld überredet und ihr Verdacht war durch sein unentschlossenes Benehmen bestärkt worden. Ihr Erstaunen über sein freies Ausgehen war daher das größte. Die anderen Diener Ramorny's faßten Muth und traten, den Eid zu leisten, mit einer Kühnheit vor, die immer stieg, wenn einer von ihnen die Probe bestanden hatte; sie wurden durch die Stimme der Richter von jedem Verdacht, der auf sie wegen Oliver Proudfute's Tod geworfen worden, für frei und unschuldig erklärt.
Aber es war noch eine Person, die an diesem steigenden Vertrauen keinen Theil nahm. Der Name »Bonthron – Bonthron!« tönte drei Mal durch die Hallen der Kirche; aber er, dem er gehörte, beantwortete den Ruf nicht anders, als durch eine scharrende Bewegung der Füße, als hätte ihn plötzlich eine Lähmung befallen.
»Sprich, Hund,« flüsterte Eviot, »oder mache dich zum Tode eines Hundes fertig!«
»Aber des Mörders Hirn war so verstört durch das Schauspiel vor ihm, daß die Richter, sein Benehmen betrachtend, schwankten, ob man ihn vor den Sarg schleppen lassen oder das Urtheil der Schuld verkündigen solle; und erst, als man ihn das letzte Mal fragte, ob er sich dem Gottesurtheil unterziehen wollte, antwortete er mit seiner gewöhnlichen Kürze:
»Ich will nicht; – was weiß ich, welche Gauklerpossen man braucht, um eines armen Mannes Leben zu nehmen? – ich erbiete mich zum Zweikampf mit Jedem, der sagt, daß ich jenen Leichnam verletzte.«
Und gemäß der üblichen Form warf er seinen Handschuh auf den Boden der Kirche.
Harry Schmied trat vor, begleitet vom Beifallgemurmel seiner Mitbürger, welches selbst die ehrwürdige Stätte nicht völlig unterdrücken konnte; und des Schurken Handschuh aufhebend, den er in seine Mütze legte, warf er dagegen den seinigen nach üblicher Form als Unterpfand des Kampfes hin. Aber Bonthron hob ihn nicht auf.
»Er ist mir nicht gleich,« brummte der Wilde, »kann auch meinen Handschuh nicht aufheben. Ich diene dem Prinzen von Schottland im Gefolge seines Stallmeisters. Der Kerl ist ein elender Handwerker.
Hier unterbrach ihn der Prinz. »Du dienst mir, Schuft! ich entlasse dich aus der Stelle meines Dienstes. – Nimm ihn unter deine Hand, Schmied, und schlag' ihn, wie du je einen Ambos schlugst. – Der Schurke ist sowohl schuldig als feig. Es macht mir übel, ihn nur anzusehen; und wenn mein königlicher Vater mich hören will, so läßt er den Parteien zwei hübsche, schottische Aexte geben, und wir wollen sehen, wer von ihnen der Bessere ist, eh' der Tag noch eine halbe Stunde älter wird.«