Ein Mönch saß auf demselben Karren neben dem Mörder, und letzterer ließ nicht ab, gegen jenen unter dem Siegel der Beichte dieselbe Behauptung zu wiederholen, die er aus dem Kampfplatze geäußert hatte, und die den Herzog von Rothsay beschuldigte, der Anstifter des Hinterhalts gewesen zu sein, wobei der unglückliche Strumpfwirker gefallen war. Dieselbe Lüge verbreitete er unter der Menge, indem er mit unverschämter Frechheit denen, die dem Karren am nächsten waren, versicherte, er verdanke seinen Tod der Bereitwilligkeit, womit er die Befehle des Herzogs von Rothsay erfüllt habe. Eine Zeitlang wiederholte er finster und tückisch diese Worte, wie Einer, der einen Auftrag ausrichtet, oder wie ein Bettler, der seinen Worten durch Wiederholung Glauben verschaffen will, während er überzeugt ist, daß sie ihn nicht verdienen. Aber als er die Augen erhob und in der Ferne die dunkle Gestalt des Galgens, wenigstens vierzig Fuß hoch, nebst der Leiter und dem unseligen Strick, senkrecht aufsteigen sah, wurde er plötzlich still, und der Mönch konnte bemerken, daß er sehr zitterte.
»Tröste dich, mein Sohn,« sagte der gute Priester, »Ihr habt die Wahrheit bekannt und erhaltet Absolution. Eure Reue wird nach ihrer Aufrichtigkeit angenommen werden; und obwohl Ihr ein Mann von blutigen Händen und grausamen Herzens gewesen, werdet Ihr doch durch die Bitten der Kirche in gehöriger Zeit aus den Flammen des Fegefeuers erlöst werden.«
Diese Zusicherungen waren mehr geeignet, den Schrecken des Schuldigen zu mehren, als zu mindern, da ihn Zweifel beunruhigten, ob die für seine Rettung vom Tode angegebene Weise gewiß
auch wirksam sein möchte, so wie die Besorgniß, ob man sie auch zu seinen Gunsten in Anwendung bringen möchte; denn er kannte seinen Herrn gut genug, um von der Gleichgültigkeit überzeugt zu sein, womit er Einen opfern würde, der bei künftiger Gelegenheit ein gefährliches Zeugniß gegen ihn ablegen könnte.
Sein Loos war indeß besiegelt und es galt kein Entkommen mehr. Sie näherten sich langsam dem verhängnißvollen Baume, der an einem Ufer des Flusses, etwa eine halbe (englische) Meile von den Mauern der Stadt errichtet war; eine Stätte, die gewählt war, damit der Leichnam des Elenden, der als Futter für die Raben hier bleiben mußte, aus der Ferne in jeder Richtung gesehen werden konnte. Hier übergab der Priester Bonthron dem Henker, der ihm auf die Leiter steigen half und allem Anschein nach den üblichen Formen des Gesetzes gemäß verfuhr. Er schien eine Minute mit dem Tode zu ringen, hing aber bald still und leblos. Der Henker, nachdem er länger als eine halbe Stunde auf dem Posten gewartet, wie wenn er den letzten Lebensfunken erlöschen lassen wollte, verkündete den Bewunderern solcher Schauspiele, daß die Eisen für das beständige Aufhängen des Leichnams nicht in Bereitschaft wären, und daß die Schlußceremonie, die Ausweidung und endliche Befestigung an den Galgen, erst am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang vorgenommen werden könne.
Trotz der frühen Stunde, die er nannte, hatte Meister Smotherwell doch eine ansehnliche Begleitung des Pöbels zum Richtplatze, um das Schlußverfahren der Gerechtigkeit mit ihrem Opfer anzusehen. Aber groß war das Staunen und der Unwille dieser Liebhaber, als sie sahen, daß der todte Körper vom Galgen entfernt war. Sie waren jedoch nicht lange ohne einen Einfall, um die Ursache des Verschwindens zu erklären. Bonthron war der Diener eines Barons gewesen, dessen Güter in Fife lagen, und war selbst ein Eingeborner dieser Provinz. Was war natürlicher, als daß einige Leute aus Fife, deren Boote häufig den Fluß befuhren, heimlich den Körper ihres Landsmannes von dem Orte der Schande entfernt hatten? Die Menge machte ihrer Wuth gegen Smotherwell Luft, daß er sein Werk nicht am vorigen Abend vollendet habe; und hätte er und sein Gehülfe sich nicht in ein Boot begeben und über den Tay geflüchtet, so wären sie Gefahr gelaufen, zu Tode gesteinigt zu werden. Das Ereigniß war indeß zu sehr im Geiste jener Zeit, um Verwunderung zu erregen. Die wirkliche Ursache desselben wollen wir im folgenden Kapitel erklären.
Vierundzwanzigstes Kapitel
»Für Hunde Galgen – frei laßt Menschen geh'n.«
Heinrich IV.
Die Umstände einer Erzählung dieser Art müssen zu einander passen, wie der Bart eines Schlüssels zu seinem Schlosse. Der Leser, wie gefällig er auch sei, wird sich nicht für verpflichtet halten, mit der bloßen Thatsache zufrieden zu sein, daß die und jene Ereignisse stattfanden, obwohl er meist im gewöhnlichen Leben nichts weiter von den Dingen erfährt, die um ihn her vorgehen; aber er wünscht, da er zur Unterhaltung liest, das innere Getriebe zu kennen, welches die Ereignisse veranlaßt. Dies ist eine rechtmäßige und vernünftige Neugier. Denn Jedermann hat das Recht, das Werk seiner eigenen Uhr zu öffnen und zu untersuchen, da es zu seinem besonderen Gebrauch zusammengesetzt ist, obwohl ihm nicht gestattet wird, in das Innere der Uhr zu dringen, die zum allgemeinen Nutzen auf dem Kirchthurm angebracht ist.
Es würde daher unhöflich sein, wenn ich meinen Lesern einen Zweifel ließe hinsichtlich der Hülfe, welche den Mörder Bonthron vom Galgen befreite: – ein Ereigniß, welches einige der Bürger von Perth dem bösen Feind zuschrieben, während Andere sich damit begnügten, es durch das natürliche Mißfallen der Landsleute Bonthrons zu erklären, die ihn nicht über dem Ufer des Flusses, als einen für ihre Provinz schmachvollen Anblick, hängen sehen wollten.
Um Mitternacht nach dem Tage, an welchem die Hinrichtung stattgefunden, und während die Bewohner Perths in tiefem Schlafe lagen, gingen drei Männer, in ihre Mäntel gehüllt und eine Blendlaterne tragend, die Gänge eines Gartens hinab, der von dem Hause Sir John Ramorny's nach dem Ufer des Tay führte, wo ein kleines Boot an einer Landungsstelle oder einem kleinen vorspringenden Pfeiler angelegt war. Der Wind seufzte tief und melancholisch durch die laublosen Büsche und Sträucher, und ein bleicher Mond watete, wie man es in Schottland nennt, durch Wolkenzüge, die Regen zu drohen schienen. Die drei Personen betraten das Boot mit großer Vorsicht, um der Beobachtung zu entgehen. Einer von ihnen war ein großer, starker Mann, ein anderer klein und gebeugt, der dritte von Mittelgröße und scheinbar jünger, als seine Gefährten, wohlgestaltet und gewandt. So viel ließ das unvollkommene Licht entdecken. Sie setzten sich in das Boot und lösten es vom Pfeiler.
»Wir müssen es mit dem Strome treiben lassen, bis wir die Brücke hinter uns haben, wo die Bürger noch Wache halten; und ihr kennt das Sprichwort: Ein Pfeil von Perth fliegt vollkommen,« sagte der Jüngste von der Gesellschaft, welcher das Amt des Steuermannes versah und das Boot vom Pfeiler stieß, während die Anderen die Ruder nahmen und mit aller Vorsicht ruderten, bis sie die Mitte des Stromes erreichten; dann strengten sie sich nicht weiter an, legten sich auf die Ruder und vertrauten dem Steuermann, daß er sie mitten im Strome hielte.
Auf diese Weise kamen sie unbemerkt und unbeachtet unter dem stattlichen gothischen Bogen der alten Brücke hindurch, erbaut durch Robert Bruce im Jahre 1329, und weggerissen durch eine Ueberschwemmung 1621. Obwohl sie die Stimmen einer Bürgerwache hörten, die, seit diese Unruhen begonnen, allnächtlich auf diesem wichtigen Punkte unterhalten ward, so wurden sie doch nicht angerufen; und als sie weit genug stromunter waren, um von diesen nächtlichen Wachen nicht mehr gehört zu werden, begannen sie zu rudern, aber immer mit Vorsicht, und zu reden, obwohl mit leisen Stimmen.